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19.08.2016

Die Eidgenossenschaft ist global

Die Schweizer Auswanderung ist ein wesentlicher Teil der Geschichte der Schweiz. Und sie ist eine Geschichte von Enttäuschungen und Errungenschaften. Von Rudolf Wyder
http://webspecial.tagesanzeiger.ch/longform/auslandschweizer/diaspora/


Das Radio als Verbindung zur Heimat – Auslandschweizer in Indien (1953). Foto: ASO-Archiv

Wer «Einwanderer» oder «Auswanderer» hört, denkt an Angehörige fremder Völker, kaum jedoch an Schweizer. Dabei sind wir eine der wanderfreudigsten Nationen weit und breit. Auf acht Inlandschweizer kommt ein Auslandschweizer.
Noch weniger im öffentlichen Bewusstsein ist es, dass die über 760'000 registrierten Schweizer Bürger im Ausland gut organisiert und vernetzt sind. Und das nicht erst seit gestern. Ihre Dachorganisation wird in diesem Jahr hundertjährig. Zu diesem Anlass ist die Geschichte der Auslandschweizer-Organisation (ASO) aufgearbeitet worden. Es ist zugleich die Geschichte des Umgangs der Schweiz mit ihrer Diaspora. Sie zeigt ein buntes Puzzle aus Erfolgen und Enttäuschungen, Errungenschaften und Versäumnissen.

Ruf zu den Fahnen
Aufbruchstimmung prägte den Beginn des vorigen, 20. Jahrhunderts. Es ist ein Zeitalter der Innovationen, des Wirtschaftsaufschwungs und der internationalen Freizügigkeit. Schweizer Unternehmen, Infrastrukturprojekte, Hochschulen ziehen ausländische Fachkräfte an. Immer mehr Schweizerinnen und Schweizer lassen sich im Ausland nieder. Vorübergehend als Studierende oder dauerhaft als Vertreter schweizerischer Unternehmen, Wissenschaftler, Erzieherinnen, Landwirte, Unternehmer. 400'000 Schweizerbürger leben 1914 ausserhalb der Landesgrenzen – ein Zehntel des Schweizervolkes.
Der Erste Weltkrieg setzt der internationalen Freizügigkeit ein Ende. Mehr als 20'000 wehrfähige Auslandschweizer werden unter die Fahnen gerufen. Viele Landsleute suchen in der Heimat Schutz. Nach der Oktoberrevolution kommen mehrere Tausend zuvor wohlhabende Russlandschweizer verarmt in der Schweiz an.


Landmaschine auf einer Schweizer Farm in Argentinien auf einer undatierten Aufnahme. Foto: ASO-Archiv


11.09.2015

Basler Mission ,Christliche Pioniere im Geschäft mit Kakao

23.10.2014, 14:50 Uhr
Ghana ist heute einer der grössten Kakaoexporteure. Der Anstoss dazu kam einst von der Basler Mission. Von Martin Stohler

Ghana ist heute der zweitgrösste Kakaoproduzent der Welt. Ernte in Ghana in den 1930er-Jahren. (Bild: Mission 21: BmA QD-34.001.0017)

Neben der Verbreitung des Glaubens erachteten es die Missionare der 1815 gegründeten Basler Mission auch als ihre Aufgabe, unter den afrikanischen Heiden die europäische Arbeitsauffassung zu propagieren. In ihr sahen sie einen Garanten für die wirtschaftliche Besserstellung ihrer Schäfchen. In diesem Zusammenhang stehen auch die Bestrebungen, den ursprünglich in Zentralamerika beheimateten Kakao in der britischen Kolonie Goldküste, die 1957 in Ghana aufging, anzubauen.

Der Erste, der dies versuchte, war der Missionar Johannes Haas aus Sissach. Doch die von ihm im Januar 1858 gesetzten Samen sprossen nicht. Sein Nachfolger, der Zürcher Missionar Johann Jakob Lang, war etwas erfolgreicher. Im November 1861 konnte er sich an 10 Kakaobäumchen freuen. Sein Glück war allerdings von kurzer Dauer. Bis August 1863 waren alle zehn Bäumchen Käfern oder Würmern zum Opfer gefallen.

Erst dem ehemaligen Missionsschüler Tetteh Quarshie gelang es schliesslich, Kakao in Ghana anzubauen. Tetteh Quarshie war ursprünglich in der Werkstatt der Basler Mission in Christiansborg zum Schmied ausgebildet worden. 1879 stahl er in einer Kakaoplantage auf der Insel Fernando Po einige Setzlinge und schmuggelte diese in seine Heimat. Seine Pflanzen gediehen, und bald war er nicht mehr der einzige Kakaobauer an der Goldküste.



Mit der «Professor Woermann» wurde 1893 erstmals Kakao von der Goldküste nach Europa exportiert.

Der Siegeszug des Kakaos
In den Anfangszeiten des Kakaoexports von der Goldküste spielte die mit der Basler Mission verbundene Basler Missionshandlungsgesellschaft (MHG) eine wichtige Rolle. Die erste schriftlich belegte Kakaoausfuhr von der Goldküste erfolgte am 20. Januar 1893. Damals wurden 177 Pfund Kakao mit dem Dampfschiff «Professor Woermann» nach Hamburg verschifft und dort von einem Agenten der MHG in Empfang genommen.
Die Basler Missionshandlungsgesellschaft war im Jahr 1859 aus Kreisen, die der Basler Mission nahestanden, gegründet worden. Ihr Zweck war es, Güter in Länder, in denen die Basler Mission tätig war, zu exportieren und von dort wiederum Kolonialwaren in Europa zu importieren.
Die MHG war als Aktiengesellschaft konzipiert. Ihre Statuten legten fest, dass an die Aktionäre eine Dividende von sechs Prozent ausbezahlt und der Rest des Gewinns je zur Hälfte zwischen Aktionären und Basler Mission geteilt werden sollte.
Die MHG war es, die anfänglich grosse Teile des an der Goldküste geernteten Kakaos exportierte. Um 1900 ging etwa ein Drittel des Goldküsten-Kakaos durch ihre Faktoreien. Damals lag die Welt-Kakaoproduktion bei 115'000 Tonnen, davon steuerte die Goldküste lediglich 1000 Tonnen bei.
Im Jahr 1911 wurden weltweit bereits 244'000 Tonnen Kakao produziert, wobei der Anteil der Goldküste auf einen Sechstel davon angestiegen war. Der Exportanteil der MHG war damals allerdings auf 18 Prozent geschrumpft.

01.09.2015

«Es gibt keine heile Welt, Herrgott nochmal!»

Mission 21
21.10.2014, 05:00 Uhr
Die Basler Mission wird 200 Jahre alt. Was tun Missionare heute noch? Und wie blicken sie auf das koloniale Erbe ihrer Missionen zurück? Das wollten wir von Al Imfeld wissen, dem Afrikakenner und kritischen Entwicklungsberater, der dem traditionellen Glauben schon lange abschwor. Und von Claudia Bandixen, Theologin und Direktorin der Mission 21. Von Samuel Schlaefli 

Wozu braucht es Missionen noch? Afrika-Spezialist Imfeld und Mission-21-Chefin Claudia Bandixen im Streitgespräch über Sinn und Zweck von christlich geprägter Entwicklungsarbeit. (Bild: Caspar Urban Weber)
Al Imfeld hat Claudia Bandixen und mich für das Gespräch in seine Wohnung nahe dem Bahnhof Zürich eingeladen. Seit er nicht mehr so gut zu Fuss ist, ist er froh, wenn die Welt zu ihm nach Hause kommt. Obschon sein Zuhause eigentlich die Welt ist. Während 50 Jahren vagabundierte er von Land zu Land, lebte zwischen Zimbabwe, Malawi, Tansania, Kenia, Nigeria, Kamerun, Deutschland und der Schweiz.
Im zweiten Stock des Altbaus, dort wo die Zeichnung eines afrikanischen Dorfes hängt, öffnet Al Imfeld die Türe. Neugierig schaut er über dicke Brillengläser; ein hölzernes Amulett mit kleinen Muscheln hängt um seinen Hals. Er bittet uns, im Wohnzimmer Platz zu nehmen, in Rattansesseln und -sofas, deren Polster und Kissen uneinheitlich und kunterbunt bezogen sind.
An den Wänden hängen afrikanische Holzmasken und die Hörner einer Gazelle. In der Ecke steht ein kleiner Büchertisch mit Imfelds Werken. Kaum haben wir Platz genommen, reicht der Autor ein Manuskript herum und erzählt von den vergangenen drei Jahren, während derer er im Büro im Nebenzimmer praktisch ununterbrochen über einem 800-seitigen Band mit Übersetzungen afrikanischer Gedichte gebrütet hat. Das Buch erscheint im Januar; es wird Imfelds Geschenk zu seinem eigenen 80. Geburtstag.

06.08.2015

«Die Schweizer betrieben sozusagen einen Sekundärimperialismus»




 Es ist ein neues historisches Trendthema: Die Schweiz und der Kolonialismus. Forscher Christof Dejung über Sklavenschiffe, Missionare und Schweizer Grossunternehmer, die mit den Briten wetteiferten.

Um 1900 hatten die europäischen Staaten fast ganz Afrika unterworfen: Eine europäische Afrikareisende in Senegal (unbekanntes Datum). Bild: AFP (7 Bilder)
Von Linus Schöpfer
Redaktor Kultur
@L_Schoepfer 10.12.2012



Herr Dejung, inwiefern waren Schweizer in kolonialistische Aktivitäten im engeren Sinn involviert, zum Beispiel in den Sklavenhandel?
Schweizer Kaufleute vor allem aus Genf, Neuenburg und Basel investierten in Sklavenhandelsunternehmen und besassen teilweise auch eigene Sklavenschiffe. Darüber hinaus und in weit grösserem Mass waren sie indirekt involviert, indem sie mit Erlösen aus dem Sklavenhandel Geschäfte betrieben oder Rohstoffe verarbeiteten, die durch Sklavenarbeit auf den Markt gekommen waren, insbesondere Baumwolle.

Wie profitierte die Schweiz allgemein vom imperialen Kolonialismus?
Es gilt, den Staat Schweiz von der Wirtschaftsmacht Schweiz zu unterscheiden. Die offizielle Schweiz hegte zu keinem Zeitpunkt koloniale Ambitionen, wodurch sie sich von anderen Kleinstaaten wie Dänemark, Holland oder Belgien unterschied. Das ist allerdings nichts zu verwechseln mit einer kritischen Haltung: Die Schweizer Politik verstand den Kolonialismus als selbstverständlichen Bestandteil der modernen Welt. Das prägte auch die Schweizer Identität. So wurde auf der Landesausstellung 1896 in Genf unter anderem eine afrikanische Völkerschau gezeigt.



Und die Unternehmer?
Seitens der Schweizer Privatwirtschaft gab es Firmen, die sich global betätigten und die während der Kolonialzeit eine beachtliche Marktmacht aufbauen konnten. Diese Firmen machten sich die Kanonenbootpolitik der Imperialmächte zunutze und belieferten aktiv neu geöffnete Märkte wie China oder Japan. Die Schweizer betrieben sozusagen einen Sekundärimperialismus. Was wichtig ist: Für die wirtschaftlichen Akteure spielte die Nationalität lange Zeit überhaupt keine Rolle.