27.06.2016

Fabulieren und Abschließung des Geistes (Mbembe)

Der Rückgriff auf das Konzept der Rasse, zumindest wie hier skizziert, mag erstaunen. Schließlich existiert die Rasse nicht als natürliche physische, anthropologische oder genetische Tatsache. 29 Aber sie ist nicht bloß eine nützliche 29Fiktion, ein phantastisches Konstrukt oder eine ideologische Projektion, deren Funktion darin besteht, die Aufmerksamkeit von ansonsten als ernsthaft eingestuften Konflikten – vom Klassenkampf oder vom Kampf der Geschlechter – abzulenken. In vielen Fällen ist sie eine autonome Gestalt der Realität, deren Kraft und Dichte sich auf ihren beweglichen, unbeständigen, wechselhaften Charakter zurückführen lässt. Außerdem gründete die Welt vor gar nicht allzu langer Zeit in einem Urdualismus, der seine Rechtfertigung seinerseits teilweise im alten Mythos rassischer Überlegenheit fand. 30 In ihrem gierigen Bedürfnis nach Mythen, die ihre Macht begründen konnten, hielt die westliche Hemisphäre sich für das Zentrum der Welt, für die Heimat der Vernunft, des universellen Lebens und der menschlichen Wahrheit. Als »zivilisierteste« Region der Erde hatte allein der Westen ein Ius gentium erfunden. Nur ihm war es gelungen, eine Zivilgesellschaft der Nationen zu schaffen, verstanden als eine öffentliche Sphäre gegenseitiger Rechte. Nur er hatte eine Idee des Menschen als Träger bürgerlicher und politischer 30Rechte hervorgebracht, die es dem Menschen ermöglichten, seine privaten und öffentlichen Fähigkeiten zu entwickeln, als Person, als Bürger und Angehöriger des Menschengeschlechts, den als solchen alles Menschliche betraf. Nur er hatte ein Spektrum menschlicher Gebräuche kodifiziert, das diplomatische Rituale, die öffentliche Moral und die guten Sitten sowie die Techniken des Handels, der Religion und der Regierung umfasste.
Der Rest – Gestalten des Andersartigen, der Differenz und der reinen Macht des Negativen – war Ausdruck des Objektseins schlechthin.
Afrika im Allgemeinen und der Neger im Besonderen wurden als perfekte Symbole dieses pflanzlichen und beschränkten Lebens dargestellt. Als jede Gestalt überschreitende und deshalb grundsätzlich nicht darstellbare Gestalt galt insbesondere der Neger als perfektes Beispiel dieses intensiv von der Leere bearbeiteten Andersseins, dessen Negativ am Ende alle Momente des Daseins durchdrungen hatte – Tod des Lichts, Zerstörung und Untergang, namenlose Nacht der Welt. 31 Über solche Gestalten sagte Hegel, sie seien Statuen ohne Sprache und Selbstbewusstsein; menschliche Wesen, die unfähig seien, sich endgültig von der Tiergestalt zu befreien, mit der sie vermengt waren; im Grunde liege es in ihrer Natur, etwas in sich zu bergen, das bereits tot sei.
Solche Gestalten seien das Kennzeichen »vereinzelter ungeselliger Völkergeister, die in ihrem Hasse sich auf den Tod bekämpfen«, sich nach Art der Tiere zerfleischen und vernichten – eine noch schwankende Art von Menschheit, die Menschwerden und Tierwerden miteinander vermenge und letztlich ein Selbstbewusstsein »ohne Allgemein31heit« besitze. 32 Andere räumten – barmherziger – ein, dass solche Wesen nicht gänzlich ohne Menschlichkeit seien. Diese noch im Schlaf liegende Menschheit habe sich noch nicht an das Abenteuer der von Paul Valéry so genannten »unüberbrückbaren Kluft« gewagt. Es sei aber möglich, sie auf unseren Stand zu erheben. Diese Bürde gebe uns jedoch keineswegs das Recht, ihre Unterlegenheit auszunutzen. Vielmehr erwachse uns daraus eine Pflicht – nämlich ihr zu helfen und sie zu schützen. 33 Genau das mache das koloniale Unternehmen zu einem zutiefst »zivilisatorischen« und »humanitären« Werk, und die unvermeidlich damit verbundene Gewalt könne nur moralischer Natur sein. 34
Das heißt, der europäische Diskurs, der wissenschaftliche wie der volkstümliche, griff in der Art, ferne Welten zu denken, zu klassifizieren und zu imaginieren, häufig auf Verfahren des Fabulierens zurück. Indem er vielfach erfundene Tatsachen als real, sicher und exakt darstellte, umging er die Sache, die er zu erfassen vorgab, und nahm selbst dann ein zutiefst von Phantasien geprägtes Verhältnis zu ihr ein, wenn er den Anspruch auf eine objektive Darstellung erhob. Die wichtigsten Merkmale dieses phantasierten Verhältnisses sind bislang noch keineswegs geklärt, aber die Verfahren, mit deren Hilfe die Fabulierarbeit Gestalt annehmen konnte, und die Gewalt, zu der sie führte, sind inzwischen hinreichend bekannt. Hier kann man heute nur noch wenig hinzufügen. Wenn es jedoch ein Objekt und einen Ort gibt, an denen dieses 32Phantasieverhältnis und die zugrunde liegende Fiktionsökonomie am brutalsten, klarsten und deutlichsten zutage treten, so ist es dieses Zeichen, das man den Neger nennt, und indirekt auch dieser scheinbar aus der Welt gefallene Ort namens Afrika, dessen Besonderheit darin besteht, dass es keine Gattungsbezeichnung und erst recht kein Eigenname ist, sondern ein Hinweis auf die Abwesenheit eines Werkes.

Postkolonialismus : "Ich bin kein Neger" (Mbembe)


Der Philosoph und Historiker Achille Mbembe ist ein weltweit gefragter Vordenker des Postkolonialismus. Sein neues Buch "Kritik der schwarzen Vernunft" legt die Entstehung des rassistischen Denkens im Kapitalismus frei und öffnet den Blick für das heutige Afrika. Eine Begegnung in Paris.
Von Elisabeth von Thadden
11. Dezember 2014, 3:36 Uhr Editiert am 17. Dezember 2014, 21:09 Uhr DIE ZEIT

Ganz früh morgens, wenn die ersten Flüge am Aéroport Charles de Gaulle starten und landen, sitzen in den Pariser Vorstadtzügen des RER fast nur Menschen mit schwarzer Haut, bleiern müde, dösend, sie fahren nach der Nachtschicht nach Hause, Bürger der Stadt. Manche sind vielleicht illegal da, Europa ist wachsam, eine Polizeistreife in Zivil greift gerade in diesem Wagen drei Männer heraus, die beim nächsten Halt mit aussteigen müssen, Sevran-Beaudottes, raus, raus, weiter geht es, kaum einer sieht auf. Die Hautfarbe spielt eine Rolle: In den Waggons sitzen auch einige wenige Menschen mit heller Haut, anders müde, sie sind am Flughafen gerade gelandet, sie brechen mit dem RER in einen hypermobilen Pariser Arbeitstag auf und halten jetzt ihre Taschen gut fest, in denen Flugticket, Papiere und Geld stecken.
Gut eine Stunde Fahrzeit zur Place Vendôme, dem königlichen Platz unweit der Tuileriengärten, von Ludwig XIV. um 1700 geschaffen, im 1. Arrondissement. Heute residieren hier die teuersten Bijoutiers und Uhrmacher und Chocolatiers der Welt, fast unmöglich, in diesen Straßen ein normales Sandwich zum Frühstück zu finden. Hier, in der Rue de Castiglione, in seinem Hotel an der Place Vendôme, ist der verabredete Treffpunkt mit Achille Mbembe, dem in Kamerun gebürtigen Philosophen und Historiker. Er gilt als Vordenker des Postkolonialismus und Stimme des heutigen schwarzen Afrika, 57 Jahre alt, eine viel gefragte Kultfigur der kosmopolitischen Intellektuellenwelt. Erst recht aufgrund seines neuen Buchs Critique de la raison nègre, das nun auf Deutsch unter dem Titel Kritik der schwarzen Vernunft erscheint. Darin will er zeigen, wie der globale Kapitalismus aus dem modernen Sklavenhandel entstand, der den Menschen als Ware und Ressource auffasste: den schwarzen Menschen. In Deutschland ist Mbembe noch kaum bekannt.

Mbembe ist wie die anderen Hypermobilen des frühen Morgens auch gerade gelandet. Er kommt von einer Afrika-Konferenz der Deutschen Forschungsgemeinschaft frisch aus dem senegalesischen Dakar, morgen fliegt er in die Vereinigten Staaten, dann zurück nach Johannesburg, wo er als Professor lehrt und wo er mit Frau und Kindern lebt, und jetzt will er hier in Paris einen Zwischenstopp einlegen, weil er am Nachmittag als ein Stargast des diesjährigen Forum Nouveau Monde bei der OECD zu den Entscheidungsträgern der Welt über das heutige Afrika sprechen wird. Man erwischt ihn fast nie, eine beantwortete Mail gilt als kostbar, Verabredungen lösen sich immer wieder in Luft auf, Mbembe ist auch dafür berühmt.
An diesem Morgen hat er ein paar Stunden Zeit. Hat er gesagt. Aber er lässt auf sich warten. Die Fotografin erzählt unterdessen, ihre beste Freundin in Paris sei ganz neidisch, dass sie heute Mbembe fotografieren dürfe, den großen Mbembe. Die Freundin ist dunkelhäutig. Schließlich kommt er, zügigen Schritts, im hellen Anzug, das Hemd pastellfarben, eine lebhafte Erscheinung, ein warmes Lächeln zur Begrüßung. Mit einer erstaunlich hellen und jungen Stimme entschuldigt er sich, in einem Französisch, das inzwischen leicht amerikanisch eingefärbt ist, für die Verspätung: Er habe sich noch einmal hinlegen müssen, einfach zu müde, das ewige Fliegen, der ewige Jetlag. Aber jetzt! Zwei Espressos, das reicht ihm.

Was heißt das heute: Afrika? Mbembe ist ein Analytiker kolonialer Macht und ein Kritiker des neoliberalen Kapitalismus, der die ganze Welt geopolitisch zersplittere, durchaus auch militärisch, wie er sagt. Mbembe ist zugleich ein Fürsprecher des Universellen, ein Intellektueller, der sich frei machen will von Interessenpolitiken. Er äußert sich Satz für Satz druckreif. "Afrika", sagt er nach Sekunden des Zögerns, "ist der Name des Kontinents, von dem man immer meinte, nichts Universelles könne dort entstehen. Afrikaner waren törichte Kinder. Aber Afrika ist nicht die Vergangenheit der Welt, sondern es ist wie ein Fenster: Von dort aus sieht man die Zukunft."
Dann nimmt seine Stimme immer mehr Klang an, wird Satz für Satz wärmer, und sie greift Raum. Achille Mbembe ist nicht zuletzt Visionär und auch deshalb auf allen Podien gefragt. Als Nelson Mandela 2013 starb, hat er, dieser fliegende postmoderne Kosmopolit, den großen Mann, der so viel Lebenszeit im Gefängnis zubringen musste, in einem Nachruf gewürdigt; und jetzt, beim zweiten Espresso, sagt er: "Nelson Mandela hat die Universalität der Menschenrechte repräsentiert. Nun wissen wir: Es gibt nur eine einzige Welt, und wir sind alle gemeinsam ihre Erben." Wozu verpflichtet das Erbe Achille Mbembe, der so viele Privilegien genießt, und wofür kämpft er? "Ich kämpfe darum, ein künftiges Afrika vorzubereiten." Ein Afrikaner ist ein Mensch mitten in dieser Welt, nicht am Rande: Das ist Mbembes Botschaft. Das wird er oft wiederholen.
Die Vergangenheit: Sie umfasst in den Augen dieses Politikwissenschaftlers die Jahrhunderte, in denen schwarze Haut verdinglicht und in einem globalen Dreiecks-Sklavenhandel zwischen den Kontinenten verkauft wurde, in denen Afrika kolonial unterworfen wurde und ausgebeutet, bis es in Bürgerkriegen versank. Dass auf diesem Kontinent auch Afrikaner andere Afrikaner als Sklaven gefangen haben, weiß Mbembe natürlich, aber es tritt in den Hintergrund. Dass freigelassene Sklaven selbst zu Sklavenhaltern werden konnten: klar. Es ist keine schwarz-weiße Täter-Opfer-Geschichte, die er erzählen will. Er will vielmehr durch seine Philosophie Raum für handelnde Subjekte schaffen: Die Zukunft nährt sich aus Afrikas Gewissheit, dass immer anderes möglich war als das Faktische. Der Sklavenhandel wurde abgeschafft, in Haiti gelang eine Sklavenrevolte, in der Bürgerrechtsbewegung haben sich die Schwarzen in den USA ihre Rechte erkämpft, und Südafrika hat aus eigener Kraft die Apartheid überwunden. Aus eigener Kraft: An der Frage der Selbstregierung der afrikanischen Staaten entscheidet sich alles.
Mbembes Angst: dass die ganze Welt "schwarz" werden könnte, in dem Sinne, dass die Menschen durch die Knappheit der Mittel, durch extreme Armut jeder Selbstbestimmung beraubt sein könnten und nur noch Zwängen folgten. Mbembes Vision: eine Menschheit jenseits der Rassen. Wir erleben gegenwärtig, sagt er, wie Europa, das die Welt geprägt und bestimmt hat, an Bedeutung verliert und, mit den Worten des indischen Historikers Dipesh Chakrabarty, zur Provinz wird. Ausgerechnet Südafrika versteht er als Labor eines Afropolitanismus, in dem der Anfang für etwas Neues gemacht wird: Dort entstehe eine vielgestaltige Welt des Zusammenlebens mit vielen Göttern, geprägt durch eine Ethik der Toleranz, in einem globalen Warenfluss, ein dynamisches Labor, von dem die Menschheit lernen kann. Mbembe verschweigt Gewalt, Korruption und Elend nicht. Doch er will darüber hinaussehen.
Eine Dame steht plötzlich am Tisch, er habe eine Verabredung zugesagt, und die Fotografin wird nervös, weil sie auch noch einen Fototermin im Freien braucht. Mbembe will jetzt konzentriert bleiben: "Wir sehen nicht auf die Uhr. Lassen Sie uns weiterarbeiten." Europa also: Achille Mbembe schätzt Europa, seine Erzählung wird bevölkert von Menschen wie Alexis de Toqueville oder Hegel, Emmanuel Lévinas oder Jacques Derrida, ein Zuhause. Aber dieses Europa habe seine modernen Werte, seine Kultur, die liberale Demokratie und seine Gleichheitsidee auf der Basis von Ausnahmen geltend gemacht und darauf seinen Aufstieg zur Weltmacht begründet. Europas Gleichheit galt, während sie sich universalisierte, nicht für jeden. Und das liberale Europa hat, um seine Dynamik zu entfalten, immer die Angst als Triebkraft gebraucht: vor den anderen. Doch Afrikaner und Juden, sagt Mbembe und wiederholt auch dies mehrmals, als solle sich die Überraschung einprägen, dass Afrikaner und Juden in einem Argument Gleiche sein können, waren an Europas Erfindungen und Erfolgen beteiligt. Die Afrikaner als menschlicher Rohstoff des Sklavenhandels, als Ressource, aus der Europas Reichtum entstand, in einer imperialen Logik, in der die Europäer, wie der Philosoph Jacques Derrida es nannte, sich als Kapitän verstanden.



Was das ist, raison nègre? Das französische Wort nègre bezeichnet keine Farbe, sondern die alte Demütigung: Neger. Der schwarze Lyriker Aimé Césaire, ein Kronzeuge für die Bewegung der négritude in Mbembes neuem Buch, hat zum Ende seines Lebens, er starb 2008, festgestellt: "Ein Neger bin ich, und ein Neger werde ich bleiben." Das Wort Neger, das im 18. Jahrhundert üblich war, geht im Gespräch mit einem schwarzen Intellektuellen schwer über die Lippen, die Unbefangenheit ist dahin, in Deutschland ist es aus Büchern gestrichen worden, wegen der Diskriminierungsgeschichte. Auch der deutsche Buchtitel meidet es. Mbembe aber benutzt das Wort nègre ganz geläufig, weil es analytisch einen Sachverhalt bezeichnet, den er der Vergangenheit zurechnet: Neger, das hieß seit den ersten demütigenden Zuschreibungen im 16. Jahrhundert, dass es eine menschlich primitive Natur gebe, die gegen jeden Geist widerständig sei, zugleich ein Handelsobjekt, eine Kapitalquelle. Und eine Art explosiver Möglichkeit, eine Kraft. Etwas Politisches also, das untrennbar von der Geschichte des Kapitalismus sei, der nur eine Sorte Menschen aufgrund der Rasse als Ware, als Gegenstand ansah: Neger. Die Plantagenkolonie, sagt Mbembe, ist das Taufbecken der Moderne.

The Concept of Fabulation







18.06.2016

Black Grotesque


Monday, 20 June 2016, 19:30. Lecture: Aliyyah I. Abdur-Rahman.
Black Grotesquerie


Adducing women of color feminism's theories of the flesh and Mikhail Bakhtin’s conception of the grotesque, this talk advances a theory of Black Grotesquerie as an aesthetic mode in the project of textualizing African American life in the catastrophic present. Rather than merely signifying excess, dread, or decay, Black Grotesquerie delineates an expressive practice of contortion, substitution, inversion, corruption. Reading together works by visual artist Wangechi Mutu and author Marci Blackman, this talk illustrates the ways in which Black Grotesquerie reconfigures the terms of contemporary black struggle by rendering the boundary between (black) living and dying porous and negotiable. Black Grotesquerie thus enables African Diaspora cultural producers to imagine new sociopolitical and racial arrangements—even as it registers the impossibility of fully representing black experience, whether in historical time or post-racial futurity.

ICI Lecture Series ERRANS

14.06.2016

topsy-turvy doll

“A controversial homemade doll that’s often found in the South is the “topsy-turvy doll,” The topsy-turvies existed because the slave masters actually didn’t want the slave children to have dolls that looked like themselves, which would give them a sense of empowerment. “When the slave master was gone, the kids would have the black side, but when the slave master was around, they would have the white side

Jezebel









13.06.2016

Das koloniale Missverständnis / Dokumentarfilm




Die koloniale Vergangenheit Deutschlands ist im öffentlichen Diskurs kaum noch präsent. Jean-Marie Ténos eindrucksvoller Dokumentarfilm unternimmt den Versuch, dies zu ändern.

Afrika ist wieder in, zumindest im Kino. Zahlreiche diskursbestimmende Filme der letzten Jahre beschäftigten sich mit dem Kontinent, unter anderem Der ewige Gärtner (The Constant Gardener, 2005), Babel (2006) und Blood Diamond (2006), selbst eine Episode des letzten James-Bond-Abenteuers situierte sich dort. Mit The Last King of Scotland (2006) steht ein weiteres, explizit politisches Werk bereits in den Startlöchern. So unterschiedlich diese Filme ausfallen, eines haben sie doch gemeinsam: Keiner wurde von einem einheimischen Regisseur gedreht. Das afrikanische Kino selbst nimmt auch weiterhin eine äußerst periphere Position ein. Dem kleinen Dokumentarfilm Das koloniale Missverständnis (Le malentendu colonial) des Kameruners Jean-Marie Téno ist es jedoch gelungen, wenigstens einige wenige deutsche Leinwände zu erreichen.

Eine deutsche Karriere: Heinrich Vedder arbeitete lange Jahrzehnte in Namibia als christlicher Missionar. Er erwarb sich Verdienste um die Erforschung der einheimischen Kultur und zahlreicher afrikanischer Sprachen, setzte jedoch den rassistischen Praktiken der Kolonialverwaltung keinen nennenswerten Widerstand entgegen, nicht einmal während des Genozids an den Herero und Nama, dem zwischen 1904 und 1908 über 70.000 Menschen zum Opfer fielen. Wiewohl nie Mitglied der NSDAP, zeigte sich Vedder in zahlreichen Briefen als glühender Anhänger des Nationalsozialismus und war in den fünfziger Jahren Mitglied des südafrikanischen Apartheidsregimes.



Vedders Lebenslauf steht paradigmatisch für den Verlauf der Kolonialgeschichte in Das koloniale Missverständnis. Ténos Werk setzt sich mit dem vielleicht größten blinden Fleck der deutschen Vergangenheit auseinander. Die Beteiligung des Deutschen Reiches an der Eroberung Afrikas Ende des 19. Jahrhunderts ist bis heute wissenschaftlich vergleichsweise wenig aufgearbeitet, vor allem jedoch ist diese Problematik im öffentlichen Bewusstsein kaum präsent, obwohl immer noch Schadensersatzklagen der Nachfahren damals betroffener Volksgruppen gegen deutsche Unternehmen in amerikanischen Gerichten verhandelt werden.

Ténos Werk zeichnet – wie der Titel andeutet – eine Reihe von Missverständnissen nach, die den Blick auf die koloniale Vergangenheit erschweren. Unter anderem präsentiert der Film Fotografien aus den ersten deutschen Konzentrationslagern, die nicht während des Zweiten Weltkriegs, sondern im Zuge des oben erwähnten Genozids errichtet wurden. Bis hin zur Uniformierung der Wächter nehmen diese Bilder einzelne Elemente der Schreckensikonografie vorweg, die bis heute die Darstellung der Ereignisse in den späteren Lagern prägt.

Das grundlegende Anliegen des Films zielt jedoch auf die Tätigkeit der europäischen Kirchen in Afrika. Ausführlich beleuchtet Das koloniale Missverständnis die Rolle der Rheinischen Missionsgesellschaft, die 1828 gegründet wurde und in der afrikanischen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts eine wichtige Rolle spielte, und der unter anderem auch Vedder seinen Arbeitsplatz verdankte. Téno ist vor allem daran gelegen, die in öffentlichen Auseinandersetzungen präsente Unterscheidung zwischen bösen Kolonialisten und guten Missionaren in Frage zu stellen. In zahlreichen Interviews mit wissenschaftlichen Experten macht sich Téno daran, diese Legende zu dekonstruieren und zeigt auf, wie die Bekehrungsarbeit der Kirchen von Anfang an von der Politik als strategisches Mittel zur Eroberung des Kontinents eingesetzt wurde. Und nicht nur das Beispiel Vedders beweist, dass die Missionare der imperialistischen Ideologie der Kolonialisten oft sehr nahe standen.



Der Film endet mit einem Blick auf die Gegenwart. Das koloniale Missverständnis klagt nicht nur den Unwillen der ehemaligen Kolonialmächte an, die politische Verantwortung für die Folgeschäden zu übernehmen, sondern verweist auch auf eine beängstigende Kontinuität. Téno: „Jahrhunderte sind vergangen, und Afrika ist immer noch Missionsgebiet. Die ‚humanitären Helfer’ haben die Missionare von einst ersetzt. Die Kolonisation hat sich das Gewand der Globalisierung angezogen, und in Afrika ist nichts Neues in Sicht: immer noch ein bisschen mehr Hilfe und immer weniger Gerechtigkeit.“ Ob man sich dieser Diagnose – wie auch einigen anderen, ähnlich kontroversen Thesen des Films – in vollem Umfang anschließen möchte, bleibt jedem selbst überlassen. Ténos Film, der sich bei der Präsentation seiner Argumentation nie manipulativer Techniken bedient, möchte nicht um jeden Preis überzeugen und ist sich der Beschränkungen des eigenen Mediums bewusst.

Ein Dokumentarfilm kann historiografische Arbeit nicht ersetzen. Ténos Ziel besteht weniger darin, innerhalb einer geschichtswissenschaftlichen Diskussion eine Position zu beziehen, als darin, eine – nicht nur in Deutschland – verdrängte Epoche wieder der öffentlichen Diskussion zugänglich zu machen und gleichzeitig auf die zahlreichen Lebenslügen hinzuweisen, die das europäische Selbstverständnis prägen.


10.06.2016

Slaves of Happiness Island




 By Molly Crabapple August 4, 2014
All illustrations by the author

My message to the head of the Louvre would be to come and see how we are living here," said Tariq,* a carpenter's helper working on construction of the Louvre Abu Dhabi, a $653 million Middle Eastern outpost of the iconic Parisian museum. Set to be completed in 2015, its collection will include a Torah from 19th-century Yemen, Picassos, and Magrittes.
"See our living conditions and think about the promises they made," Tariq told me through a translator.
Last year, in his mid 30s, Tariq left his job at a Pakistani textile mill with dreams of being a crane operator in the Gulf. He showed me his certificate of crane proficiency, pulling the worn piece of paper out of the pocket of his beige salwar kameez. Recruiters promised him a salary of $326 a month—for a $1,776 recruitment fee to be paid in advance. With a cousin guiding him through the process, Tariq flew to Abu Dhabi to work for the Regal Construction company, one of roughly 900 construction outfits that employ foreign workers in the emirate.
But when Tariq arrived, Regal didn't need him. For 24 days, he waited without pay, living in a squalid workers' camp. When work finally materialized, he learned he would make only $176 a month. His boss confiscated his passport so that he couldn't change jobs or leave the country. He sends half his salary back to his family. After 11 months in the Gulf, he still has not paid back the loan he took out to get there.
"How can I stay happy with a salary of $176?" Tariq asked, with an uncomfortable smile.
Tariq is one of dozens of construction workers laboring on Saadiyat Island whom I interviewed this May. He took out his flip phone and snapped a picture of the drawing I'd sketched of him. He had a gentle face that lit up when he talked about cricket. He told me he'd use my drawing as a profile pic on Facebook.
Though it is now only a sunbaked construction site, Saadiyat, a ten-square-mile atoll 500 yards off the coast of Abu Dhabi, will be home to branches of the Louvre, the Guggenheim, and New York University, alongside hotels, shopping, and luxurious homes. It will be a cultural paradise, conjured by the country's vast oil wealth but built on the backs of men who are little more than indentured servants.
While there are no official statistics, there may be as many as 1 million migrant construction workers in the UAE today. Like Tariq, the men I talked to have had their passports confiscated and earn between $150 and $300 a month. They will have to spend years working off debts to recruiters who have gotten them their jobs.

Reports about the conditions of workers in the Gulf have been wide and probing. Articles contrast the glittering skyscrapers they build and the scant wages they receive. In May, the New York Times published a scathing exposé of labor abuses at NYU Abu Dhabi.

But what's often lost in much of the reporting about foreign labor in the United Arab Emirates—and Abu Dhabi specifically—is the agency of the workers themselves. The men I met in the Gulf are brave and ambitious—heroes to their families back home. They dared to chase better prospects and were met with repression instead. In a country where the faintest whisper of dissent can get you deported, more than a hundred strikes have rocked the construction industry in the past three years. While workers may be lied to and forced to live and work in brutal conditions, they also—improbably—are fighting back.