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14.02.2011

Annette Tietenberg Das Muster, das verbindet

Keine Frage: Muster sind zurzeit Thema, in Design, Kunst und Architektur. Das Geschirr ist gestreift, die Gummistiefel sind ~epunktet, die Sofas geblümt. In der Mode scheinen gezielte IRückgriffe auf die Stoffe der siebziger Jahre unverzichtbar, und Unternehmen, die gemusterte Tapeten den Wünschen ihrer Kunden entsprechend anfertigen und Unikate statt Rauhfaser anbieten, erfreuen sich steigender Nachfrage. Künstlerinnen und Künstler entdecken das Prinzip des Allover wieder, während renommierte New Yorker Galerien sich, nach Jahrzehnten der Abstinenz, ohne weiteres trauen, das Frühwerk eines Pioniers der Op Art wie Victor Vasarely auszustellen. Im Bereich der Architektur schließlich begegnen uns Ornamente und Muster inzwischen allerorten: an Außenfassaden, in Innenräumen, ja sogar als konstruktives Prinzip.

Ein Revival der Muster wäre trotzdem keiner Erwähnung - und erst recht keines opulenten Musterbuchs von Abis Z - wert, handelte es sich dabei lediglich um einen der vielen schnelllebigen Trends, der bald seinen Höhepunkt überschritten haben und dann abflachen wird. Doch wer an Mustern nur den flüchtigen optischen Reiz schätzt und sich von Dekorsystemen nicht mehr als die farbenfrohe Auffrischung des eigenen Lebensumfeldes verspricht, der greift zu kurz. Wie die Geschichte lehrt, geht, zumindest aus eurozentrischer Sicht, seit mehr als hundert Jahren mit der Frage nach dem Dekor immer auch die Frage nach der Moral einher.1

Selbst wer die polemische Schrift "Ornament und Verbrechen" nie gelesen hat, die Adolf Loos 1909 in progressiver Kleinschreibung publizierte,2 kann sich darauf verlassen, dass die eigenen Vorstellungen vom "guten" und "schlechten" Geschmack durchaus noch von jenen Unterscheidungen beeinflusst sind, die Loos zu Beginn des 20. Jahrhunderts vorgenommen hat. Tief hat sich Adolf Loos' Verurteilung des Dekors in das kulturelle Gedächtnis eingeprägt, wonach die "Evol!:ltion der Kultur gleichbedeutend sei mit dem Entfernen des Ornamentes aus dem Gebrauchsgegenstande", wie es der von der Prunksucht des Wiener Jugendstils 'übersättigte Architekt ausdrückte. Als engagierter Vertreter seines Berufsstandes übt Loos besonders an der aus seiner Sicht überflüssigen Verkleidung der Fassaden, am Vorblenden neoklassizistischer und neobarocker Elemente Kritik. Die staatlich subventionierte "Ornamentseuche" bewertet er als bedrohlichen Rückschritt für die gesamte Menschheit. Und das Bedürfnis, Wände, Haut und nützliche Dinge zu verzieren, siedelt er auf der untersten Stufe der kulturellen Entwicklung an: Allenfalls den Höhlenmenschen, die magische Zeichen in Stein ritzten, dem spielenden Kind und den außereuropäischen Naturvölkern wie den Papua billigt Loos zu, ihre Umgebung und ihren Körper zu schmücken. Gebe aber der Bürger "dem Drang zum Ornamentieren" nach, so bekenne er sich öffentlich dazu, dass er nicht inder Lage sei, sich zu beherrschen.3 Er könne seine Triebe nicht kontrollieren und stelle sich dadurch auf eine Stufe mit einem Verbrecher, der nicht dazu bereit sei, seine individuellen Bedürfnisse den Regeln der Gesellschaft unterzuordnen. Dessen asoziale Einstellung lasse sich nicht zuletzt daran erkennen, dass er seinen Körper mit Tätowierungen überziehe.4 Ein Ornament, das menschliche Körper, Baukörper sowie Gebrauchsgegenstände schmücke, sei daher, so Loos, ein verlässliches Indiz für kriminelle Energie, kindisches Gehabe, sexuelle Zügellosigkeit und ausschweifenden Hedonismus - mit anderen Worten: ein sicheres Anzeichen für die Degeneration der Gesellschaft.