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07.01.2016

Das Ornament der Menge Oberflächenerscheinungen der gegenwärtigen Protestkultur

Hito Steyerl
1.
Die unscheinbaren Oberflächenäußerungen einer Epoche stellen den wichtigsten Beitrag zu ihrer Analyse dar, schreibt Siegfried Kracauer 1927.[1] Gerade die Untersuchung der alltäglichen Phänomene, sowie der mehr oder weniger gewöhnlichen Gegenstände und Praxen der Alltagskultur ermögliche, so Kracauer, Einsicht in die Verfasstheit einer bestimmten Ära. In diesem Text geht es daher um Praxen, Repräsentationen und Denkbilder, die im Alltag gegenwärtiger Protestbewegungen verwendet werden, sowie darum, welche impliziten Aussagen sie sowohl über den Charakter des gegenwärtigen Kapitalismus als auch über ihr eigenes Selbstverständnis treffen.

2.
Die karnevalesken Aktionen der verschiedenen Pink and Silver Gruppen sind ein weit verbreitetes Element der gegenwärtigen Demonstrationen gegen die kapitalistische Globalisierung. Die in rosa- und silberfarbige Gewänder gehüllte Menschengruppe wogt im Sambatakt schwingend heran und verbreitet eine uniforme gute Laune, die den Umständen entsprechend auch ins leicht Bedrohliche tendieren kann. Je nach Perspektive ähneln die als Feen und Zauberwesen verkleideten Tanzverbände der Karikatur einer Cheerleadergruppe oder – nach eigener Aussage – einer Zirkusparodie der uniformierten Militärmarschkapellen, die Regimenter in die Schlacht begleiten. Die Gruppe versteht sich als offene und flexible „Straßen-Guerilla-Karneval-Truppe“, deren Aktionen spaßorientiert, kreativ, fröhlich, fluid und unvermittelt sein sollen. Welche Bedeutung aber haben diese Formen einer physisch artikulierten, militärisch-karnevalesken Selbstorganisation? Welche Bilder produzieren die Protestbewegungen von sich und vom gegenwärtigen Kapitalismus?

In dem erwähnten Aufsatz beschreibt Kracauer das Phänomen der Tiller-Girls, einer populären Revuetruppe der 1920er Jahre. Ihre Erscheinung auf der Bühne der Populärkultur ist für ihn ein Anzeichen einer Selbstorganisation der Masse zum Ornament, eine Musterbildung, die sich in Stadien und Kabaretts ereignet. Die Ornamente der Masse gleichen Luftaufnahmen und geometrischen Diagrammen, das organische Moment ist aus ihnen getilgt und aus dem Revueensemble wird eine Anordnung paralleler Striche, in denen die natürliche Gestalt aufgelöst wird. Für Kracauer sind die Tiller-Girls – ein durchrationalisiertes Konglomerat aus ornamental arrangierten Beinen und anderen fragmentierten Körperteilen – jedoch nur ein Symptom oder, wie er es nennt, ein Reflex der damaligen Produktionsverhältnisse. Sie bilden ein Ornament der Masse, das auf eine Rationalisierung von Körpern und Bewegungsabläufen verweist, die geradewegs aus den fragmentierten Arbeitsabläufen in Büro und Fabrik stammt.