1829 erschien Gottfried Dudens »Bericht über eine Reise nach den westlichen Staaten Nordamerikas«. Dieses Buch bildete eine der großen Ursachen für die Massenauswanderung der Deutschen nach Amerika in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts. Zwar war das Buch teilweise unrealistisch, aber es fiel auf fruchtbaren Boden. In Deutschland herrschte Aufbruchstimmung, weil das einfache Volk immer mehr verarmte. Am schlimmsten war es wohl um die Arbeiter bestellt, die, ausgebeutet, unterernährt und unterbezahlt, um ihr Existenzminimum rangen. Die hungernden Massen zogen zu tausenden in die Städte, um ihr trostloses Dasein auf dem Lande gegen ein noch erbarmungswürdigeres in den Fabrikhallen zu vertauschen. Der Haß gegen die Fabrikherren, Großgrundbesitzer, Emporkömmlinge und Beamten wuchs im Latenten, aber da sich die darbenden Massen in ihrem Unmut nicht Luft machen konnten, flohen sie aus der Welt ins Sektierertum, in Utopien und in Wunschträume. Märchen und Kolportage-Romane blühten um diese Zeit, aber es gab noch ein realeres Fluchtziel: Amerika.
Begierig griffen die Deutschen nach Büchern, wie sie ein Duden geschrieben hatte, berauschten sich an Abenteuern und Bildern aus der Neuen Welt, versetzten sich auf die Prärien, ins Land der Indianer, ließen sich auf deutschen Bühnen oder in deutschen Romanen den Dollar-Millionär, den »reichen Onkel aus Amerika«, vorgaukeln, verschlangen Berichte über Deutsche, die drüben ihr Glück gemacht hatten. Die wirtschaftlichen Vorteile der Staaten mit ihrem guten Boden und den billigen Farmen, die Propaganda von Schiffahrts- und Eisenbahngesellschaften, Landspekulanten und westlichen Staaten, die die Besiedlung vorantreiben wollten und deutsche Bauern und Handwerker zur Auswanderung veranlaßten - all das trug zur Auswanderung bei. Der Zusammenbruch der deutschen Textilindustrie veranlaßte Fabrikarbeiter zur Emigration; in den vierziger Jahren trieben Dürren und Hungersnöte tausende von Pfälzern zur Emigration. Politische Unruhen ließen Liberale nach Amerika gehen, viele wollten sich der Wehrpflicht entziehen, die harten Mischehengesetze in Bayern trieben manche Paare ins freiere Amerika, der Goldrausch veranlaßte massenhafte Auswanderungen, zweit- und drittgeborene Bauernsöhne, für die in der Alten Welt kein Platz mehr war, Taugenichtse, die im Westen Amerikas ihr Glück suchten, der Polizei lästige und abgeschobene Personen - alle strömten nach Amerika, das für die Deutschen ein ähnliches Ziel wurde wie für ihre mittelalterlichen Vorfahren der Osten.
Vor 1820 stellten die Engländer die größte Zahl der Auswanderer, nach 1830 waren es die Deutschen, über fünf Millionen sind im 19. Jahrhundert dorthin ausgewandert. Viele blieben im Osten, aber die meisten zogen in den Mittelwesten und später in den Westen. Sie folgten der irischen und ungarischen Einwanderungswelle; kulturell und sozial standen sie auf einer höheren Stufe als die Iren.
Die Schwierigkeiten, mit denen sie in der Neuen Welt fertig werden mußten, waren nicht unerheblich. Im Osten war der Arbeitsmarkt bald gespannt. Einwanderfeindliche Strömungen vergällten ihnen das Leben. Manchen gelang es nicht, Fuß zu fassen; aber nur wenige kehrten nach Deutschland zurück. Für die meisten begann doch ein glücklicheres, freieres, weniger tränenreiches Dasein als in ihrer alten Heimat. Was ihnen an Leid erspart wurde, lastete dann umso stärker auf den Ureinwohnern. Die ersten, die dem Druck und dem Ansturm der ansässigen Siedler und der Neuankömmlinge ausgesetzt waren, waren die ursprünglichen Bewohner der östlichen Staaten. Rücksichtslos wurden sie nach Westen getrieben.
»Beklagenswert
bleiben die Schicksale dieses unglücklichen Volkes und groß die Leiden, welche
die stärksten Seelen unter denselben fühlen müssen bei der Trennung von dem
Land, in dem sie und ihre Väter geboren wurden. Ich habe neuerlich eine
Abteilung dieser Überzügler (d. i. Vertriebenen) gesehen, wie sie soeben über
den Mississippi gesetzt wurden. Die Ärmeren waren durchgängig in ihren
gewöhnlichen Stumpfsinn versunken, äußerten weder Freude noch Schmerz, die
Häuptlinge und die besseren Familien aber schienen unter der Last ihres Jammers
zu unterliegen. Es war ein schmerzvoller Anblick, sie hinüberstarren zu sehen
auf das östliche Ufer des Mississippi.«
Der
Verfasser dieser Zeilen war der deutsche Schriftsteller Charles Sealsfield alias
Karl Anton Postl, seine Schilderung bezieht sich auf die Vertreibung der Creek-Indianer.
Die Creek
und die mit ihnen kulturell verwandten Stämme der Cherokee, Chickasaw, Chocktaw
und Seminolen waren früh mit den Weißen in Berührung gekommen. Sie lebten in
Georgia, Alabama, den Karolinas und Tennessee, die Seminolen in Florida.
Spanier, Engländer und Franzosen buhlten um ihre Gunst, und jede Partei
bemühte sich, die Indianer zu betrügen, wo immer es möglich war.
Der
Einfluß weißer Kultur auf diese Stämme wurde schon vergleichsweise früh
wirksam. Daß wir aber über die Kultur der Creek in ihrer ursprünglichen Form
informiert sind, ist dem deutschen Reisenden Baron Philipp Georg Friedrich von
Reck zu verdanken, der 1733 und 1734 die amerikanischen Kolonien von
Massachusetts bis Georgia durchstreifte. In Georgia besuchte er die östlichen
Creek-Indianer, die er genau studierte. Seine Aufzeichnungen, die lange
verschollen waren, sind inzwischen in Bernatziks Völkerkunde gedruckt worden
und zählen zu den besten Quellen über diese Indianer.
Ein
anderer Deutscher ließ die wandernde Grenze hinter sich und ging in den
Indianerwesten. Er gehörte zu den farbenprächtigsten der frühen deutschen
Abenteurer in Amerika. Christian Gottlieb Priber aus Zittau war Doktor der
Rechtswissenschaften, Anwalt und dazu ein radikaler Utopist und Umstürzler.
Seine Lehren zwangen ihn zur Flucht nach Frankreich und England, wo er im Juni
1735 erschien, und schließlich nach Amerika. Nachdem er einige Zeit in
Charleston zugebracht hatte, wurde er der englischen Kolonialverwaltung
verdächtig, weil er gar zu laut die »natürlichen Rechte« forderte. Daraufhin
ging Priber 1736 allein und waffenlos zu den Indianern, von denen er anscheinend
etwas naive Vorstellungen hatte, und wurde einer der ihren. Übereinstimmung in
allen zeitgenössischen Berichten über Priber besteht darin, daß er
außerordentlich gebildet war, bewandert in Kunst und Wissenschaft, ein
wirklicher »Gentleman« - er sprach neben seiner Muttersprache fließend
englisch, französisch, holländisch, lateinisch und Eingeborenendialekte - aber
eben ein Utopist. Er nahm die Sitten der Indianer an, trug ihre Haartrachten,
ihre Bemalungen und ging wie sie beinahe nackt. Im heutigen östlichen
Tennessee, in der Cherokee-Stadt Groß Tellico, ließ er sich nieder, etwa 500
Meilen von Charleston entfernt. Er verfaßte eine Grammatik sowie ein
Wörterbuch der Cherokee-Sprache und ein Gesetzbuch, das er den Indianern
vorlegte und nach dem sie sich richteten. Da damit eine Art sozialistischer
Republik unter den Indianern entstand, erregte er erst recht das Mißtrauen der
Behörden. Priber war seiner Zeit weit voraus. Seine Gedanken erinnern an die
der französischen Sozialisten hundert Jahre später. In seinem Buch legte er
Gesetze für die Verwaltung des »Königreichs des Paradieses« fest, wie er
seine Staatsgründung nannte.