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26.07.2017

Kunstwerke auf dem Kopf


Das Beisammensein der Frauen, um sich gegenseitig zu frisieren, ist wie hier in Mali ein wichtiger Teil des Soziallebens in Afrika. (Bild: Lily Franey / GAMMA-RAPHO / laif)

NZZ, von David Signer, Dakar 26.7.2017
Weltweit ist der Afrolook unter schwarzen Frauen wieder auf dem Vormarsch. In Afrika selbst hält man nichts von Natürlichkeit. Frisuren gelten dort seit Jahrhunderten als Teil der Kultur.

Im subsaharischen Afrika gibt es eine jahrhundertealte Kultur der aufwendigen Frisuren. Die Haartrachten sind dort oft komplex und voller Symbolik. Im traditionellen Umfeld verweisen sie auf ethnische Zugehörigkeit, soziale Stellung, Zivilstand, Altersgruppe, Kaste, Schicht und Mythologie. Dort ist man nicht frei in der Wahl seiner Frisur. In der Grossstadt hingegen geht es um Ästhetik und individuellen Ausdruck. In beiden Fällen nimmt das Frisieren Stunden, ja Tage in Anspruch, und das Resultat ähnelt oft Kunstwerken mit einer differenzierten Zeichensprache.
Gegenwärtig bewegt in den USA und auch in Europa eine Debatte über die Frisuren der Schwarzen die Gemüter. Geglättete Haare stehen dabei, wie aufgehellte Haut, für Selbstverleugnung und Anpassung an die Weissen. Demgegenüber gilt der «natürliche» Afrolook als Bekenntnis zur eigenen, unverfälschten Identität. Dabei wird deutlich, wie sehr Haare politisch sind. Obama wäre mit Dreadlocks nicht Präsident geworden. Sogar seine Frau Michelle hätte ihm mit einem Afrolook anstelle ihrer geglätteten Haare wohl seine Karriere vermasselt.

Die Gegenüberstellung «natürlicher Afrolook» contra «unnatürliches, gestrecktes Haar» lässt sich jedoch nur bedingt auf Afrika übertragen. Dort haben Haare kunstvoll zu sein. «Unbearbeitetes» Haar hat in Afrika nichts mit Authentizität zu tun, sondern mit Einfallslosigkeit. «Sie trägt ihr Haar wie die Algen im Fluss», sagt man gelegentlich leicht verächtlich über weisse Frauen, die es offen tragen. Es gibt zwar in der Stadt auch Frauen, die mit Extensions den Haarwuchs der Weissen kopieren. Aber eine Rückkehr zur eigenen Kultur kann in Afrika nicht «Zurück zum Afrolook» heissen, sondern wenn schon zur anspruchsvollen Frisurenpraxis aus Zöpfeln, Flechten, Nähen und dem Einarbeiten von Perlen, Kaurischnecken und anderen Schmuckstücken.

Die Renaissance des Afrolooks in den USA hat viel zu tun mit einem spezifisch schwarzen Feminismus, der sich vom weissen Mainstream-Feminismus abgrenzen und emanzipieren will. Ironischerweise läuft er aber Gefahr, die Afrikanerinnen fälschlicherweise als ihresgleichen zu sehen. Dabei drückt sich deren spezifische Geschichte und Kultur doch auf eine andere Art in den Haarmoden aus als in den USA. Die verbreitete Ablehnung des Afrolooks in Afrika hat nichts zu tun mit kultureller Entfremdung, im Gegenteil. Nirgendwo sonst herrscht eine so differenzierte Coiffure-Kunst wie südlich der Sahara. Die Frisuren sind, wie Kleidung, Kosmetik und Schmuck, mit ihrer Formensprache ein Teil der Kultur und in diesem Sinne auf positive Art «unnatürlich».