Strategische Rahmenbedingungen und taktische Manöver, die durch logistische Netze miteinander verbunden sind, finden sich – mit Konrads treffenden Worten – zu einer „unendlichen Spirale wechselseitiger Antizipation“[17] verflochten. Oder in autonomen Begriffen gesprochen: Kapital und Staat arbeiten an der Antizipation neuer Formen der Subversion, damit deren Energien in neue Mechanismen übersetzt werden können, die der Kapitalakkumulation und Regierung dienen. Diejenigen, die diesen Prozess sabotieren möchten, müssen in gleicher Weise den künftigen Auflösungs- und Vereinnahmungsprozess antizipieren, um ihn umzulenken und zu verhindern. Diese Abschirmung und Verschleierung herleitbarer Entscheidungsfindung, die Schichtung und Codierung strategischer Operationen und Erscheinungen bedeutet die Entwicklung einer Kunst der Undercommons. Es handelt sich um eine Kunst, die nicht ihr ganzes subversives Wissen öffentlich deklariert und preisgibt oder ein neues Regime des Sinnlichen verkündet, wie dies in der Geschichte von Avantgarde-Deklarationen der Fall war. Wenn also Brian Holmes sagt, dass, wer über Politik in einem künstlerischen Rahmen redet, lügt[18], so ist das in gewisser Weise keine Kritik, sondern auch eine Einführung in das Potenzial einer künstlerischen Politik, die sich um diese Dynamiken der Täuschung herum ausbildet.
Unter den Commons
„Der erste Akt der Selbstorganisierung in den Undercommons ist eine Subjektivierungsverweigerung durch – und nur durch – Selbstorganisierung. Für uns ist diese Desidentifikation durch Selbstorganisierung auch nicht eine Grundvoraussetzung für das, was Toni Negri die gemeinsame Gestaltung [gestione] der Commons nennt, sondern sie ist das Potenzial dieser Organisierung.“[19]
Es ist diese strategische Notwendigkeit, die Intentionen sowie die Formen des Wissens und Verstehens subversiver Tätigkeit zu verschleiern, auf die eine Herangehensweise an Strategie als Klugheit hindeutet. Es handelt sich um eine Notwendigkeit insbesondere für künstlerisch-politisch-mediale Interventionen, die – wie wir nur zu gut und paradoxerweise doch nicht gut genug gelernt haben – entscheidende Arenen für die Auflösung und Vereinnahmung subversiver Energien sind. Es ginge nicht um eine Kunst der Öffentlichkeit, das heißt eines angenommenen oder vorgegebenen Publikums, sondern um eine Kunst der Undercommons: eine strategische Neufassung künstlerisch-politischer Interventionen, die sich um die sehr ernst genommene Frage herum entfaltet, mit wem man kommuniziert und warum. Es ließe sich darüber im Sinne einer relationaler Ästhetik nachdenken, die – anstatt auf den Raum der Galerie eingegrenzt zu sein – durch einen infrapolitischen und alltäglichen Bereich hindurch operiert und dabei durch die Gestaltung von Beziehungen in diesem Raum immanente Punkte der strategischen Konvergenz ausbildet. Oder noch besser: Es handelt sich um die Formierung des Raumes selbst.
Der Begriff der Undercommons rührt aus den Schriften von Fred Moten und Stefano Harney, die Theoretisierungen von Leuten wie Robin D. G. Kelley und James Scott aufgreifen; diese beziehen sich auf Fragen der Codierung, der Täuschung und der Ausweichbewegungen, welche zu den Widerstandsformen von LandarbeiterInnen, entlaufenen SklavInnen und anderen Bevölkerungen gehörten, die das mit einer offenen Äußerung ihrer Absichten oder Ideen verbundene Risiko nicht auf sich nehmen konnten.[20] Dies ist in der Tat eine Position, die von der Arbeitsverortung vieler politischer KünstlerInnen und MedienproduzentInnen (wenn auch nicht aller) sehr verschieden ist. Und doch kann von diesem Ansatz etwas gelernt werden. Wenn das Problem autonomer kultureller und künstlerischer Produktion darin besteht, dass sie zu viel preisgibt und sich so unbeabsichtigterweise dem Prozess der Vereinnahmung und Auflösung öffnet, dann könnte eine strategische Orientierung, die einen Umgang mit dieser Dynamik sucht, vielleicht von den codierenden und verschleiernden Dynamiken infrapolitischer Intervention und der Ausformung der Undercommons lernen. Und während die Undercommons in der Perspektive des Kapitals die nicht anerkannte Selbstorganisierung der Verachteten, Abgeschriebenen und Asozialen darstellen, sind sie in einer autonomen Perspektive etwas ganz und gar anderes: die Selbstorganisierung der Unvereinbaren. Sie verkörpern einen Prozess der selbstorganisierten Desidentifikation, in dem das Wissen der Subversion innerhalb des parallelen, unterirdischen Terrains gehalten wird, anstatt zum Teil aufgezwungener halluzinatorischer Muster des Staates zu werden.
Konrads Zugang zur Strategie arbeitet in dieser Richtung und gegen sie, und er opfert dabei einige tote Säulenheilige seiner eigenen Durchkreuzung der Pfade der gegenwärtigen europäischen Wüste. Diese Analyse selbst ist durch den sich ausbreitenden Strom seiner Prosa hindurch verstreut, aber sie tritt in bestimmten Momenten deutlich hervor; etwa wenn er den preußischen Soldaten und Militärstrategen Dietrich Heinrich von Bülow zitiert mit der Aussage: „Eine Strategie ist die Wissenschaft von Militärbewegungen außerhalb des Gesichtsfelds des Feindes; Taktik spielt sich innerhalb dieses Feldes ab.“ In der Tat – und damit taucht die Frage der Strategie wieder auf, und zwar buchstäblich, und nicht als eine Frage, in der Taktiken Bestandteile in der Ausbildung einer überwölbenden Strategie sind (was sie in gewisser Weise sind) oder Bestandteile, die wesenhaft mit der Dynamik von Herrschaft oder Widerstand (je nach dominanter Charakteristik) verbunden sind, sondern als eine Unterscheidung, die eher auf Sichtbarkeitsfeldern und Fassungskraft basiert. Ein strategischer Ansatz, der sich über eine Logik der (Un-)Sichtbarkeit definiert, ist die Bedingung der Klugheit, wenn – wie Konrad argumentiert – die Macht, die gerade durch ihre Sichtbarkeit gebunden ist, den Bedingungen der Fähigkeit, unsichtbar zu bleiben, taktische Vorteile bietet. Es handelt sich, wie Roger Farr anhand ihrer Erscheinungsformen in der anarchistischen Poetik erkundet hat, um eine Strategie der Verbergung.[21]
Es ist somit nicht notwendig, dass Strategie direkt mit der Anwendung von Kraft beschäftigt ist; sie ist vielmehr ein Verstehen der Kräftedynamik in Bewegung, der Bewegung des Werdens und Entwerdens, die im Spiel sind, sowie die Anwendung dieser Dynamiken in der immanenten Komposition einer politischen Möglichkeit. Konrads Arbeit zeigt, dass die strategische Operation des Infrapolitischen auch im Herzen des Staates und innerhalb der Logik des Regierens am Werk ist, in den anhaltenden Versuchen, die infopolitischen und medienspektakulären Mechanismen zu stützen, durch die fortdauernde Formen der Herrschaft zusammengehalten werden. Aber diese strategischen Formen der Staatskunst sind selbst ephemer und prekär, sie bedürfen der ständigen Aufrechterhaltung und Stützung durch kulturelles Engineering. Staats- und Regierungskunst müssen ihren eigenen Raum ständig neu erschaffen (und in diesem Sinn hat de Certeau bezüglich des Verhältnisses zwischen Strategie und Raum vielleicht recht). Das Regieren ist mithin stets auf eine neue Lösung im Hinblick auf dieses Problem angewiesen, mag es dabei von Giordano Brunos Techniken der libidinösen Bindung und Informationsmodulation oder von antagonistischen sozialen Bewegungen und Energien lernen oder auch neue Verschwörungsängste heraufbeschwören, die gegen jene gerichtet sind, die den Bereich der Undercommons bewohnen.
In seinem Postskriptum zum Strategic Reality Dictionary weist das Critical Art Ensemble auf folgenden Widerspruch hin: Die Klasse der IngenieurInnen der Wirklichkeit ist gefangen zwischen den Mächten des Messbaren und Physischen und den Techniken der Modulation von Einbildungskraft, Begehren und Kreativität, die stets kontrolliert werden müssen, damit die Regierungsapparate weiterhin funktionieren. Im heutigen kognitiven Kapitalismus, jener Krankheit, die vorgibt, die Therapie zu sein (gewiss die treffendste Charakterisierung, die jemals gegeben wurde), drängen und verlangen diese Mechanismen danach, dass wir alles preisgeben, was wir wissen, ob dies dadurch geschieht, dass man „Spaß an der Arbeit“ hat, durch partizipatorische Arbeitsteams, in Kulturquartieren, durch die früheren Radikalen, die „vernünftig“ geworden sind und den Geist ihrer früheren Subversion aufgegeben haben, oder durch die Einspeisung von Antagonismus in Bildkapital. Eine Kunst der Undercommons gibt den Strategien der medialen und kulturellen Intervention eine neue Orientierung und formiert sich um die Klugheit, nicht zu viel preiszugeben, diese Wissensformen nicht der Ernte zu öffnen. Die Kunst der Undercommons ist die Klugheit, Welten zu erschaffen und dabei subversive Wissensformen gegenüber der Vereinnahmung zu verschleiern. Wenn es darum geht, dass subversive Bewegungen ihr Potenzial bewahren, können wir nur hoffen, dass sie nicht Widerstandsritualen und Unbedenklichkeiten verfallen, durch Gesten, die „mehrdeutige Ströme von sozialen Kontinua in gesonderte und verarbeitbare Kategorien verwandeln“[23]. Wir können nur auf die Entwicklung der Klugheit hoffen, die um den Unterschied weiß.
http://eipcp.net/transversal/0311/shukaitis/de
Unter den Commons
„Der erste Akt der Selbstorganisierung in den Undercommons ist eine Subjektivierungsverweigerung durch – und nur durch – Selbstorganisierung. Für uns ist diese Desidentifikation durch Selbstorganisierung auch nicht eine Grundvoraussetzung für das, was Toni Negri die gemeinsame Gestaltung [gestione] der Commons nennt, sondern sie ist das Potenzial dieser Organisierung.“[19]
Es ist diese strategische Notwendigkeit, die Intentionen sowie die Formen des Wissens und Verstehens subversiver Tätigkeit zu verschleiern, auf die eine Herangehensweise an Strategie als Klugheit hindeutet. Es handelt sich um eine Notwendigkeit insbesondere für künstlerisch-politisch-mediale Interventionen, die – wie wir nur zu gut und paradoxerweise doch nicht gut genug gelernt haben – entscheidende Arenen für die Auflösung und Vereinnahmung subversiver Energien sind. Es ginge nicht um eine Kunst der Öffentlichkeit, das heißt eines angenommenen oder vorgegebenen Publikums, sondern um eine Kunst der Undercommons: eine strategische Neufassung künstlerisch-politischer Interventionen, die sich um die sehr ernst genommene Frage herum entfaltet, mit wem man kommuniziert und warum. Es ließe sich darüber im Sinne einer relationaler Ästhetik nachdenken, die – anstatt auf den Raum der Galerie eingegrenzt zu sein – durch einen infrapolitischen und alltäglichen Bereich hindurch operiert und dabei durch die Gestaltung von Beziehungen in diesem Raum immanente Punkte der strategischen Konvergenz ausbildet. Oder noch besser: Es handelt sich um die Formierung des Raumes selbst.
Der Begriff der Undercommons rührt aus den Schriften von Fred Moten und Stefano Harney, die Theoretisierungen von Leuten wie Robin D. G. Kelley und James Scott aufgreifen; diese beziehen sich auf Fragen der Codierung, der Täuschung und der Ausweichbewegungen, welche zu den Widerstandsformen von LandarbeiterInnen, entlaufenen SklavInnen und anderen Bevölkerungen gehörten, die das mit einer offenen Äußerung ihrer Absichten oder Ideen verbundene Risiko nicht auf sich nehmen konnten.[20] Dies ist in der Tat eine Position, die von der Arbeitsverortung vieler politischer KünstlerInnen und MedienproduzentInnen (wenn auch nicht aller) sehr verschieden ist. Und doch kann von diesem Ansatz etwas gelernt werden. Wenn das Problem autonomer kultureller und künstlerischer Produktion darin besteht, dass sie zu viel preisgibt und sich so unbeabsichtigterweise dem Prozess der Vereinnahmung und Auflösung öffnet, dann könnte eine strategische Orientierung, die einen Umgang mit dieser Dynamik sucht, vielleicht von den codierenden und verschleiernden Dynamiken infrapolitischer Intervention und der Ausformung der Undercommons lernen. Und während die Undercommons in der Perspektive des Kapitals die nicht anerkannte Selbstorganisierung der Verachteten, Abgeschriebenen und Asozialen darstellen, sind sie in einer autonomen Perspektive etwas ganz und gar anderes: die Selbstorganisierung der Unvereinbaren. Sie verkörpern einen Prozess der selbstorganisierten Desidentifikation, in dem das Wissen der Subversion innerhalb des parallelen, unterirdischen Terrains gehalten wird, anstatt zum Teil aufgezwungener halluzinatorischer Muster des Staates zu werden.
Konrads Zugang zur Strategie arbeitet in dieser Richtung und gegen sie, und er opfert dabei einige tote Säulenheilige seiner eigenen Durchkreuzung der Pfade der gegenwärtigen europäischen Wüste. Diese Analyse selbst ist durch den sich ausbreitenden Strom seiner Prosa hindurch verstreut, aber sie tritt in bestimmten Momenten deutlich hervor; etwa wenn er den preußischen Soldaten und Militärstrategen Dietrich Heinrich von Bülow zitiert mit der Aussage: „Eine Strategie ist die Wissenschaft von Militärbewegungen außerhalb des Gesichtsfelds des Feindes; Taktik spielt sich innerhalb dieses Feldes ab.“ In der Tat – und damit taucht die Frage der Strategie wieder auf, und zwar buchstäblich, und nicht als eine Frage, in der Taktiken Bestandteile in der Ausbildung einer überwölbenden Strategie sind (was sie in gewisser Weise sind) oder Bestandteile, die wesenhaft mit der Dynamik von Herrschaft oder Widerstand (je nach dominanter Charakteristik) verbunden sind, sondern als eine Unterscheidung, die eher auf Sichtbarkeitsfeldern und Fassungskraft basiert. Ein strategischer Ansatz, der sich über eine Logik der (Un-)Sichtbarkeit definiert, ist die Bedingung der Klugheit, wenn – wie Konrad argumentiert – die Macht, die gerade durch ihre Sichtbarkeit gebunden ist, den Bedingungen der Fähigkeit, unsichtbar zu bleiben, taktische Vorteile bietet. Es handelt sich, wie Roger Farr anhand ihrer Erscheinungsformen in der anarchistischen Poetik erkundet hat, um eine Strategie der Verbergung.[21]
Es ist somit nicht notwendig, dass Strategie direkt mit der Anwendung von Kraft beschäftigt ist; sie ist vielmehr ein Verstehen der Kräftedynamik in Bewegung, der Bewegung des Werdens und Entwerdens, die im Spiel sind, sowie die Anwendung dieser Dynamiken in der immanenten Komposition einer politischen Möglichkeit. Konrads Arbeit zeigt, dass die strategische Operation des Infrapolitischen auch im Herzen des Staates und innerhalb der Logik des Regierens am Werk ist, in den anhaltenden Versuchen, die infopolitischen und medienspektakulären Mechanismen zu stützen, durch die fortdauernde Formen der Herrschaft zusammengehalten werden. Aber diese strategischen Formen der Staatskunst sind selbst ephemer und prekär, sie bedürfen der ständigen Aufrechterhaltung und Stützung durch kulturelles Engineering. Staats- und Regierungskunst müssen ihren eigenen Raum ständig neu erschaffen (und in diesem Sinn hat de Certeau bezüglich des Verhältnisses zwischen Strategie und Raum vielleicht recht). Das Regieren ist mithin stets auf eine neue Lösung im Hinblick auf dieses Problem angewiesen, mag es dabei von Giordano Brunos Techniken der libidinösen Bindung und Informationsmodulation oder von antagonistischen sozialen Bewegungen und Energien lernen oder auch neue Verschwörungsängste heraufbeschwören, die gegen jene gerichtet sind, die den Bereich der Undercommons bewohnen.
In seinem Postskriptum zum Strategic Reality Dictionary weist das Critical Art Ensemble auf folgenden Widerspruch hin: Die Klasse der IngenieurInnen der Wirklichkeit ist gefangen zwischen den Mächten des Messbaren und Physischen und den Techniken der Modulation von Einbildungskraft, Begehren und Kreativität, die stets kontrolliert werden müssen, damit die Regierungsapparate weiterhin funktionieren. Im heutigen kognitiven Kapitalismus, jener Krankheit, die vorgibt, die Therapie zu sein (gewiss die treffendste Charakterisierung, die jemals gegeben wurde), drängen und verlangen diese Mechanismen danach, dass wir alles preisgeben, was wir wissen, ob dies dadurch geschieht, dass man „Spaß an der Arbeit“ hat, durch partizipatorische Arbeitsteams, in Kulturquartieren, durch die früheren Radikalen, die „vernünftig“ geworden sind und den Geist ihrer früheren Subversion aufgegeben haben, oder durch die Einspeisung von Antagonismus in Bildkapital. Eine Kunst der Undercommons gibt den Strategien der medialen und kulturellen Intervention eine neue Orientierung und formiert sich um die Klugheit, nicht zu viel preiszugeben, diese Wissensformen nicht der Ernte zu öffnen. Die Kunst der Undercommons ist die Klugheit, Welten zu erschaffen und dabei subversive Wissensformen gegenüber der Vereinnahmung zu verschleiern. Wenn es darum geht, dass subversive Bewegungen ihr Potenzial bewahren, können wir nur hoffen, dass sie nicht Widerstandsritualen und Unbedenklichkeiten verfallen, durch Gesten, die „mehrdeutige Ströme von sozialen Kontinua in gesonderte und verarbeitbare Kategorien verwandeln“[23]. Wir können nur auf die Entwicklung der Klugheit hoffen, die um den Unterschied weiß.
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