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22.11.2016

Nicht so lange her Als Menschen aus Europa nach Afrika flohen




01.08.2016 by Jochen Lingelbach

Vor rund siebzig Jahren lebten tausende Europäerinnen und Europäer in afrikanischen Flüchtlingslagern. Im Folgenden gebe ich einen Überblick über diese Fluchtbewegungen und erzähle vor allem die Geschichte von zwanzigtausend polnischen Flüchtlingen, die ein wenig komplizierter ist als erwartet. Dabei zeigt sich nicht nur, dass sich Fluchtrichtungen ändern, sondern auch, dass unterschiedliche Flüchtlinge schon immer unterschiedlich behandelt wurden.
Eine kleine Bahnstation mitten im südlichen Uganda, nahe dem Viktoria-See. Eine Gruppe Flüchtlinge ist angekommen und wartet auf Lastwagen, die sie zu ihrem Flüchtlingslager bringen sollen. Sie haben eine lange Reise voller Entbehrungen hinter sich, Jahre der Not und Verzweiflung, seit sie aus ihren Heimatorten verschleppt wurden. Unterwegs sahen sie Freunde und Angehörige an Krankheiten und Hunger sterben. Sie fuhren in überfüllten Zügen und Booten, schliefen in Wäldern und an Bahnstationen. Jetzt sind sie endlich in Sicherheit, werden medizinisch versorgt und erhalten ausreichend Nahrung. Unter den Menschen in der Gegend hat sich schon herumgesprochen, dass Flüchtlinge ankommen. Vor allem die Kinder sind neugierig und trauen sich an die Fremden heran. Eines der Kinder wird sich noch Jahrzehnte später an diese Begegnung erinnern, vor allem an das süße Brot, welches die polnischen Flüchtlinge ihm schenkten.
Bei einem Forschungsaufenthalt in Uganda 2015, erzählte mir ein Freund von Professor Lwanga-Lunyiigo diese Anekdote, als ich ihn nach den polnischen Flüchtlingen fragte. Sie lebten hier von 1942 bis 1951. Wie aber kamen polnische Flüchtlinge nach Uganda? Und wieso beschenkten die Flüchtlinge die ansässige Bevölkerung und nicht anders herum?
“But we might recall, that it was not always so; Europe, not Africa or Asia, was once the continent of most of the world’s homeless.” (Marrus: The Unwanted, 4)


Europäische Flüchtlinge in Afrika
Wenn heute von der historischen Herausforderung durch die „Flüchtlingskrise“ in Europa die Rede ist, stehen der Zweite Weltkrieg und seine Folgejahre häufig als Referenzpunkt Pate (z.B. UNHCR, AI). Vergleiche beziehen sich zumeist auf die weitreichenden innereuropäischen Fluchtbewegungen, Vertreibungen und Deportationen. Doch Menschen aus Europa flohen auch nach Afrika.

Stefanie Zweigs Aufenthalt in Kenia ist durch ihren Bestseller Nirgendwo in Afrikawahrscheinlich der Bekannteste. Neben ihr flohen Tausende europäische Jüdinnen und Juden vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten nach Südafrika, Algerien oder Marokko. Viele andere standen jedoch nicht nur in westlichen Ländern vor verschlossenen Türen, sondern auch in deren afrikanischen Kolonien. In Nord-Rhodesien sprachen sich antisemitische weiße Siedler 1938 energisch gegen Pläne zur Aufnahme jüdischer Flüchtlinge aus.

Darüber hinaus lebten einige tausend griechische Flüchtlinge in Lagern in Belgisch-Kongo und Ägypten (und übrigens auch in Syrien). Und während mehr als eine Million koloniale Soldaten aus Afrika gegen die Achsenmächte kämpften, befanden sich hunderttausende Italiener und Deutsche in Afrika – als zivile Internierte oder Kriegsgefangene. Doch waren sie nicht die einzigen, die zur Zeit des Krieges auf dem friedlicheren Kontinent im Süden waren.


Deportation
Die eingangs erwähnten Flüchtlinge waren Teil einer viel größeren Gruppe, deren Weg 1940 in Polen begann. Sie flohen jedoch nicht vor den Deutschen, sondern wurden von der sowjetischen Geheimpolizei, eingesperrt in Viehwaggons, in die Arbeitslager und „Spezial-Siedlungen“ des Gulag verschleppt. Die Deportationen betrafen hunderttausende Menschen aus Polen und dienten dem sowjetischen Machterhalt und der Zerstörung möglichen polnischen Widerstands im östlichen Landesteil (s. hierzu Sword). In den Lagern kämpften sie gegen Hunger, Krankheit und Kälte, bis 1941 der Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion eine unerwartete Wende brachte.
Die polnische Exilregierung in London und die sowjetische Regierung schlossen – unter britischer Vermittlung – das Sikorski-Maiski-Abkommen. Dieses beinhaltete die Freilassung aller Polen aus sowjetischer Gefangenschaft, damit sie eine Armee auf Seiten der bedrängten Alliierten bilden konnten. Diese Armee wurde schließlich im Iran aufgestellt und sie kämpfte unter britischem Kommando in Nordafrika und Italien gegen die Deutschen.
Doch mit den Soldaten kamen auch Frauen, Kinder und Alte und diese saßen nach ihrer überstürzten Flucht aus der Sowjetunion in iranischen Transitlagern fest. Um die Motivation der polnischen Soldaten aufrechtzuerhalten, musste die britische Regierung deren Angehörige versorgen und in Sicherheit bringen. Da der Iran jedoch zu nah am Kriegsgeschehen war und einen wichtigen Transportkorridor der Alliierten darstellte, wurden andere Orte für die polnischen Zivilisten gesucht.


Polnische Flüchtlingslager in Afrika
Schließlich fanden rund 19 000 von ihnen Unterkunft in den britischen Kolonien im östlichen und südlichen Afrika (Bildergalerien hier und hier). Die meisten kamen 1942 nach Tanganyika (heute Tansania) und Uganda, weitere wurden in Nord-Rhodesien (heute Sambia), Süd-Rhodesien (heute Simbabwe) und Kenia untergebracht. Südafrika nahm lediglich 500 Kinder auf (andere fanden im Nahen Osten, Indien, Mexiko oder NeuseelandZuflucht).
Die polnischen Flüchtlinge lebten für die nächsten Jahre in über zwanzig weit verstreuten Flüchtlingslagern, deren Größe von wenigen hundert bis zu viertausend Bewohnern reichten. Das Leben in den Lagern war größtenteils isoliert von der restlichen Gesellschaft und die interne Verwaltung lag in der Hand von in Nairobi ansässigen Vertretern der polnischen Exilregierung. Die Kolonialregierungen stellten jeweils den Kommandanten des Lagers und versuchten die Interaktion der polnischen Flüchtlinge, vor allem mit der afrikanischen Bevölkerung, zu kontrollieren. Eine Integration der Flüchtlinge lag weder im Interesse der polnischen noch der britischen Obrigkeit. Die Kolonialregierungen wollten die Flüchtlinge nur für die Dauer des Kriegs beherbergen und die polnischen Vertreter taten alles dafür, ihre polnische Nationalidentität zu stärken, etwa durch polnische Schulen, Kirchen, Feiertage, Volkstanz- und Pfadfindergruppen.
Doch wie bei anderen Flüchtlingslagern auch war die Isolation nie vollständig. Vor allem die polnischen Jugendlichen gingen ihre eigenen Wege, lernten von ihren afrikanischen Nachbarn Kiswahili, gingen zum Hahnenkampf und schlossen Freundschaften. Neben den afrikanischen Arbeiter und Wächtern kamen viele Bäuerinnen und Bauern in die Lager und verkauften Obst, Gemüse oder Eier. Ein polnischer Flüchtling betrieb eine ertragreiche illegale Schnapsbrennerei. Einige der alleinstehenden Frauen begannen Beziehungen mit britischen, italienischen, indischen oder ostafrikanischen Männern. Die polnischen und britischen Beamten beobachteten diese Interaktionen mit Argwohn und versuchten sie möglichst zu verhindern.


Rückkehr wohin?
Wie so häufig bei der Aufnahme von Kriegsflüchtlingen wollten die Regierungen sie nur für die Dauer des Krieges aufnehmen. Doch die Flüchtlinge steckten nach dem Krieg in einem Dilemma: Die neue polnische Regierung war nicht mit der Exilregierung in London verbunden, sondern mit der sowjetischen Führung in Moskau. Die meisten der polnischen Flüchtlinge in Afrika weigerten sich nachdrücklich in ein Land zurückzukehren, das kommunistisch regiert wurde. Darüber hinaus kamen fast alle aus dem östlichen Polen. Ihre Heimatorte waren nun aufgrund der Westverschiebung Polens Teil der Sowjetunion, was eine Rückkehr unmöglich machte.
Eine polnische Repatriierungsmission der UNRRA kam 1946 in die Flüchtlingslager, um für die freiwillige Rückkehr zu werben. Ihr Empfang war allerdings alles andere als herzlich: Einige der Flüchtlinge machten sehr energisch darauf aufmerksam, dass sie nicht in den sowjetischen Einflussbereich zurückwollten. In einem Lager verkleideten sie sich als Häftlinge in Arbeitslagern, um deutlich zu machen, was sie mit der Sowjetunion assoziierten. Andere bewarfen die Delegation mit Tomaten und die britische Verwaltung sorgte sich ernsthaft um ihre Sicherheit. Insgesamt kehrten nur rund 3000 Flüchtlinge freiwillige nach Polen zurück.


Warum polnische Flüchtlinge nicht in Afrika bleiben durften
Die polnischen Flüchtlinge befanden sich in einer ähnlichen Situation wie heutige Flüchtlinge in protracted refugee situations: Sie hatten keinen Ort, an den sie zurückkehren konnten. Aussicht auf dauerhafte lokale Ansiedlung und Integration gab es ebenfalls nicht.
Mitte 1946 schlug Major Bagshawe, ein Polen-freundlicher Kolonialbeamter in Süd-Rhodesien, vor, eine Agrarsiedlung für 400 polnische Familien zu gründen. Sie sollten kleine Landparzellen, einen Pflug und einen Ochsen erhalten. Bagshawe räumte ein, dass sie wahrscheinlich nicht nach „europäischen Standards“ leben könnten, doch sei es allemal besser als in den Lagern. Die politischen Vertreter der polnischen Flüchtlinge begrüßten die Vorschläge als den Anfang größerer Ansiedlungspläne. Allerdings machten die kolonialen Regierungen umgehend deutlich, dass dies nicht in ihrem Interesse war. Auch gegenüber der Londoner Zentralregierung unterstrichen sie, dass sie keinesfalls größere Gruppen von Polinnen und Polen dauerhaft aufnehmen würden.
Der Grund für diese Ablehnung war neben der generellen Diskriminierung aller nicht-britischen Immigranten, vermutlich die Angst vor der Entstehung einer weißen Unterschicht. Arme Weiße gefährdeten das sorgsam konstruierte Bild einer überlegenen weißen „Rasse“ und damit eine der Säulen kolonialer Herrschaft. Gerade im Angesicht der erstarkenden afrikanischen Unabhängigkeitsbewegungen kam dieses Gesellschaftsmodell immer stärker unter Beschuss. Doch die sogenannten „poor whites“ waren schon in früheren Zeiten ein Grund zur Sorge kolonialer Regierungen. Sie begegneten dieser weißen Unterschicht mit einer Mischung aus Fürsorge, Isolation und möglichst schneller Entfernung. Ganz ähnlich war der Umgang mit den polnischen Flüchtlingen: Sie erhielten recht großzügig Unterstützung, wurden in abgelegenen Lagern untergebracht und sollten so schnell wie möglich wieder ausreisen.
Dies führt uns auch zurück zur anfänglichen Szene an der ugandischen Bahnstation. Die Flüchtlinge waren unterwegs in ihr Lager, das abgeschirmt auf einer Halbinsel lag. Und sie gaben den Kindern süßes Brot – Brot, welches sie durch die Kolonialregierungen erhalten hatten. Auch wenn sie weit entfernt vom Luxus der britischen Siedlerschicht lebten, so waren sie doch aufgrund ihrer augenscheinlichen Zugehörigkeit zur weißen „Rasse“ privilegiert. Sie mussten die afrikanischen Nachbaren nicht anbetteln, sondern im Gegenteil bauten afrikanische Arbeiter ihre Häuser, hackten ihr Holz und reinigten ihre Toiletten. Ihre kumulative Kaufkraft führte zu inflationären Preissteigerungen im Norden Tanganyikas. Den direkten Vergleich zu ihren Leidensgenossen in Europa zog ein kanadischer Vertreter der International Refugee Organisation (IRO). Er war überrascht, wie viel besser es die polnischen Flüchtlinge in Afrika im Vergleich zu Displaced Persons in deutschen Lagern hatten.
Das Schicksal der Flüchtlinge war eng mit der polnischen Armee verknüpft. Als die polnischen ex-Soldaten 1947 schließlich in Großbritannien akzeptiert wurden, durften ihre Angehörigen aus den afrikanischen Lagern nachreisen. Doch nicht alle Flüchtlinge waren direkt mit Armeeangehörigen verwandt und so kamen schließlich knapp zwei Drittel von ihnen nach Großbritannien. Der Rest bemühte sich um Aufnahme in eins der Umsiedlungsprogramme der IRO und gelangte so nach Kanada oder Australien. Andere nutzten Kontakte in der weltweiten polnischen Diaspora um individuell an Visa zu gelangen. Rund tausend durften sich in den afrikanischen Kolonien niederlassen.


Nicht so lange her…
Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass sich Fluchtrichtungen ändern. Die sicheren Zufluchtsorte von heute sind die Kriegsgebiete von gestern. Und so kann sich dies zukünftig auch wieder ändern. Die Genfer Flüchtlingskonvention entstand aus den Erfahrungen der europäischen Fluchtbewegungen und wurde erst mit dem Protokoll 1967 universell gültig. Ihre selektive Durchsetzung zeigt, dass der Anspruch der Flüchtlingskonvention leider nie uneingeschränkt umgesetzt wurde. Unterschiedliche Flüchtlinge wurden schon immer unterschiedlich behandelt und „Rasse“ war dabei häufig eine wichtige soziale Kategorie der Unterscheidung. Hoffentlich nicht mehr lange.


Nicht näher belegte Aussagen in diesem Beitrag beruhen auf Archivrecherchen in London, Dar es Salaam und Nairobi sowie Interviews in Uganda und Tansania im Rahmen meinesDissertationsprojekts. Einen guten Überblick zu den polnischen Deportationen gibt Piotrowski in seiner Sammlung von Zeitzeugen-Erzählungen.



Dieser Beitrag ist Teil der Blogreihe Flucht und Vertreibung in Afrika des Arbeitskreises Afrika des Netzwerks Flüchtlingsforschung.

20.08.2016

Anzaldua / Borderlands









Borderlands/La Frontera


Borderlands/La Frontera: The New Mestiza ist ein semi-autobiographisches Werk von Gloria E. Anzaldúa. Das Buch erschien 1987 im Verlag Aunt Lute Books. Thema von Borderlands sind die unsichtbaren Grenzen, die zwischen verschiedenen Gruppen im Grenzbereich zwischen den USA und Mexiko existieren: US-Bürger - Mexikaner/Chicanos, Männer - Frauen, Heterosexuelle - Homosexuelle.

Das Buch ist unterteilt in zwei Teile. Der erste in Prosa geschriebenen Teil ist untergliedert in sieben Abschnitte, in denen sie Autobiographisches mit der Geschichte der US-amerikanisch-mexikanischen Grenze und essayhaften Passagen über ihre Weltanschauung verbindet. Der zweite Teil des Buches besteht aus einer Sammlung von 38 Gedichten, die in sechs Gruppen unterteilt sind.

Das Buch lässt sich keiner der üblichen literarischen Kategorien zuordnen. Es verbindet aus der Perspektive einer lesbischen Feministin, einer Chicana-Tejana, Autobiographisches, Themen der Zeitgeschichte, historisch-kulturgeschichtliche Exkurse, Reflexionen über die aztekische Mythologie und Kultur, aus denen sie dann ihre Theorien über die „Neue Mestizin“, eine „Bewusstsein des Mestizen“ (Mestiza consciousness) und über „Grenzen“ und „Grenzgänger“ entwickelt.
Inhalt

Borderlands beginnt mit einem Gedicht über das Meer, das Mexiko umgibt. Das Meer als eine natürliche Grenze soll als Kontrast zu den von Menschen geschaffenen, unnatürlichen Grenzen dienen. Eine solche unnatürliche Grenze stellt jene dar, welche die Vereinigten Staaten von Amerika und Mexiko trennt. Anzaldúa empfindet diese Grenze als befremdlich und beengend. Die Autorin spricht sogar von einer offenen Wunde („The U.S.-Mexican border es una herida abierta“[1]) Diese künstlich errichtete Grenze trennt nicht nur zwei Länder, sondern sie übt auch großen Einfluss, sowohl soziologisch als auch psychologisch, auf jene Menschen aus, die um sie herum leben müssen. Anzaldúa verwickelt den Leser tief in die Spannungen und Konflikte zwischen den Chicanos und den Weißen. Hierbei vermittelt sie bildhaft einen Eindruck von der Hilflosigkeit der Mestizen, die durch die U.S.-mexikanische Grenze in ihrem einstigen Vaterland nicht mehr akzeptiert bzw. geduldet werden.

Gemäß Anzaldúa dienen Grenzen dazu, das Gute vom Schlechten zu trennen, das Sichere vom Unsicheren, uns von denen. Den Mestizen ist es nicht gestattet, die Grenze zu überschreiten, egal ob legal oder illegal. Sie werden sodann vergewaltigt, verstümmelt, erdrosselt, vergast oder erschossen.[2] Nur Weiße und Reiche können die Grenze jederzeit überschreiten.

Radioscript: Ein Raum und keine Linie

 KULTUR UND GESELLSCHAFT 
  
 Reihe :  LITERATUR    0.05 Uhr  
 Titel der Sendung: Ein Raum und keine Linie  
       
 Wie Literatur Grenzen erkundet
 

Regie: ((das Folgende mit Meeresrauschen unterlegen - 
immer wieder einblenden))

Sprecher: Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde; die Erde aber war 
wüst und wirr. 

Erzählerin: Die allererste Landkarte wurde wahrscheinlich von dem im 
6. Jahrhundert vor Christus lebenden Vorsokratiker 
Anaximander gezeichnet.

Sprecher: Gott sprach: Es werde Licht.

Erzählerin: Die Karte ist nicht erhalten. Erhalten aber ist das Wissen, 
dass Anaximander ein völlig neues Konzept in die 
Metaphysik einbrachte: das Apeiron - eine 
Wortkombination aus dem Affix -a und dem  griechischen 
Wort peiras, 'Begrenzung'.

Sprecher: Dann sprach Gott: Ein Gewölbe entstehe mitten im 
Wasser und scheide Wasser von Land. So geschah es 
und Gott nannte das Gewölbe Himmel.

Erzählerin: Das Apeiron ist demnach das Unbegrenzte - das bei 
Anaximander als Quelle des Begrenzten bezeichnet wird.

Sprecher: Dann sprach Gott: Das Wasser unterhalb des Himmels 
sammle sich an einem Ort. Damit das Trockene sichtbar 
werde. Das Trockene nannte Gott Land, und das 
angesammelte Wasser nannte er Meer. 

Regie: ((Meeres/Wassergeräusche hier allmählich 
ausblenden))

Sprecherin 1:  ((I stand at the edge where earth touches ocean
      Where the two overlap
      A gentle coming together
      At other times and places a violent clash))

    Ich stehe an der Stelle, wo sich Erde und Ozean berühren
      die beiden sich überlappen
      Ein sanftes Zusammentreffen
Zu anderen Zeiten, an anderen Orten ein gewaltsamer 
Clash
((Gloria Anzaldua: Borderlands. La Frontera. The New Mestiza. 
Aunt Lute Books, San Francisco, 2012. S. 23, 4 Zeilen. 
übersetzung: Claudia Kramatschek))


Erzählerin: Noch nie - so schreibt die Historikerin Astrid Nunn im 
Vorwort zu ihrem Band 'Mauern' - wurden so viele 
Grenzen verhandelt, festgelegt und bewacht wie jetzt. 
Rund 250.000 Kilometer Länge umfassen die Grenzen, 
die es derzeit gibt auf der Welt. Eine von ihnen ist die 
zwischen Mexiko und USA.

Sprecherin 1:  ((Across the border in Mexico
      Stark silhouette of houses gutted by waves,
      Cliffs crumbling into the sea,
      Silver waves marbled with spume
      Gashing a hole under the border fence.))

    Jenseits der Grenze in Mexiko
kahle Häusersilhouetten, ausgehöhlt von den Wellen,
Felsen bröckeln ins Meer,
Silberne, von Schaum marmorierte Wellen
höhlen ein Loch unter den Zaun der Grenze.
((Anzaldua: Borderlands. La Frontera. S. 23, 5 Zeilen. 
übersetzung: Claudia Kramatschek))

Erzählerin: Einst bildete der Rio Grande die natürliche Grenze 
zwischen Mexiko und den USA. Mittlerweile gilt sie als die 
bestgesicherte der Welt: Meterhohe Metallzäune, 
Stacheldraht, Nachtsichtgeräte, Infrarotkameras. 

Sprecherin 1:  ((I press my hand to the steel curtain -
Chainlink fence crowned with rolled barbed wire -
Rippling from the sea where Tijuana touches San Diego
Unrolling over mountains
And plains
And deserts,
This Tortilla Curtain turning into el Rio Grande
Flowing down to the flatlands
Of the Magic Valley of South Texas
Its mouth emptying into the Gulf.))

Ich presse meine Hand an den Stahl-Vorhang -
Maschendrahtzaun mit einer Krone aus gerolltem 
Stacheldraht -
Der sich kräuselt, vom Meer, wo Tijuana San Diego 
berührt,
Und sich entrollt 
über Berge
Und Ebenen
Und Wüsten.
Dieser Tortilla-Vorhang mündet in den Rio Grande 
Und fliesst hinab in das Flachland
Das magische Tal von Süd-Texas
Wo sein Maul sich in den Golf ergiesst.
((Anzaldua: Borderlands. La Frontera. S. 24, 10 Zeilen. 
übersetzung: Claudia Kramatschek))

Radioscript: Ein Raum und keine Linie

 KULTUR UND GESELLSCHAFT 
  
 Reihe :  LITERATUR    0.05 Uhr  
 Titel der Sendung: Ein Raum und keine Linie  
       
 Wie Literatur Grenzen erkundet
 

Regie: ((das Folgende mit Meeresrauschen unterlegen - 
immer wieder einblenden))

Sprecher: Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde; die Erde aber war 
wüst und wirr. 

Erzählerin: Die allererste Landkarte wurde wahrscheinlich von dem im 
6. Jahrhundert vor Christus lebenden Vorsokratiker 
Anaximander gezeichnet.

Sprecher: Gott sprach: Es werde Licht.

Erzählerin: Die Karte ist nicht erhalten. Erhalten aber ist das Wissen, 
dass Anaximander ein völlig neues Konzept in die 
Metaphysik einbrachte: das Apeiron - eine 
Wortkombination aus dem Affix -a und dem  griechischen 
Wort peiras, 'Begrenzung'.

Sprecher: Dann sprach Gott: Ein Gewölbe entstehe mitten im 
Wasser und scheide Wasser von Land. So geschah es 
und Gott nannte das Gewölbe Himmel.

Erzählerin: Das Apeiron ist demnach das Unbegrenzte - das bei 
Anaximander als Quelle des Begrenzten bezeichnet wird.

Sprecher: Dann sprach Gott: Das Wasser unterhalb des Himmels 
sammle sich an einem Ort. Damit das Trockene sichtbar 
werde. Das Trockene nannte Gott Land, und das 
angesammelte Wasser nannte er Meer. 

Regie: ((Meeres/Wassergeräusche hier allmählich 
ausblenden))

Sprecherin 1:  ((I stand at the edge where earth touches ocean
      Where the two overlap
      A gentle coming together
      At other times and places a violent clash))

    Ich stehe an der Stelle, wo sich Erde und Ozean berühren
      die beiden sich überlappen
      Ein sanftes Zusammentreffen
Zu anderen Zeiten, an anderen Orten ein gewaltsamer 
Clash
((Gloria Anzaldua: Borderlands. La Frontera. The New Mestiza. 
Aunt Lute Books, San Francisco, 2012. S. 23, 4 Zeilen. 
übersetzung: Claudia Kramatschek))


Erzählerin: Noch nie - so schreibt die Historikerin Astrid Nunn im 
Vorwort zu ihrem Band 'Mauern' - wurden so viele 
Grenzen verhandelt, festgelegt und bewacht wie jetzt. 
Rund 250.000 Kilometer Länge umfassen die Grenzen, 
die es derzeit gibt auf der Welt. Eine von ihnen ist die 
zwischen Mexiko und USA.

Sprecherin 1:  ((Across the border in Mexico
      Stark silhouette of houses gutted by waves,
      Cliffs crumbling into the sea,
      Silver waves marbled with spume
      Gashing a hole under the border fence.))

    Jenseits der Grenze in Mexiko
kahle Häusersilhouetten, ausgehöhlt von den Wellen,
Felsen bröckeln ins Meer,
Silberne, von Schaum marmorierte Wellen
höhlen ein Loch unter den Zaun der Grenze.
((Anzaldua: Borderlands. La Frontera. S. 23, 5 Zeilen. 
übersetzung: Claudia Kramatschek))

Erzählerin: Einst bildete der Rio Grande die natürliche Grenze 
zwischen Mexiko und den USA. Mittlerweile gilt sie als die 
bestgesicherte der Welt: Meterhohe Metallzäune, 
Stacheldraht, Nachtsichtgeräte, Infrarotkameras. 

Sprecherin 1:  ((I press my hand to the steel curtain -
Chainlink fence crowned with rolled barbed wire -
Rippling from the sea where Tijuana touches San Diego
Unrolling over mountains
And plains
And deserts,
This Tortilla Curtain turning into el Rio Grande
Flowing down to the flatlands
Of the Magic Valley of South Texas
Its mouth emptying into the Gulf.))

Ich presse meine Hand an den Stahl-Vorhang -
Maschendrahtzaun mit einer Krone aus gerolltem 
Stacheldraht -
Der sich kräuselt, vom Meer, wo Tijuana San Diego 
berührt,
Und sich entrollt 
über Berge
Und Ebenen
Und Wüsten.
Dieser Tortilla-Vorhang mündet in den Rio Grande 
Und fliesst hinab in das Flachland
Das magische Tal von Süd-Texas
Wo sein Maul sich in den Golf ergiesst.
((Anzaldua: Borderlands. La Frontera. S. 24, 10 Zeilen. 
übersetzung: Claudia Kramatschek))

16.04.2016

Foreign Bodies

Sanell Aggenbach, Spiniferlictus, 2015, Wood and gold-plated steel, 138 x 45 x 68 cm
Rowan Smith, Hiding White , 2015, Wax, oil paint, fabric and polystyren, 243 x 189 x 29 cm

WHATIFTHEWORLD is pleased to present Foreign Bodies – a group exhibition of new work by Sanell Aggenbach, Julia Rosa Clark, Pierre Fouché, Dan Halter, Mohau Modisakeng, Athi-Patra Ruga, Rowan Smith and Moffat Takadiwa.
In English at least, nations are bound up in the language of bodies. The metaphoric conflation runs through political discourse like connective tissue. We speak of a body politic; a head of state; a healthy democracy and the long arm of the law. A government has a seat and an empire, a heart. Corporealised these abstract political communities are both easier to imagine and closer to home. But that begs the question: whose home, exactly? And equally, crucially, whose body is mapped onto this geopolitical landscape? How we read the bio-logic of belonging informs not only how we experience our citizenship, but its conditions, its scope and its limits.
Collectively the works of Foreign Bodies take the temperature of national belonging. The title plays on two closely-linked interpretations of a “foreign body”, one perhaps more political and one more material (although as these works demonstrate, that distinction is never as clear as it may seem). The first calls to mind the figure of the migrant entering “local” space – a stranger in a strange land – and the second suggests an intruding parasite that triggers an immune reaction in a body made suddenly strange to itself. Each is foreign only inasmuch as they penetrate an already porous frontier, and that frontier is at best merely an idea of difference: the border is, after all, a site where otherness is not just held at bay but actively constructed. Without borders between skin and world, indigenous and foreign, how would we know where “we” end and the rest begins?
Without claiming authoritative or absolute answers, Foreign Bodies engages what is alien to us – biologically, psychologically, socially, personally and politically – and examines how we might better read bodies not our own. More than that, together these artists posit the possibility of reading our own bodies, both fleshy and national, differently.


02.01.2016

Can the Subaltern Speak German? And Other Risky Questions Migrant Hybridism versus Subalternity

25 04 07
Nikita Dhawan
The German-speaking discourse distanced itself from postcolonial theory for a long time with the argument that neither Germany nor Austria nor Switzerland were major colonial powers. Only recently, postcolonial theory has received academic attention in the German speaking context through focus on issues like migration, racism, interculturality, and globalisation. Consequently, there is an emerging discussion regarding the consequences of colonialism and postcolonial critique for the German-speaking context. This has given rise to a range of questions like: “Is postcolonial theory relevant and applicable to the German context?”, “Who is the subaltern in Germany and are there subalterns, who speak German?”[1] It has been proposed that migrants in the postcolonial German-speaking context can be understood to be subalterns, who cannot be heard by the hegemonic dominant culture[2]. Migrants are thereby ‘subalternized’ and strategies are explored for bringing to articulation of ‘silenced’ minority voices[3]. Here, the intellectual migrants from ‘subaltern groups’ become the spokesperson for the ‘margins’[4].
The colonial continuity of the politics of migration in the European context or the experiences of racism and discrimination that are part and parcel of a migrant’s everyday life are urgent issues that need to be scandalized. Against this background, the link between postcolonial critique and migration studies is extremely significant. Particularly Edward Said and Homi Bhabha's works focus on these issues. Interestingly Gayatri Spivak takes a different view, whereby she explicitly and repeatedly warns against reducing the question of postcoloniality in general and subalternity in particular to metropolitan spaces. Spivak’s focus on the tricky relation between metropolitan postcolonialism and rural and indigenous subalterns brings to light the risks of an unquestioned celebration of postcolonial critique, especially for those who do not 'directly' benefit from it. Spivak emphasises that she finds migrant activism in the north important and worth supporting, but simultaneously warns that if contemporary neo-colonialism is seen only from the undoubtedly complex and important, but restrictive, perspective or explanatory context of metropolitan internal colonization of the postcolonial migrant, then this risks overshadowing the question of international division of labour. This unfolds a conflict of interest, whereby there is no self-evident 'natural' alliance between migrant activism in the North and the rural and indigenous subaltern in the global south. In my paper, I seek to briefly explore this 'internal critique' within metropolitan postcolonialism, to unfold the dangers of 'discursive colonization' of the subaltern by migrant activism and expose the tricky position of the postcolonial feminist in the face of international division of labour.
As argued elsewhere[5], I propose that the very question of the relevance of postcolonial theory in the German speaking context is redundant in that it overlooks one of the most fundamental premises of postcolonial theory, namely, that not only are countries like Bangladesh and Brazil postcolonial, but even countries like Thailand and Iran, which were never 'formally' colonised, are also deeply informed by processes of colonialism. By virtue of our, what Shalini Randeria calls “entangled histories”, it is impossible to reduce postcolonial analysis to national boundaries, for these boundaries are itself a product of colonial discourses. Thus the mere question, for example, "Can the Subaltern speak German?"[6] neglects the functioning of international division of labour by trying to locate and thereby reduce the question of postcolonial critique in the global north even as the framing of this question once again reinforces methodological nationalism and thereby national boundaries.
Moreover, there is a fatal ‘paradox’ in the notion of ‘migrant-as-subaltern’. Spivak observes that the very definition of the subaltern entails ‘immobility’, whereby the cultural space of subalternity is cut off from the lines of mobility producing the class- and gender-differentiated colonial subject:
"Subalternity is the name I borrow for the space out of any serious touch with the logic of capitalism or socialism. Please do not confuse it with unorganised labour, women as such, the proletarian, the colonized, […] migrant labour, political refugees etc. Nothing useful comes out of this confusion." (Spivak 1995: 115)

98weeks - feminism

14.09.2015

FANSI'S STILTE

TESSA LEUWSHA
presenteert haar nieuwste roman
FANSI'S STILTE

ZONDAG 27 SEPTEMBER
AANVANG 16.00 UUR
Image
Schrijfster Tessa Leuwsha verhuist van Nederland naar Suriname, aangetrokken door de liefde en het avontuur van een land in opbouw. Vijfentwintig jaar eerder deed haar Surinaamse oma Fansi het omgekeerde. Wie was die vreemde tropenvrouw die opeens bij haar vernederlandste kinderen en kleinkinderen op de stoep stond? Tessa herinnert zich een strenge, zwijgzame vrouw die weigerde aardappels te eten. Waarom zweeg Fansi in alle talen over haar achtergrond?

In Fansi’s stilte gaat Tessa Leuwsha op zoek naar het verhaal van haar grootmoeder en haar ooms en tantes, in Paramaribo, Nickerie, Eindhoven en de Achterhoek. Al lezend en luisterend beleeft zij de geschiedenis van Suriname en ontdekt hoe de slavernij, die relatief kort voor de geboorte van Fansi was afgeschaft, doorspeelde in het leven van haar grootmoeder – een dochter van een Engelse zendelinge en een zwarte man – en zelfs in dat van haar kinderen.

TESSA LEUWSHA WORDT GEINTERVIEWD DOOR TANJA JADNANANSING
LIVE OPTREDEN VAN SINGER/SONGWRITER JUANSITO
BOEKVERKOOP - TESSA LEUWSHA ZAL SIGNEREN

Tessa Leuwsha (1967) is schrijver van fictie en non-fictie. Ze schreef voor onder meer Opzij, HP/De Tijd, de Volkskrant en is recensent voor de Ware Tijd-Literair. Haar romans de Parbo-blues en Solo, een liefde werden lovend ontvangen en genomineerd voor diverse prijzen.

05.07.2015

Migration und Freiheit

Flusser hat aus dieser Lebensparabel, die von vielfachen Brüchen geprägt war, im Laufe der 80er Jahre eine eigene Philosophie der Migration entwickelt. Grundlage dieser Philosophie der Migration ist das Umschlagen des Exils in Freiheit, in eine doppelte Freiheit: die Freiheit von der Verstrickung in die eigene Kultur und die Freiheit, neue Wahlverwandtschaften zu knüpfen. In Flussers Philosophie der Migration steht der zwanghaften, meist unbewussten Verwurzelung die befreiende selbstbewusste Vernetzung gegenüber. Diese Vorstellung kommt im Begriff der Bodenlosigkeit zum Ausdruck: man ist zwar im Exil ohne angestammten Boden, weil man den früheren Boden, in dem man verwurzelt war, verloren hat, man ist aber zugleich von diesem früheren Boden befreit, man ist diesen Boden los. Im Essay Wohnung beziehen in der Heimatlosigkeit versucht Flusser, diese gewohnheitsmäßige Verstrickung in die eigene Kultur anhand einer Metapher einzufangen, einer Metapher, die ohne die Vorstellung der Wurzel und der Verwurzelung auskommt, und doch auf das Faserige, Fesselnde verweist, auf die Schmerzen des Zerreißens und Zerschneidens. „Es sind zumeist geheime Fasern, die den Beheimateten an die Menschen und Dinge der Heimat fesseln. Sie reichen über das Bewußtsein der Erwachsenen hinaus in kindliche, infantile, wahrscheinlich sogar in fötale und transindividuelle Regionen […]. Ein prosaisches Beispiel: Das tschechische Gericht svichova (Lendenbraten) erweckt in mir schwer zu analysierende Gefühle, denen das deutsche Wort ‘Heimweh’ gerecht wird.“

21.06.2015

SCHWEIZER KOLONIALGESCHÄFTE IN ALGERIEN – ALGERISCHE MIGRATION IN DIE SCHWEIZ

Michael Schmitz, Dalila Ghodbane und Karim Khider | 11. Juni 2015 | 7/2015 | Keine Kommentare


Über hundert Jahre lang betrieb eine Genfer Gesellschaft in Sétif/Algerien ein profitables Kolonialgeschäft. Es beruhte auf Usurpation von Land. Wenn heute jedoch Algerier_innen in die Schweiz kommen, nicht um Land zu beschlagnahmen, sondern um Arbeit zu suchen, gilt das illegal.

von Michael Schmitz
Kommentar Legalität ist eine Frage der Macht, von Dalila Ghodbane und Karim Khider


Aktie der Compagnie genevoise des colonies suisse de Sétif (aus: campus Nr. 91)

Mit 37 000 Mann landet am 14. Juni 1830 die französische Armee an der algerischen Küste,um das Land zu erobern und zu kolonisieren. Schon bald fallen wichtige Städte an die Invasoren, und der Aufbau einer Kolonialverwaltung, die Besiedlung und die Ausbeutung von Mensch und Natur beginnt. Es wird noch fast hundert Jahre dauern, bis der Widerstand der Einheimischen gebrochen ist.

Während die französische Armee Krieg führt und Aufstände niederschlägt, sehen sich unter anderen auch Schweizer Geschäftsleute nach Profitmöglichkeiten um. 1853 gründen Genfer Geschäftsleute unter der Führung von François-Auguste Sautter die Compagnie genevoise des Colonies suisses de Sétif und erhalten per Dekret des französischen Kaisers Napoleon III 20 000 Hektaren Land in der Nähe von Sétif. Dies entspricht etwa achtzig Prozent der Fläche des Kantons Genf. Damit wird die Compagnie zu einem der grössten privaten Grundbesitzer in Algerien. Der Historiker Claude Lützelschwab hat die Geschichte dieser schweizerischen Kolonialunternehmung untersucht. Auf seine Forschung stützt sich dieser Artikel.


Die grossen Konzessionen im Departement Constantine, Karte: Dalila Ghodbane

Ein erstes Projekt der Compagnie, das auch eine Besiedlung durch Schweizer Emigrant_innen vorsah,1 scheitert bald an den Schwierigkeiten bei der Rekrutierung und an finanziellen Problemen. Bei der Rekrutierung ist übrigens auch der spätere Gründer des Roten Kreuzes, Henri Dunant, als Agent beteiligt. Einem zweiten Projekt ist einige Jahre später mehr Erfolg beschieden. Ein Teil der nun 15 000 Hektaren wird vermietet, ein anderer an Einheimische und Europäer_innen verpachtet. Das Kolonialisierungsprojekt der Compagnie genevoise greift massiv in die lokale Realität ein. Gemäss Lützelschwab löst sich das traditionelle System auf, die indigene Wirtschaft und Gesellschaft werden durcheinandergebracht und der ansässige Stamm wird enteignet. Ein Teil von dessen Mitgliedern darf als Pächter_innen auf dem angestammten Land bleiben. Der andere Teil wird umgesiedelt. Die Compagnie beschäftigt zur Aufsicht indigene Führer und will sie dadurch im Glauben wiegen ihre Autorität behalten zu können. Gleichzeitig werden sie aber auf den Status von Angestellten reduziert. Es kommt vor, dass Stammesführer wegen der Unterdrückung durch die Compagnie Sétif verlassen wollen, die Mitglieder es aber vorziehen zu bleiben. So bringt die Politik der Schweizer Firma Stammesführer und -mitglieder gegeneinander auf. Allgemein leidet die Solidarität innerhalb des Stammes.

13.04.2014

Sprachstanderhebung in der asylpolitik

Besonders wichtig ist auch der Beitrag von Sabine Gatt, der die Flüchtlingsproteste in Österreich aufnimmt. Gatt erläutert die österreichische ausschließende Asylpolitik, in der Integration als einseitiges Projekt gedacht wird, die von Flüchtlingen – und insgesamt Menschen mit Migrationshintergrund – zu erbringen sei. Nationalität werde dabei besonders über Sprache her- und Flüchtlinge als defizitär dargestellt. Auf diese Weise werde von der österreichischen Regierung die „Einführung von Sprachstanderhebungen vor Zuzug“ (S. 142) gerechtfertigt. Das auf Sprache basierende „Nationsnarrativ“ werde „durch ein Emanzipationsnarrativ“ (S. 141) ergänzt: Patriarchat würde ‚andere Kulturen‘ kennzeichnen und Bildungszwang (etwa „Sprachstanderhebungen“) zuwandernden Frauen einen Ausweg aus patriarchalischen Strukturen eröffnen. Gatt hierzu: „Über die binäre und hierarchisierende Konstruktion von eigener und fremder Kultur dient die Externalisierung des Patriarchats dazu, die eigene Kultur davon freizusprechen.“ (S. 142) Gatt arbeitet die Interessen österreichischer Politik heraus und wie sie Flüchtlinge marginalisiert und zum Schweigen bringt.

01.05.2011

handsworth songs




An interesting and original film, Handsworth Songs is an unconventional collage of news reports, eyewitness footage, interviews and abstract imagery. The whole film plays out as a dreamy rush of imagery and sounds: considerable credit should be given to the range of footage employed and juxtaposed against suitably atmospheric music. Closer to documentary or verite, the film traces memories of immigration to Britain in the early 50's through archive footage and brings us into the present day with footage shot by the Black Audio Film Collective. A serious, very watchable, artistic examination of the causes, effects and aftermath of the riots in Birmingham in the early 80's, Handsworth songs is abstract without resorting to inarticulacy.