Die verbrauchten Metaphern vom Schmelztiegels und vom
Mosaik, die unfähig geworden sind um Identitäten in einem
multikulturellen Kontext auszudrücken, werden in diesem Essay von Susan
Stanford Friedman anhand von Identitäts-und Hybriditätsmodellen neu
konzeptualisiert.
Twilight is that time of day between
day and night
limbo, I call it
limbo,and sometimeswhen I take my
ideas to my homeboys
they say, well
Twilight, that's something you
can't do right
now,that's an idea
before its time.
So sometimes
I feel as though
I'm stuck in
limbothe way the sun
is stuck betweennight and day
in the twilighthours.
Anna Deavere
Smith,
Twilight:
Los Angeles
1992
Wenngleich der Begriff
Differenz wichtige politische Anstöße
geliefertund dazu beigetragen hat, Identität zu theoretisieren, ist in
denVereinigten Staaten eine bestimmte Fixierung auf ihn zu beobachten.In
deren Folge bleiben Grenzbereiche der Differenz verborgen - das
Grenzland der Begegnung, der Interaktion und des Austausches, derRaum
der Beziehung und der Identitätserzählungen, die solche Relationen
erzeugen. Das Bild vom "wundervollen Mosaik" als Metapher
für die US-amerikanische multikulturelle Vielfalt verkörpert eine
Problematik
des Auslöschens. Ein Mosaik besteht aus farbigen Steinen,
durch ein Zementnetzwerk für alle Zeiten voneinander geschieden,
und zugleich, um den Effekt eines Ganzen zu erzielen, miteinander
vereint. Die Mosaiksteine selbst berühren sich nie; jeder einzelne
bleibt
unverändert, einzigartig, befestigt, undurchlässig. Der unscheinbare
Zement verschwindet im Hintergrund und ist für das Design nur insofern
wichtig, als daß er die Steine anordnet. Als Kunstform kann das
Mosaik in seinen schimmernden Farbrelationen erlesen sein, ein Effekt,
der sich insbesondere beim Betrachten aus der Ferne einstellt. Doch als
Metapher für Multikulturalismus unterstützt das Bild möglicherweise
die Fokussierung auf die Differenz und hindert daran, die Aufmerksamkeit
darauf zu richten, was in deren Grenzgebieten geschieht, wie
sie sich in einem fortlaufenden Prozeß der Interaktion bildet und
umgestaltet,
wobei der Zwischenraum zum Ort beständiger Wanderung,
Thema der Vor- und Rückwärtsbewegungen wird. Wenn ich auf diese
Auswirkungen
der rhetorischen Figur des Mosaiks hinweise, möchte ich
nun keinesfalls zum Diskurs des "Schmelztiegels" zurückkehren, der
vertrauten und gesellschaftlich und sozial wirkungsmächtigen Rhetorik
der US-amerikanischen Assimilation. Diese führt zu einem Verlust von
kultureller Differenz und zu einem (oftmals erzwungenen) Aufgehenim
Mainstream angloamerikanischer Traditionen der Vereinigten Staaten.
Statt dessen möchte ich das zwielichtige Übergangsstadium des
"Dazwischenseins" - jenseits des Mosaiks und des Schmelztiegels - in
den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stellen, indem ich drei
Identitätslogiken
kreativ miteinander in Verbindung setze, die gegenwärtig in
kulturwissenschaftlichen
Studien über die Grenzen von Fachdisziplinen
hinaus verbreitet sind. Diese möchte ich grob "das Sprechen über
Grenzen", "das Sprechen über Hybridität" und "das Sprechen über
Performativität"
nennen. Die Verbreitung dieser drei Rhetoriken spiegelt die
Beschleunigungsprozesse der Globalisierung sowie die Intensivierung von
Migrationsidentitäten in dem - wie Arjun Appadurai es nennt - "globalen
Ethnobild" der Postmoderne wider.
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1. Das Sprechen über Grenzen
Mit der autobiographischen poetischen Prosa
Borderlands/La Frontera:
The New Mestiza (1987), in der Gloria Anzaldúa die materielle Realität
der Existenz im Grenzgebiet reflektiert, - startete sie "das Sprechen über
Grenzen", das als sozialer Diskurs in die Kulturwissenschaften einging
und die Fragestellung aufwarf, inwiefern individuelle und kollektive
Identitäten materiell, geographisch und psychologisch auf Widersprüchen
basieren. "Ich bin eine Frau der Grenze", erklärt sie und verweist
auf die besonderen Bedingungen, unter denen Chicanas an der
Grenze zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko auf dem Boden
jenes Landes aufwuchsen, das sich die USA 1948 von Mexiko genommen
hatten. "Ich wuchs zwischen zwei Kulturen auf, der mexikanischen
(mit einem starken indigenen Einfluß) und der angloamerikanischen
(als Mitglied eines kolonialisierten Volkes auf unserem
eigenen Territorium). Ich sitze rittlings auf dieser
tejas-mexikanischen
Grenze, und auf anderen, mein ganzes Leben lang." (Vorwort) Wenngleich
Borderlands die utopische Vision einer interkulturellen Hybridität
zum Ausdruck bringt, spricht Anzaldúa einleitend davon, wie
schwierig das Leben im Grenzgebiet sein kann - etwas, das sie nie aus
den Augen verliert: "Dieser Ort der Widersprüche ist kein angenehmes
Gebiet, um darin zu leben. Haß, Wut und Ausbeutung sind die hervorstechenden
Merkmale dieses Landstriches." (Vorwort) Der Ausgleich
für den Schmerz besteht in der größeren Fähigkeit des
mestiza-Bewußtseins,
sich auf die vielfältigen Positionen, die sie besetzt, und die Gemeinschaften,
zu denen sie gehört, einzustellen - als Angehörige einer
"rassischen"
Minderheit in den USA, als Frau in zwei patriarchalen
Kulturen (chicano und angloamerikanisch), als Lesbe in einer überwiegend
homophoben Umgebung sowie als Person mit dem sozialen
Hintergrund der Arbeiterklasse: "Nichtsdestotrotz gab es Formen des
Ausgleichs für diese
mestizaje und einige bestimmte Freuden. Auf der
Grenze und in den Randbezirken zu leben und die eigene sich verwandelnde
und vielfältige Identität und Integrität intakt zu halten,
ähnelt dem Versuch, in einem neuen, ðfremdartigenÐ Element schwimmen
zu gehen. Es versetzt in Hochstimmung, an der weiteren Evolution
der Menschheit teilzuhaben . . ." (Vorwort)
Im "border talk" der
Kulturtheorie, zu dem Anzaldúa einen so wichtigen Beitrag geleistet
hat, arbeiten Grenzen symbolisch und materiell rund um die binären
Gegensatzpaare von Rein und Unrein, Gleichheit und Differenz, Innen
und Außen. Ob buchstäblich oder figurativ: Grenzen übernehmen auch
die Rolle eines Ortes der vielfachen Widersprüchlichkeit. Wie Anzaldúa
schreibt:
"Grenzen werden errichtet, um zu definieren, welche Orte sicher
und welche unsicher sind, um uns von ihnen zu trennen . . . Ein Grenzgebiet
ist ein vager, unbestimmter Ort, der durch den emotionalen
Nachlaß einer unnatürlichen Grenze hervorgebracht wird. Es befindet
sich in einem permanenten Übergangsstadium. Das Verbotene und Unerlaubte
sind seine Bewohner." (Anzaldúa, 1987, S. 3)
Wenngleich Grenzen die Idee der Undurchlässigkeit nachhaltig repräsentieren,
sind sie real auch durchlässig. Grenzen trennen, während
sie gleichzeitig verbinden. Sie beharren auf Reinheit, Unterscheidung,
Differenz, doch sie ermöglichen Kontamination, Vermischung, Kreolisierung.
Grenzen verfestigen, demarkieren; aber sie selbst sind imaginär,
flüssig, in einem ständigen Prozeß der Veränderung. Grenzen versprechen
Sicherheit, das Gefühl, "zu Hause" zu sein; erzwingen jedoch
gleichzeitig Ausschlüsse und untermauern den Zustand, fremd, aus
einem anderen Land, obdachlos zu sein. Grenzen materialisieren das
Gesetz, indem sie Trennungen kontrollieren; doch als solche werden sie
ständig überschritten, verletzt und untergraben. Grenzen dienen dazu,
Macht über andere auszuüben, befähigen aber auch zum Überleben gegenüber
einer dominanten Kraft. Sie regulieren Migration, Bewegung,
Reisen - den Fluß von Menschen, Gütern, Ideen und allen möglichen
kulturellen Formationen. Auf diese Weise unterminieren sie regulatorische
Praktiken, indem sie interkulturelle Begegnungen und die damit
einhergehende Produktion synkretistischer Heterogenitäten und Hybriditäten
befördern. Grenzgebiete sind Orte des Hasses und der mörderischen
Handlungen, dem Aneinanderreiben der Kontinentalplatten
und den daraus folgenden gewaltsamen Eruptionen ähnlich. Doch sie
sind gleichfalls Orte utopischen Begehrens, der Versöhnung und des
Friedens.
Grenzen jeder Art werden stets überschritten werden; die Erfahrung
des Überschreitens ist allerdings von der Existenz von Grenzen
abhängig. Grenzen sind die Kontaktzone, in der bewegliche, nicht festlegbare
Differenzen aufeinandertreffen, in der Macht auf komplizierte
Weise und in vielfacher Ausrichtung zirkuliert und in der Handlungsfähigkeit
auf beiden Seiten der beweglichen und durchlässigen Trennungslinie
existiert.
2. Das Sprechen über Hybridität
Mit ihrem Ruf nach einem "neuen
mestiza-Bewußtsein" verhalf
Anzaldúa abermals einer Identitätsrhetorik, sich in den Kulturwissenschaften
zu verbreiten. Diese liegt jenseits der Festschreibungen fundamentalistischer
Identitätspolitiken oder des "ethnischen Absolutismus
", wie Paul Gilroy es nennt. "Das Sprechen über Hybridität" ist
höchst aufgeladen, brisant und kontrovers - teilweise aufgrund seiner
historischen Wurzeln in rassistischer Ideologie, teilweise jedoch wegen
seiner impliziten Herausforderung an die Hegemonie des "Sprechens
über Differenz", dem viele sich zutiefst verbunden fühlen. Obwohl die
verwandten Begriffe der Kreolisierung, des Synkretismus, der
mestizaje
und
métissage verschiedene Resonanzen, Geschichten und kulturelle
Verortungen hervorrufen, verweisen sie - ähnlich der Hybridität - auf
miteinander verknüpfte Phänomene der biologischen, linguistischen,
kulturellen, spirituellen und politischen Vermischung, die durch Formen
der Grenzüberschreitung hervorgebracht werden.
Überfliegt man die Debatte über Hybridität, erkennt man kaum
feste Bezugspunkte oder einen Konsens in bezug auf Bedeutungen. Ich
sehe drei Modelle, zwei kulturelle Funktionen und drei politische
Formationen von Hybridität, die zur Zeit in den Kulturwissenschaften
maßgeblich sind.
Das erste Modell geht von der Verschmelzung verstreuter Elemente
aus, die vollständig neue biologische oder kulturelle Formen hervorbringen.
Das zweite postuliert das fortwährende Zusammenspiel unterschiedlicher
Formen, die jeweils erkennbar voneinander getrennt bleiben,
wie sehr sich auch ihr synkretistischer Kontext verändert. Das dritte
Modell stellt genau die Vorstellung von Differenz in Frage, auf der die
ersten beiden Modelle basieren. Es beruht auf der Annahme, daß
hybride Formen eine fortwährende Vermischung von bereits immer
schon Vermischtem darstellen.