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06.08.2015

«Die Schweizer betrieben sozusagen einen Sekundärimperialismus»




 Es ist ein neues historisches Trendthema: Die Schweiz und der Kolonialismus. Forscher Christof Dejung über Sklavenschiffe, Missionare und Schweizer Grossunternehmer, die mit den Briten wetteiferten.

Um 1900 hatten die europäischen Staaten fast ganz Afrika unterworfen: Eine europäische Afrikareisende in Senegal (unbekanntes Datum). Bild: AFP (7 Bilder)
Von Linus Schöpfer
Redaktor Kultur
@L_Schoepfer 10.12.2012



Herr Dejung, inwiefern waren Schweizer in kolonialistische Aktivitäten im engeren Sinn involviert, zum Beispiel in den Sklavenhandel?
Schweizer Kaufleute vor allem aus Genf, Neuenburg und Basel investierten in Sklavenhandelsunternehmen und besassen teilweise auch eigene Sklavenschiffe. Darüber hinaus und in weit grösserem Mass waren sie indirekt involviert, indem sie mit Erlösen aus dem Sklavenhandel Geschäfte betrieben oder Rohstoffe verarbeiteten, die durch Sklavenarbeit auf den Markt gekommen waren, insbesondere Baumwolle.

Wie profitierte die Schweiz allgemein vom imperialen Kolonialismus?
Es gilt, den Staat Schweiz von der Wirtschaftsmacht Schweiz zu unterscheiden. Die offizielle Schweiz hegte zu keinem Zeitpunkt koloniale Ambitionen, wodurch sie sich von anderen Kleinstaaten wie Dänemark, Holland oder Belgien unterschied. Das ist allerdings nichts zu verwechseln mit einer kritischen Haltung: Die Schweizer Politik verstand den Kolonialismus als selbstverständlichen Bestandteil der modernen Welt. Das prägte auch die Schweizer Identität. So wurde auf der Landesausstellung 1896 in Genf unter anderem eine afrikanische Völkerschau gezeigt.



Und die Unternehmer?
Seitens der Schweizer Privatwirtschaft gab es Firmen, die sich global betätigten und die während der Kolonialzeit eine beachtliche Marktmacht aufbauen konnten. Diese Firmen machten sich die Kanonenbootpolitik der Imperialmächte zunutze und belieferten aktiv neu geöffnete Märkte wie China oder Japan. Die Schweizer betrieben sozusagen einen Sekundärimperialismus. Was wichtig ist: Für die wirtschaftlichen Akteure spielte die Nationalität lange Zeit überhaupt keine Rolle.

08.03.2015

Welthandel am Beispiel der Handelsfirma der Gebrüder Volkart 1851-1999



In diesem Projekt, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft unterstützt wird, sollen die Mechanismen des Welthandels am Beispiel des Schweizer Handelshauses Gebrüder Volkart untersucht werden. Volkart exportierte ab 1851 Baumwolle und andere Kolonialwaren aus Indien und wurde bis Mitte des 20. Jahrhunderts zu einer der bedeutendsten Kaffee- und Baumwollhandelsfirmen der Welt. Für die Untersuchung kann auf einen umfangreichen, bisher weitgehend unerschlossenen Quellenbestand zurückgegriffen werden. Die Studie wird durch drei Hauptthesen strukturiert: Erstens wird die Annahme vorausgesetzt, dass die Expansion der Weltwirtschaft nicht unabhängig von persönlichen Interaktionen, die sich zu Netzwerken verdichten, gedacht werden kann. Zweitens soll die Vermutung geprüft werden, dass Welthandelsfirmen in den jeweiligen Gastländern auf leistungsfähige lokale Handels- und Produktionsnetze trafen, die ihnen den Aufbau von Geschäftsbeziehungen erleichterten, an deren Geschäftspraktiken sie sich aber anzupassen hatten. Drittens soll das historische Material mit der These konfrontiert werden, dass die Generierung von Vertrauenskapital zentral für den geschäftlichen Erfolg war. Damit strebt das Projekt in doppelter Hinsicht einen Brückenschlag an: einerseits zwischen Wirtschafts- und Kulturgeschichte, andererseits zwischen nationaler Geschichte und Globalgeschichte.

«Die Schweizer betrieben sozusagen einen Sekundärimperialismus»



Es ist ein neues historisches Trendthema: Die Schweiz und der Kolonialismus. Forscher Christof Dejung über Sklavenschiffe, Missionare und Schweizer Grossunternehmer, die mit den Briten wetteiferten.