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24.10.2017

Emanzipationsbewegungen in der Karibik: Panafrikanismus, Garvey und die Négritude

poonal
von Jesús Chucho García

(Quito, 20. Juli 2015, alai).- Der Karibische Raum spielte seit Zeiten der Eroberung und Kolonialisierung im politischen Weltgeschehen eine wesentliche Rolle. So begann dort der Prozess einer ersten perversen Globalisierung und auch die Unabhängigkeitsbewegungen des 19. Jahrhundert nahmen in der Karibik ihren Ausgangspunkt.

Panafrikanismus: Zwischen Afrika und afrikanischer Diaspora

Gegen Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts kam die Bewegung des Panafrikanismus und dessen Vordenker zum Vorschein, die zwischen Afrika und der afrikanischen Diaspora in der Karibik eine politische Verbindung herstellen würden: Silvester Williams und George Padmore. Silvester Williams, Anwalt von Beruf und geboren in Trinidad und Tobago, „hatte eng mit den Afrikanern in Großbritannien zusammen gearbeitet. Er wurde gewisser Weise zu einem rechtlichen Berater, wobei er sich auf landwirtschaftliche Probleme spezialisierte, die im Zuge der Niederlassung der Europäer in Afrika von enormer Bedeutung waren. Während der Pariser Weltausstellung im Jahr 1900 ergriff Silvester Williams die Initiative und hielt in der Westminster Hall in London eine Rede, die als Protest gegen den Landraub der Europäer in Afrika gerichtet war“.

Dieses Ereignis war eines der Ausgangspunkte der Entwicklung des Panafrikanismus, der später von dem US-Afroamerikaner W.E. Du Bois, dessen Familie aus Haiti stammte, fortgesetzt werden würde.

“Die Versöhnung der Schwarzen Nordamerikas mit ihren Wurzeln ist dem Werk von Du Bois zu verdanken. Tatsächlich war die Repatriierungsbewegung der Schwarzen der USA ins afrikanische Liberien vor allem eine Bewegung, die von Weißen vorangetrieben wurde, um die US-Afroamerikaner aus den Südstaaten, die sich nach Befreiung sehnten, aus dem Land zu bringen. Du Bois war damit allerdings nicht einverstanden, da stattdessen für die volle US-Staatsbürgerschaft gekämpft werden sollte. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts existierte zwischen Schwarzafrika und den USA keinerlei kultureller Austausch und selbst die führenden Persönlichkeiten unter den Afroamerikanern zeigten kein Interesse für Afrika.“

Marcus Garvey: Streben nach Vereinigung der schwarzen Völker

Marcus Garvey, der auf Jamaica geboren wurde, war eine weitere wichtige Führungsperson. Er trug dazu bei, eine radikale Verbindung zwischen Afrika und der Karibik herzustellen, die seiner Ansicht nach für die Entstehung des Panafrikanismus ebenso wichtig war. Garvey wurde zum Gründer der Universal Negro Improvement Association UNIA, deren Ziel es war, alle schwarzen Völker der Welt in einem großen Verband zu vereinen und ein völlig eigenes Land mit eigener Regierung zu gründen.“

Garvey zog in die USA und errichtete seine Basis in Harlem, New York. Sein Ziel war, dem Kolonialismus und Imperialismus, die noch immer die Völker Afrikas und die afrikanische Diaspora in der Karibik gedemütigt und versklavt hielten, mit globalen Antworten aus der Perspektive des Panafrikanismus zu begegnen. Daher gründete er die UNIA.

Négritude: Kampf um schwarze Selbstbestimmung

Mit Blick auf die Schaffung einer diskursiven, literarisch-philosophischen Strategie zur Stärkung der kulturellen Identität, erschienen León Gontran Damas (aus Französisch-Guyana), Aimé Césaire (aus Martinique) und Leopold Sedar Shengor (aus Senegal) auf der Bildfläche, um die Bewegung der Négritude zu gründen.

Aimé Césaire, einer der Väter der Négritude in den 1930er Jahren, betonte in einem Interview, „in Paris trafen etwa zwanzig Schwarze verschiedenster Herkunft aufeinander. Darunter waren Afrikaner, wie Senghor, Guayaner, Haitianer, Afro-Nordamerikaner, Antillaner. Das war ein sehr wichtiges Ereignis. Wir waren Schwarze aus allen Teilen der Welt. Wir trafen uns zum ersten Mal, lernten uns kennen. Das war von großer Bedeutung. Bis in meine Generation hinein verfolgten die Franzosen und Engländer eine hemmungslose Assimilationspolitik. Die Europäer missachteten Afrika völlig und in Frankreich betrachtete man einen Teil der Welt als zivilisiert und den anderen als barbarisch. Diese triebhafte Welt war Afrika und die zivilisierte Welt war Europa. Daher war das Beste was man für die Afrikaner tun konnte, sie zu zivilisieren. Das Ideal war, einen schwarzhäutigen Franzosen zu schaffen. Unser Kampf war ein Kampf gegen die Entfremdung. Auf diese Weise wurde Négritude geboren. Da die Antillaner sich dafür schämten Schwarze zu sein, suchten sie nach allen möglichen Umschreibungen von Schwarzsein. Man sprach von einem Schwarzen als einem Mann dunkler Hautfarbe und sagte andere Albernheiten. Wenn du mich fragst, was die Négritude für mich bedeutet, würde ich sagen, dass es bei der Négritude vor allem um eine konkrete – und keine abstrakte – Bewusstseinsbildung geht. Konkretes Bewusstwerden darüber was man ist, was vor allen Dingen heißt, dass man schwarz ist; dass wir Schwarze waren, dass wir eine Vergangenheit hatten und diese Vergangenheit kulturelle Elemente beinhaltete, die einmal gegolten haben.“

Zwischen globalen Machtinteressen: Die Karibik im 21. Jahrhundert

Diese Gegebenheiten der Vergangenheit haben heute Gültigkeit; die Realität des 21.Jahrhunderts] ist eine andere. Heute befindet sich die Karibik durch die Bildung einer multipolaren Welt inmitten eines strategischen Spiels der Machtpole auf globaler Ebene. Die Karibik muss in ihrer insularen und kontinentalen Komplexität begriffen werden, in ihrer Solidarität im Hinblick auf verschiedene Sprachen und Kulturen. Die genannten drei Bewegungen des 20. Jahrhunderts (Panafrikanismus, Garveys UNIA und die Négritude) spiegeln unsere heutige Realität nicht mehr wider. So auch nicht unsere Politik der Solidarität gegenüber der Karibik, die auf wenig Gegenseitigkeit beruht.

Es reicht nicht, eine Tonne Öl gegen einen Sack Reis zu tauschen. Es geht um viel mehr. Wenn nicht, soll Guayana [das sich mit Venezuela im Streit um die Hoheitsrechte über Rohstoffreserven im Atlantik befindet, Anm. der Red.] das Gegenteil beweisen.

24.02.2016

Deutsche Kolonialgeschichte




Helen Harris und Dr. Spunk Seipel kuratieren eine Ausstellung, die unter dem Titel „1884 to 1915- an artistic position“ bis zum 12. März 2016 in der National Art Gallery of Namibia in Windhoek zu sehen ist. Künstler aus Namibia und aus Deutschland zeigen Arbeiten, „wie man mit dem deutschen Kolonialismus, seine Verbrechen und die Verletzungen, die er bis heute hinterlassen hat, umgehen kann.“ 1868 hatte zwar der spätere Reichskanzler Bismarck in einem Brief an den preußischen König den Erwerb von Übersee-Kolonien abgelehnt, doch nach 1870 gewann in der deutschen Politik die Kolonialpropaganda die Oberhand. 1884 beginnt schließlich eine systematisch angelegte Kolonialpolitik, als die vom Bremer Kaufmann Adolf Lüderitz erworbenen Besitzungen als „Deutsch-Südwestafrika“ unter den Schutz des Reiches gestellt wurden. 1914 war Deutschland schließlich nach England, Frankreich, Russland und den Niederlanden die fünftgrößte Kolonialmacht. Das deutsche Kolonialregime im heutigen Namibia war durch Grausamkeit gekennzeichnet: nach einer Viehseuche beanspruchten Großgrundbesitzer die überlebenden Viehbestände der Herero für sich. Den Aufstand der Herero schlug eine 15.000 Mann starke deutsche Kolonialarmee 1904 blutig nieder, die Überlebenden ließ die deutsche Militärführung in der Wüste verdursten. Bis 1908 kamen durch diesen Völkermord ca. 90.000 Herero und Nama ums Leben. In der öffentlichen gesellschaftlichen Diskussion spielte die deutsche Kolonialgeschichte mit solchen kriegsverbrecherischen Begleitumständen gegenüber anderen Themen keine größere Rolle; die Ausstellung betritt damit Neuland: bisher gab es in Deutschland kaum künstlerische Arbeiten, die sich mit diesem Teil der politischen Geschichte befassten. „Es ist eine Ausstellung, die keine definitive Aussage über dieses schwierige Kapitel der Geschichte geben kann, aber aufzeigt, wie wir alle damit umgehen können.“ Künstlerliste: Diana Arce, Matthias Beckmann, Berlin Postkolonial, Tahir Della, Melody Laverne Bettencourt , Nicola Brandt , Ondrej Brody & Kristofer Paetau, Judith Egger, Thomas Eller, Abrie Fourie, Tim Huepschle, Phillip Luhl, Nicky Marais, Philip Kojo Metz, Moholi Ndikung, Veico Ponofi & Nambahu Karina, Oliver Ressler, Spunk Seipel, Eric Schnak, Papa Shikongeni, Andrew van Wyk, Ella Ziegler.

02.01.2016

Can the Subaltern Speak German? And Other Risky Questions Migrant Hybridism versus Subalternity

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Nikita Dhawan
The German-speaking discourse distanced itself from postcolonial theory for a long time with the argument that neither Germany nor Austria nor Switzerland were major colonial powers. Only recently, postcolonial theory has received academic attention in the German speaking context through focus on issues like migration, racism, interculturality, and globalisation. Consequently, there is an emerging discussion regarding the consequences of colonialism and postcolonial critique for the German-speaking context. This has given rise to a range of questions like: “Is postcolonial theory relevant and applicable to the German context?”, “Who is the subaltern in Germany and are there subalterns, who speak German?”[1] It has been proposed that migrants in the postcolonial German-speaking context can be understood to be subalterns, who cannot be heard by the hegemonic dominant culture[2]. Migrants are thereby ‘subalternized’ and strategies are explored for bringing to articulation of ‘silenced’ minority voices[3]. Here, the intellectual migrants from ‘subaltern groups’ become the spokesperson for the ‘margins’[4].
The colonial continuity of the politics of migration in the European context or the experiences of racism and discrimination that are part and parcel of a migrant’s everyday life are urgent issues that need to be scandalized. Against this background, the link between postcolonial critique and migration studies is extremely significant. Particularly Edward Said and Homi Bhabha's works focus on these issues. Interestingly Gayatri Spivak takes a different view, whereby she explicitly and repeatedly warns against reducing the question of postcoloniality in general and subalternity in particular to metropolitan spaces. Spivak’s focus on the tricky relation between metropolitan postcolonialism and rural and indigenous subalterns brings to light the risks of an unquestioned celebration of postcolonial critique, especially for those who do not 'directly' benefit from it. Spivak emphasises that she finds migrant activism in the north important and worth supporting, but simultaneously warns that if contemporary neo-colonialism is seen only from the undoubtedly complex and important, but restrictive, perspective or explanatory context of metropolitan internal colonization of the postcolonial migrant, then this risks overshadowing the question of international division of labour. This unfolds a conflict of interest, whereby there is no self-evident 'natural' alliance between migrant activism in the North and the rural and indigenous subaltern in the global south. In my paper, I seek to briefly explore this 'internal critique' within metropolitan postcolonialism, to unfold the dangers of 'discursive colonization' of the subaltern by migrant activism and expose the tricky position of the postcolonial feminist in the face of international division of labour.
As argued elsewhere[5], I propose that the very question of the relevance of postcolonial theory in the German speaking context is redundant in that it overlooks one of the most fundamental premises of postcolonial theory, namely, that not only are countries like Bangladesh and Brazil postcolonial, but even countries like Thailand and Iran, which were never 'formally' colonised, are also deeply informed by processes of colonialism. By virtue of our, what Shalini Randeria calls “entangled histories”, it is impossible to reduce postcolonial analysis to national boundaries, for these boundaries are itself a product of colonial discourses. Thus the mere question, for example, "Can the Subaltern speak German?"[6] neglects the functioning of international division of labour by trying to locate and thereby reduce the question of postcolonial critique in the global north even as the framing of this question once again reinforces methodological nationalism and thereby national boundaries.
Moreover, there is a fatal ‘paradox’ in the notion of ‘migrant-as-subaltern’. Spivak observes that the very definition of the subaltern entails ‘immobility’, whereby the cultural space of subalternity is cut off from the lines of mobility producing the class- and gender-differentiated colonial subject:
"Subalternity is the name I borrow for the space out of any serious touch with the logic of capitalism or socialism. Please do not confuse it with unorganised labour, women as such, the proletarian, the colonized, […] migrant labour, political refugees etc. Nothing useful comes out of this confusion." (Spivak 1995: 115)

27.05.2015

Coco Fusco: Observations of Predation in Humans

From the Archives
February 12, 2015 Written by admin
From the Archives – Coco Fusco: Observations of Predation in Humans at the Studio Museum in Harlem

Today, from the archives, we bring you Lia Wilson‘s review of Coco Fusco’s Observations of Predation in Humans, originally performed at the Studio Museum of Harlem in December 2013 for Radical Presence, a survey of performance work by black visual artists. This month, Fusco will be resuming her role as the legendary female chimpanzee psychologist Dr. Zira at Participant Inc., as part of the Performing Franklin Furnace exhibition, which showcases the historical import that Franklin Furnace and its founder Martha Wilson played in fostering avant-garde and activist art practices in New York City. This article was originally published on January 7, 2014.
Coco Fusco. Observations of Predation in Humans: A Lecture by Dr. Zira, Animal Psychologist (study), 2013. Photo: Noah Krell.

Critical distance can be an ambitious aspiration for an artist, particularly if her practice strives to directly engage complex economic, environmental, or social justice issues. How can traditionally partisan discourses be avoided? Can a political viewpoint be communicated without merely contributing to a staunchly divisive cultural dialogue that is easy to tune out? There is no single strategy or formula for this challenge. Coco Fusco’s recent performance at the Studio Museum in Harlem deftly employed science fiction to gain some critical space. Her successful approach afforded her a new viewpoint and a platform—from a whole species away.

For Observations of Predation in Humans (2013), her contribution to the exhibition Radical Presence: Black Performance in Contemporary Art, Fusco revived and fully embodied the character of Dr. Zira, the female chimpanzee animal psychologist from the 1968–71 Planet of the Apes films. With a Skyped-in introduction from Donna Haraway, an esteemed commentator on hominoid interrelations, it was explained that despite the narrative of the third film, Escape from Planet of the Apes, which portrayed the character’s assassination by the U.S. government, Dr. Zira had actually survived and had been in hiding in an isolated cabin in the Midwest for more than twenty years. Over the course of this seclusion, she had been observing human behavior via the Internet and television. It wasn’t until the 2012 Cambridge Declaration, in which brain scientists concluded that non-human animals do have consciousness, that Dr. Zira felt safe enough to resurface as a public intellectual and present her findings on human predation.



Thus a crowd gathered in the basement of the Studio Museum in Harlem to listen to a female chimpanzee psychologist from the future lecture on the destructive and unsustainable human alpha-male proclivity for profit and punishment. Using the classic academic presentation software PowerPoint, Dr. Zira clicked through a multitude of examples of human aggression she collected from our visual culture, from news clips and soap operas to social media and Hollywood films. She discussed her observation of alpha males of the Homo genus as being “overly self-confident,” always “passing off their compulsive behavior as goal oriented.” An initial illustration of this dynamic, paired with the slide title “human alpha male assertion of dominance,” was a snippet from independent trader Alessio Rastani’s 2011 interview with BBC News: “Most traders don’t care about how to fix the economy. They want to know how to make money from it. Personally, I go to bed at night and dream about another recession.”[1]


Coco Fusco. Observations of Predation in Humans: A Lecture by Dr. Zira, Animal Psychologist (study), 2013. Photo: Noah Krell.