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20.08.2016

Das Sprechen über Grenzen, Hybridität und Performativität

Kulturtheorie und Identität in den Zwischenräumen der Differenz
Die verbrauchten Metaphern vom Schmelztiegels und vom Mosaik, die unfähig geworden sind um Identitäten in einem multikulturellen Kontext auszudrücken, werden in diesem Essay von Susan Stanford Friedman anhand von Identitäts-und Hybriditätsmodellen neu konzeptualisiert.
Twilight is that time of day between day and night limbo, I call it limbo,and sometimeswhen I take my ideas to my homeboys they say, well Twilight, that's something you can't do right now,that's an idea before its time. So sometimes I feel as though I'm stuck in limbothe way the sun is stuck betweennight and day in the twilighthours. Anna Deavere Smith,
Twilight: Los Angeles 1992
Wenngleich der Begriff Differenz wichtige politische Anstöße geliefertund dazu beigetragen hat, Identität zu theoretisieren, ist in denVereinigten Staaten eine bestimmte Fixierung auf ihn zu beobachten.In deren Folge bleiben Grenzbereiche der Differenz verborgen - das Grenzland der Begegnung, der Interaktion und des Austausches, derRaum der Beziehung und der Identitätserzählungen, die solche Relationen erzeugen. Das Bild vom "wundervollen Mosaik" als Metapher für die US-amerikanische multikulturelle Vielfalt verkörpert eine Problematik des Auslöschens. Ein Mosaik besteht aus farbigen Steinen, durch ein Zementnetzwerk für alle Zeiten voneinander geschieden, und zugleich, um den Effekt eines Ganzen zu erzielen, miteinander vereint. Die Mosaiksteine selbst berühren sich nie; jeder einzelne bleibt unverändert, einzigartig, befestigt, undurchlässig. Der unscheinbare Zement verschwindet im Hintergrund und ist für das Design nur insofern wichtig, als daß er die Steine anordnet. Als Kunstform kann das Mosaik in seinen schimmernden Farbrelationen erlesen sein, ein Effekt, der sich insbesondere beim Betrachten aus der Ferne einstellt. Doch als Metapher für Multikulturalismus unterstützt das Bild möglicherweise die Fokussierung auf die Differenz und hindert daran, die Aufmerksamkeit darauf zu richten, was in deren Grenzgebieten geschieht, wie sie sich in einem fortlaufenden Prozeß der Interaktion bildet und umgestaltet, wobei der Zwischenraum zum Ort beständiger Wanderung, Thema der Vor- und Rückwärtsbewegungen wird. Wenn ich auf diese Auswirkungen der rhetorischen Figur des Mosaiks hinweise, möchte ich nun keinesfalls zum Diskurs des "Schmelztiegels" zurückkehren, der vertrauten und gesellschaftlich und sozial wirkungsmächtigen Rhetorik der US-amerikanischen Assimilation. Diese führt zu einem Verlust von kultureller Differenz und zu einem (oftmals erzwungenen) Aufgehenim Mainstream angloamerikanischer Traditionen der Vereinigten Staaten. Statt dessen möchte ich das zwielichtige Übergangsstadium des "Dazwischenseins" - jenseits des Mosaiks und des Schmelztiegels - in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stellen, indem ich drei Identitätslogiken kreativ miteinander in Verbindung setze, die gegenwärtig in kulturwissenschaftlichen Studien über die Grenzen von Fachdisziplinen hinaus verbreitet sind. Diese möchte ich grob "das Sprechen über Grenzen", "das Sprechen über Hybridität" und "das Sprechen über Performativität" nennen. Die Verbreitung dieser drei Rhetoriken spiegelt die Beschleunigungsprozesse der Globalisierung sowie die Intensivierung von Migrationsidentitäten in dem - wie Arjun Appadurai es nennt - "globalen Ethnobild" der Postmoderne wider.

> 1. Das Sprechen über Grenzen

Mit der autobiographischen poetischen Prosa Borderlands/La Frontera: The New Mestiza (1987), in der Gloria Anzaldúa die materielle Realität der Existenz im Grenzgebiet reflektiert, - startete sie "das Sprechen über Grenzen", das als sozialer Diskurs in die Kulturwissenschaften einging und die Fragestellung aufwarf, inwiefern individuelle und kollektive Identitäten materiell, geographisch und psychologisch auf Widersprüchen basieren. "Ich bin eine Frau der Grenze", erklärt sie und verweist auf die besonderen Bedingungen, unter denen Chicanas an der Grenze zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko auf dem Boden jenes Landes aufwuchsen, das sich die USA 1948 von Mexiko genommen hatten. "Ich wuchs zwischen zwei Kulturen auf, der mexikanischen (mit einem starken indigenen Einfluß) und der angloamerikanischen (als Mitglied eines kolonialisierten Volkes auf unserem eigenen Territorium). Ich sitze rittlings auf dieser tejas-mexikanischen Grenze, und auf anderen, mein ganzes Leben lang." (Vorwort) Wenngleich Borderlands die utopische Vision einer interkulturellen Hybridität zum Ausdruck bringt, spricht Anzaldúa einleitend davon, wie schwierig das Leben im Grenzgebiet sein kann - etwas, das sie nie aus den Augen verliert: "Dieser Ort der Widersprüche ist kein angenehmes Gebiet, um darin zu leben. Haß, Wut und Ausbeutung sind die hervorstechenden Merkmale dieses Landstriches." (Vorwort) Der Ausgleich für den Schmerz besteht in der größeren Fähigkeit des mestiza-Bewußtseins, sich auf die vielfältigen Positionen, die sie besetzt, und die Gemeinschaften, zu denen sie gehört, einzustellen - als Angehörige einer "rassischen" [3] Minderheit in den USA, als Frau in zwei patriarchalen Kulturen (chicano und angloamerikanisch), als Lesbe in einer überwiegend homophoben Umgebung sowie als Person mit dem sozialen Hintergrund der Arbeiterklasse: "Nichtsdestotrotz gab es Formen des Ausgleichs für diese mestizaje und einige bestimmte Freuden. Auf der Grenze und in den Randbezirken zu leben und die eigene sich verwandelnde und vielfältige Identität und Integrität intakt zu halten, ähnelt dem Versuch, in einem neuen, ðfremdartigenÐ Element schwimmen zu gehen. Es versetzt in Hochstimmung, an der weiteren Evolution der Menschheit teilzuhaben . . ." (Vorwort)[4] Im "border talk" der Kulturtheorie, zu dem Anzaldúa einen so wichtigen Beitrag geleistet hat, arbeiten Grenzen symbolisch und materiell rund um die binären Gegensatzpaare von Rein und Unrein, Gleichheit und Differenz, Innen und Außen. Ob buchstäblich oder figurativ: Grenzen übernehmen auch die Rolle eines Ortes der vielfachen Widersprüchlichkeit. Wie Anzaldúa schreibt: "Grenzen werden errichtet, um zu definieren, welche Orte sicher und welche unsicher sind, um uns von ihnen zu trennen . . . Ein Grenzgebiet ist ein vager, unbestimmter Ort, der durch den emotionalen Nachlaß einer unnatürlichen Grenze hervorgebracht wird. Es befindet sich in einem permanenten Übergangsstadium. Das Verbotene und Unerlaubte sind seine Bewohner." (Anzaldúa, 1987, S. 3) Wenngleich Grenzen die Idee der Undurchlässigkeit nachhaltig repräsentieren, sind sie real auch durchlässig. Grenzen trennen, während sie gleichzeitig verbinden. Sie beharren auf Reinheit, Unterscheidung, Differenz, doch sie ermöglichen Kontamination, Vermischung, Kreolisierung. Grenzen verfestigen, demarkieren; aber sie selbst sind imaginär, flüssig, in einem ständigen Prozeß der Veränderung. Grenzen versprechen Sicherheit, das Gefühl, "zu Hause" zu sein; erzwingen jedoch gleichzeitig Ausschlüsse und untermauern den Zustand, fremd, aus einem anderen Land, obdachlos zu sein. Grenzen materialisieren das Gesetz, indem sie Trennungen kontrollieren; doch als solche werden sie ständig überschritten, verletzt und untergraben. Grenzen dienen dazu, Macht über andere auszuüben, befähigen aber auch zum Überleben gegenüber einer dominanten Kraft. Sie regulieren Migration, Bewegung, Reisen - den Fluß von Menschen, Gütern, Ideen und allen möglichen kulturellen Formationen. Auf diese Weise unterminieren sie regulatorische Praktiken, indem sie interkulturelle Begegnungen und die damit einhergehende Produktion synkretistischer Heterogenitäten und Hybriditäten befördern. Grenzgebiete sind Orte des Hasses und der mörderischen Handlungen, dem Aneinanderreiben der Kontinentalplatten und den daraus folgenden gewaltsamen Eruptionen ähnlich. Doch sie sind gleichfalls Orte utopischen Begehrens, der Versöhnung und des Friedens.

Grenzen jeder Art werden stets überschritten werden; die Erfahrung des Überschreitens ist allerdings von der Existenz von Grenzen abhängig. Grenzen sind die Kontaktzone, in der bewegliche, nicht festlegbare Differenzen aufeinandertreffen, in der Macht auf komplizierte Weise und in vielfacher Ausrichtung zirkuliert und in der Handlungsfähigkeit auf beiden Seiten der beweglichen und durchlässigen Trennungslinie existiert.[5]

2. Das Sprechen über Hybridität

Mit ihrem Ruf nach einem "neuen mestiza-Bewußtsein" verhalf Anzaldúa abermals einer Identitätsrhetorik, sich in den Kulturwissenschaften zu verbreiten. Diese liegt jenseits der Festschreibungen fundamentalistischer Identitätspolitiken oder des "ethnischen Absolutismus ", wie Paul Gilroy es nennt. "Das Sprechen über Hybridität" ist höchst aufgeladen, brisant und kontrovers - teilweise aufgrund seiner historischen Wurzeln in rassistischer Ideologie, teilweise jedoch wegen seiner impliziten Herausforderung an die Hegemonie des "Sprechens über Differenz", dem viele sich zutiefst verbunden fühlen. Obwohl die verwandten Begriffe der Kreolisierung, des Synkretismus, der mestizaje und métissage verschiedene Resonanzen, Geschichten und kulturelle Verortungen hervorrufen, verweisen sie - ähnlich der Hybridität - auf miteinander verknüpfte Phänomene der biologischen, linguistischen, kulturellen, spirituellen und politischen Vermischung, die durch Formen der Grenzüberschreitung hervorgebracht werden.

Überfliegt man die Debatte über Hybridität, erkennt man kaum feste Bezugspunkte oder einen Konsens in bezug auf Bedeutungen. Ich sehe drei Modelle, zwei kulturelle Funktionen und drei politische Formationen von Hybridität, die zur Zeit in den Kulturwissenschaften maßgeblich sind.




Das erste Modell geht von der Verschmelzung verstreuter Elemente aus, die vollständig neue biologische oder kulturelle Formen hervorbringen. Das zweite postuliert das fortwährende Zusammenspiel unterschiedlicher Formen, die jeweils erkennbar voneinander getrennt bleiben, wie sehr sich auch ihr synkretistischer Kontext verändert. Das dritte Modell stellt genau die Vorstellung von Differenz in Frage, auf der die ersten beiden Modelle basieren. Es beruht auf der Annahme, daß hybride Formen eine fortwährende Vermischung von bereits immer schon Vermischtem darstellen.