von Christof Schmidt
"But if I don't get my desire, then I'll set the plantations on fire"
Gregory Isaacs: Slave Master
"Rationalisierungen hat es (...) auf den verschiedenen Lebensgebieten in höchst verschiedener Art in allen Kulturkreisen gegeben. Charakteristisch für deren kulturgeschichtlichen Unterschied ist erst: welche Sphären und in welcher Richtung sie rationalisiert wurden"
Max Weber: Vorbemerkung zu den "Gesammelten Aufsätzen zur Religionssoziologie"
In der wirkungsmächtigen Tradition des bürgerlichen Humanismus wird die Plantagensklaverei in der Karibik oftmals nicht als historischer Prozeß gedacht, sondern vielmehr als ein Zustand, der diese Gesellschaften gewaltsam vor dem Eindringen der Geschichte abgeschirmt hat. Mit diesem eurozentrischen Begriff der Moderne können die historischen Dynamiken und Determinanten der Sklavereigesellschaften ebenso wenig begriffen werden wie die Prozesse, die in diesen Gesellschaften nach der Sklaverei stattfanden. Das Bild von der Sklaverei als irrationaler Gegenwelt zu dem (bürgerlichen) Konzept der Freiheit war vielmehr die ideologische Grundlage für die Sicherung der Kolonialherrschaft über die Sklaverei hinaus und legitimierte die Expansion des britischen Empires im 19. Jahrhundert im Namen der Freiheit.
Die Sklaverei erlebte ihren Aufschwung in Jamaika im 18. Jahrhundert mit der Ausbreitung des Plantagensystems. Mit dem Beginn des exportorientierten Zuckeranbaus auf großflächigen Plantagen erhöhte sich die Einfuhr afrikanischer Sklaven drastisch[1]. Die Entwicklung dieses Plantagensystems läßt sich grob in zwei Phasen einteilen: Die Aufbau- und Wachstumsphase, in Jamaika ca. zwischen 1730 und 1780, und die Konsolidierungsphase, die bis zur Emanzipation 1833 andauerte. In der ersten Phase waren die Lebensumstände der Sklaven überwiegend katastrophal. Nach dieser Aufbauphase und mit dem Erreichen der Produktionskraft nahm der Anteil der Kreolen an der Sklavenbevölkerung langsam zu und die Kluft zwischen Mortalität und Fertilität und zwischen der Anzahl männlicher und weiblicher Sklaven wurde langsam geringer, was mit den steigenden Sklavenpreisen am Ende des 18. Jahrhunderts und schließlich der Abolition des Sklavenhandels durch die Briten (1807) zunehmend im Interesse der Plantagenbesitzer lag, die in der Regel nicht in Jamaika lebten, sondern als ›absentee landowners‹ mit der ›Westindian Interest‹ eine einflußreiche Lobby in Großbritannien bildeten. Zurück blieben die schlecht bezahlten und mit der Betriebsführung beauftragten weißen Angestellten, die für ihre Brutalität und Inkompetenz von den Abolitionisten, aber auch von vielen Plantagenbesitzer kritisiert wurden, die mit dem Verbot des transatlantischen Sklavenhandels und dem Widerstand der Sklaven, den sie angesichts der Sklavenrevolution in St.-Domingue/Haiti mehr denn je fürchteten, die Zukunft und Rentabilität ihrer Besitzungen in Gefahr sahen. Die sich verändernden Faktoren verlangten nach politischen Maßnahmen, die in die Formierung lokaler Staatlichkeit und verschiedener moderner Institutionen mündeten, ebenso wie nach natürlichem Bevölkerungswachstum, einer geregelten Betriebsführung, technischen Verbesserungen und der Ausbildung von Sklaven für qualifizierte Arbeiten.
Eine enorme Flexibilität des Plantagensystems zeigte sich jedoch vor allem in der Frage der Lebensmittelversorgung. Bereits in den 1720ern verfügte die Mehrheit der Sklaven über eigene Hausgärten (kitchen garden) und Versorgungsfelder (provision ground), die sie über Generationen in Besitz behielten, da sie vererbbar waren, obwohl Sklaven offiziell gar kein Eigentum haben konnten. Die Bereitstellung von Boden für die Sklaven, die 1792 in den ›Consolidated Slave Acts of Jamaica‹ schließlich gesetzlich vorgeschrieben wurde, hatte Vorteile für Sklaven und ihre Herren: Die Sklaven konnten sich ihre Nahrungsversorgung sichern und teilweise sogar Überschüsse produzieren, die Herren hatten dagegen ein kosten- und planungsintensives Problem weniger und konnten mit der Bereitstellung von Boden zudem Fluchten vorbeugen. Normalerweise, d.h. außerhalb der Erntezeit, standen den Sklaven der Sonntag und z.T. der Samstagnachmittag zur freien Verfügung. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden den Sklaven alternative Samstage zugestanden, sog. ›Negro days‹, an denen die Sklaven sich um die Bewirtschaftung ihrer Felder kümmern konnten, die, am Rande der Plantage gelegen, zumeist nicht besonders fruchtbar und schwerer zu kultivieren waren. Trotzdem gelang es den Sklaven, vor allem durch die Arbeitsteilung innerhalb von Sklavenfamilien und -haushalten sogar Überschüsse zu erwirtschaften, wobei diese ›domestic groups‹ oftmals nicht an reale Verwandtschaftsverhältnisse gebunden waren und mehrere Haushalte umfassen konnten. 1832 machte der Lebensmittelanbau der Sklaven auf Jamaika, der zunehmend auch die Grundlage für die Ernährung der Freien vor allem in den Städten geworden war, 27% der gesamten landwirtschaftlichen Produktion aus. Einige Sklaven konnten auch Kleinvieh und sogar Rinder in Gemeinschaftsbesitz halten. Es muß jedoch auch erwähnt werden, daß nicht alle Sklaven an dieser internen Ökonomie partizipierten und auch die Größe der Felder z.T. stark variierte.
"But if I don't get my desire, then I'll set the plantations on fire"
Gregory Isaacs: Slave Master
"Rationalisierungen hat es (...) auf den verschiedenen Lebensgebieten in höchst verschiedener Art in allen Kulturkreisen gegeben. Charakteristisch für deren kulturgeschichtlichen Unterschied ist erst: welche Sphären und in welcher Richtung sie rationalisiert wurden"
Max Weber: Vorbemerkung zu den "Gesammelten Aufsätzen zur Religionssoziologie"
In der wirkungsmächtigen Tradition des bürgerlichen Humanismus wird die Plantagensklaverei in der Karibik oftmals nicht als historischer Prozeß gedacht, sondern vielmehr als ein Zustand, der diese Gesellschaften gewaltsam vor dem Eindringen der Geschichte abgeschirmt hat. Mit diesem eurozentrischen Begriff der Moderne können die historischen Dynamiken und Determinanten der Sklavereigesellschaften ebenso wenig begriffen werden wie die Prozesse, die in diesen Gesellschaften nach der Sklaverei stattfanden. Das Bild von der Sklaverei als irrationaler Gegenwelt zu dem (bürgerlichen) Konzept der Freiheit war vielmehr die ideologische Grundlage für die Sicherung der Kolonialherrschaft über die Sklaverei hinaus und legitimierte die Expansion des britischen Empires im 19. Jahrhundert im Namen der Freiheit.
Die Sklaverei erlebte ihren Aufschwung in Jamaika im 18. Jahrhundert mit der Ausbreitung des Plantagensystems. Mit dem Beginn des exportorientierten Zuckeranbaus auf großflächigen Plantagen erhöhte sich die Einfuhr afrikanischer Sklaven drastisch[1]. Die Entwicklung dieses Plantagensystems läßt sich grob in zwei Phasen einteilen: Die Aufbau- und Wachstumsphase, in Jamaika ca. zwischen 1730 und 1780, und die Konsolidierungsphase, die bis zur Emanzipation 1833 andauerte. In der ersten Phase waren die Lebensumstände der Sklaven überwiegend katastrophal. Nach dieser Aufbauphase und mit dem Erreichen der Produktionskraft nahm der Anteil der Kreolen an der Sklavenbevölkerung langsam zu und die Kluft zwischen Mortalität und Fertilität und zwischen der Anzahl männlicher und weiblicher Sklaven wurde langsam geringer, was mit den steigenden Sklavenpreisen am Ende des 18. Jahrhunderts und schließlich der Abolition des Sklavenhandels durch die Briten (1807) zunehmend im Interesse der Plantagenbesitzer lag, die in der Regel nicht in Jamaika lebten, sondern als ›absentee landowners‹ mit der ›Westindian Interest‹ eine einflußreiche Lobby in Großbritannien bildeten. Zurück blieben die schlecht bezahlten und mit der Betriebsführung beauftragten weißen Angestellten, die für ihre Brutalität und Inkompetenz von den Abolitionisten, aber auch von vielen Plantagenbesitzer kritisiert wurden, die mit dem Verbot des transatlantischen Sklavenhandels und dem Widerstand der Sklaven, den sie angesichts der Sklavenrevolution in St.-Domingue/Haiti mehr denn je fürchteten, die Zukunft und Rentabilität ihrer Besitzungen in Gefahr sahen. Die sich verändernden Faktoren verlangten nach politischen Maßnahmen, die in die Formierung lokaler Staatlichkeit und verschiedener moderner Institutionen mündeten, ebenso wie nach natürlichem Bevölkerungswachstum, einer geregelten Betriebsführung, technischen Verbesserungen und der Ausbildung von Sklaven für qualifizierte Arbeiten.
Eine enorme Flexibilität des Plantagensystems zeigte sich jedoch vor allem in der Frage der Lebensmittelversorgung. Bereits in den 1720ern verfügte die Mehrheit der Sklaven über eigene Hausgärten (kitchen garden) und Versorgungsfelder (provision ground), die sie über Generationen in Besitz behielten, da sie vererbbar waren, obwohl Sklaven offiziell gar kein Eigentum haben konnten. Die Bereitstellung von Boden für die Sklaven, die 1792 in den ›Consolidated Slave Acts of Jamaica‹ schließlich gesetzlich vorgeschrieben wurde, hatte Vorteile für Sklaven und ihre Herren: Die Sklaven konnten sich ihre Nahrungsversorgung sichern und teilweise sogar Überschüsse produzieren, die Herren hatten dagegen ein kosten- und planungsintensives Problem weniger und konnten mit der Bereitstellung von Boden zudem Fluchten vorbeugen. Normalerweise, d.h. außerhalb der Erntezeit, standen den Sklaven der Sonntag und z.T. der Samstagnachmittag zur freien Verfügung. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden den Sklaven alternative Samstage zugestanden, sog. ›Negro days‹, an denen die Sklaven sich um die Bewirtschaftung ihrer Felder kümmern konnten, die, am Rande der Plantage gelegen, zumeist nicht besonders fruchtbar und schwerer zu kultivieren waren. Trotzdem gelang es den Sklaven, vor allem durch die Arbeitsteilung innerhalb von Sklavenfamilien und -haushalten sogar Überschüsse zu erwirtschaften, wobei diese ›domestic groups‹ oftmals nicht an reale Verwandtschaftsverhältnisse gebunden waren und mehrere Haushalte umfassen konnten. 1832 machte der Lebensmittelanbau der Sklaven auf Jamaika, der zunehmend auch die Grundlage für die Ernährung der Freien vor allem in den Städten geworden war, 27% der gesamten landwirtschaftlichen Produktion aus. Einige Sklaven konnten auch Kleinvieh und sogar Rinder in Gemeinschaftsbesitz halten. Es muß jedoch auch erwähnt werden, daß nicht alle Sklaven an dieser internen Ökonomie partizipierten und auch die Größe der Felder z.T. stark variierte.