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29.09.2015

Die Schweiz hatte keine Kolonien, aber Welthandelshäuser


 Neue Recherchen zeigen, dass vor allem Basler Unternehmen am internationalen Sklavenhandel beteiligt waren. Die Geschichte eines Dreiecksgeschäfts. Von Ewald Billerbeck
Weisse Herren, schwarze Fracht
Wenn vom Kolonialwarenlädeli die Rede ist, kommt Gemütlichkeit auf. Die gute alte Zeit. Doch der Begriff Kolonialwaren ist historisch in einem reichlich ungemütlichen Umfeld angesiedelt: dem Sklavenhandel.
9.5.2004

Wenn vom Kolonialwarenlädeli die Rede ist, kommt Gemütlichkeit auf. Die gute alte Zeit. Doch der Begriff Kolonialwaren ist historisch in einem reichlich ungemütlichen Umfeld angesiedelt: dem Sklavenhandel.

Schauplatz Nantes, im 18. Jahrhundert. Die bretonische Atlantikstadt ist für die Grossmacht Frankreich wichtigster Hafenplatz im Überseehandel. Im vorgelagerten Paimbœuf wird ein Schiff mit teurer Ware beladen. Die Hafenarbeiter schleppen Ballen feinster Seide, verschiedene Baumwollstoffe und Indienne-Tücher unter Deck. Die leichten, mit farbiger Orientalornamentik bedruckten Indiennes aus Baumwolle sind gross in Mode. In Stückzahlen von mehreren Tausend kommen weitere europäische Güter hinzu, Scheren, Essbesteck, Krüge, Porzellanwaren; in Fässern oder Flaschen Branntwein, Likör und Weine. Auch Waffen in grosser Zahl werden an Bord gebracht, Dolche, Gewehre, Schiesspulver, Blei.

Für dieses Unternehmen mit kostbarer Ladung braucht der Reeder potente Teilhaber; solche, die bereit sind, die Risiken auf hoher See und fernen Märkten einzugehen. Mehrere Firmen partizipieren als Ausrüster und Financiers, zeichnen Anteilscheine und hoffen auf Gewinn. Mit Aufwand heuert der Kapitän eine zuverlässige Mannschaft an; sie ist grösser als üblich. Auch ein Chirurg befindet sich an Bord, als das Schiff in Nantes ablegt und mit Ziel Afrika ausläuft, wo sich in Cape Coast (im heutigen Ghana), in Vieux Calabar (Nigeria) und anderen westafrikanischen Küstengebieten grosse Sklavenmärkte befinden.
Kräftige, schöne Sklaven

In Afrika werden die Waren gegen Menschen eingetauscht. Die Händler betrachten es als ein Geschäft von Ware gegen Ware; die begehrten Tücher, die Waffen und anderen Schiffsgüter gegen die aus dem Hinterland angeschleppten, in Küstenforts gefangen gehaltenen und zwischengelagerten Schwarzen. Man begutachtet die Qualität der Männer, Frauen und Kinder für ihre künftige Verwendung. Gesundheit, kräftige Konstitution und Schönheit sind Kriterien bei der Preisgestaltung, sie bestimmen den Profit beim späteren Verkauf als Sklaven. Zur Geschäftsförderung beim Warentausch werden die Menschenhändler auf dem westafrikanischen Markt zusätzlich mit Geschenken aus Frankreich geködert; Gefälligkeiten helfen zudem gegen die Konkurrenz anderer Handelsschiffe vor Ort, namentlich jener unter englischer Flagge. Und jetzt nimmt auch der Chirurg seine Aufgabe wahr. Er untersucht die vorgeführten nackten Schwarzen, beriecht Schweiss und Urin, tastet mit den Fingern Geschlechtsteile, Brüste und After ab. Dann wird der Menschenware mit einem glühenden Eisen das Schiffszeichen am rechten Arm eingebrannt - unauslöschliches Zeichen für das Los der Sklaverei.