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25.05.2016

Michael Zeuske: Señora de la Caridad del Cobre









Im Lauf des 17. Jahrhunderts entwickelte sich das Marienheiligtum Nuestra Señora de la Caridad del Cobre bei den 1529 entdeckten Kupferfundstätten des Cerros de Cardenillo in unmittelbarer Nähe Santiagos zum Zentrum der Volksfrömmigkeit in Kuba. Ein tiefwurzelnder Synkretismus entstand seit dem 17. Jahrhundert um die Muttergottes-Figur der Vírgen de la Caridad del Cobre: El Cobre wurde von einem regionalen Ort der Verehrung zur größten Wallfahrtsstätte des Landes. Später vermischten sich die afrikanischen synkretistischen Kulte mit den bald nach der Conquista entstandenen Legenden über Jungfrauenerscheinungen bei den Indios. Sie trugen zum Ruhm der Caridad bei. Da die Masse der Königssklaven von El Cobre zunächst aus Angola und dem Bereich der Congo-Kultur (Bantu) stammte, muss die religiöse Basis dieses Glaubens neben den indigenen Elementen stark von Elementen schon in Afrika synkretisierter Kultegeprägt gewesen sein, die im 20. Jahrhundert unter der Bezeichnung Regla de Palo (oder Regla conga) zusammengefasst worden sind. Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts drang auch die Religion der Yorubakultur nach Ostkuba vor. Dieser Synkretismus wird heute meist als Santería oder Regla de Ocha bezeichnet. Die Jungfrau von Cobre entspricht in der Regla de Ocha (Santería) Ochún, der Göttin der (sexuellen) Liebe, vervollkommnet also die platonische Liebe der katholischen Jungfrau. Dazu kam aus Osten, aus Haiti, der Vodú und eine lokale Variante des Spiritismus, der Espiritismo de cordón.
Die Marienfigur war der Legende nach im Jahr 1613 bei den Salinen der Bahia de Nipe im Norden Orientes von den drei Juanes, Juan Hoyo, Juan Indio und Juan Moreno, aus dem Meer gefischt worden. Die Legende berichtet, dass sie den drei Juanes in einem Sturm erschienen sei. Die Historikerinnen Olga Portuondo aus Santiago de Cuba und María Elena Díaz haben die historischen Wurzeln dieser Legenden untersucht und festgestellt, dass es sich in Realität um zwei Indios rancheadores, Sklavenjäger (auch: Buscadores), mit Namen Rodrigo und Diego Hoyo und einen zwölfjährigen schwarzen Sklaven mit Namen Juan Moreno gehandelt haben muss.
Die Muttergottes-Figur fand, auch wegen ihres mestizischen Phänotyps zuerst die Verehrung der Indios auf dem Hato de Barajuaga, auf dem Vieh zur Versorgung der Kupferminen gehalten wurde. Dann wurde sie im Hospital der Sklaven in El Cobre, also bei den Kranken und Bedürftigen der untersten Volksklasse, aufgestellt. Erst später erhielt der lokale Kult in Einsiedeleien und schließlich in einer Kirche sein Zentrum. Die Verehrung der Jungfrau wurde zum Symbol der Mischung zwischen Schwarzen und Indios sowie – später – Weißen. Die frühe soziale Basis des Kults war die Gruppe der Königssklaven im Kupfertagebau (Cobreros; meist Congo-Sklaven) in Santiago del Prado. Die Cobreros, deren religiöse Einheit die Vírgen del Cobre zunächst repräsentierte, zogen ihr Selbstbewusstsein als Gemeinschaft (Pueblo) aus dem Kult. Sie verteidigten mit Hilfe der Vírgen ihre Rechte gegenüber der Oligarchie von Santiago de Cuba. Schließlich setzte sich der Kult gegen Ende des 17. Jahrhunderts gegenüber anderen Formen der Volksfrömmigkeit durch. Er wurde von der katholischen Kirche offiziell anerkannt. Eine »Heilige Allianz« zwischen Königssklaven, Marienkult und Kirche entstand. In El Cobre wurde zu Ehren der Caridad eine Kapelle gegründet.[ii]

[i] Thornton, John K., »Religious and Ceremonial Life in the Kongo and Mbundu Areas, 1500–1700«, in: Heywood, Linda (ed.), Central Africans and Cultural Transformations in the American Diaspora, Cambridge: Cambridge University Press, 2002, S. 71–90.

[ii] Portuondo Zúñiga, Olga, La Vírgen de la Caridad del Cobre. Símbolo de Cubanía, Santiago de Cuba: Editorial Oriente, 1995; Díaz, María Elena, The Virgin, the King, and the Royal Slaves of El Cobre: negotiating freedom in Colonial Cuba, 1670–1780, Stanford: Stanford University Press, 2001.

01.06.2011

Schutzmantelmadonna

 Madonna in Frauenstein

Eine Schutzmantelmadonna ist eine Mariendarstellung (Madonna), die unter ihrem ausgebreitetem Mantel betende Gläubige birgt. Die Figuren unter dem Mantel stehen symbolisch unter dem Schutz Mariens.
Schutzmantelmadonnen gibt es in der Bildenden Kunst seit dem 13. Jahrhundert. Das Motiv basiert zunächst allgemein auf dem Rechtsbrauch des Mantelschutzes, wonach man einer Person durch Bedecken mit seinem Mantel rechtlichen Schutz gewährt. In der russischen Orthodoxen Kirche, wo der Schutzmantel (russ. Pokrov) Mariens seit dem 12. Jahrhundert durch ihm gewidmete Kirchen und Klöster und einen eigenen Festtag (2. Oktober) verehrt wird, knüpft die ikonographische Tradition noch besonders an die byzantinische Legende von der Marienvision des Seligen Andreas "Salós" (10. Jh.), des „Narren“ Christi, an, der die Gottesmutter in Konstantinopel in der Blachernen-Kirche ihren Schleier vom Haupt nehmen und über die Gläubigen breiten sah (siehe Maphorion). In der russischen Tradition sind vor allem zwei Bildtypen vertreten: Maria breitet oder hält den Schleierumhang auf ausgestreckten Armen, oder dieser wird von schwebenden Engeln über ihr gehalten.


Maphorion

Ukrainische Schutzmantelmadonna des 17. Jh.

Als Maphorion (griech. für Schleier, Schal, Plural Maphoria) bezeichnet man in der Kunstgeschichte und in der Geschichte der christlichen Reliquien den Schleier, der auf bildlichen Darstellungen Haupthaar und Schultern Marias, der Mutter Jesu, bedeckt.

Das Maphorion bzw. ein für den Schleier der Muttergottes gehaltenes Gewebe war neben dem Gürtel und dem Marienbildnis, das noch zu ihren Lebzeiten der Evangelist Lukas gemalt haben soll, eine der drei Hauptreliquien Marias in Konstantinopel und wurde dort in der Kirche Sankt Maria von Blachernae aufbewahrt, zeitweise auch gemeinsam mit den beiden anderen Hauptreliquien. Der Legende zufolge soll das Maphorion sich dort seit dem 5. Jahrhundert befunden haben, nachdem es von zwei griechischen Pilgern mit Namen Galbius und Candidus aus dem Besitz einer Jüdin im Heiligen Land gestohlen und nach Konstantinopel gebracht wurde. Sein Festtag war der 2. Juli, und es soll Konstantinopel mehrmals vor dem Untergang bewahrt haben, so besonders im Jahr 860 vor der Belagerung durch die Russen. Auch nach der Plünderung Konstantinopels 1204 durch die Kreuzfahrer soll das Maphorion weiter in der Blanchernenkirche verehrt worden sein, bis zu einem Brand der Kirche im Februar 1434.

Im Westen aufgetauchte Reliquien, die mit dem Maphorion in Verbindung gebracht wurden, dürften deshalb anderer Herkunft sein. Besonders zu erwähnen ist ein Schleiergewebe, das der oströmische Kaiser Karl dem Großen geschenkt haben und von dessen Enkel Karl dem Kahlen aus dem Aachener Kirchenschatz 876 an die Kathedrale von Chartres weitergeschenkt worden sein soll. Eine weitere Schleierreliquie soll bereits von Helena, der Mutter Konstantins des Großen, dem Kloster Sankt Maximin in Trier geschenkt worden und im 14. Jahrhundert Gegenstand regelmäßiger Ausstellungen und Wallfahrten gewesen sein. Ein Drittel dieser Trierer Reliquie wurde von Kaiser Karl IV. für dessen Prager Reliquienschatz erworben und auf seine Bitten hin von Papst Innozenz IV. 1354 mit einem Ablassversprechen ausgestattet. Dieses Prager Tuch ("peplum") wurde seither im siebenjährigen Turnus jeweils am Tag von Mariä Himmelfahrt und außerdem bei den Ausstellungen der Prager Passionsreliquien gezeigt, denen es zugezählt wurde, weil es nach der Kreuzabnahme bei der Beweinung Christ mit dem Blut Christi in Berührung gekommen sein soll.

Das Maphorion ist ein fester Bestandteil der christlichen Ikonographie Marias, besonders in den Marienikonen der Ostkirchen. Es begegnet als Bedeckung von Haar und Schultern, zuweilen auch verlängert als weiter herabhängender Umhang, und erfährt eine besondere Ausprägung in der Form des Schutzmantels (russisch Pokrov) in den unterschiedlichen Typen der Schutzmantelmadonna. Im Hintergrund steht hierbei die griechische Legende von der Marienvision des Seligen Andreas "Salós", des "Narren" Christi († 936 oder 946), in der dieser während einer Nachtwache in der Kirche von Blachernae die Gottesmutter aus dem Altarraum zu den Gläubigen treten, unter Tränen längere Gebete verrichten und dann ihren Schleier vom Haupt nehmen und über die Gläubigen breiten sah. Während die Andreas-Legende seit dem 12. Jahrhundert besonders in Russland weitergewirkt hat und dort von Fürst Andrei Bogoljubski für die kirchenpolitische Legitimierung seiner Fürstentümer Wladimir und Kiew adaptiert wurde, waren es in der römisch-katholischen Kirche des Westens besonders Zisterzienser und Dominikaner, die seit dem 13. Jahrhundert durch neue Schutzmantelvisionen - in denen Maria im Jenseits die verstorbenen Mitglieder des jeweiligen Ordens unter ihren Mantel nimmt - die Vorzugsstellung ihres Ordens propagierten.


Zuweilen findet sich das Schutzmantelmotiv auf Pestbildern, wo es Deckung vor den Pfeilen der Seuche bietet.