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05.07.2015

Migration und Freiheit

Flusser hat aus dieser Lebensparabel, die von vielfachen Brüchen geprägt war, im Laufe der 80er Jahre eine eigene Philosophie der Migration entwickelt. Grundlage dieser Philosophie der Migration ist das Umschlagen des Exils in Freiheit, in eine doppelte Freiheit: die Freiheit von der Verstrickung in die eigene Kultur und die Freiheit, neue Wahlverwandtschaften zu knüpfen. In Flussers Philosophie der Migration steht der zwanghaften, meist unbewussten Verwurzelung die befreiende selbstbewusste Vernetzung gegenüber. Diese Vorstellung kommt im Begriff der Bodenlosigkeit zum Ausdruck: man ist zwar im Exil ohne angestammten Boden, weil man den früheren Boden, in dem man verwurzelt war, verloren hat, man ist aber zugleich von diesem früheren Boden befreit, man ist diesen Boden los. Im Essay Wohnung beziehen in der Heimatlosigkeit versucht Flusser, diese gewohnheitsmäßige Verstrickung in die eigene Kultur anhand einer Metapher einzufangen, einer Metapher, die ohne die Vorstellung der Wurzel und der Verwurzelung auskommt, und doch auf das Faserige, Fesselnde verweist, auf die Schmerzen des Zerreißens und Zerschneidens. „Es sind zumeist geheime Fasern, die den Beheimateten an die Menschen und Dinge der Heimat fesseln. Sie reichen über das Bewußtsein der Erwachsenen hinaus in kindliche, infantile, wahrscheinlich sogar in fötale und transindividuelle Regionen […]. Ein prosaisches Beispiel: Das tschechische Gericht svichova (Lendenbraten) erweckt in mir schwer zu analysierende Gefühle, denen das deutsche Wort ‘Heimweh’ gerecht wird.“