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25.08.2017

Alfred Eschers Erbe gründet auf Sklavenarbeit






160 Jahre lang waren es bloss Gerüchte. Das Erbe des grossen Zürcher Wirtschaftspioniers Alfred Escher soll auf Erträgen aus einer Sklavenplantage der Familie auf Kuba beruht haben. Das Gerücht kam erstmals auf, als Eschers Vater Heinrich 1853 starb und seinem Sohn Alfred 1 Million Franken vererbte (nach heutigem Wert rund 12 Millionen) sowie mehrere Liegenschaften, unter ihnen der grosszügige Belvoirpark samt Villa. Konservative Gegner des liberalen Politikers bezeichneten ihn darauf als Nutzniesser der Sklavenwirtschaft.

Eine «Schlammschlacht» sei das gewesen, urteilte 2006 der Historiker Joseph Jung. Er verfasste eine grosse Alfred-­Escher-Biografie zum Jubiläum der Credit Suisse – jener Bank, die Alfred Escher 1856 als Schweizerische Kreditanstalt gründete und damit den Grundstein für Zürichs Finanzplatz legte.

Jetzt hat der Kölner Sklavereiforscher Michael Zeuske im Nationalarchiv von Havanna ein Dokument gefunden, das den Sklavenbesitz der Familie Escher auf Kuba bestätigt: Laut einer Steuerliste der spanischen Kolonialbehörde aus dem Jahr 1822 waren auf der südwestlich von Havanna gelegenen Kaffeeplantage «Buen Retiro» 82 Feld- und 5 Haussklaven beschäftigt. Die Plantage gehörte Heinrich Escher – zwei seiner Brüder verwalteten sie für ihn.

Der Vater wusste Bescheid



Die knapp 90 Sklaven bewirtschafteten ein Gelände mit einem Umfang von 4 Kilometern mit 200'000 Kaffeepflanzen, 5800 Bananenstauden und 500 Obst­bäumen. Die Sklaven auf Kuba waren damals einem 14-Stunden-Arbeitstag unterworfen und wurden von Aufsehern mit Hunden scharf bewacht. Die Plantage der Familie Escher konnte mit ihrer mittleren Grösse rund 300 Tonnen Kaffee jährlich produzieren.

Laut Historiker Zeuske galt das Kaffeegeschäft auf Kuba angesichts des beginnenden Booms der Kaffeehäuser in Europa bis Ende der 20er-Jahre als sehr rentabel. Später lief Brasilien mit grossflächigen Plantagen Kuba den Rang ab. 1831 waren bei den Eschers noch 71 Sklaven beschäftigt. Sklavenhandel betrieben sie über ihren eigenen An- und Verkauf hinaus nicht (lesen Sie die ganze Geschichte auf dasmagazin.ch: «Die Sklaven der Familie Escher»).

Als grosser Liberaler und Pionier der Moderne hätte sich Escher am Umstand der unfreien Arbeitskraft stören müssen. Davon ist jedoch nichts bekannt, auch sein Vater äusserte sich nie öffentlich zum Thema. Dabei kannte der Erbauer des Belvoir-Guts das Unrecht aus eigener Anschauung, hatte er doch Kuba 1803 besucht. Der frühere Chefhistoriker der Credit Suisse und Escher-Biograf Joseph Jung verteidigt ihn heute: «Wenn man damals als weisser Farmer auf Kuba tätig war, hatte man zwangsläufig Schwarze, die für einen arbeiteten.» Moralisch anstössig wäre für ihn erst der Handel mit Sklaven.

Politiker fordern Aufklärung

Die Zürcher Lokalpolitiker Michael Kraft (SP) und Walter Angst (AL) fordern nun eine Aufarbeitung dieser Geschichte. Sofern ihre Parteien einwilligen, werden sie am nächsten Mittwoch im Gemeinderat einen Vorstoss einreichen. Ziel sei nicht nur die Anerkennung der unbequemen historischen Fakten durch die Stadt, sondern auch, diese der Öffentlichkeit bekannt zu machen. Eine Möglichkeit wäre, eine Informationstafel im Zürcher Belvoirpark aufzustellen, dem ehemaligen Landgut von Heinrich Escher, das heute der Stadt gehört.

«Historisch betrachtet, ist das mehr als nur eine Fussnote», sagt Kraft. Es sei ein Beispiel, dass die Schweiz bei der Sklaverei nicht abseitsstand, obwohl sie ein Binnenland ist. «Das gehört ins öffentliche Geschichtsbild. Vielleicht sieht man dann auch Alfred Escher anders.»

Die Stadt Zürich dürfte offen sein für den Vorstoss. Sie pflegt einen «offenen Umgang» mit historischen Erkenntnissen. 2007 hat sie bereits die Beteiligung von Zürcher Financiers am Sklavenhandel beleuchten lassen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.07.2017, 23:32 Uhr

27.04.2017

Helvetische Color Line


Im Herbst 2007 erschien ein vielbeachteter Artikel in der britischen Zeitung The Independent, der den Titel „Switzerland: Europe’s Heart of Darkness?“ trug. Er reagierte auf eine Kampagne der Schweizerischen Volkspartei (SVP), die eine Initiative „Für die Ausschaffung krimineller Ausländer“ lanciert hatte. Die Plakate zeigten weisse Schafe, die ein schwarzes Schaf aus dem Territorium der Schweiz kicken. Der Independent übertrug Joseph Conrads berühmte Kritik der europäischen Kolonialherrschaft im Kongo provokativ auf das Land, das sich seit jeher ausserhalb kolonialer Geschichte wähnt. In der Schweiz des 21. Jahrhunderts, so die Pointe des Artikels, herrscht ein öffentlicher Umgang mit dem Erbe der Kolonialzeit vor, der andernorts schon lange als kolonial, rassistisch und politisch inakzeptabel gilt.

Mit der NZZ zurück in die Vergangenheit

"Brownfacing im Schweizer Fernsehen: Victor Giacobbo als Rajiv Prasad", (Quelle SRF)
Brownfacing im Schweizer Fernsehen: Victor Giacobbo als Rajiv Prasad, Quelle: SRF
Interessanterweise nimmt nun die aktuelle Ausgabe von NZZ Geschichte mit ihrer Titelgeschichte „Herr Ständerat im Herzen der Finsternis“ nicht nur Joseph Conrads Titel auf, sondern bestätigt damit auch die Kritik des Independent. Denn der NZZ geht es keineswegs darum, die Effekte des Kolonialismus auf die gegenwärtige Schweiz zu untersuchen. Vielmehr diskreditiert der Verfasser des Hauptartikels Forschungen zur postkolonialen Schweiz, die solchen Fragen seit vielen Jahren nachgehen, in einer Randspalte als „Wettbewerb der nachträglichen Selbstkasteiung“ und verweist dafür nicht zufällig auf zwei Beispiele von nicht-weissen Forschern und Politikern. In der Tat zeigte der Sozialanthropologe Rohit Jain in seiner Analyse von „Rajiv Prasad“, einer von Victor Giacobbo im Schweizer Fernsehen gespielten Comedyfigur, dass diese aus einem Arsenal von kolonialen Stereotypen zusammengesetzt ist. Die Popularität der Figur erklärt er damit, dass sie einem links-liberalen weissen Publikum, das sich selber gerne als anti-rassistisch versteht, die Möglichkeit bietet, mit gutem Gewissen gegen die sogenannte Political Correctness aufzubegehren und auch mal über das Fremde zu lachen. Dadurch würde jedoch, so Jain, die Fremdenfeindlichkeit der Rechten verstärkt. Denn die nicht-weisse Schweiz bleibe sowohl von der Produktion als auch vom Konsum dieses spezifisch weissen Humors ausgeschlossen.

Beim zweiten Fall, den die NZZ Geschichte ins Lächerliche zieht, handelt es sich um die Kritik der beiden Politiker Halua Pinto de Magalhães und Fuat Köçer an der Statue und am Wappenzeichen der sogenannten Mohrenzunft in der Berner Altstadt. Über „Integration“ könne nicht sinnvoll diskutiert werden, so argumentieren sie, solange im öffentlichen Raum weisse Überlegenheit und schwarze Minderwertigkeit inszeniert würden. Die beiden verlangen keinesfalls eine Entfernung der rassistischen Objekte, wie die NZZ Geschichte behauptet. Sie fordern vielmehr eine öffentliche Debatte über den Zusammenhang zwischen kulturellem Rassismus im öffentlichen Raum und dem strukturellen Rassismus, der sich hierzulande nicht nur in der systematischen Untervertretung der Migrationsbevölkerung in politischen Behörden, in Verwaltung, Wissenschaft, Kultur und Medien zeigt, sondern auch in der Banalisierung alltäglicher Rassismuserfahrungen.

Dass ein NZZ-Journalist diese Argumente nicht nachvollziehen kann und will, veranschaulicht das Problem und bestätigt zugleich Einsichten der jüngeren postkolonialen Forschung. In der Schweiz, so die Politologin Noémi Michel, werde die Bedeutung der kolonialen Vergangenheit für die postkoloniale Gegenwart kontinuierlich in Abrede gestellt. Dies habe paradoxerweise zur Folge, dass Individuen, welche die Erfahrung machen, dass ihre Körper, Namen und Biographien kontinuierlich rassifiziert werden, gleichzeitig nicht als legitimiert gelten, in der Öffentlichkeit über Rassismus zu sprechen.

Die ‚color line‘


Zunft zum Mohren, Zunftshaus, Bern: Quelle: flickr.com
In der pauschalen Verwerfung postkolonialer Forschung durch NZZ Geschichte ist offenbar eine nicht-artikulierte, zugleich aber sozial und epistemisch wirksame ‚color line‘ am Werk: Weiss-Sein ist eine unsichtbare oder genauer, unsichtbar-gemachte Kategorie der Gesellschaftsorganisation. Ähnlich wie Männlichkeit (deren Wirkmächtigkeit der kurze Text ebenfalls eindrücklich vor Augen führt; denn namentlich erwähnt werden darin nur Männer, obwohl die Debatte zur postkolonialen Schweiz wesentlich von Forscherinnen initiiert wurde) strukturiert Weiss-Sein die Linien der Zugehörigkeit, der Autorität, der Legitimität und der Opportunität. Konkret hat dies zur Folge, dass die NZZ Geschichte das Thema Schweiz und Kolonialismus auf eine Art lancieren kann, bei der alle sonst gültigen Regeln akademischer und journalistischer Redlichkeit gebrochen werden: Keine einzige beitragende Person gehört zum Feld der Expertinnen und Experten, welche die Geschichte und Gegenwart der Schweiz seit Jahren aus einer Perspektive analysieren, die von nicht-weissen, nicht-westlichen Denkerinnen und Denkern entwickelt wurde, der Perspektive der postkolonialen Theorie. Das Wissen von nicht-weissen Forschenden und solches, das in einer nicht-weissen Theorietradition steht, wird kurzerhand als illegitim oder irrational dargestellt oder schlicht ignoriert.

Diese ‚color line‘ durchzieht auch den Hauptartikel des Heftes, der von Martin Beglinger verfasst wurde. Es geht darin um die Geschichte des grossbürgerlichen Luzerner Politikers Edmund von Schumacher, der um 1900 im Auftrag des belgischen Königs in den Kongo reiste, um die Gräueltaten an der Bevölkerung zu untersuchen. Die Geschichte ist nicht neu. Der Historiker Lukas Vogel hat sie weit reflektierter bereits vor einigen Jahren in einem lesenswerten Artikel erzählt. Beglinger übernimmt zwar einige narrative Elemente und Argumente des Historikers, nicht aber dessen Arbeitsinstrument – die Quellenkritik. So schildert Beglinger die Geschichte einseitig aus der Perspektive seines Helden und übernimmt auch dessen Sprache unkritisch: Die koloniale Rede von „Häuptlingen“ etwa, wie auch Schumachers Auslassungen über den „Kannibalismus“ oder die angebliche Angst der „Eingeborenen“ vor der Kamera, die ihre Seele stehlen würde. In unzähligen Studien wurden solche Mythen als Teil kolonialer Ideologien entlarvt, welche die Sichtweisen, Strategien und Handlungen von kolonisierten Menschen ausblenden und von den vielfältigen Formen der europäischen Gewaltausübung in den Kolonien ablenken.

Das finstere Herz der populären schweizerischen Geschichtskultur

Kurzum: Dieser Artikel fällt Jahrzehnte hinter jeden Forschungsstand zurück und wäre eigentlich nicht der Rede wert, wenn er nicht in einem namhaften Heft erschienen und öffentlich unwidersprochen geblieben wäre. So erlaubt er uns als Phänomen einer Geschichte der Gegenwart einige aufschlussreiche Einsichten ins finstere Herz der populären schweizerischen Geschichtskultur. In der anekdotischen Abhandlung der Kolonialgeschichte lässt sich erstens eine Abwehrhaltung erkennen, die zum Ausdruck bringen will, dass diese für uns heute nicht mehr relevant ist. Damit steht sie dem Projekt einer postkolonialen Forschung diametral entgegen, welche verstehen will, wie wir hier und heute noch vom Kolonialismus gezeichnet sind.

Es ist zweitens eine Geschichte, welche versucht, vom Mythos des schweizerischen Sonderfalls zu retten, was noch zu retten ist. „Wir Nachgeborenen“ sollten „unsere Vorfahren“ nicht vorschnell „verurteilen“, mahnt etwa Redaktionsleiter Peer Teuwsen im Vorwort des Heftes. Entsprechend fällt Beglingers Darstellung seines Helden im Hauptartikel aus: Der grossbürgerliche Luzerner „Ständerat im Herzen der Finsternis“ verkörpert gleichsam die Ehre der Schweiz im kolonialen Kontext. Zwar vertritt er durchaus rassistische Sichtweisen und legt eine irritierende Loyalität gegenüber dem mit brutaler Gewalt herrschenden belgischen König zutage. „Doch was zählt“ ist in den Worten von Redaktionsleiter Teuwsen etwas anderes: Der Schweizer im Kongo habe letztlich „zur Verbesserung der Zustände“ und zum Ende der Gewaltherrschaft beigetragen. Hier erleben wir also die Reinszenierung des ramponierten Mythos der neutralen und humanitären Schweiz auf der Bühne der Kolonialgeschichte, die in Fortführung einer langen imperialen Denktradition ausschliesslich von weissen Akteurinnen und Akteuren bespielt wird. Denn was zurecht an Conrads „Herz der Finsternis“ kritisiert wurde, gilt auch für Beglinger: Die koloniale Geschichte des Kongos erscheint als Auseinandersetzung zwischen weissen (und zumeist männlichen) Europäern. Den kolonisierten Menschen wird dabei lediglich die Rolle von anonymen Statistinnen und Statisten im Hintergrund zugestanden. Ihr Widerstand gegenüber der europäischen Macht wird verschwiegen, und der Übergang vom Gewaltregime des belgischen Königs zur belgischen Staatskolonie als exklusives Werk europäischer Philanthropinnen, Aktivisten und Politiker inszeniert.

Die dritte Beobachtung zu dieser Art der Geschichtsvergegenwärtigung lässt sich anhand des Titelbildes erläutern: Dieses zeigt den Helden der Geschichte – Ständerat Edmund von Schumacher – umrahmt von vier kolonisierten Frauen. Wie sich beim Durchblättern des Heftes zeigt, handelt es sich bei dieser Illustration um eine Montage aus Fotografien aus dem Nachlass von Schumachers. Die zentrale Vorlage ist ein Foto, auf dem der Schweizer einer jungen kongolesischen Frau den Arm um die Schulter legt und auf ihre nackten Brüste blickt. Was auf der Fotografie als eigenartige Mischung von Unbeholfenheit und Lüsternheit des helvetischen Akteurs erscheint, der zugleich die Macht über die Inszenierung innehat, wird in der kolorierten Zeichnung des NZZ Geschichte-Titels in eine Aura staatsmännischer Seriosität umgewandelt: Von Schumacher blickt darauf ernsthaft und besonnen in die Kamera, während die von kolonialer Gewalt gezeichneten Frauen dadurch zu seinen Schützlingen zu mutieren scheinen. Die vielschichtigen Erfahrungen von Rassismus und Sexismus, die sich in den Fotografien aus der Kolonialzeit eingeschrieben haben, sollen derart aus dem Coverbild getilgt werden. Das gespenstische und surreale Szenario, das dabei entsteht, hält auf eindrückliche Weise fest, wie die weisse Seite der helvetischen ‚color line‘ sich gegenwärtig gegen die stetig lauter werdende Kritik der postkolonialen und migrantischen Schweiz zu immunisieren versucht: mit dem Mythos der unschuldigen Schweiz.

Literaturhinweise:
Daniel Kurjaković, Franziska Koch, Lea Pfäffli (Hg.), The Air Will Not Deny You. Zürich im Zeichen einer anderen Globalität, Zürich/Berlin (diaphanes) 2016.
Noémi Michel (im Erscheinen), „Sheepology: The Postcolonial Politics of Raceless Racism in Switzerland“, in: Postcolonial Studies.
Rohit Jain, „Die Comedyfigur Rajiv Prasad in Viktors Spätprogramm - post_koloniales Phantasma und die Krise des ‚Sonderfalls Schweiz‘‘‘, in: Purtschert, Patricia; Lüthi, Barbara; Falk, Francesca (Hg.): Postkoloniale Schweiz. Formen und Folgen eines Kolonialismus ohne Kolonien, Bielefeld 2012, S. 175–200.
Patricia Purtschert, Harald Fischer-Tiné (Hg.), Colonial Switzerland. Rethinking Colonialism from the Margins, London (Palgrave Macmillan) 2015.
Lukas Volgel, „Andenken, Abenteuer, Anklage. Gedanken zu einem Fotoalbum aus dem Kongo 1904/05“, in: Menrath, Manuel (Hg.), Afrika im Blick. Afrikabilder im deutschsprachigen Europa, 1870-1970, Zürich 2012, S. 169–188.
Bernhard C. Schär, „Berns vergessene Kolonialgeschichte“, in: Der Bund, 29.12.2014, S. 19, online: http://bit.ly/1z2Y78A
Paul Vallely, „Switzerland. Europe’s Heart of Darkness?“, in: The Independent, 7.9.2007.

19.08.2016

Die Eidgenossenschaft ist global

Die Schweizer Auswanderung ist ein wesentlicher Teil der Geschichte der Schweiz. Und sie ist eine Geschichte von Enttäuschungen und Errungenschaften. Von Rudolf Wyder
http://webspecial.tagesanzeiger.ch/longform/auslandschweizer/diaspora/


Das Radio als Verbindung zur Heimat – Auslandschweizer in Indien (1953). Foto: ASO-Archiv

Wer «Einwanderer» oder «Auswanderer» hört, denkt an Angehörige fremder Völker, kaum jedoch an Schweizer. Dabei sind wir eine der wanderfreudigsten Nationen weit und breit. Auf acht Inlandschweizer kommt ein Auslandschweizer.
Noch weniger im öffentlichen Bewusstsein ist es, dass die über 760'000 registrierten Schweizer Bürger im Ausland gut organisiert und vernetzt sind. Und das nicht erst seit gestern. Ihre Dachorganisation wird in diesem Jahr hundertjährig. Zu diesem Anlass ist die Geschichte der Auslandschweizer-Organisation (ASO) aufgearbeitet worden. Es ist zugleich die Geschichte des Umgangs der Schweiz mit ihrer Diaspora. Sie zeigt ein buntes Puzzle aus Erfolgen und Enttäuschungen, Errungenschaften und Versäumnissen.

Ruf zu den Fahnen
Aufbruchstimmung prägte den Beginn des vorigen, 20. Jahrhunderts. Es ist ein Zeitalter der Innovationen, des Wirtschaftsaufschwungs und der internationalen Freizügigkeit. Schweizer Unternehmen, Infrastrukturprojekte, Hochschulen ziehen ausländische Fachkräfte an. Immer mehr Schweizerinnen und Schweizer lassen sich im Ausland nieder. Vorübergehend als Studierende oder dauerhaft als Vertreter schweizerischer Unternehmen, Wissenschaftler, Erzieherinnen, Landwirte, Unternehmer. 400'000 Schweizerbürger leben 1914 ausserhalb der Landesgrenzen – ein Zehntel des Schweizervolkes.
Der Erste Weltkrieg setzt der internationalen Freizügigkeit ein Ende. Mehr als 20'000 wehrfähige Auslandschweizer werden unter die Fahnen gerufen. Viele Landsleute suchen in der Heimat Schutz. Nach der Oktoberrevolution kommen mehrere Tausend zuvor wohlhabende Russlandschweizer verarmt in der Schweiz an.


Landmaschine auf einer Schweizer Farm in Argentinien auf einer undatierten Aufnahme. Foto: ASO-Archiv


09.04.2016

Chapter 2: White society.

Boeroes

LIFE IN THE SHADOWS
Slavery and slave culture in Surinam
Wednesday, April 2, 2008
The search for immigrants.
Skewed statistics.

This chapter focuses on the white masters, most of the others on the subservient blacks. It is necessary to understand the former, in order to understand the latter. The white overlords in slave societies were able to lay down the rules much more strictly than any other elite in history. The slaves might oppose the rules, but they were seldom able to change them fundamentally.


From the beginning, Surinam has displayed the characteristics of a plantation colony. One of the main distinguishing traits of such a society was the skewed ratio of black and white, man and woman, slave and free. A severe shortage of white settlers, especially women, was inevitable in these conditions and the authorities were acutely aware of this. In an exploitation colony, there usually was no genuine niche for white yeoman farmers and there were only limited opportunities for artisans and traders, in fact, for all workers not directly involved in plantation agriculture. For impoverished people, living in difficult circumstances but not starving, such a colony provided few prospects. Furthermore, the people in the Low Countries had a negative image of the tropical world in general: they saw it as a white man’s graveyard infested with dangerous subhuman beings. A person had to be extremely desperate, or extremely eager to make a fortune to venture there. Consequently, the push factors for emigration were not very strong in the Netherlands. As Charles Boxer has noted: “although the wages were usually very low and working hours very long, unemployment in the Northern Netherlands was never sufficiently severe to induce industrial and agricultural workers to emigrate on an adequate scale to the overseas possessions of the Dutch East and West India Companies.” However, small as the white minority in Surinam may have been (and it was always too small in the eyes of the men in power), its superior position, although sometimes a bit shaky, was never seriously threatened during the slavery era.

Unfortunately, the collection of statistics in colonial Surinam was very erratic. For most of the earlier years, the number of whites must be projected and finer distinctions cannot be made. For the years 1700 to 1745, however, we have the annual count of Whites and Red and Black Slaves, contained in the archives of the Society of Surinam. The soldiers were omitted from these counts, although they made up nearly half of the white population for most of this period. During the rest of the 18th century, the number of whites remained fairly stationary, although a large part of the plantation owners left. The statistics of the 19th century provide even more problems, because the population was often merely divided into slaves and free people and most of the figures pertained to Paramaribo only. In 1811, the English held the first census in Surinam history, which delivered a much more accurate picture. As a result, the population curve can only be drawn with the greatest hesitation. The most important conclusion nevertheless remains the same: the number of whites in the colony was always so low that they were painfully aware of the vulnerability of their position -and acted accordingly.

The only period during which it was not difficult to attract sufficient settlers to Surinam were the years of the Willoughby-colonization. In Barbados, where sugar production expanded quickly at the time, many white farmers were pushed from their small holdings by more powerful neighbours and indentured servants found no place to settle after the expiration of their contracts. These people were keen to join such a venture. Since they were experienced colonists and had already survived the first dangerous years in a tropical climate, they prospered. In 1665, Surinam counted 4000 inhabitants, of whom 1500 were capable of bearing arms (meaning they were free white men). A terrible epidemic cut their number in half and the departure of most of the English colonists after the Zeelandian occupation left Surinam practically depleted of white settlers. Therefore, the authorities spared no measure to lure new hopefuls.

09.03.2016

Auswanderung Schweiz

Für junge Männer war der Eintritt als Söldner in fremde Kriegsdienste bis in das erste Drittel des 19. Jahrhunderts die häufigste Form der Auswanderung. Ab dem 14. Jahrhundert standen die sogenannten Reisläufer im Dienst des Kaisers, der französischen Könige und von italienischen Städten wie z. B. Mailand (→ Schweizer Truppen in fremden Diensten).[96]
Hunger und Armut nach dem Dreissigjährigen Krieg führten zu Ausreisewellen nach Ostpreussen. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts führte die kriegsbedingte (→ Napoleonische Kriege) allgemeine Verarmung zu Auswanderungen nach Russland, während in den Hungerjahren 1816–1817 besonders Lateinamerika das Ziel war. Die Landwirtschaftskrisen der 1840er-, 1870er- und 1880er-Jahren, sowie Umstrukturierungsproblemen während der Industrialisierung führten zu Massenauswanderungen in noch nie gekannten Dimensionen nach Übersee, besonders nach Nordamerika und Südamerika. Am Ende des 19. Jahrhunderts war Nordamerika für fast 90 Prozent der Emigranten das Ziel. Zwischen 1851 und 1860 wanderten rund 50'000 Personen nach Übersee aus, in den 1860er- und 1870er-Jahren je 35'000 und zwischen 1881 und 1890 über 90'000. Bis 1930 stabilisierte sich die Zahl der Auswanderer pro Jahrzehnt zwischen 40'000 und 50'000. In einigen Kantonen wurden Arme von den Behörden im grossen Stil zur Auswanderung gedrängt.
Die Auswanderer gründeten in der neuen Welt Kolonien, so entstanden 1803 Nouvelle Vevay in Indiana (heute New Vevay), 1831 New Switzerland in Illinois und 1845 New Glarus in Wisconsin.[97] Der wohl bekannteste Auswanderer war Johann August Sutter. Der als General Sutter bekanntgewordene kalifornische Ländereienbesitzer gründete die Privatkolonie Neu-Helvetien. Auf seinem Land brach 1848 der kalifornische Goldrausch aus.[98]
Gemäss empirischen Daten war die Wanderungsbilanz für das Gebiet der heutigen Schweiz von der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts bis zum Ende des 19. Jahrhunderts stets negativ.[99]

14.01.2016

Die geografischen Gesellschaften



Ruth Hagen: Expeditionen in den dunklen Kontinent. Die geografischen Gesellschaften der Schweiz und die wissenschaftliche Erforschung Afrikas

Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts erlauben neue Methoden und Instrumente der Naturwissenschaften erstmals Entdeckungsreisen ins Innere der Kontinente. Reise- und Forschungsberichte über fremde Völker und unbekannte Regionen wecken das Interesse der europäischen Bevölkerung und begeistern die Wissenschaft. Neue geografische Gesellschaften schiessen wie Pilze aus dem Boden und die Geografie etabliert sich als eigenständige Wissenschaft. Ihr Ziel ist die Erforschung der noch unbekannten Gebiete der Welt, allen voran Afrikas. Nicht nur die Wissenschaft ist indes an den Resultaten der Forschungsreisen interessiert, sondern auch Wirtschaft und Politik versprechen sich davon grossen Nutzen. Auch die in der Schweiz gegründeten geografischen Gesellschaften lassen sich vom Entdeckungsfieber anstecken. Anders als ihre Schwestergesellschaften in den expandierenden europäischen Nachbarstaaten werden sie jedoch nicht vom politisch neutralen Schweizer Staat unterstützt. Sie müssen also andere Wege finden, um ihren Beitrag an der Erforschung der Welt und an der Entwicklung der Geografie als Wissenschaft zu leisten.

Ruth Hagen, lic. phil. hist., Studium der Geschichte, Politikwissenschaften und Ethnologie an der Universität Bern. Arbeitet seit einigen Jahren als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Suchtprävention und -forschung.

13.01.2016

Tropenliebe

http://www.gmw.ethz.ch/content/dam/ethz/special-interest/gess/ifg/geschichte-der-modernen-welt/documents/Publikationen/ta_20150512_0_0_8%20%282%29.pdf


Sie sind der Natur oder fremden Kulturen gewidmet, man assoziiert Gutes mit ihnen – doch ihre Geschichte hat eine blutige Komponente, die heute aus dem öffentlichen Bewusstsein entschwunden ist. Es geht um urschweizerische Institutionen wie den Nationalpark in Graubünden, das Basler Museum der Kulturen oder die Akademie der Naturwissenschaften. Wer gründlich in ihre Frühzeit zurückblickt, findet sich unversehens in einer Welt wieder, die nach landläufiger Meinung keine schweizerische ist: die Welt der europäischen Kolonialreiche in den «unterentwickelten» Erdteilen des 19. Jahrhunderts. Eine Welt, die wissenschaftliche Neugier mit Unterdrückung und Zerstörung verschwisterte.
Es war dies die Welt von Fritz und Paul Sarasin – Letzterer bekannt als Gründer des Schweizerischen Nationalparks, mit entsprechendem Ansehen bis heute. Wie eine Untersuchung des Historikers Bernhard Schär jetzt zeigt, steht das Forscherduo Sarasin beispielhaft für schweizerische Verstrickungen in den westlichen Imperialismus mit seinen mörderischen Folgen.

Im Dschungel die Liebe leben
Zugleich stehen die zwei, deren bewegtes Leben einen ansehnlichen Aben­teuer­roman hergäbe, für eine Vielzahl schillernder Ambivalenzen. Das wird schon am Titel von Schärs Dissertation deutlich. «Tropenliebe» heisst es da doppeldeutig – gemeint ist, wie der Autor erläutert, die Liebe der Sarasins für die Tropen, aber auch in den Tropen. Denn die beiden Vettern zweiten Grades aus einer der vornehmsten Basler Familien verband gemäss Schärs Forschungen mehr als blosse Blutsverwandtschaft. Als Freundes- und Liebespaar pflegten sie eine zu ihrer Zeit nicht akzeptierte Lebensform (bis zur Emanzipation homosexueller Gemeinschaften sollten noch über hundert Jahre vergehen). Die ausgiebigen Forschungsreisen verschafften den Sarasins die Möglichkeit, ihre Beziehung zu leben – weitab vom einengenden Normativ des europäischen Bürgertums, umgeben nur von Dschungel, einheimischen Helfern und der Verheissung des Unbekannten.
Denn das gab es damals noch, im ausgehenden 19. Jahrhundert: riesige Landstriche, Inseln von der Grösse halber Kontinente, die noch nie von einem Europäer betreten, geschweige denn kartografiert wurden. Die Welt hatte noch ihre Geheimnisse.
Sie hatte, zum Beispiel, die Insel Ceylon, das heutige Sri Lanka. Und sie hatte Celebes, das heute Sulawesi heisst und zu Indonesien gehört. Es waren diese Inseln, deren Geschichte sich verhängnisvoll mit dem Leben der Sarasins verknüpfen sollte – vor allem Celebes.

Vergessene Kolonialgeschichte




Das Wappen der Zunft zum Mohren hat eine Kontroverse ausgelöst. Für Historiker Bernhard C. Schär ist es Teil einer Geschichte über Rassismus und Sklaverei, vor der auch Bern seine Augen nicht verschliessen sollte. Bernhard C. Schär 29.12.2014
Wenige lokalpolitische Vorstösse haben dieses Jahr national so viel Wirbel aus­gelöst wie jener der beiden Stadtberner SP-Parlamentarier Halua Pinto de Magalhães und Fuat Köçer. Sie verlangen, die Anwesenheit zweier Figuren der Berner «Mohrenzunft» in der Altstadt zu überdenken. Niemand könne ernsthaft von Migranten, insbesondere afrikanischer Herkunft, verlangen, sich in ein Land zu «integrieren», dessen Kultur noch immer rassistische Symbole aus der Kolo­nialzeit beinhaltet. Um Integration zu ­ermöglichen, müsse auch die Mehrheit ihre Komfortzone verlassen; sich den Schattenseiten ihrer Vergangenheit zuwenden; und mit der Minderheit einen demokratischen Umgang damit suchen.

Eine «Attacke auf den Mohr»
Nicht nur aus Onlineforen und vonseiten der «Mohrenzunft» brandete dem ETH-Chemiker Pinto, der seinen Vorstoss erläuterte, eine Welle der Ablehnung entgegen. Schelte gab es auch aus der Universität. Der Berner Geschichts­professor André Holenstein kritisierte in der Sendung «Schweiz aktuell»: Wenn man derart durch «unsere Städte und unsere Gesellschaft geht, müsste man auf Schritt und Tritt kulturelle Objekte aus der Vergangenheit abreissen, streichen oder tabuisieren». Georg Kreis, ehemals Präsident der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus und emeritierter Professor an der Uni Basel, tadelte auf der Onlineplattform «Journal B»: «Die Attacke auf den Mohr bringt uns (im Kampf gegen Rassismus, Anmerkung des Autors) keinen Zentimeter weiter.» Sie sei lediglich «Symbolpolitik» und lenke von den «realen Diskriminierungsgefahren», den «wirklichen Problemen» ab. Das Spitzenpersonal aus Mohren- und Historikerzunft war sich einig, dass hinter den kritisierten Figuren keinesfalls «rassistische ­Absichten» steckten.
An dieser Argumentation sind zwei Dinge problematisch. Zum einen ist es falsch, dass die Mohrenfiguren nicht rassistisch seien. Zum anderen ist die Unterscheidung zwischen «symbolischem» und «realem Rassismus» irreführend.

12.01.2016

Die Kosten des Kolonialismus


Tobias Straumann am Mittwoch den 15. April 2015
Never Mind the Markets

Einer der grössten Streitpunkte der Wirtschaftsgeschichte betrifft die ökonomischen Vorteile und Kosten des Kolonialismus. Zwei einflussreiche Denkschulen stehen sich gegenüber. Die eine, eher marxistisch inspirierte Richtung betont den Nutzen des Kolonialismus für die Mutterländer. Kolonien werden vor allem als Orte der Ausbeutung und als Absatzmärkte für die westlichen Mächte angesehen. Aus diesem Umfeld stammt auch die Williams-These, wonach die industrielle Revolution ohne die karibische Sklavenarbeit unmöglich gewesen wäre.

Die andere, eher liberale Denkrichtung argumentiert vorsichtiger. Sie betont neben den unbestreitbaren Kosten für die Kolonisierten auch andere Aspekte, etwa die Nachteile des Kolonialismus für die Mutterländer. Ein Land zu besetzen, konnte für den Staat so teuer kommen, dass es die rein ökonomischen Vorteile aufhob. Eine andere Hypothese ist, dass der Kolonialismus das Wirtschaftswachstum behinderte, weil das Mutterland sich ein Stück weit dem globalen Wettbewerb entziehen konnte.

Das klassische Beispiel ist die englische Chemieindustrie. Sie verpasste Mitte des 19. Jahrhunderts den Schritt ins Massengeschäft mit synthetischen Textilfarben, weil in Indien natürliche Farbstoffe zu günstigen Preisen gewonnen werden konnten. Deutschland und die Schweiz, zwei Länder ohne nennenswerten kolonialen Besitz, hatten gar keine andere Wahl, als auf die synthetischen Farbstoffe zu setzen. Bald beherrschten sie den Weltmarkt.

02.01.2016

Can the Subaltern Speak German? And Other Risky Questions Migrant Hybridism versus Subalternity

25 04 07
Nikita Dhawan
The German-speaking discourse distanced itself from postcolonial theory for a long time with the argument that neither Germany nor Austria nor Switzerland were major colonial powers. Only recently, postcolonial theory has received academic attention in the German speaking context through focus on issues like migration, racism, interculturality, and globalisation. Consequently, there is an emerging discussion regarding the consequences of colonialism and postcolonial critique for the German-speaking context. This has given rise to a range of questions like: “Is postcolonial theory relevant and applicable to the German context?”, “Who is the subaltern in Germany and are there subalterns, who speak German?”[1] It has been proposed that migrants in the postcolonial German-speaking context can be understood to be subalterns, who cannot be heard by the hegemonic dominant culture[2]. Migrants are thereby ‘subalternized’ and strategies are explored for bringing to articulation of ‘silenced’ minority voices[3]. Here, the intellectual migrants from ‘subaltern groups’ become the spokesperson for the ‘margins’[4].
The colonial continuity of the politics of migration in the European context or the experiences of racism and discrimination that are part and parcel of a migrant’s everyday life are urgent issues that need to be scandalized. Against this background, the link between postcolonial critique and migration studies is extremely significant. Particularly Edward Said and Homi Bhabha's works focus on these issues. Interestingly Gayatri Spivak takes a different view, whereby she explicitly and repeatedly warns against reducing the question of postcoloniality in general and subalternity in particular to metropolitan spaces. Spivak’s focus on the tricky relation between metropolitan postcolonialism and rural and indigenous subalterns brings to light the risks of an unquestioned celebration of postcolonial critique, especially for those who do not 'directly' benefit from it. Spivak emphasises that she finds migrant activism in the north important and worth supporting, but simultaneously warns that if contemporary neo-colonialism is seen only from the undoubtedly complex and important, but restrictive, perspective or explanatory context of metropolitan internal colonization of the postcolonial migrant, then this risks overshadowing the question of international division of labour. This unfolds a conflict of interest, whereby there is no self-evident 'natural' alliance between migrant activism in the North and the rural and indigenous subaltern in the global south. In my paper, I seek to briefly explore this 'internal critique' within metropolitan postcolonialism, to unfold the dangers of 'discursive colonization' of the subaltern by migrant activism and expose the tricky position of the postcolonial feminist in the face of international division of labour.
As argued elsewhere[5], I propose that the very question of the relevance of postcolonial theory in the German speaking context is redundant in that it overlooks one of the most fundamental premises of postcolonial theory, namely, that not only are countries like Bangladesh and Brazil postcolonial, but even countries like Thailand and Iran, which were never 'formally' colonised, are also deeply informed by processes of colonialism. By virtue of our, what Shalini Randeria calls “entangled histories”, it is impossible to reduce postcolonial analysis to national boundaries, for these boundaries are itself a product of colonial discourses. Thus the mere question, for example, "Can the Subaltern speak German?"[6] neglects the functioning of international division of labour by trying to locate and thereby reduce the question of postcolonial critique in the global north even as the framing of this question once again reinforces methodological nationalism and thereby national boundaries.
Moreover, there is a fatal ‘paradox’ in the notion of ‘migrant-as-subaltern’. Spivak observes that the very definition of the subaltern entails ‘immobility’, whereby the cultural space of subalternity is cut off from the lines of mobility producing the class- and gender-differentiated colonial subject:
"Subalternity is the name I borrow for the space out of any serious touch with the logic of capitalism or socialism. Please do not confuse it with unorganised labour, women as such, the proletarian, the colonized, […] migrant labour, political refugees etc. Nothing useful comes out of this confusion." (Spivak 1995: 115)

26.11.2015

Ibicaba Das Paradies in den Köpfen



Inhalt
Am 17. April 1855 treten 265 Auswanderer, angetrieben von den schlechten Ernten in der Schweiz, der Armut und den Paradiesvorstellungen aus der Zeitschrift „Kolonist“, die gefährliche Schifffahrt nach Brasilien an. Von heimtückischen Krankheiten und Naturereignissen geplagt, segeln sie Ibicaba, einer Kolonie, entgegen. Die Erwartungen sind gross. Ein Haus sowie Kaffeeplantagen wurden ihnen versprochen. Die Reise basiert auf finanziellen Vorschüssen, die nach drei Jahren Arbeit in den Kolonien abbezahlt werden können.
Doch mit der gefährlichen Reise, welche viele Tote fordert, ist das Schlimmste noch nicht überstanden. Der Traum entpuppt sich als Alptraum. Die Versprechen werden nicht eingehalten, die Berichte im „Kolonist“ waren Betrug. Die Lebensmittel in den Kolonien sind überteuert, die Plantagenarbeit ist hart. Der Schuldenberg wächst weiter an, anstatt zu verschwinden. Der Lehrer Thomas Davetz, welcher der Anführer der Auswanderergruppe vom Frühjahr 1855 war, setzt sich für seine Mitbürger ein. Gemeinsam steuern sie mit Verträgen und Briefen über die Wirklichkeit Richtung Gerechtigkeit entgegen. Schlussendlich haben sie es geschafft, dass ein Kontrolleur aus der Schweiz vorbei kommt und sich die Zustände der Kolonie ansieht. Davetz wird wegen seiner Unternehmungen von den Kolonialherren bedroht und muss deshalb mit seiner Familie in die Schweiz fliehen. Er verspricht den Kolonisten, welche zurück bleiben müssen, von der Schweiz aus alles ihm Mögliche zu tun, um ihnen zu helfen.

Weg der Auswanderer
Wann? Was? Wo?
8. April mit Kutsche nach Baden
Dampfschiff / Boote Walenstadt nach Rapperswil
Dampfschiff Rapperswil – Zürich
Spanischbrötli-Bahn Zürich – Baden
gedeckte Leiterwagen Baden – Brugg
9. April Marschieren / Leiterwagen über Bözberg Richtung Basel
10. April Abmarsch Basel
13. April Abmarsch über Rheinbrücke nach Deutz
Zug nach Hannover, Minden
14. April Dampfwagen Haarburg
Dampfschiff Hamburg
17. April Beginn der Seereise Fideris, Kanton GB
25. April Beginn der Überfahrt
9. Mai 48 Breitengrade in 22 Tage 7. Grad nördliche Breite;
meist mit Nordost Passatwind Kalmen; Windstill
17. Mai Gewitter, heftiger Regen, unter dem 6. Grad nördliche Breite
ruhiges Meer
24. Mai Schiff sie passieren den Äquator
10. Juni sie sahen zum 1. Mal Land
15. Juni Schiff läuft im Hafen ein Santos
Überfahrt dauerte 51 Tage

08.11.2015

Schweizer Unternehmensgeschichte in Afrika


Schweizer Unternehmensgeschichte in Afrika

«Da packte uns das Fernweh»
Im Sog von Basler Missionaren hatte sich im vergangenen Jahrhundert in Ghana und Nigeria der Handelskonzern UTC etabliert. Nach dem Rückzug 1998 blieben einige Schweizer Mitarbeiter in Nigeria hängen.
von Markus M. Häfliger, Lagos
7.11.2015, 05:30 Uhr


Im schmucklosen Sitzungszimmer eines Bürogebäudes im Industrieviertel Amuwo-Odofin in der nigerianischen Wirtschaftsmetropole Lagos treffen sich drei ältere Herren, um die Vergangenheit Revue passieren zu lassen. Draussen lärmt der Verkehr der grössten Stadt Afrikas. Die Fahrer von Sammeltaxis hupen gnadenlos, Billetteure hängen aus den Türen und rufen Fahrziele aus. Wenn die Kleinbusse anfahren, füllt Staub die klebrige Luft. John Schaer schliesst das Fenster und schaltet die Klimaanlage an.

Geschätzte Schweizer Qualität

John Schaer heisst eigentlich Johann Schär. Der Baselbieter heuerte 1977 am Sitz der Union Trading Company (UTC) in Basel an, um mit seiner Frau nach Westafrika auszuwandern. Zu dem Zeitpunkt beschäftigte die Firma in Nigeria 4000 Angestellte (davon 60 Schweizer) und erwirtschaftete einen Gewinn von 85 Mio. Fr.


Das Erdöl hatte Nigeria reich gemacht, die Nachfrage nach Autos, Haushaltwaren und Maschinen wuchs in zuvor ungeahntem Ausmass. Die UTC befriedigte den Bedarf über eine Warenhauskette, Eisenwarenläden, Garagen und mit Verkaufs- und Servicebetrieben für ganze Industrien. Die Firma vertrieb und wartete Getreidemühlen von Bühler aus Uzwil, Bäckereimaschinen von Rondo aus Burgdorf und Schindler-Lifte aus Ebikon. Schweizer Qualität galt etwas in Westafrika: von der Swissair, die viermal pro Woche nach Lagos flog (ausserdem nach Accra, Abidjan, Monrovia und Douala), über den mobilen Pannendienst der UTC bis zu firmeneigenen Wurstereien und Bäckereien. «Wer bei der UTC arbeitete, war stolz darauf», sagt Schär. Wenn er auf Dienstreisen an Strassensperren vorbeikam, winkten die Soldaten das UTC-Auto durch.

Schär, ein ehemaliger Automechaniker, ist der Gastgeber der Runde. Auf seiner Visitenkarte steht: Managing Director, Servipower Ltd. Die Firma importiert und wartet noch heute englische Dieselgeneratoren und Industriemotoren und ist eines der Unternehmen, deren Firmengeschichte auf die UTC zurückgehen. Das Basler Mutterhaus hatte seine nigerianischen Investitionen 1998 an ein einheimisches Konsortium veräussert. Neue Chefs, gleicher Betrieb, dachte sich Schär und blieb auf seinem Arbeitsplatz. Heute sagt er: «Ich bin der Chef hier.» Er hat muskulöse Arme, schwere Knochen und trägt die grauen Haare zu einem Rossschwanz zusammengebunden.

Wie Schär hätten sich auch seine beiden ehemaligen Kollegen nie träumen lassen, dass sie in Nigeria «hängenbleiben» würden, wie sie sagen. Rolf Streib war 1971 als 25-jähriger Textilfachmann nach Ghana gegangen. «Ich wollte Tarzanluft atmen», sagt er. Ghana war die afrikanische Heimat der UTC, deren Ursprünge auf die Basler Mission im 19. Jahrhundert an der Goldküste zurückgingen, wie Ghana damals hiess (vgl. Zusatzartikel). Aber in den 1970er Jahren begann in Ghana der wirtschaftliche Niedergang. Die UTC schlug das Kakaogeschäft unter Verlusten ab. Die meisten Ausländer verliessen das Land.

Streib ging nach Nigeria und gründete seine eigene Firma. In Lagos habe man den Erdölboom «gerochen», sagt er. «Ich wollte profitieren.» Er vertrieb Chemikalien, importierte und wartete Verpackungsmaschinen und Rieter-Textilmaschinen. Über 50 Fabriken waren seine Kunden, bevor chinesische Billigware den Markt überschwemmte und das Ende der westafrikanischen Textilbranche einläutete. Wenn es einmal nicht lief, handelte Streib mit diesem und jenem. Eine Zeitlang betrieb er in Lagos ein Detektivbüro. «Einmal», erzählt er, «erliess die Militärregierung Importbeschränkungen, aber wir erwarteten eine Lieferung österreichischen Apfelmost. Wir fuhren hinaus zum Schiff und brachten die Ware in Fischernetzen versteckt an Land.» Während es sich Streib komfortabel einrichten konnte, rackert sich Paul Hänni noch immer ab. Der Berner begann 1966 als 22-Jähriger bei der UTC. «Das Fernweh hatte mich gepackt», sagt er.

29.09.2015

03.3014 – Interpellation Schweizer Beteiligung an Sklaverei und transatlantischem Handel mit Sklavinnen und Sklaven


Curia Vista - Geschäftsdatenbank
03.3014 – Interpellation
Schweizer Beteiligung an Sklaverei und transatlantischem Handel mit Sklavinnen und Sklaven
Eingereicht von
Hollenstein Pia
Einreichungsdatum03.03.2003Eingereicht imNationalratStand der BeratungenErledigt



Eingereichter Text

Noch im September 2001 konnte Jean-Daniel Vigny, der Schweizer Menschenrechtsvertreter bei der Uno, im Zusammenhang mit der Diskussion, welche an der Uno-Konferenz von Durban über afrikanische Entschädigungsforderungen an die Adresse Europas geführt wurde, festhalten, die Schweiz habe "mit Sklaverei, Sklavenhandel und Kolonialismus nichts zu tun gehabt".

Dabei geht aus den Arbeiten sowohl europäisch/amerikanischer (Wallerstein 1980, Wirz 1984) als auch afrikanischer (Ki-zerbo 1978, Unesco 1979, Thornton 1998) und westindischer Historiker (Williams 1944, Fanon 1961, Rodney 1975) seit längerem und immer deutlicher hervor, dass über die grossen seefahrenden Nationen Spanien, Portugal, England, Frankreich und Holland hinaus der ganze europäische Kontinent durch ein weitreichendes Netz von Handels- und Finanzbeziehungen in den Dreieckshandel Europa-Afrika-Amerika mit einbezogen war, ja dass der wirtschaftliche Aufschwung Europas zwischen dem 16. bis zum 19. Jahrhundert bis hin zur Industrialisierung zu einem beträchtlichen Teil auf diesen spezifischen ökonomischen Beziehungen und damit auch auf Sklaverei und transatlantischem Handel mit Sklavinnen und Sklaven beruhte.

Darüber hinaus führt nun aber schon ein lediglich kursorisches Studium verschiedener Werke und Aufsätze zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Schweiz im 18. Jahrhundert sowie eine Neulektüre älterer Standardwerke (Lüthy 1959, Peyer 1968, Meyer 1969) zur überraschenden Erkenntnis, dass die schweizerische Verflechtung mit Sklaverei und Dreieckshandel weit enger war als bisher bekannt.

Das Basler Handelshaus Burckhardt finanzierte Handelsfirmen für Sklavinnen und Sklaven in Nantes und beteiligte sich 1790 über die Tochterfirma "Bourcard et fils" an der Ausrüstung eines Sklavenschiffs, an welcher auch Christoph Merian beteiligt war.

Das Waadtländer Unternehmen "Illens et Van Berchem" rüstete in Marseille zwei Schiffe aus, die "Pays de Vaud" und die "Ville de Lausanne", um Sklavinnen und Sklaven aus Moçambique zu transportieren. Ein drittes Schiff, die "Helvétie", beteiligte sich später ebenfalls an einem solchen Transport.

Genfer Bankhäuser wie "Thellusson et Necker", "Cottin" oder "Banquet et Mallet" sowie das Handelshaus Picot-Fazy finanzierten und unterstützten vor allem via Nantes den Handel mit afrikanischen Sklavinnen und Sklaven. Mitglieder der Genfer Handels- und Banquiersfamilien Bertrand, Peschier, Flurnois, Butini, Gallatin, Dunant und Fatio besassen verschiedene Plantagen mit Sklavinnen und Sklaven in der Karibik (Dominica, Grenada, Surinam).

Mitglieder der Basler Patrizierfamilie Faesch besassen in Surinam während fast einem Jahrhundert Plantagen mit "Negersklaven", der Basler Johann Jakob Hoffmann beteiligte sich in Curaçao am Handel mit Sklavinnen und Sklaven.

Koloniale Erfahrungen

Koloniale Eroberung und Sklavenschinderei

Berbice Colonists 1794

Die Schweiz hatte keine Kolonien, aber Welthandelshäuser


 Neue Recherchen zeigen, dass vor allem Basler Unternehmen am internationalen Sklavenhandel beteiligt waren. Die Geschichte eines Dreiecksgeschäfts. Von Ewald Billerbeck
Weisse Herren, schwarze Fracht
Wenn vom Kolonialwarenlädeli die Rede ist, kommt Gemütlichkeit auf. Die gute alte Zeit. Doch der Begriff Kolonialwaren ist historisch in einem reichlich ungemütlichen Umfeld angesiedelt: dem Sklavenhandel.
9.5.2004

Wenn vom Kolonialwarenlädeli die Rede ist, kommt Gemütlichkeit auf. Die gute alte Zeit. Doch der Begriff Kolonialwaren ist historisch in einem reichlich ungemütlichen Umfeld angesiedelt: dem Sklavenhandel.

Schauplatz Nantes, im 18. Jahrhundert. Die bretonische Atlantikstadt ist für die Grossmacht Frankreich wichtigster Hafenplatz im Überseehandel. Im vorgelagerten Paimbœuf wird ein Schiff mit teurer Ware beladen. Die Hafenarbeiter schleppen Ballen feinster Seide, verschiedene Baumwollstoffe und Indienne-Tücher unter Deck. Die leichten, mit farbiger Orientalornamentik bedruckten Indiennes aus Baumwolle sind gross in Mode. In Stückzahlen von mehreren Tausend kommen weitere europäische Güter hinzu, Scheren, Essbesteck, Krüge, Porzellanwaren; in Fässern oder Flaschen Branntwein, Likör und Weine. Auch Waffen in grosser Zahl werden an Bord gebracht, Dolche, Gewehre, Schiesspulver, Blei.

Für dieses Unternehmen mit kostbarer Ladung braucht der Reeder potente Teilhaber; solche, die bereit sind, die Risiken auf hoher See und fernen Märkten einzugehen. Mehrere Firmen partizipieren als Ausrüster und Financiers, zeichnen Anteilscheine und hoffen auf Gewinn. Mit Aufwand heuert der Kapitän eine zuverlässige Mannschaft an; sie ist grösser als üblich. Auch ein Chirurg befindet sich an Bord, als das Schiff in Nantes ablegt und mit Ziel Afrika ausläuft, wo sich in Cape Coast (im heutigen Ghana), in Vieux Calabar (Nigeria) und anderen westafrikanischen Küstengebieten grosse Sklavenmärkte befinden.
Kräftige, schöne Sklaven

In Afrika werden die Waren gegen Menschen eingetauscht. Die Händler betrachten es als ein Geschäft von Ware gegen Ware; die begehrten Tücher, die Waffen und anderen Schiffsgüter gegen die aus dem Hinterland angeschleppten, in Küstenforts gefangen gehaltenen und zwischengelagerten Schwarzen. Man begutachtet die Qualität der Männer, Frauen und Kinder für ihre künftige Verwendung. Gesundheit, kräftige Konstitution und Schönheit sind Kriterien bei der Preisgestaltung, sie bestimmen den Profit beim späteren Verkauf als Sklaven. Zur Geschäftsförderung beim Warentausch werden die Menschenhändler auf dem westafrikanischen Markt zusätzlich mit Geschenken aus Frankreich geködert; Gefälligkeiten helfen zudem gegen die Konkurrenz anderer Handelsschiffe vor Ort, namentlich jener unter englischer Flagge. Und jetzt nimmt auch der Chirurg seine Aufgabe wahr. Er untersucht die vorgeführten nackten Schwarzen, beriecht Schweiss und Urin, tastet mit den Fingern Geschlechtsteile, Brüste und After ab. Dann wird der Menschenware mit einem glühenden Eisen das Schiffszeichen am rechten Arm eingebrannt - unauslöschliches Zeichen für das Los der Sklaverei.

10.09.2015

Guinéailleries

diverser Kram, wie Spiegel, Klingeln, Glas- und Korallenperlen