Von Peter Wolf, © MoneyMuseum
Die grossen Ernüchterer
Warum trinkt man in Grossbritannien eigentlich so viel Tee? Und seit wann? Was trank man zuvor?
Bis auf die erste sind alle Fragen relativ leicht zu beantworten. In den Jahren von 1650 bis 1700
führte England insgesamt gerade 181’545 Pfund Tee ein. 1700 bis 1750 waren es dagegen bereits
40 Millionen Pfund! Und das sind nur die verzollten Importe; der Schmuggel dürfte fast noch
einmal so viel ausgemacht haben. Tee wurde also in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts zum
Massengetränk in England. Zuvor, um 1700, war England der weltgrösste Konsument von Kaffee;
diese Führungsrolle übernahmen dann die Kontinentaleuropäer, allen voran die Franzosen und
Niederländer.
Doch ob Kaffee oder Tee – die aus den Kolonien stammenden Heissgetränke waren selbst erst im
Verlauf des 17. Jahrhunderts Mode bei den tonangebenden Schichten geworden. Der Morgentee
oder -kaffee ersetzte Mehl- oder Biersuppen und verdrängte Bier und Wein aus ihren bisher
unangefochtenen Positionen. Viele Zeitgenossen rühmten daher die exotischen Getränke als die
«grossen Ernüchterer», die gut zu einer Zeit passten, in der Vernunft, Aufklärung und Effizienz zu
den höchsten Gütern wurden.
Globalisierung im 18. Jahrhundert?
Das Teetrinken war also eines der Zeichen für eine neue Zeit geworden. Und seine Verbreitung
beschränkte sich nicht nur auf die Oberschichten. Das «tägliche Brot» des englischen
Industriearbeiters um 1800 bestand im Wesentlichen aus mit Zucker gesüsstem Tee und Kartoffeln.
Insbesondere der gesüsste Tee eignete sich gut als Energiequelle in der Zeit der frühen
Industrialisierung: Er übertönte Hungergefühle, wärmte, war trotzdem leicht und schnell auch am
Arbeitsplatz zuzubereiten – und machte vor allem nicht betrunken.
Alle drei genannten Produkte stammten ursprünglich nicht aus Europa: Kartoffelanbau hatte man
in Amerika gelernt, der Tee musste aus China und Indien importiert werden, der Zucker vor allem
von den Westindischen Inseln. Mit anderen Worten: Die Ausdehnung des europäischen Handels
nach Übersee bedeutete nicht nur, dass sich das Leben in den Kolonien änderte. Bis in den
entlegensten Winkel der Britischen Inseln konnte man nun Kolonialwaren erwerben, die dem
täglichen Leben neue Facetten zufügten.
All dies – weltweite Kontakte, Vernetzungen und Abhängigkeiten – klingt das nicht sehr nach der
Definition eines Begriffes, der zu Beginn des 21. Jahrhunderts Mode geworden ist: nämlich der
Globalisierung? Anders gefragt: Ist die vieldiskutierte Globalisierung nicht ßbereits seit
Jahrhunderten im Gange, vielleicht gar, wie manche meinen, schon seit Jahrtausenden? Und
geschah der eigentliche «Gobalisierungsschub» etwa nicht durch Internet und Mobiltelefon,
sondern vielleicht schon durch die Teeklipper und Sklavenschiffe des 18. Jahrhunderts? Um diese
Fragen zu beantworten, müssen wir den verschlungenen Wegen des Handels dieser Zeit folgen. Am
besten fängt man hier an einer ganz unscheinbaren Stelle an – zum Beispiel bei der relativ
winzigen Kaurimuschel.
