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28.11.2016

Postkoloniale Theorie und die »Spurensuche« nach Widerstand

Katrin Amelang und Oliver Schupp
Intro
Im Seminarplan sind die Postkolonialen Theorien als Themengebiet innerhalb der Befassung mit Theorien des Widerstands eingeordnet. Diese Verbindung war für uns nicht immer offensichtlich, somit gestaltete sich unsere Befassung mit postkolonialen Theorien eher als »Spurensuche« nach Momenten und Möglichkeiten von Widerstand. Ausgehend von einer Einordnung postkolonialer Theorien und allgemeinerer Kritik an ihnen, möchten wir die drei klassischen Vertreter (häufig auch »holy trinity« genannt) Edward Said, Gayatri Spivak und Homi Bhabha, welche als MigrantInnen aus postkolonialen Gebieten kommend heute an US-amerikanischen Universitäten lehren, in einzelnen Kapiteln genauer vorstellen. Abschließend werden wir unsere Ergebnisse und aufgeworfenen Fragestellungen hinsichtlich der Verbindung von postkolonialen Theorien und Widerstand zusammenfassend darstellen.

Postkoloniale Theorien – Einordnung und Kritik weiter / zurück
Die postkolonialen Theorien bzw. Postcolonial Studies werden als Unterabteilung der Cultural Studies betrachtet. Da beide wenig Eingang in deutsche akademische Diskussionen gefunden haben bzw. in diesen kaum präsent sind, wird im folgenden die Einordnung der Cultural Studies der der postkolonialen Theorie vorangestellt. Eingehend sei darauf verwiesen, dass die folgende kurze Darstellung den »vielstimmigen« Cultural Studies und ihrer Reaktion auf gesellschaftliche Veränderungen durch theoriepolitische Verschiebungen und Diskurskorrekturen nicht umfassend erfassen kann.(1) Die nur schwer zu definierenden Cultural Studies sind keine akademische Disziplin im herkömmlichen Sinne. Laut Dominik Bloedner (1997) und Douglas Robinson (1997) sind sie eher als offenes interdisziplinäres Projekt zu verstehen, welches inhaltlich und methodisch von Anthropologie, Soziologie, Gender Studies, Ethnic Studies, Literaturkritik, Geschichte, Psychoanalyse, Politikwissenschaften und Philosophie Gebrauch macht, und die Untersuchung von vielfältigen kulturellen Texten, Formen und Praktiken mit Kulturkritik [critics of culture] verbindet. Sie beziehen sich theoretisch auf das Hegemonie-Konzept von Antonio Gramsci(2) und »typically describe themselves and their work as ›counterhegemonic‹.« (Robinson 1997, 13) So strukturieren Machtbeziehungen Gesellschaften und ihre Kultur, wobei Kultur Bedeutungen erst hervorbringt und damit als Ort politischer Intervention zu betrachten ist. AkteurInnen bewegen sich also zwischen individuellem Handeln und gesellschaftlicher Fremdbestimmung. Von diesen theoretischen Grundannahmen wird die Verpflichtung zu einer politisch emanzipatorischen Perspektive abgeleitet (vgl. Bloedner 1997, 35). Die Cultural Studies sind in der 50er Jahren in Großbritannien im Zusammenhang mit der Entstehung der britischen »New Left« als Ergebnis intellektueller und politischer Tradition zu sehen und wurden 1964 mit dem Centre for Contemporary Cultural Studies (zugehörig zum Lehrstuhl für englische Literatur) erstmalig im akademischen Rahmen institutionalisiert (vgl. ebd., 36f.). Als einer der wichtigsten – und hier zulande wohl auch bekanntesten – Vertreter gilt Stuart Hall.

Genauso heterogen wie die Cultural Studies sind auch die Postcolonial Studies akademisch schwer zu definieren: »Postcolonial criticism and theory alike comprise a variety of practices, performed within a range of disciplinary fields in a multitude of different institutional locations around the globe.« (Moore-Gilbert 1997, 5) Die Entstehung der Postcolonial Studies ist mit dem Entkolonialisierungsprozess in den 1940/50/60ern sowie der Entstehung der Cultural Studies verbunden, und sie sind zwischen literaturwissenschaftlichen und kulturtheoretischen Ansätzen einzuordnen (vgl. Robinson 1997, 13 u. Grimm 1997a, 39). Die häufige Zuordnung der Postcolonial Studies zu Lehrstühlen von Literatur kann als Nähe zu den Literaturwissenschaften interpretiert werden, wichtiger ist diesbezüglich aber die zentrale Rolle der britischen Commonwealth Literature Studies(3)für die Konstitution postkolonialer Kritik im »westlichen« akademischen Rahmen (vgl. Moore-Gilbert 1997, 26ff.). Weitere theoretische Einflüsse und Bezüge postkolonialer Theorie sind die Arbeiten von Frantz Fanon, Antonio Gramsci, Karl Marx, Jacques Lacan, Louis Althusser, Jacques Derrida und Michel Foucault.
Kann man allgemein ausgedrückt sagen, dass sich die Postcolonial Studies mit der Geschichte des Kolonialismus und dessen gegenwärtigem Fortwirken beschäftigen (vgl. Grimm 1997a, 39), so wird es bei der genaueren Definition des postkolonialen Forschungsfeldes schon schwieriger. Was gehört zum Untersuchungsgegenstand und was nicht? Robinson unterteilt die darüber stattfindenden Kontroversen in drei Stränge. Er unterscheidet zwischen der Untersuchung der ehemaligen europäischen Kolonien 1) seit der Unabhängigkeit, 2) seit der Kolonialisierung sowie 3) aller Kulturen/ Gesellschaften/Nationen etc. bezüglich ihrer Machtbeziehungen zu anderen Kulturen/ Gesellschaften/Nationen etc., wobei er erstere Ansätze als vorherrschend in der postkolonialen Theorie sieht (vgl. Robinson 1997, 13ff.). Auch Moore-Gilbert stellt erstere zwei Bereiche heraus, sieht sie aber eher als Ergebnis einer historischen Bedeutungsverschiebung innerhalb postkolonialer Debatten. Beziehend auf Aijaz Ahmad verweist er darauf, dass es Anfang der 1970er noch um die Beschreibung der Situation ehemaliger Kolonien nach der Entkolonialisierung ging, der Untersuchungsbereich aber in den 1980ern auf den Beginn der Kolonialisierung ausgeweitet wurde (vgl. Moore-Gilbert 1997, 9). Ein weiterer Ansatz wird von E.G. Rodríguez verfolgt. Für sie umschreibt der Begriff Postkolonialismus »ein Bewusstsein und einen Zustand, der weiterhin über Spuren und Effekte kolonialer Geschichte den Alltag im Norden und im Süden bestimmen.« (Rodríguez 2000)
Verwiesen sei des weiteren auf das Präfix »post«, was einerseits das zeitliche »nach« der formalen Dekolonisierung markiert, andererseits darüber hinausweisend in Verbindung mit anderen Phänomenen der Postmoderne und Globalisierung auf das veränderte Fortwirken von Machtverhältnissen im Hintergrund des kolonialen Diskurses verweist (vgl. Bloedner 1998, 35). Post-Begrifflichkeiten bei Homi Bhabha verweisen auf ein »Darüber Hinaus«, auf die von den postkolonialen Subjekten bewohnten Zwischenräume an den Rändern der Moderne und ihrer »großen Geschichte« [master narrative] der Einheitlichkeit. Postkoloniale Perspektive ist dann eine Perspektive von diesen Rändern aus - den ehemals kolonialen Länder sowie von Minoritäten (Migration, Diaspora) in der Welt (vgl. Bhabha 2000, 6ff.).
Weitere Diskussionen des Konzeptes, was denn nun als postkolonial gelte, stehen im Zusammenhang mit einer Vielzahl unterschiedlicher Perspektiven und AkteurInnen des postkolonialen Feldes. Offen und stark diskutiert ist zum Beispiel der Punkt, inwieweit es legitim ist, nicht nur postkoloniale Kulturen zu analysieren, sondern auch die Kulturen der Kolonisierenden. Ebenfalls umstritten ist die Frage, inwiefern »interne/innere Kolonien« wie Schottland, Wales und Irland im Falle von England/Großbritannien oder so genannte »white settler colonies« wie Kanada, Australien, Neuseeland und die USA, bei denen die »Opfer-Täter-Perspektive« komplex und abhängig vom Blickwinkel ist, ebenfalls einzubeziehen sind (vgl. ebd. 9ff.; Robinson 1997, 14). Daraufhin vergleicht dann Moore-Gilbert das schwer einzuschränkende Konzept postkolonialer Kritik mit feministischer Kritik, die sich historisch und regional nicht beschränken lässt und auf eine Vielzahl unterschiedlicher Kontexte anwendbar ist (vgl. Moore-Gilbert 1997, 12). An dieser Stelle sei auf diese Diskussionen eher als Hintergrund für die weitere Auseinandersetzung mit dem Thema verwiesen, als eine Positionierung oder Lösung unsererseits anzubieten.