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03.06.2017

A. L. Stoler: Along the Archival Grain / Buchrezensionen

Along the Archival Grain. Epistemic Anxieties and Colonial Common Sense
Rezensiert für H-Soz-Kult von  Minu Haschemi Yekani, Department of History and Civilization, European University Institute Florenz


Ereignisse strukturieren nicht selten historiographische Erzählungen. Michel Foucault hat das Ereignis – freilich gegen die klassische Ereignisgeschichte argumentierend – als einschneidende Einzigartigkeit definiert. Es sei durch keine Regierungszeit, keinen Vertrag oder keine Entscheidung markiert, sondern durch nichts weniger als durch „die Umkehrung eines Kräfteverhältnisses, den Sturz einer Macht, die Umfunktionierung einer Sprache und ihre Verwendung gegen die bisherigen Sprecher, die Schwächung, die Vergiftung einer Herrschaft durch sie selbst, das maskierte Auftreten einer anderen Herrschaft.“[1] Ann Laura Stoler verlegt in ihrem neuen Buch „Along the Archival Grain. Epistemic Anxieties and Colonial Common Sense“ – mit und gegen Michel Foucaults Arbeiten – das Ereignis in die (kolonialen) Archive.

Ganz den Dokumenten zur niederländischen Kolonialherrschaft in Indonesien verschrieben, definiert Stoler das archivarische oder „archivalisierte“ Ereignis als „moments that disrupt (if only provisionally) a field of force, that challenge (if only slightly) what can be said and done, that question (if only quietly) ‚epistemic warrant’, that realign the certainties of the probable more than they mark wholesale reversals of direction.“ (S. 51) Mit diesem Fokus ist es ihr Anliegen, auch die Geschichte hinter denjenigen Dokumenten zu beleuchten, die zum Beispiel nie realisierte Pläne diskutieren, Zeugnis von „Nicht-Ereignissen“ (S. 4) geben und damit in der Historiografie selten im Fokus stehen. Mit anderen Worten: Stoler widmet sich marginalisierten Geschichten, der „minor history“. Ihre Spuren, Wirksamkeit und Bedeutung zu belegen, kann als eines der (vielen) Anliegen dieses Buches aufgefasst werden.

Dokumente der Sammlung des niederländischen Kolonialministeriums (1814-1954) aus den Jahren 1830 bis 1930, die im Nationaal Archief, dem ehemaligen Algemenen Rijksarchief, in Den Haag archiviert sind, stellen den Hauptquellenkorpus der meisten Kapitel dar. Nur die langjährige Erfahrung und die genaue Kenntnis dieses Archivs – in Stolers Fall mindestens zwei Dekaden – ermöglichen es, ein solches Buch zu schreiben: Jeder Seite von „Along the Archival Grain“ ist die Virtuosität anzumerken, mit der Stoler die Archivalien liest, vergleicht, nach Lücken forscht, Auslassungen und Durchstreichungen untersucht, die schriftlichen Anordnungen, geheimen Sendschreiben, Rundschreiben, Berichte und persönlichen Briefe gegen das Licht hält, die scheinbar verborgenen „Wasserzeichen“ (S. 8) der Macht lesbar macht und „historische Negative“ (S. 107) entwickelt, wie sie es nennt.

Stolers Fokus richtet sich zudem, dies kennt man bereits aus ihren früheren Arbeiten, auf die Brüchigkeit, welche die Macht von innen heraus bedroht und gleichzeitig stabilisiert. In „Along the Archival Grain“ allerdings geht es weniger als in früheren Arbeiten um Fragen sozialer und kultureller Stratifizierung, als um die im Archiv dokumentierte brüchige (Un-)Einheitlichkeit des kolonialen common sense. Den „archival turn“ (S. 44) aufgreifend, dreht Stoler das (nicht nur) unter Kolonialhistoriker/innen beliebt gewordene Diktum, die Quellen „zwischen den Zeilen und gegen den Strich zu lesen“, um.[2] Stolers Kehrtwende besteht darin, innezuhalten und den Strich zunächst fein säuberlich freizulegen, zu entdecken und mit ihm zu lesen. Dieses Anliegen verbindet sich mit dem Ziel, etablierte Annahmen über Funktion und Funktionsweise der Wissensgenese des kolonialen Staates zu überprüfen und zu überdenken. Stoler verbindet diese Methode mit einem Nachdenken über den Zusammenhang von emotionaler Ökonomie, kolonialer Regierungskunst und dem Archiv, welches – nicht erst seit Jacques Derrida[3] – als Behausung der Macht gilt. Im kolonialen Staat spielte zudem Taxonomisierung eine besonders große Rolle: „The making of colonial categories shares this ambiguous epistemic space. New social objects were the archive’s product as much as subjects of them.“ (S. 43) Das Archiv wird in Stolers Interpretation als eine Sammlung von Aussagen und als ein Depot von Dokumenten verstanden, als ein Ort des Imaginären und der Institutionen, die Geschichte gestalteten. Nicht zuletzt verweise das Archiv auf die emotionale Ökonomie imperialer Projekte, als deren Unterbau sie fungiere. Stoler zweifelt am Konzept eines abgeschlossenen „Wahrheitsregimes“, welches sich in einem vermeintlichen common sense manifestiere: „This shaping of common sense, and the reigning of uncommon sense, together make up the substance of colonial governance and its working epistemologies.“ (S. 38)

Along the Archival Grain / Ann Laura Stoler