10.01.2011

Geschichte Indiennes

Bäuerliche Barockstoffe

Im 16. und 17. Jahrhundert tritt der Zeugdruck stark zurück gegenüber der Seidenweberei. Es war das Zeitalter des Großhandels in den verschiedenen Ländern, und dieser Handel überschwemmte nun ganz Europa mit den kostbaren Seidenstoffen des Südens, so daß der Bedarf an «Ersatzstoffen» zurückging. Bedruckte Stoffe wurden in der Hauptsache noch in kleineren ländlichen Werkstätten und wahrscheinlich Klöstern für den dortigen, gar nicht luxuriösen Bedarf hergestellt. Hier trat an die Stelle der Seide die billigere und leichter waschbare einheimische Leinwand. Und an die Stelle der reichen Farbigkeit städtischer Textilien trat das herbe Schwarz, gelegentlich durch spärliches Rot aufgehellt. Als Druckformen dienten stempelartige Holzmodel oder-etwa für religiöse Darstellungen - größere Holzblöcke. Man bedruckte vo~ allem Kelchdecken, Altar-Antependien, besonders häufig auch Sargtücher-I,I. dgl.
Diese Druckart in ländlich-volkskunstartigem Stil begegnet uns am Niederrhein, in Bayern, in Oesterreich, in der Schweiz. Wo bei uns - in welchen Gegenden und in was für Werkstätten - diese Schwarzdrucke hergestellt wurden, ist ungewiß. Es scheint, daß Graubünden und die übrige Ostschweiz, aber auch etwa der Aargau in Frage kommen. Wahrscheinlich brachten Färbermeister und Tuchscherer da und dort nebenbei solche Tücher hervor. Eigentliche Zeugdruckereien scheint es nicht gegeben zu haben.
Die «volkstümliche» Linie des Textildrucks setzt sich in andern Techniken und andern Farben und Formen bis ins 19. Jahrhundert fort. Eine Reihe von Stoffen solcher Art sind ausgestellt. So ein berühmter Druck aus dem 18. Jahrhundert, der in bezaubernder Weise eine Auferstehung Christi, darüber das Himmlische Jerusalem, darstellt, in blauem Reservedruck; hier liegt ebenfalls eine Imitation vor, nun aber nach den bekannten volkstümlichen Leinenwebereien jener Zeit.
Eine andere Gruppe bilden die ebenfalls im Reserve-Blaudruck gemusterten Tessiner-Decken, die aus späterer Zeit stammen, aber ihrer «primitiveren» Haltung (nicht ihrer Schönheit) nach hinter der mit dem 18. Jahrhundert einsetzenden Entwicklung des modernen Textildrucks zurückbleiben.

Das 18. und 19. Jahrhundert

Das 18. Jahrhundert ist - wie auf den meisten übrigen Gebieten der Gütererzeugung , so auch im Textildruck - das Zeitalter der großen Manufakturen. In allen Ländern Europas entstehen, teilweise schon seit dem 17. Jahrhundert, größere Textildruckfabriken. Damit ändert sich das Bild vollkommen. Die Produktion nimmt größte Ausmaße an, und das heißt, daß auch ihr Korrelat, der Konsum, nun größtes Ausmaß annimmt. Die Stoffe werden billiger und zugleich im äußerlichen Sinne prächtiger. Sie werden nun endlich gesellschaftstähig, wobei allerdings daran zu denken ist, daß auch~die Gesellschaft in jener Zeit ein Stück «hinabsteigt»: die kulturelle Führung geht allmählich vom Adel an das Bürgertum über. Und wenn das Bürgertum in dieser Epoche bemüht ist, sich einen gewissen feudalen Anstrich zu geben, so gilt dies eben auch für die bedruckten Stoffe: sie sind zwar «nur» bedruckt, nun aber in der Art der üppigsten höfischen Ornamentik. So ist es möglich, daß bedruckte Kleider und Tapeten schließlich sogar am Pariser Hof Mode werden.
Den wichtigsten Anstoß zur Neubelebung des Textildrucks in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts bedeutete der damals aufkommende Großimport von indischen und persischen Waren, darunter vor allem auch von Baumwollstoffen. Ob es nun die orientalische Ornamentik war, die in Europa Aufsehen erregte, oder aber die außerordentliche Feinheit der fremden Baumwollgewebe : in kurzer Zeit wurden indische Kattune (d. h. Baumwollstoffe) in den oberen Gesellschaftsklassen Mode. Nach und nach fing man an, diese Stoffe zu imitieren und dabei weitgehend dem europäischen Geschmack anzupassen. Die Baumwolle verdrängte die traditionellen Druckstoffe Seide und Leinen fast vollständig. Der Name für asiatische so gut wie einheimische Kattundrucke hieß von da an «Indiennes».
Wesentlich gehört zu diesem ganzen Bild des Manufaktur-Zeitalters, daß neue industrielle Herstellungsweisen aufkamen; auf dem Gebiet des Textildrucks der Kupferplattendruck und der Walzendruck. Die Maschine begann, auch in diesem Bereich die Hand mehr und mehr auszuschalten.
Die erste nachgewiesene Druckerei wurde 1678 in Amsterdam eingerichtet. In kürzester Zeit folgten die übrigen europäischen Länder. Indessen bedrohte die so jäh aufgekommene und groß gewordene Industrie die traditionellen Gewerbe wie vor allem die Seidenweberei. Wohl hauptsächlich um die alten Textilindustrien zu schützen, wurden in verschiedenen Ländern, vor allem in Frankreich, der Import sowie die Fabrikation von «Indiennes» aufs strengste verboten. Um so mehr vermochte der Kattundruck in andern Ländern wie Holland und der Schweiz, wo es keine Prohibition gab, aufzublühen.
In der Ausstellung war es nicht möglich, alle Länder, geschweige denn alle Manufakturen zu berücksichtigen, so daß auch hier auf eine entsprechend umfassende Darstellung verzichtet sei. Holland, England, OesterreichUngarn sowie Rußland, wo es bedeutende Industrien gab, sind überhaupt nicht vertreten, was darum weniger ins Gewicht fällt, weil es in jener Zeit des Spätbarock und Rokoko einen gewissen Internationalismus des Stils gab, der die genaue Herkunft der Stoffe als weniger bedeutungsvoll erscheinen läßt. Aus Deutschland sind sehr wenige Stoffe des 17. und 18. Jahrhunderts ausgestellt. Immerhin sei erwähnt, daß die erste deutsche Kattundruckerei, diejenige Jeremias Neuhofers in Augsburg, mit ihren Indigo-Reservedrucken (sogenannten «Porzellandrucken» - in Anlehnung an die damals verbreiteten chinesischen und Delfter Porzellane) schon im 17. Jahrhundert große Bedeutung erlangte. Zu einer Riesenmanufaktur entwickelte sich ferner die 1759 gegründete Manufaktur von Joh. Heinr. von Schüle in Augsburg. Endlich kam die Druckindustrie von Lörrach im 18. und 19. Jahrhundert zu Weltruf.

In Frankreich wurde 1664 die Französisch-Ostindische Kompagnie gegründet. Damit setzte der Import indischer Kattune ein, und bald darauf begann die Indiennes-Fabrikation in Frankreich selbst. Indessen wurde schon 1686 das königliche Verbot von Indiennes-Stoffen erlassen: die Betriebe wurden geschlossen, die Druckmodel vernichtet. Erst 1759 wurde das Verbot aufgehoben.
Die bedeutendste Manufaktur Frankreichs im 18. Jahrhundert war diejenige von J 0 u y (zwischen Paris und Versailies) , die sich in kurzer Zeit zu einem gewaltigen Unternehmen entwickelte und die für die Pariser Mode von Louis XV. bis zu Napoleon I. bestimmend wurde. Sie wurde 1758 durch Wilhelm Philipp Oberkampf, den Sohn eines Indiennes-Druckers in Aarau, gegründet. Oberkampf, der in Jouy zunächst eine kleine Werkstätte für Kattundruck eingerichtet hatte, wurde durch Louis XVI. in den Adelsstand erhoben und nach der Revolution mit einem Besuch Napoleons geehrt. Daran ist zu erkennen, welche volkswirtschaftliche Bedeutung nunmehr dem Textildruck beigemessen wurde - eine Tatsache, die negativ ja auch im vorausgegangenen Verbot deutlich zutage tritt. 1815 wurde die Fabrik von Jouy durch die Truppen der Heiligen Allianz verwüstet. Oberkampf starb kurze Zeit nachher. Seine Fabrik wurde wieder aufgebaut und arbeitete bis 1843, doch war die Führung im französischen Kattundruck inzwischen an die elsässischen Industrien übergegangen.
Typisch für die «Toiles de Jouy» sind die monochromen Drucke (Rot-, Violett-, Graudrucke) ,die auf der Kupferplatte oder auf der Rouleaumaschine hergestellt wurden. Sie enthielten fig ürliche Szenen oder Landschaftsmotive, die über die ganze Stoffbahn verteilt wurden; eine Darstellungsart, die durch den Maler Jean-Baptiste Huet (1745-1811) in Jouy eingeführt und später auch in andern Manufakturen des Landes geübt wurde. Daneben brachte Jouy auch Indiennes-Stoffe mit Blumenornamenten in vielen Farben hervor. Die «Toiles de Jouy» geben in ihrer Entwicklung einen klaren Ueberblick über die Stilwandlung von Louis XV. bis zum Empire und darüber hinaus.
In der Ausstellung wegen ihrer Nachbarschaft mit der Schweiz, im übrigen aber wegen ihrer Bedeutung als Textilstadt überhaupt besonders berücksichtigt ist die Stadt M u I h 0 u se. Diese standjahrhundertelang in enger politischer und vor allem auch wirtschaftlicher Beziehung mit der Schweiz, letzteres besonders mit der Stadt Basel. Dadurch, daß sie bis Ende des 18. Jahrhunderts ein in Ausnahmestellung stehendes Glied der Eidgenossenschaft bildete (als «Zugewandter Ort»), konnte sie zum Beispiel auch dem Indiennesverbot des Königs von Frankreich ausweichen.
Mitten in der Zeit der Prohibition, im Jahre 1746, wurde die Kattundruckerei durch Jean-Jacques Schmalzer, Jean-Henri Dollfus und Samuel Koechlin in Mulhouse eingeführt. Im Laufe der Jahrzehnte folgten weitere Fabriken in und um Mulhouse. Das Elsaß trat mit seinen Industrien an die Stelle der seit 1815 im Niedergang begriffenen Manufaktur von Jouy.
Die Einführung der fabrikmäßigen Kattundruckerei in der Schweiz geschah in weitem Maße durch hugenottische Flüchtlinge aus dem benachbarten Frankreich, wie ja überhaupt auch auf vielen andern Gebieten die Refugianten für die Einführung moderner Wirtschaftsmethoden in der Schweiz entscheidend gewesen sind. Seit dem 17. und vor allem seit dem 18. Jahrhundert entstanden Kattundruckereien in den Kantonen Genf, Neuchätel, Basel, Bern, Aargau, Zürich, Thurgau, St. Gallen, Appenzell und Glarus. Die Schweiz zählte auf dem Gebiet des Textildrucks zu den Hauptproduktionsländern, ihre Stoffdrucke waren auf der ganzen Welt hoch angesehen. Schweizer arbeiteten als Fabrikanten, Farbköche, Drucker usw. in den meisten Ländern Europas, bis tief nach Rußland hinein.
Da in der Ausstellung nicht alle Kantone vertreten sind, beschränken wir uns auch hier nur auf diejenigen, aus deren Industrien Stoffe oder andere Dokumente ausgestellt sind: Neuchätel, Basel und Glarus, wobei indessen die wesentliche Periode der Glarner Drucl<industrie bereits ins 19. Jahrhundert fällt.
Der Kanton Neuchätel besaß im 18. Jahrhundert eine blühende Zeugdruckindustrie. Ihre Produkte zeichnen sich auch im internationalen Vergleich durch besonders hohe künstlerische und technische Qualität aus. Am Anfang dieser industriellen Entwicklung steht die 1726 durch JeanJacques Deluze gegründete Druckerei in La Possiere, der später eine Reihe anderer Fabriken folgten. Weitere klangvolle Namen der alten Neuenburger Stoffdruckindustrie sind: Meuron, Pourtales, Du Pasquier, Bovet, Vaucher, Verdan. Neben dem Handdruck wurde der Kupferplattendruck gepflegt. Das Ende der Stoffdruckindustrie dieses Kantons wurde dadurch leichter verschmerzt, daß an ihre Stelle bald die junge Uhrenindustrie trat.
Aus Basel besitzen wir aus dem 18. Jahrhundert fast keine alten Stoffe, dafür aber ein Dokument von unschätzbarem Wert für die Geschichte des Textildrucks: das Manuskript des Basler Druckindustriellen und Bürgermeisters Johannes Ryhiner (1728-90) mit dem Titel «Traite sur la fabrication et le commerce des toiles peintes», begonnen im Jahre 1766, das die bedeutendste Fundgrube darstellt für alle Fragen über Drucktechnik, Farbchemie, Fabrikorganisation, Handel usw. in der Stoffdruck-Industrie des 18. Jahrhunderts.
Der Begründer der Textildruckindustrie in Glarus war Johann Heinrich Streift, der 1740 in Glarus ein Etablissement einrichtete, in dem hauptsächlich weißgemusterte Indigotücher fabriziert wurden. Streiff spezialisierte sich vor allem auf Mouchoirs, einen Artikel, der auch in der späteren Glarner Textilindustrie neben andern Tüchern immer im Vordergrund stand.
Die Glarner Druckindustrie erlangte im Lauf der Jahrzehnte, vor allem im 19. Jahrhundert, Weltbedeutung. Die wichtigsten mit ihr verbundenen Namen sind die der Tschudi, Blumer, Trümpy, Staub, Jenny, Freuler, Brunner usw. Um 1845 erzeugte der Kanton Glarus bereits ebenso viel Druckware wie die ganze übrige Schweiz. Die Prosperität steigerte sich bis gegen 1860, wobei zu bedenken ist, daß gegenüber dem Modeldruck der Rouleaudruck relativ wenig geübt wurde. Immer mehr Absatzmärkte eroberten sich die Glarner Firmen in diesen Jahrzehnten in der ganzen Welt. Die Fabriken spezialisierten sich schließlich teilweise nach Absatzländern . Vor allem aber spezialisierten sie sich nach Druckartikeln : Mouchoirs-Fabriken, Türkischrot-Stückfärbereien und Türkischrot-Aetzdruckereien, Yasmas- oder Türkenkappen-Fabriken, Batik-Fabriken. Insbesondere «primitive» Kulturen wurden mit Glarner Druckartikeln versorgt, welche Formen und sogar Techniken der Eingeborenen imitierten. Es ist klar, daß darunter sowohl die eigene geschmackliche Sicherheit wie das kulturelle Niveau der Eingeborenen leiden mußten. Doch ist dies eine Allgemeinerscheinung der zweiten Jahrhunderthälfte : der Geschmack hatte einen Tiefstand erreicht wie noch nie. Daß anderseits gelegentlich reizvolle Artikel hervorgebracht wurden, ja daß auch unter den «exotischen» Exportartikeln der eine oder andere noch ansprechend sein mochte, sei immerhin vermerkt.
Mit der Glarner Druckindustrie sind wir bereits mitten im 19. Jahrhundert, ja an der Wende zum 20. Jahrhundert. Auch auf dem Gebiet des Textildrucks ist das 19. Jahrhundert dasjenige der einander überstürzenden technischen Erfindungen. Der alte Modeldruck wird mehr und mehr durch den Plattendruck und vor allem durch den Rouleaudruck verdrängt. Die Industrialisierung nimmt immer größere Ausmaße an. Zugleich tritt an die Stelle der alten nationalen Wirtschaftssysteme der schrankenlose Welthandel: der Kampf um die europäischen und außereuropäischen Absatzmärkte beginnt. Zu den auf der Welt führenden Produktionsländern gehört die Schweiz, mit dem Kanton Glarus an der Spitze.
Neben den technischen Erfindungen stehen die Entdeckungen der modernen Chemie. Das heißt für den Textildruck: der Farbenchemie. Die alten natürlichen Farbstoffe weichen den synthetischen Farbstoffen, und das heißt zugleich: eine engbegrenzte Anzahl von Farben weicht einer geradezu überbordenden Flut neuer Farbstoffe. Damit bricht ein neues Element in den Stoffdruck ein, ein Element, das man zunächst noch nicht beherrscht. In dieser an sich schon alles andere als stilsicheren Zeit (nämlich seit dem Ende des Biedermeiers) bedeutet der Einbruch der Chemie in die Gestaltung der bedruckten Stoffe ein wahres Verhängnis. Die Stoffe, deren Zeichnung schon immer stilloser wird, werden in der Farbgebung grell, schreiend, disharmonisch. Daß diese Farben gegenüber den natürlichen bedeutend größere Reinheit besitzen, kann da zunächst nur als Mangel empfunden werden.
Es scheint so, als wäre die Chemie schuld an all diesen Geschmacklosigkeiten und Zerfallssymptomen. Aber-auch hier-scheint es nur so. Denn es ist - wie immer - in Wirklichkeit nur der Mensch, der mit den heraufbeschworenen Geistern nicht fertig wird. Zweifellos erschwert die Chemie mit ihren beinah unbegrenzten Möglichkeiten und gerade mit ihren «reinen» Farben geschmackvolle Resultate: das frühere Arbeiten mit den paar natürlichen Farben war wesentlich leichter, zumal ihre relative Unreinheit eine gewisse Harmonie von vornherein garantierte. Anderseits ermöglicht es die Chemie gerade durch die Unbegrenztheit ihrer Farbenauswahl und durch die Präzisio ihrer Farbtöne, jegliche gewollte Wirkung, jede gewünschte Harmonie zu erzielen - vorausgesetzt, daß man eine solche überhaupt zu erzielen wünscht.
Mit der allgemeinen Erneuerungsbewegung im Bereich derGebrauchsgüte um 1900 wird auch eine geschmackliche Säuberung der Druckstoffe angestrebt. Solche Bestrebungen gehen - bereits in der zweiten Hälfte des letzte Jahrhunderts - zunächst von England aus. Sie sind vor allem mit dem Name von William Morris (1834-96) verknüpft. William Morris ist der Pionier de großen Erneuerungsbewegung im Kunstgewerbe, die sich um 1900 i Jugendstil, in den Wiener Werkstätten, ferner in den Kunstgewerbeschule und in den Werkbünden fortsetzt. Morris sieht allerdings noch in de Maschine den Sündenbock für alle Dekadenz des Geschmacks. In eine' gewissen romantischen Haltung lehnt er die Maschinenarbeit ab, tritt h-" das «echte» Handwerk ein, dessen große Epoche, das Mittelalter, er mit fas: gläubiger Hingabe verehrt. Er richtet Werkstätten ein, in denen in reine' Handarbeit Glasmalereien, Webereien, Möbel, Tapeten, Gläser und schlie lich auch Druckstofie hergestellt werden. Seine Schöpfungen haben einespürbar gotisierenden Zug. Doch haben sie ungeachtet dieser gewisseRückschrittlichkeit immerhin Stil, und die reinigende Bedeutung etwa seineDruckstoffe kommt einem unmittelbar zum Bewußtsein, wenn man sich daneben die Massenware der· gleichen Epoche vor Augen führt. Von den Morris-Drucken führt ein gerader Weg zu den kunstgewerblichen Druckversuchen unserer Zeit, die als formale Anregung für den Industriedruck von großer Bedeutung sind.

Moderne Textildrucke

In einer letzten großen Gruppe der Ausstellung werden moderne Textildrucke gezeigt: Dekorationsstoffe, Kleiderstoffe, Hals- und Taschentücher; Stoffe in Rouleau- und solche in Filmdruck sowie ein paar in Modeldruck. Am Ende der langen Entwicklung des Textildrucks angelangt, hat man es vielleicht nicht ganz leicht, sich von den modernen Stoffen beeindrucken zu lassen. Man muß versuchen, nicht in den einen Fehler zu verfallen, gegenüber den heutigen Textilien die alten Stoffe um ihrer «echten» Naturfarben willen anzupreisen. So wenig wie man im Enthusiasmus des Erreichten die unbeschränkten Möglichkeiten von Technik und Chemie gegenüber den alten primitiveren Herstellungsarten anpreisen soll; denn geschmacklich hat dies nichts zu bedeuten. Es liegt überall am Menschen, der die ihm gegebenen Mittel meistert oder nicht meistert. Der vollkommenen Sicherheit und Selbstverständlichkeit von Ausdruck und Form, wie frühere Kulturen sie besaßen, werden wir immer ein wenig nachtrauern. Denn als Kollektivbesitz sind diese Gaben unwiederbringlich verloren. Für uns ist eine gute Form keine Selbstverständlichkeit mehr, sondern eine Aufgabe. Es wurde versucht, in der modernen Abteilung der Ausstellung Stoffe zu zeigen, in denen diese Aufgabe mit einem gewissen Erfolg erfüllt worden ist.

Werner Schmalenbach

 Kunstgewerbemuseum Zürich Schweiz 1950

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