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20.08.2016
Radioscript: Ein Raum und keine Linie
KULTUR UND GESELLSCHAFT
Reihe : LITERATUR 0.05 Uhr
Titel der Sendung: Ein Raum und keine Linie
Wie Literatur Grenzen erkundet
Regie: ((das Folgende mit Meeresrauschen unterlegen -
immer wieder einblenden))
Sprecher: Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde; die Erde aber war
wüst und wirr.
Erzählerin: Die allererste Landkarte wurde wahrscheinlich von dem im
6. Jahrhundert vor Christus lebenden Vorsokratiker
Anaximander gezeichnet.
Sprecher: Gott sprach: Es werde Licht.
Erzählerin: Die Karte ist nicht erhalten. Erhalten aber ist das Wissen,
dass Anaximander ein völlig neues Konzept in die
Metaphysik einbrachte: das Apeiron - eine
Wortkombination aus dem Affix -a und dem griechischen
Wort peiras, 'Begrenzung'.
Sprecher: Dann sprach Gott: Ein Gewölbe entstehe mitten im
Wasser und scheide Wasser von Land. So geschah es
und Gott nannte das Gewölbe Himmel.
Erzählerin: Das Apeiron ist demnach das Unbegrenzte - das bei
Anaximander als Quelle des Begrenzten bezeichnet wird.
Sprecher: Dann sprach Gott: Das Wasser unterhalb des Himmels
sammle sich an einem Ort. Damit das Trockene sichtbar
werde. Das Trockene nannte Gott Land, und das
angesammelte Wasser nannte er Meer.
Regie: ((Meeres/Wassergeräusche hier allmählich
ausblenden))
Sprecherin 1: ((I stand at the edge where earth touches ocean
Where the two overlap
A gentle coming together
At other times and places a violent clash))
Ich stehe an der Stelle, wo sich Erde und Ozean berühren
die beiden sich überlappen
Ein sanftes Zusammentreffen
Zu anderen Zeiten, an anderen Orten ein gewaltsamer
Clash
((Gloria Anzaldua: Borderlands. La Frontera. The New Mestiza.
Aunt Lute Books, San Francisco, 2012. S. 23, 4 Zeilen.
übersetzung: Claudia Kramatschek))
Erzählerin: Noch nie - so schreibt die Historikerin Astrid Nunn im
Vorwort zu ihrem Band 'Mauern' - wurden so viele
Grenzen verhandelt, festgelegt und bewacht wie jetzt.
Rund 250.000 Kilometer Länge umfassen die Grenzen,
die es derzeit gibt auf der Welt. Eine von ihnen ist die
zwischen Mexiko und USA.
Sprecherin 1: ((Across the border in Mexico
Stark silhouette of houses gutted by waves,
Cliffs crumbling into the sea,
Silver waves marbled with spume
Gashing a hole under the border fence.))
Jenseits der Grenze in Mexiko
kahle Häusersilhouetten, ausgehöhlt von den Wellen,
Felsen bröckeln ins Meer,
Silberne, von Schaum marmorierte Wellen
höhlen ein Loch unter den Zaun der Grenze.
((Anzaldua: Borderlands. La Frontera. S. 23, 5 Zeilen.
übersetzung: Claudia Kramatschek))
Erzählerin: Einst bildete der Rio Grande die natürliche Grenze
zwischen Mexiko und den USA. Mittlerweile gilt sie als die
bestgesicherte der Welt: Meterhohe Metallzäune,
Stacheldraht, Nachtsichtgeräte, Infrarotkameras.
Sprecherin 1: ((I press my hand to the steel curtain -
Chainlink fence crowned with rolled barbed wire -
Rippling from the sea where Tijuana touches San Diego
Unrolling over mountains
And plains
And deserts,
This Tortilla Curtain turning into el Rio Grande
Flowing down to the flatlands
Of the Magic Valley of South Texas
Its mouth emptying into the Gulf.))
Ich presse meine Hand an den Stahl-Vorhang -
Maschendrahtzaun mit einer Krone aus gerolltem
Stacheldraht -
Der sich kräuselt, vom Meer, wo Tijuana San Diego
berührt,
Und sich entrollt
über Berge
Und Ebenen
Und Wüsten.
Dieser Tortilla-Vorhang mündet in den Rio Grande
Und fliesst hinab in das Flachland
Das magische Tal von Süd-Texas
Wo sein Maul sich in den Golf ergiesst.
((Anzaldua: Borderlands. La Frontera. S. 24, 10 Zeilen.
übersetzung: Claudia Kramatschek))
Radioscript: Ein Raum und keine Linie
KULTUR UND GESELLSCHAFT
Reihe : LITERATUR 0.05 Uhr
Titel der Sendung: Ein Raum und keine Linie
Wie Literatur Grenzen erkundet
Regie: ((das Folgende mit Meeresrauschen unterlegen -
immer wieder einblenden))
Sprecher: Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde; die Erde aber war
wüst und wirr.
Erzählerin: Die allererste Landkarte wurde wahrscheinlich von dem im
6. Jahrhundert vor Christus lebenden Vorsokratiker
Anaximander gezeichnet.
Sprecher: Gott sprach: Es werde Licht.
Erzählerin: Die Karte ist nicht erhalten. Erhalten aber ist das Wissen,
dass Anaximander ein völlig neues Konzept in die
Metaphysik einbrachte: das Apeiron - eine
Wortkombination aus dem Affix -a und dem griechischen
Wort peiras, 'Begrenzung'.
Sprecher: Dann sprach Gott: Ein Gewölbe entstehe mitten im
Wasser und scheide Wasser von Land. So geschah es
und Gott nannte das Gewölbe Himmel.
Erzählerin: Das Apeiron ist demnach das Unbegrenzte - das bei
Anaximander als Quelle des Begrenzten bezeichnet wird.
Sprecher: Dann sprach Gott: Das Wasser unterhalb des Himmels
sammle sich an einem Ort. Damit das Trockene sichtbar
werde. Das Trockene nannte Gott Land, und das
angesammelte Wasser nannte er Meer.
Regie: ((Meeres/Wassergeräusche hier allmählich
ausblenden))
Sprecherin 1: ((I stand at the edge where earth touches ocean
Where the two overlap
A gentle coming together
At other times and places a violent clash))
Ich stehe an der Stelle, wo sich Erde und Ozean berühren
die beiden sich überlappen
Ein sanftes Zusammentreffen
Zu anderen Zeiten, an anderen Orten ein gewaltsamer
Clash
((Gloria Anzaldua: Borderlands. La Frontera. The New Mestiza.
Aunt Lute Books, San Francisco, 2012. S. 23, 4 Zeilen.
übersetzung: Claudia Kramatschek))
Erzählerin: Noch nie - so schreibt die Historikerin Astrid Nunn im
Vorwort zu ihrem Band 'Mauern' - wurden so viele
Grenzen verhandelt, festgelegt und bewacht wie jetzt.
Rund 250.000 Kilometer Länge umfassen die Grenzen,
die es derzeit gibt auf der Welt. Eine von ihnen ist die
zwischen Mexiko und USA.
Sprecherin 1: ((Across the border in Mexico
Stark silhouette of houses gutted by waves,
Cliffs crumbling into the sea,
Silver waves marbled with spume
Gashing a hole under the border fence.))
Jenseits der Grenze in Mexiko
kahle Häusersilhouetten, ausgehöhlt von den Wellen,
Felsen bröckeln ins Meer,
Silberne, von Schaum marmorierte Wellen
höhlen ein Loch unter den Zaun der Grenze.
((Anzaldua: Borderlands. La Frontera. S. 23, 5 Zeilen.
übersetzung: Claudia Kramatschek))
Erzählerin: Einst bildete der Rio Grande die natürliche Grenze
zwischen Mexiko und den USA. Mittlerweile gilt sie als die
bestgesicherte der Welt: Meterhohe Metallzäune,
Stacheldraht, Nachtsichtgeräte, Infrarotkameras.
Sprecherin 1: ((I press my hand to the steel curtain -
Chainlink fence crowned with rolled barbed wire -
Rippling from the sea where Tijuana touches San Diego
Unrolling over mountains
And plains
And deserts,
This Tortilla Curtain turning into el Rio Grande
Flowing down to the flatlands
Of the Magic Valley of South Texas
Its mouth emptying into the Gulf.))
Ich presse meine Hand an den Stahl-Vorhang -
Maschendrahtzaun mit einer Krone aus gerolltem
Stacheldraht -
Der sich kräuselt, vom Meer, wo Tijuana San Diego
berührt,
Und sich entrollt
über Berge
Und Ebenen
Und Wüsten.
Dieser Tortilla-Vorhang mündet in den Rio Grande
Und fliesst hinab in das Flachland
Das magische Tal von Süd-Texas
Wo sein Maul sich in den Golf ergiesst.
((Anzaldua: Borderlands. La Frontera. S. 24, 10 Zeilen.
übersetzung: Claudia Kramatschek))
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