Der Ornamentbegriff in der Renaissance
In Anlehnung an Vitruv schreibt der Architekt und Theoretiker
Leone Battista Alberti in seiner „De re aedificatoria“ („Über die
Baukunst“, 1452): „In tota re aedificatoria primarium certe ornamentum
in columnis est.“ Säulen sind also für Alberti in einem Ornamentbegriff
als Schmuck des Baus eingeschlossen. (Buch 6, Seite 2). Weiter definiert
er auch figürliche Wandmalerei als Teil dieses „Bauschmucks“.
Der Ornamentbegriff im Barock
Der Kunsttheoretiker und Künstlerbiograf Filippo Baldinucci schrieb
in seinem 1681 in Florenz erschienenen „Vocabolario Toscano dell’arte
del Disegno“ („Toskanisches Inventar von der Kunst des Entwurfs“):
„Abellimento, e dicesi propriamente dicose materiali, che si aggiungiono
intorno che che sia, per farlo vage e belle.“ („Verzierung nenne ich
es, wenn Materialien zum Gegebenen hinzukommen, um es schön und
eigenartig zu machen.“)
In Frankreich ist der Begriff ornemens gleich dem lateinischen
ornamentum zu setzen und taucht in der Kunstliteratur seit dem 16.
Jahrhundert auf.
Im deutschen Sprachraum sind die Begriffe Zierrat, Zierung,
Beizier bis ins 19. Jahrhundert vorherrschend, so z.B. schon in der
ersten deutschen Ausgabe Vitruvs, übersetzt von Walter Rivius (auch
Walter Ryff, „Vitruvius Teutsch“, Nürnberg, 1548), in der es in Buch 4,
Kapitel 2, heißt: „Columnen, sampt deren etlichen angehorigen theil
glidern und ornamenten oder zierungen.“
Im wichtigsten deutschen enzyklopädischen Lexikon des Barock, im
„Grossen vollständigen Universal-Lexicon Aller Wissenschafften und
Künste“ von Johann Heinrich Zedler (1732 ), findet sich der Verweis
„Ornamentum siehe Zierrath“ und die Definition: „Schmuck, Putz, Ornat,
Zierrath, Ornatus oder Ornamentum, heißt überhaupt alles dasjenige, was
zwar auf dem Leibe, nicht aber so wohl zu nötiger Bedeckung desselben
als vielmehr nur zum Staate und Pracht getragen wird.“ (Band 35, Spalte
471)In der kritischen europäischen Ornamentdebatte des 18. Jahrhunderts,
wesentlich von den Akademien ausgetragen, wurde den Ornamenten
schließlich ein Eigenwert zugestanden, der sie aus der Rolle einer eher
untergeordneten Kunstgattung befreite.
Abgrenzung Muster / Dekoration
Das Muster ist eine einfache
Linienkomposition, die von Ornamenten abgeleitet sein kann, wie zum
Beispiel der griechische Mäander.
Als Dekoration hingegen bezeichnet man eine objektgebundene
Flächenkomposition aus einzelnen Ornamenten. Ornament und Dekoration
stehen einander spannungsreich gegenüber. Das Ornament ist ungebunden
und frei versetzbar, die Dekoration an die durch das Objekt vorgegebene
Fläche streng gebunden. Während das Ornament als stilisiertes
Einzelmotiv in beliebiger Wiederholung auftreten kann, bildet die
Dekoration eine ausgewogene Gesamtkomposition. Die Dekoration unterliegt
zeitgebundenen Variationen und Veränderungen, das Ornament einer
strengen Tradition. Daraus ergibt sich, dass mit nahezu gleich
bleibenden Ornamenten höchst verschiedenartige, stilistisch wandelbare
Dekorationen gestaltet werden können.
Ornament und Rhetorik
Bei Vitruv und Alberti leuchtet die
schon in der griechischen Antike gegebene Herkunft des Ornamentbegriffs
aus der Rhetorik durch. Es besteht eine Verbindung zum rhetorischen
ornatus unter dem Eindruck des Horaz’schen „Ut pictura poesis erit“
(„Dichtung ist wie Malerei“), das heißt der Begriff wird über Redekunst
und Dichtung hinaus auf die Architektur und die bildenden Künste im
allgemeinen angewendet, in der frühen Neuzeit vor allem aus dem Geist
des Humanismus heraus. So lässt sich die Integration der Baudetails in
die Ornamentik in der Neuzeit erklären, besonders bei Alberti, der ja
selbst aus der Dichtung seinen Weg zur Kunsttheorie fand.
Der römische Rhetor Quintilian legte in der 1415 von Poggio
Bracciolini in der Bibliothek des Klosters Sankt Gallen für die Neuzeit
wieder entdeckten „Institutio oratoria“ (92–96 n. Chr.) fest: „Das
Geschmückte ist alles, was mehr ist als nur klar und genau.“ Schmuck
wird so als das Wesentliche eines Kunstwerks herausgehoben, acutum
(Witz), nitidum (Glanz), copiosum (Fülle), hilare (Lebhaftigkeit),
iucundum (Charme), accuratum (Sorgfalt) werden als die Komponenten der
gratia bei Quintilian genannt, die in seiner Sicht eine Rede zum
Kunstwerk macht.
Derartige Begrifflichkeiten werden bis ins 18. Jahrhundert
außerrhetorische Kunsturteile mitbestimmen. Die Ornamentik wird auf
diese Weise auch zu einer Art Sprache, dem gebildeten Betrachter in
ihrer Rhetorik verständlich.