Posts mit dem Label judith butler werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label judith butler werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

21.08.2016

Verschränkungen: Mit Karen Barad den Messvorgang verstehen

Von Joachim Schulz
Philosophie und Physik gehören zusammen. Nicht nur weil sie gemeinsame Wurzeln haben, sondern weil die Physik einen gewissen Anspruch an Objektivität hat, der nicht innerhalb der Physik geklärt werden kann. Schon öfter habe ich hier darüber geschrieben, wie ich Physik verstehe und welche philosophischen Standpunkte ich für nachvollziehbar, welche für eher weit hergeholt halte.
Durch die Bloggerin Khaos.kind bin ich vor einiger Zeit auf eine Philosophin aufmerksam geworden, deren Ideen ich sehr überzeugend finde. Karen Barad zieht aus den Erkenntnissen der Quantenmechanik, also aus dem Vorhandensein von Verschränkung und Unschärfe in Messprozessen, über die Quantenmechanik hinaus anwendbare Lehren. Ihr Programm ist es, eine Erkenntnistheorie zu schaffen, die den Messprozess als Teil wissenschaftlicher Arbeit ernst nimmt ohne in einen Anthropozentrismus abzugleiten, der menschlichem Bewusstsein eine besondere Bedeutung für den Messprozess zuschreibt.
Der Anthropozentrismus im Messprozess führt bei der Interpretation der Quantenmechanik oft zu Problemen. Wenn wir zum Beispiel davon ausgehen, dass das menschliche Bewusstsein und nicht der Messprozess bei der Schrödingerkatze zum Zusammenbruch der Wellenfunktion führt, dann sind wir nicht weit von esoterischem Unfug wie Quantenheilung und Gedankenverschränkung entfernt. (Ich muss nicht erläutern, warum es unnötig ist, Effekte zu erklären, die es nicht gibt…)
Versuchen wir uns aber daran, eine vom Menschen unabhängige Erklärung der Messung zu entwerfen, bekommen wir die Schwierigkeit, dass sich keine Grenzen ziehen lassen. Das eigentliche Problem, auf das Erwin Schrödinger mit seinem Gedankenexperiment aufmerksam machte, ist dass sich keine Grenze zwischen der klassischen Mechanik und der Quantenmechanik angeben lässt. Wenn wir die Überlagerung von Wellenfunktionen im Atom ernst nehmen, gibt es keinen Grund, die Überlagerung von tot und lebendig bei einer Katze abzulehnen.


Das Beugungsbild eines HeNe-Lasers am Einzelspalt entsteht nicht durch Photonen, sondern durch einen komplexen Experimentaufbau.
Karen Barad weist in ihrem Buch Meeting the Universe Halfway: Quantum Physics and the Entanglement of Matter and Meaning einen interessanten Weg aus diesem Dilemma: Probleme dieser Art entstehen erst dadurch, dass wir künstlich Dualismen schaffen. Diese Dualismen stellt Barad infrage. Es ist kein Wunder, dass es Probleme gibt, wenn wir versuchen, die Grenze zwischen Naturvorgang und Experiment, zwischen Natur und Technik, zwischen Apparatur und Beobachtung oder eben zwischen Quantenwelt und klassischer Welt zu finden. Diese Grenzen gibt es a priori gar nicht.
Ob ein Quantenzustand, der in einem Experiment wie ein Teilchen reagiert und in einem anderen wie eine Welle, in Wahrheit Teilchen oder Welle ist, wäre nur eine sinnvolle Frage, wenn der Quantenzustand unabhängig von seiner Messung existieren würde. Es gibt aber keine von Messungen unabhängige Physik. Der Messvorgang ist ein unverzichtbarer Teil des Geschehens und kann im allgemeinen nicht ignoriert werden. Ohne Messung gäbe es vielleicht auch einen Quantenzustand, das wäre aber nicht derselbe, wie der im Experiment.
Barad führt zur Beschreibung dieser Abhängigkeiten den Begriff der Intraaktion im Gegensatz zur Interaktion ein. Es gibt nicht ein Quantenobjekt und einen davon unabhängigen Experimentaufbau, die miteinander wechselwirken also interagieren. Es gibt nur einen Vorgang mit internen Intraaktionen. Dass wir im Doppelspaltexperiment ohne Weginformation die Elektronen als Wellen, mit Weginformation aber als Teilchen messen, liegt nicht daran, dass der Messaufbau die eigentlich unabhängigen Elektronen beeinflusst. Vielmehr haben wir es mit verschiedenen Phänomenen zu tun, die sich grundlegend in ihren Voraussetzungen und Randbedingungen unterscheiden. Dieser Blick auf physikalisches Experimentieren als Gesamtvorgang erscheint mir hilfreich zum Verständnis der Quantenmechanik.

Mestiza/Malinche

Mestiza/Malinche

01.06.2014

Die Desintegration von Monique Wittig


Grundthese Monique Wittigs ist, dass die Einteilung in zwei Geschlechter nicht nur, wie bei Simone de Beauvoir, für das soziale (gender), sondern auch für das biologische Geschlecht (sex) zurückzuweisen ist. Die Begriffe Frau und Mann seien Ausdruck einer aufgezwungenen Heterosexualität. Aus diesem Grund ist der biologische Körper nicht männlich oder weiblich, sondern wird dies sekundär, durch die geschlechtlich bestimmte Bezeichnungsweise. In diesem Sinne stellt Wittig dar, dass die Lesbe keine Frau ist, da sie die Kategorie Frau aufbricht oder unterläuft und somit nicht mehr entsprechend kategorisiert werden könne. Wittig intendiert, die Sprache vollkommen zu verändern, um jenseits der Geschlechter-Kategorien denken zu können. Wird der biologische Körper in männlich und weiblich eingeteilt, indem z. B. seine Genitalien benannt werden, so wird er laut Wittig nicht etwa vereinheitlicht, sondern fragmentiert, denn er wird damit erogen auf diese Teile festgelegt, aufgesplittert und reduziert. Der sexuell eingeteilte Körper ist „Zeichen der Fragmentierung, Einschränkung und Herrschaft.“[16]
Wittig sieht Sprache als Machtinstrument der männlichen Schicht an. Das sprechende Subjekt ist immer ein männliches. Frauen, Lesben, Schwule und andere können keine Sprecherposition in diesem System annehmen. Sprache baut ihre Herrschaft durch ständige Wiederholung lokutionärer Akte auf, die zur Institutionalisierung der Geschlechtertrennung und -herrschaft führen. Dabei gilt für Wittig jedoch, offenbar in Anlehnung an Lacan, dass nur Frauen ein Geschlecht zugewiesen bekommen, während Männer „als universale Personen an diesem System teilhaben.“[17] Frauen sind, nach Simone de Beauvoir, in einem weiblichen „Zirkel der Immanenz“ gefangen. „Männer und Frauen sind politische Kategorien und keine natürlichen Tatsachen.“[18] Demnach gäbe es keine 'weibliche Natur', was wir intuitiv als natürlich ansehen, ist konstruiert. Ausweg aus diesem Herrschaftssystem sieht Wittig in der Formbarkeit der Sprache. Frauen sollten die männlich belegte Subjektposition ein- und übernehmen. Diese Inbesitznahme bedeute den praktischen Zusammenbruch der Kategorie des Geschlechts. Sobald eine Frau ich sagt, wird sie gemäß Wittig „für sich selbst ein totales – d. h. geschlechtlich unbestimmtes (ungendered), universales, ganzes Subjekt“.[19]
Butler sieht in Wittigs Theorie zwei Ebenen der Realität oder zwei Ordnungen der Ontologie: die gesellschaftlich konstituierte Annahme von Wirklichkeit aus einer grundlegenden Seinsverfassung und eine vorgesellschaftliche Ontologie einheitlicher und gleicher Personen.[20] Sie ordnet Wittigs politisches Projekt daher in den „Kontext des traditionellen Diskurses der Ontotheologie“ ein, da Wittig die Sprache als universal und „das Sein als Sein nicht geteilt“ ansieht. Nach Wittig erfordere das Sprechen „eine bruchlose Identität aller Dinge“. Sie stehe damit im Gegensatz zu Jacques Derrida, für den alle Bezeichnungen auf einer operationellen Différance basieren.[21]