Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde
Band (Jahr): 91 (1991)
Koloniale Erfahrungen im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts
Die Plantagen der Firmen Thurneysen aus Basel und Pourtalès aus Neuenburg auf der westindischen Insel Grenada von Nikiaus Röthlin
Der in der Aufklärung hoch angesehene Darsteller und Kritiker der Kolonien Guillaume-Thomas Raynal zieht am Ende seiner zehnbändigen «Histoire philosophique et politique des établisse¬ ments et du commerce des européens dans les deux Indes»' eine negative Bilanz über die Vor- und Nachteile, die die Entdeckung der Neuen Welt für Europa gebracht habe. Er rüttelt seine Leser vor allem durch die Schilderung der Raffgier und der Grausamkeiten auf, die mit der Eroberung und Ausbeutung der neuentdeckten Län¬ der verbunden waren. Sein Urteil gipfelt in Feststellungen und Fra¬ gen wie «L'Europe doit au Nouveau-Monde quelques commodités, quelques voluptés. Mais avant d'avoir obtenu ces jouissances, étions- nous moins sains, moins robustes, moins intelligens, moins heureux? Ces frivoles avantages, si cruellement obtenus, si inégalement par¬ tagés, si opiniâtrement disputés, valent-ils une goutte du sang qu'on a versé & qu'on versera?2» Viele Zeitgenossen griffen Raynals Gedanken eifrig auf und verbreiteten sie weiter. So betont etwa Justin Girod-Chantras am Schluss seines «Voyage d'un suisse dans différen¬ tes colonies d'Amérique»1 die Nachteile für die damaligen Kolonialmächte und prangert den Sklavenhandel an. Er lobt seine Heimat, weil sie in keine solchen Abenteuer und Verbrechen verstrickt war, und fragt den Leser: «Comptera-t-on pour des biens quelques pro¬ ductions dont on ne peut se pourvoir sans détruire plusieurs peuples à la fois, qu'un luxe insatiable demande & que l'humanité refuse, qui ne nourissent personne & qui coûtent la vie à un si grand nombre d'infortunés4?»
Die Kaufleute dachten über die Kolonien anders. Die Entdeckungen hatten ihnen ein sich ständig erweiterndes Betätigungsfeld eröffnet. Der Handel mit den neuen Ländern war zwar mit vielen Risiken verbunden. Bei Gelingen warf er aber grossen Gewinn ab und zog darum immer wieder neue unternehmungslustige Leute an. In der ersten Zeit führte man aus Übersee vor allem Edelmetalle, Gewürze, Korallen, Perlen und ähnliche exotische Güter ein. Mit der Entwicklung der Kolonien und dem Aufbau der von Negersklaven bewirtschafteten Plantagen bezog man aus der Neuen Welt immer grössere Mengen an Zucker, Kaffee, Tabak, Gewürzen, Baumwolle, Indigo und anderen Kolonialwaren. Dafür versorgte man die Siedler in Übersee mit wichtigen Gütern aus den Mutterländern. Das Verhältnis zwischen den Kolonien und Europa führte im Lauf des 18. Jahrhunderts zu einer engen wirtschaftlichen Verflechtung.
Band (Jahr): 91 (1991)
Koloniale Erfahrungen im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts
Die Plantagen der Firmen Thurneysen aus Basel und Pourtalès aus Neuenburg auf der westindischen Insel Grenada von Nikiaus Röthlin
Der in der Aufklärung hoch angesehene Darsteller und Kritiker der Kolonien Guillaume-Thomas Raynal zieht am Ende seiner zehnbändigen «Histoire philosophique et politique des établisse¬ ments et du commerce des européens dans les deux Indes»' eine negative Bilanz über die Vor- und Nachteile, die die Entdeckung der Neuen Welt für Europa gebracht habe. Er rüttelt seine Leser vor allem durch die Schilderung der Raffgier und der Grausamkeiten auf, die mit der Eroberung und Ausbeutung der neuentdeckten Län¬ der verbunden waren. Sein Urteil gipfelt in Feststellungen und Fra¬ gen wie «L'Europe doit au Nouveau-Monde quelques commodités, quelques voluptés. Mais avant d'avoir obtenu ces jouissances, étions- nous moins sains, moins robustes, moins intelligens, moins heureux? Ces frivoles avantages, si cruellement obtenus, si inégalement par¬ tagés, si opiniâtrement disputés, valent-ils une goutte du sang qu'on a versé & qu'on versera?2» Viele Zeitgenossen griffen Raynals Gedanken eifrig auf und verbreiteten sie weiter. So betont etwa Justin Girod-Chantras am Schluss seines «Voyage d'un suisse dans différen¬ tes colonies d'Amérique»1 die Nachteile für die damaligen Kolonialmächte und prangert den Sklavenhandel an. Er lobt seine Heimat, weil sie in keine solchen Abenteuer und Verbrechen verstrickt war, und fragt den Leser: «Comptera-t-on pour des biens quelques pro¬ ductions dont on ne peut se pourvoir sans détruire plusieurs peuples à la fois, qu'un luxe insatiable demande & que l'humanité refuse, qui ne nourissent personne & qui coûtent la vie à un si grand nombre d'infortunés4?»
Die Kaufleute dachten über die Kolonien anders. Die Entdeckungen hatten ihnen ein sich ständig erweiterndes Betätigungsfeld eröffnet. Der Handel mit den neuen Ländern war zwar mit vielen Risiken verbunden. Bei Gelingen warf er aber grossen Gewinn ab und zog darum immer wieder neue unternehmungslustige Leute an. In der ersten Zeit führte man aus Übersee vor allem Edelmetalle, Gewürze, Korallen, Perlen und ähnliche exotische Güter ein. Mit der Entwicklung der Kolonien und dem Aufbau der von Negersklaven bewirtschafteten Plantagen bezog man aus der Neuen Welt immer grössere Mengen an Zucker, Kaffee, Tabak, Gewürzen, Baumwolle, Indigo und anderen Kolonialwaren. Dafür versorgte man die Siedler in Übersee mit wichtigen Gütern aus den Mutterländern. Das Verhältnis zwischen den Kolonien und Europa führte im Lauf des 18. Jahrhunderts zu einer engen wirtschaftlichen Verflechtung.