Interview mit Josef Lampert
«Es gibt auch in Westafrika reiche Leute»
INTERVIEWvon Stefan Hotz24.7.2017, 05:30 Uhr
Der Verwaltungsratspräsident der Getzner Textil AG in Bludenz erläutert, wie der Konzern zur Weberei Russikon kam und weshalb der afrikanische Markt wichtig istWie in der Schweiz mussten ebenso in Österreich in den letzten zwanzig Jahren zahlreiche Textilbetriebe aufgeben. Die Getzner Textil AG aber floriert und investiert. Was machen Sie anders?
Lampert: Das Wichtigste sind die Besitzerfamilien, die immer zum Unternehmen standen und die in der Krise der 1990er Jahre viel Geld in die Hand nahmen. Von den Banken hätten wir nicht so viel für Investitionen in den Maschinenpark erhalten. Der zweite Punkt ist, dass Österreich 1995 der EU beitrat. Von da an hatten wir auf einen Schlag 100 Prozent Umsatzwachstum. 1996 kamen die damaligen Besitzer der Weberei Russikon zu uns und sagten: Entweder ihr übernehmt uns, oder wir müssen schliessen. Russikon arbeitete bereits für uns, wir konnten auf die Mengen nicht verzichten. Da haben wir auf den 1. Oktober 1996 die Fabrik übernommen.
Nun ist die Schweiz ein teurer Standort. Warum halten Sie dennoch seit zwanzig Jahren an Russikon fest?
Wir haben in Österreich die 381/2-Stunden-Woche, hier in der Schweiz sind es 42 Stunden. Die Schweiz hat weniger Ferien, weniger Feiertage und niedrigere Lohnnebenkosten. Ich habe vor Jahren einmal ausgerechnet, dass wir in Österreich 221/2 Prozent höhere Lohnkosten gehabt hätten für die gleiche Leistung wie in der Schweiz. Das Lohnniveau ist nicht so entscheidend.
Und der Franken-Schock 2015?
Der hat sich schon ausgewirkt. Aber wir hatten noch Möglichkeiten, Synergien zu nutzen und die Produktion etwas zu straffen. Danach ging der Absatz für Modestoffe etwa für feine Hemden zurück. Das konnten wir Gott sei Dank durch Afrika-Damast ersetzen.
Wie kamen Sie auf Afrika?
Unser Produktmanager, seit 1976 im Betrieb – er ist heute fast 70 Jahre alt –, hat den Markt aufgebaut. Wir sassen 2002 auf zwei Millionen Laufmetern Bettwäsche, die nicht mehr verkäuflich waren, weil andere Produkte aufkamen. Er flog nach Afrika und verkaufte die ganze Menge innert sieben Wochen. Von da an haben wir Afrika-Damast produziert, anfänglich gut zwei Millionen Meter im Jahr. Wir entwickelten uns zum Marktführer. Wir erreichten eine Qualität im Glanz und im Griff, die uns bis jetzt niemand nachmachen konnte. Der Aufschwung kam ausgerechnet 2008 mit der Finanzkrise. Wir hatten die Afrika-Strategie in der Schublade und wollten sie in drei bis vier Jahren umsetzen. Welche Maschinen brauchen wir, um auf zehn Millionen Meter zu kommen? Diesen Investitionsplan haben wir dann in 18 Monaten umgesetzt. Als andere in Schwierigkeiten gerieten und Kurzarbeit machten, konnten wir 2010 durchstarten. Heute verkaufen wir bis zu dreissig Millionen Meter Damast.




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Webmaschinen brauchen Betreuung. Eine Mitarbeiterin behebt im Websaal den Fadenbruch an einer Bordüren-Kette. (Bild: Karin Hofer / NZZ)
Der Weltmarkt wird aber doch von Stoffen aus Asien überschwemmt.
Das ist in Afrika genauso. Wir haben vielleicht zwei Prozent Marktanteil. Wir sind in der Qualität klar Marktführer, aber die grosse Menge ist asiatische Ware. Die kostet nur einen Drittel oder Viertel unserer Ware und hat nie die Qualität, die wir bieten.
Wer trägt Ihre Stoffe?
Es gibt auch in Westafrika – Mali, Mauretanien, Senegal, Côte d'Ivoire, Benin, Nigeria – reiche Leute. Wir haben etwa zwei Dutzend Kunden, Händler, die an Kleinhändler weiterverkaufen. Wir sind direkt am Markt und haben keine Vertreter vor Ort. Die Endkunden waren ursprünglich nur muslimische Männer. Dann kamen Vertreter anderer Religionen dazu, seit einigen Jahren immer mehr Frauen. Das löste einen neuen Boom aus. Diese Stoffe werden aufwendig bearbeitet und bestickt. Sticken kostet viel Geld, deshalb wird dafür nur bester Damast verwendet.


