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28.07.2017

Afrika-Damast



Interview mit Josef Lampert
«Es gibt auch in Westafrika reiche Leute»
INTERVIEWvon Stefan Hotz24.7.2017, 05:30 Uhr
Der Verwaltungsratspräsident der Getzner Textil AG in Bludenz erläutert, wie der Konzern zur Weberei Russikon kam und weshalb der afrikanische Markt wichtig istWie in der Schweiz mussten ebenso in Österreich in den letzten zwanzig Jahren zahlreiche Textilbetriebe aufgeben. Die Getzner Textil AG aber floriert und investiert. Was machen Sie anders?

Lampert: Das Wichtigste sind die Besitzerfamilien, die immer zum Unternehmen standen und die in der Krise der 1990er Jahre viel Geld in die Hand nahmen. Von den Banken hätten wir nicht so viel für Investitionen in den Maschinenpark erhalten. Der zweite Punkt ist, dass Österreich 1995 der EU beitrat. Von da an hatten wir auf einen Schlag 100 Prozent Umsatzwachstum. 1996 kamen die damaligen Besitzer der Weberei Russikon zu uns und sagten: Entweder ihr übernehmt uns, oder wir müssen schliessen. Russikon arbeitete bereits für uns, wir konnten auf die Mengen nicht verzichten. Da haben wir auf den 1. Oktober 1996 die Fabrik übernommen.

Nun ist die Schweiz ein teurer Standort. Warum halten Sie dennoch seit zwanzig Jahren an Russikon fest?

Wir haben in Österreich die 381/2-Stunden-Woche, hier in der Schweiz sind es 42 Stunden. Die Schweiz hat weniger Ferien, weniger Feiertage und niedrigere Lohnnebenkosten. Ich habe vor Jahren einmal ausgerechnet, dass wir in Österreich 221/2 Prozent höhere Lohnkosten gehabt hätten für die gleiche Leistung wie in der Schweiz. Das Lohnniveau ist nicht so entscheidend.
Und der Franken-Schock 2015?

Der hat sich schon ausgewirkt. Aber wir hatten noch Möglichkeiten, Synergien zu nutzen und die Produktion etwas zu straffen. Danach ging der Absatz für Modestoffe etwa für feine Hemden zurück. Das konnten wir Gott sei Dank durch Afrika-Damast ersetzen.

Wie kamen Sie auf Afrika?

Unser Produktmanager, seit 1976 im Betrieb – er ist heute fast 70 Jahre alt –, hat den Markt aufgebaut. Wir sassen 2002 auf zwei Millionen Laufmetern Bettwäsche, die nicht mehr verkäuflich waren, weil andere Produkte aufkamen. Er flog nach Afrika und verkaufte die ganze Menge innert sieben Wochen. Von da an haben wir Afrika-Damast produziert, anfänglich gut zwei Millionen Meter im Jahr. Wir entwickelten uns zum Marktführer. Wir erreichten eine Qualität im Glanz und im Griff, die uns bis jetzt niemand nachmachen konnte. Der Aufschwung kam ausgerechnet 2008 mit der Finanzkrise. Wir hatten die Afrika-Strategie in der Schublade und wollten sie in drei bis vier Jahren umsetzen. Welche Maschinen brauchen wir, um auf zehn Millionen Meter zu kommen? Diesen Investitionsplan haben wir dann in 18 Monaten umgesetzt. Als andere in Schwierigkeiten gerieten und Kurzarbeit machten, konnten wir 2010 durchstarten. Heute verkaufen wir bis zu dreissig Millionen Meter Damast.
12 Bilder
Webmaschinen brauchen Betreuung. Eine Mitarbeiterin behebt im Websaal den Fadenbruch an einer Bordüren-Kette. (Bild: Karin Hofer / NZZ)

Der Weltmarkt wird aber doch von Stoffen aus Asien überschwemmt.

Das ist in Afrika genauso. Wir haben vielleicht zwei Prozent Marktanteil. Wir sind in der Qualität klar Marktführer, aber die grosse Menge ist asiatische Ware. Die kostet nur einen Drittel oder Viertel unserer Ware und hat nie die Qualität, die wir bieten.

Wer trägt Ihre Stoffe?

Es gibt auch in Westafrika – Mali, Mauretanien, Senegal, Côte d'Ivoire, Benin, Nigeria – reiche Leute. Wir haben etwa zwei Dutzend Kunden, Händler, die an Kleinhändler weiterverkaufen. Wir sind direkt am Markt und haben keine Vertreter vor Ort. Die Endkunden waren ursprünglich nur muslimische Männer. Dann kamen Vertreter anderer Religionen dazu, seit einigen Jahren immer mehr Frauen. Das löste einen neuen Boom aus. Diese Stoffe werden aufwendig bearbeitet und bestickt. Sticken kostet viel Geld, deshalb wird dafür nur bester Damast verwendet.







27.07.2017

Weberei Russikon Die letzte Zürcher Weberei floriert dank reichen Kunden in Westafrika

von Stefan Hotz24.7.2017, 05:30 Uhr
Eine Weberei in Russikon behauptet sich in der globalisierten Textilindustrie; wegen eines starken Mutterkonzerns in Vorarlberg und afrikanischen Kunden, die ihre erstklassigen Stoffe schätzen.


Aus mehr als zehntausend Fäden formt die Webmaschine edle Stoffe. (Bild: Karin Hofer / NZZ)

Russikon ist ein unscheinbares Dorf mit vielen Einfamilienhäusern, leicht erhöht und abseits der Verkehrsachsen. Im Ortsbild deutet nichts darauf hin, dass sich hier der letzte grosse Betrieb jener Textilindustrie befindet, die den Kanton Zürich ab dem frühen 19. Jahrhundert wirtschaftlich prägte. Am langgezogenen Backsteinbau mit sägezahnförmigem Sheddach an der Strasse nach Madetswil weist ein schlichtes Kürzel den Weg: WR, für Weberei Russikon.
Der Eintritt in ihr Herzstück etwas abseits der Strasse wirkt zuerst fast wie ein Schock. Im Saal dröhnen 96 Webmaschinen, eng aneinandergereiht. Der Boden vibriert, der Lärm ist höllisch, sich zu unterhalten kaum möglich. Die beiden Greifer einer Maschine (anstelle des früheren Webschiffchens) reichen von beiden Seiten den Schussfaden zwischen den Kettfäden hin und her. Das kann man freilich nicht erkennen, es geschieht etwa 650 Mal in der Minute.



Interview mit Josef Lampert
«Es gibt auch in Westafrika reiche Leute»
INTERVIEWvon Stefan Hotz24.7.2017, 05:30
Der Verwaltungsratspräsident der Getzner Textil AG in Bludenz erläutert, wie der Konzern zur Weberei Russikon kam und weshalb der afrikanische Markt wichtig ist.

Hightech und Fingerfertigkeit

Webmaschinen benötigen viel menschliche Aufmerksamkeit, immer wieder stoppt eine, schliesslich arbeiten sie mit feinstem Garn. Auf dem dafür gepolsterten metallenen Querbalken kniet eine Arbeiterin, sie beugt sich weit vor und sucht im vermeintlichen Gewirr. Ein Kettfaden ist gebrochen, so sagt man hier, also gerissen. Jetzt ist Fingerfertigkeit gefordert. Mit flinken Händen und einem Einziehhaken fädelt die Weberin den Faden wieder durch die richtige Litze im Webblatt, das die Musterung im Stoff erzeugt.

Die WR, 1890 als Teppichweberei gegründet, hat immer gewoben und exklusive Stoffe entworfen. Mit dem direkten Vertrieb hat sie nichts zu tun, weshalb es in Russikon fast keine Büros gibt. Ihre Fachleute haben jedoch die komplexe Technik des Webens laufend weiterentwickelt. So entstehen heute in Russikon Gewebe, die niemand sonst herstellen kann. Dazu gehört auch der Stoff für die bekannten Edelweisshemden. Sie seien die Einzigen, die in der Lage seien, das zu weben, sagt selbstbewusst der WR-Geschäftsführer Walter Wespi, der immer ein «Textiler» war, wie er sagt.