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09.03.2016

Auswanderung Schweiz

Für junge Männer war der Eintritt als Söldner in fremde Kriegsdienste bis in das erste Drittel des 19. Jahrhunderts die häufigste Form der Auswanderung. Ab dem 14. Jahrhundert standen die sogenannten Reisläufer im Dienst des Kaisers, der französischen Könige und von italienischen Städten wie z. B. Mailand (→ Schweizer Truppen in fremden Diensten).[96]
Hunger und Armut nach dem Dreissigjährigen Krieg führten zu Ausreisewellen nach Ostpreussen. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts führte die kriegsbedingte (→ Napoleonische Kriege) allgemeine Verarmung zu Auswanderungen nach Russland, während in den Hungerjahren 1816–1817 besonders Lateinamerika das Ziel war. Die Landwirtschaftskrisen der 1840er-, 1870er- und 1880er-Jahren, sowie Umstrukturierungsproblemen während der Industrialisierung führten zu Massenauswanderungen in noch nie gekannten Dimensionen nach Übersee, besonders nach Nordamerika und Südamerika. Am Ende des 19. Jahrhunderts war Nordamerika für fast 90 Prozent der Emigranten das Ziel. Zwischen 1851 und 1860 wanderten rund 50'000 Personen nach Übersee aus, in den 1860er- und 1870er-Jahren je 35'000 und zwischen 1881 und 1890 über 90'000. Bis 1930 stabilisierte sich die Zahl der Auswanderer pro Jahrzehnt zwischen 40'000 und 50'000. In einigen Kantonen wurden Arme von den Behörden im grossen Stil zur Auswanderung gedrängt.
Die Auswanderer gründeten in der neuen Welt Kolonien, so entstanden 1803 Nouvelle Vevay in Indiana (heute New Vevay), 1831 New Switzerland in Illinois und 1845 New Glarus in Wisconsin.[97] Der wohl bekannteste Auswanderer war Johann August Sutter. Der als General Sutter bekanntgewordene kalifornische Ländereienbesitzer gründete die Privatkolonie Neu-Helvetien. Auf seinem Land brach 1848 der kalifornische Goldrausch aus.[98]
Gemäss empirischen Daten war die Wanderungsbilanz für das Gebiet der heutigen Schweiz von der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts bis zum Ende des 19. Jahrhunderts stets negativ.[99]

29.11.2013

Der »Zug der Tränen«



    
1829 erschien Gottfried Dudens »Bericht über eine Reise nach den westlichen Staaten Nordamerikas«. Dieses Buch bildete eine der großen Ursachen für die Massenauswanderung der Deutschen nach Amerika in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts. Zwar war das Buch teilweise unrealistisch, aber es fiel auf fruchtbaren Boden. In Deutschland herrschte Aufbruchstimmung, weil das einfache Volk immer mehr verarmte. Am schlimmsten war es wohl um die Arbeiter bestellt, die, ausgebeutet, unterernährt und unterbezahlt, um ihr Existenzminimum rangen. Die hungernden Massen zogen zu tausenden in die Städte, um ihr trostloses Dasein auf dem Lande gegen ein noch erbarmungswürdigeres in den Fabrikhallen zu vertauschen. Der Haß gegen die Fabrikherren, Großgrundbesitzer, Emporkömmlinge und Beamten wuchs im Latenten, aber da sich die darbenden Massen in ihrem Unmut nicht Luft machen konnten, flohen sie aus der Welt ins Sektierertum, in Utopien und in Wunschträume. Märchen und Kolportage-Romane blühten um diese Zeit, aber es gab noch ein realeres Fluchtziel: Amerika.
     Begierig griffen die Deutschen nach Büchern, wie sie ein Duden geschrieben hatte, berauschten sich an Abenteuern und Bildern aus der Neuen Welt, versetzten sich auf die Prärien, ins Land der Indianer, ließen sich auf deutschen Bühnen oder in deutschen Romanen den Dollar-Millionär, den »reichen Onkel aus Amerika«, vorgaukeln, verschlangen Berichte über Deutsche, die drüben ihr Glück gemacht hatten. Die wirtschaftlichen Vorteile der Staaten mit ihrem guten Boden und den billigen Farmen, die Propaganda von Schiffahrts- und Eisenbahngesellschaften, Landspekulanten und westlichen Staaten, die die Besiedlung vorantreiben wollten und deutsche Bauern und Handwerker zur Auswanderung veranlaßten - all das trug zur Auswanderung bei. Der Zusammenbruch der deutschen Textilindustrie veranlaßte Fabrikarbeiter zur Emigration; in den vierziger Jahren trieben Dürren und Hungersnöte tausende von Pfälzern zur Emigration. Politische Unruhen ließen Liberale nach Amerika gehen, viele wollten sich der Wehrpflicht entziehen, die harten Mischehengesetze in Bayern trieben manche Paare ins freiere Amerika, der Goldrausch veranlaßte massenhafte Auswanderungen, zweit- und drittgeborene Bauernsöhne, für die in der Alten Welt kein Platz mehr war, Taugenichtse, die im Westen Amerikas ihr Glück suchten, der Polizei lästige und abgeschobene Personen - alle strömten nach Amerika, das für die Deutschen ein ähnliches Ziel wurde wie für ihre mittelalterlichen Vorfahren der Osten.
     Vor 1820 stellten die Engländer die größte Zahl der Auswanderer, nach 1830 waren es die Deutschen, über fünf Millionen sind im 19. Jahrhundert dorthin ausgewandert. Viele blieben im Osten, aber die meisten zogen in den Mittelwesten und später in den Westen. Sie folgten der irischen und ungarischen Einwanderungswelle; kulturell und sozial standen sie auf einer höheren Stufe als die Iren.
     Die Schwierigkeiten, mit denen sie in der Neuen Welt fertig werden mußten, waren nicht unerheblich. Im Osten war der Arbeitsmarkt bald gespannt. Einwanderfeindliche Strömungen vergällten ihnen das Leben. Manchen gelang es nicht, Fuß zu fassen; aber nur wenige kehrten nach Deutschland zurück. Für die meisten begann doch ein glücklicheres, freieres, weniger tränenreiches Dasein als in ihrer alten Heimat. Was ihnen an Leid erspart wurde, lastete dann umso stärker auf den Ureinwohnern. Die ersten, die dem Druck und dem Ansturm der ansässigen Siedler und der Neuankömmlinge ausgesetzt waren, waren die ursprünglichen Bewohner der östlichen Staaten. Rücksichtslos wurden sie nach Westen getrieben.
»Beklagenswert bleiben die Schicksale dieses unglücklichen Volkes und groß die Leiden, welche die stärksten Seelen unter denselben fühlen müssen bei der Trennung von dem Land, in dem sie und ihre Väter geboren wurden. Ich habe neuerlich eine Abteilung dieser Überzügler (d. i. Vertriebenen) gesehen, wie sie soeben über den Mississippi gesetzt wurden. Die Ärmeren waren durchgängig in ihren gewöhnlichen Stumpfsinn versunken, äußerten weder Freude noch Schmerz, die Häuptlinge und die besseren Familien aber schienen unter der Last ihres Jammers zu unterliegen. Es war ein schmerzvoller Anblick, sie hinüberstarren zu sehen auf das östliche Ufer des Mississippi.«
Der Verfasser dieser Zeilen war der deutsche Schriftsteller Charles Sealsfield alias Karl Anton Postl, seine Schilderung bezieht sich auf die Vertreibung der Creek-Indianer.
Die Creek und die mit ihnen kulturell verwandten Stämme der Cherokee, Chickasaw, Chocktaw und Seminolen waren früh mit den Weißen in Berührung gekommen. Sie lebten in Georgia, Alabama, den Karolinas und Tennessee, die Seminolen in Florida. Spanier, Engländer und Franzosen buhlten um ihre Gunst, und jede Partei bemühte sich, die Indianer zu betrügen, wo immer es möglich war.
Der Einfluß weißer Kultur auf diese Stämme wurde schon vergleichsweise früh wirksam. Daß wir aber über die Kultur der Creek in ihrer ursprünglichen Form informiert sind, ist dem deutschen Reisenden Baron Philipp Georg Friedrich von Reck zu verdanken, der 1733 und 1734 die amerikanischen Kolonien von Massachusetts bis Georgia durchstreifte. In Georgia besuchte er die östlichen Creek-Indianer, die er genau studierte. Seine Aufzeichnungen, die lange verschollen waren, sind inzwischen in Bernatziks Völkerkunde gedruckt worden und zählen zu den besten Quellen über diese Indianer.
Ein anderer Deutscher ließ die wandernde Grenze hinter sich und ging in den Indianerwesten. Er gehörte zu den farbenprächtigsten der frühen deutschen Abenteurer in Amerika. Christian Gottlieb Priber aus Zittau war Doktor der Rechtswissenschaften, Anwalt und dazu ein radikaler Utopist und Umstürzler. Seine Lehren zwangen ihn zur Flucht nach Frankreich und England, wo er im Juni 1735 erschien, und schließlich nach Amerika. Nachdem er einige Zeit in Charleston zugebracht hatte, wurde er der englischen Kolonialverwaltung verdächtig, weil er gar zu laut die »natürlichen Rechte« forderte. Daraufhin ging Priber 1736 allein und waffenlos zu den Indianern, von denen er anscheinend etwas naive Vorstellungen hatte, und wurde einer der ihren. Übereinstimmung in allen zeitgenössischen Berichten über Priber besteht darin, daß er außerordentlich gebildet war, bewandert in Kunst und Wissenschaft, ein wirklicher »Gentleman« - er sprach neben seiner Muttersprache fließend englisch, französisch, holländisch, lateinisch und Eingeborenendialekte - aber eben ein Utopist. Er nahm die Sitten der Indianer an, trug ihre Haartrachten, ihre Bemalungen und ging wie sie beinahe nackt. Im heutigen östlichen Tennessee, in der Cherokee-Stadt Groß Tellico, ließ er sich nieder, etwa 500 Meilen von Charleston entfernt. Er verfaßte eine Grammatik sowie ein Wörterbuch der Cherokee-Sprache und ein Gesetzbuch, das er den Indianern vorlegte und nach dem sie sich richteten. Da damit eine Art sozialistischer Republik unter den Indianern entstand, erregte er erst recht das Mißtrauen der Behörden. Priber war seiner Zeit weit voraus. Seine Gedanken erinnern an die der französischen Sozialisten hundert Jahre später. In seinem Buch legte er Gesetze für die Verwaltung des »Königreichs des Paradieses« fest, wie er seine Staatsgründung nannte.