13.01.2016

Tropenliebe

http://www.gmw.ethz.ch/content/dam/ethz/special-interest/gess/ifg/geschichte-der-modernen-welt/documents/Publikationen/ta_20150512_0_0_8%20%282%29.pdf


Sie sind der Natur oder fremden Kulturen gewidmet, man assoziiert Gutes mit ihnen – doch ihre Geschichte hat eine blutige Komponente, die heute aus dem öffentlichen Bewusstsein entschwunden ist. Es geht um urschweizerische Institutionen wie den Nationalpark in Graubünden, das Basler Museum der Kulturen oder die Akademie der Naturwissenschaften. Wer gründlich in ihre Frühzeit zurückblickt, findet sich unversehens in einer Welt wieder, die nach landläufiger Meinung keine schweizerische ist: die Welt der europäischen Kolonialreiche in den «unterentwickelten» Erdteilen des 19. Jahrhunderts. Eine Welt, die wissenschaftliche Neugier mit Unterdrückung und Zerstörung verschwisterte.
Es war dies die Welt von Fritz und Paul Sarasin – Letzterer bekannt als Gründer des Schweizerischen Nationalparks, mit entsprechendem Ansehen bis heute. Wie eine Untersuchung des Historikers Bernhard Schär jetzt zeigt, steht das Forscherduo Sarasin beispielhaft für schweizerische Verstrickungen in den westlichen Imperialismus mit seinen mörderischen Folgen.

Im Dschungel die Liebe leben
Zugleich stehen die zwei, deren bewegtes Leben einen ansehnlichen Aben­teuer­roman hergäbe, für eine Vielzahl schillernder Ambivalenzen. Das wird schon am Titel von Schärs Dissertation deutlich. «Tropenliebe» heisst es da doppeldeutig – gemeint ist, wie der Autor erläutert, die Liebe der Sarasins für die Tropen, aber auch in den Tropen. Denn die beiden Vettern zweiten Grades aus einer der vornehmsten Basler Familien verband gemäss Schärs Forschungen mehr als blosse Blutsverwandtschaft. Als Freundes- und Liebespaar pflegten sie eine zu ihrer Zeit nicht akzeptierte Lebensform (bis zur Emanzipation homosexueller Gemeinschaften sollten noch über hundert Jahre vergehen). Die ausgiebigen Forschungsreisen verschafften den Sarasins die Möglichkeit, ihre Beziehung zu leben – weitab vom einengenden Normativ des europäischen Bürgertums, umgeben nur von Dschungel, einheimischen Helfern und der Verheissung des Unbekannten.
Denn das gab es damals noch, im ausgehenden 19. Jahrhundert: riesige Landstriche, Inseln von der Grösse halber Kontinente, die noch nie von einem Europäer betreten, geschweige denn kartografiert wurden. Die Welt hatte noch ihre Geheimnisse.
Sie hatte, zum Beispiel, die Insel Ceylon, das heutige Sri Lanka. Und sie hatte Celebes, das heute Sulawesi heisst und zu Indonesien gehört. Es waren diese Inseln, deren Geschichte sich verhängnisvoll mit dem Leben der Sarasins verknüpfen sollte – vor allem Celebes.



Es lockt der Forscherruhm
Celebes, viermal so gross wie die Schweiz, war in seinen Küstenregionen den Europäern schon länger bekannt. Die Niederländer hielten hier seit dem frühen 17. Jahrhundert ihre Hafenstadt Makassar. Das von Urwald bedeckte Landesinnere hingegen, wo indigene Völker und die islamischen Bugis siedelten, war den Europäern bis in die 1890er-Jahre hinein weitgehend unbekannt.
Die Celebes-Expeditionen sollten Fritz und Paul Sarasin europaweit zu Stars machen – doch waren sie bereits Naturforscher von einigem Renommee, als sie 1893, begleitet von einem niederländischen Kolonialbeamten, die erste grosse Erkundungstour auf der Insel starteten. Die beiden 1856 (Paul) und 1859 (Fritz) geborenen Vettern hatten bei berühmten Zoologen studiert und verfügten nach zwei Ceylon-Reisen (1883 und 1890) über einschlägige Tropenerfahrung – als steinreiche Patrizier waren sie dabei in der privilegierten Lage, sich ihre Dschungelpassion überhaupt finanzieren zu können. Ethische Bedenken à la 21. Jahrhundert kamen ihnen dabei nicht in die Quere, wie aus Schärs Schilderungen hervorgeht: «In Ceylon jagten sie trächtige Elefantenkühe in der Absicht, embryologische Studien an deren ungeborenem Nachwuchs vorzunehmen.»

«Nackt, monogam, naiv»
Die Insel Celebes wiederum war mit der neuen Evolutionstheorie Darwins zum wissenschaftlichen Problemfall geworden: Das Eiland liess sich aufgrund seiner Flora und Fauna weder Asien noch Australien zuordnen. Der internationale Forscherruhm, den die Lösung dieses Rätsels versprach, wirkte als Triebfeder für die sarasinschen Expeditionen. Von 1893 bis 1903 brachen sie insgesamt siebenmal zu mehrwöchigen Reisen in die Wildnis auf; sie sammelten Tiere, Pflanzen und kultische Objekte, sie schossen Fotografien und zeichneten Karten. Sie erfreuten sich an der unberührten Vegetation und am Anblick der Eingeborenen, «nackt, monogam, naiv und unschuldig, ohne bestimmte Religionsform, ohne ‹Erkenntnis des Guten und Bösen›, also ohne höhere Einsichten, ohne Ackerbau … sich mühelos von den Früchten der Bäume nährend».
So zitiert Schär aus den Aufzeichnungen der Sarasins – und durch diese Passagen schimmert bereits die Kehrseite dieser «Tropenliebe». Zu keinem Zeitpunkt verkehrten die Sarasins mit den Völkern von Celebes auf Augenhöhe. Das begann damit, dass sie sich von den niederländischen Kolonialherren für ihre Expeditionen zahlreiche «Kulis» zur Verfügung stellen liessen. Diese einheimischen Quasi-Zwangsarbeiter schufteten normalerweise auf den Plantagen der niederländischen Grundbesitzer, wo sie mit einem auf Folter und Tod beruhenden Sanktionssystem gefügig gemacht wurden. Auf den Urwalderkundungen der Sarasins hatten die Kulis – weit über 100 davon umfasste der Tross zeitweilig – die Lasten zu schleppen und Wege durch das Dickicht zu pfaden.
Zu jedem Zeitpunkt herrschte auf der Reise eine Art Rassenregime, sei es in der medizinischen Versorgung, sei es beim Essen. So verfügten die Sarasins über Köche für sich allein, die ihnen reichhaltige Mahlzeiten europäischer Machart zubereiteten; die Träger hatten sich derweil täglich mit einem einfachen Reisgericht zu begnügen. Die Etappen waren strapaziös, es gab Unfälle und Krankheiten, immer wieder wurde die Nahrung knapp – doch Schlendrian duldeten die beiden Schweizer nicht. Ein halbes Dutzend Kulis fand auf den Expeditionen denn auch den Tod.

Kinder über Klippen getrieben
Mit örtlichen Stammesgesellschaften, auf die man unterwegs traf, kam es immer wieder zu Spannungen. Dass die Sarasins dabei übertriebene Sensibilität an den Tag gelegt hätten, lässt sich kaum behaupten – die Einheimischen waren für sie ohnehin weit eher rassenkundliche Studienobjekte denn Verhandlungspartner. Die niederländische Kolonialmacht hatte man dabei im Zweifelsfall verlässlich im Rücken. «Ja wahrlich», berichtete Paul Sarasin 1898, «wie oft haben wir auf diesen unsern Reisen die Kriegsschiffe und die Landarmee des Königreichs der Niederlande ins Feld geführt – in Form von Drohungen! Mehr als einem König haben wir auch mit Absetzung gedroht …» In der Tat waren die Niederländer, als ein lokaler Fürst die Expedition einmal zur Umkehr ver­anlassen wollte, rasch zur Stelle: Der Gouverneur von Makassar rückte mit 300 Soldaten an, um den Durchlass für die Sarasins zu erzwingen.
Die Kolonialherren hatten alles Interesse an einem Forschungserfolg der beiden Schweizer. Das Paar lieferte ihnen detaillierte Informationen über die Topografie und über die Einflusssphären der lokalen Königreiche. Wie Schär in seiner Dissertation zeigt, waren die Sarasins die Wegbereiter für das, was ab 1905 folgen sollte. Ihre Aufzeichnungen erleichterten es der niederländischen Armee erheblich, innerhalb von drei Jahren das gesamte Hochland zu überrollen; die vorwiegend mit Schwertern und Speeren bewaffneten einheimischen Krieger fielen zu Hunderten im Artillerie- und Infanteriefeuer der Kolonisatoren. Einzelne Stämme versuchten, den Widerstand im Guerillakampf fortzuführen; mehrere Gräueltaten der Nieder­länder setzten dem Kampfesmut der Rebellen ein rasches Ende. So zwang die Kolonialarmee bis zu 900 gefangene Frauen, Männer und Kinder, über Klippen in den Tod zu springen. Kurz darauf stand die gesamte Insel unter nieder­ländischer Herrschaft.
Die Sarasins gingen auf diese von ihnen mitverursachten Schrecken nach der Rückkehr in die Schweiz kaum je ein. Stattdessen entfalteten sie eine rege Aktivi­tät als Förderer oder Gründer angesehener Institutionen – unter den Neuschöpfungen ist der Nationalpark im Engadin die berühmteste, aber auch das Basler Völkerkundemuseum (das heutige Museum der Kulturen) gehört dazu. Ebenso standen der Basler Zoo, das Basler Naturhistorische Museum und die Naturforschende Gesellschaft der Schweiz längere Zeit unter sarasinscher Leitung. Womöglich ging es dem Paar, wie Historiker Schär vermutet, um eine «Kompensation für die eigene Mitverantwortung» am Unheil auf Celebes. Die Naturforschung in der Heimat freilich war stark mitgeprägt von den Methoden und Konzepten, die den Expeditionen in den Kolonial­reichen entstammten. Und die Sammlungen des Naturhistorischen Museums Basel beinhalten noch heute Knochen, welche die Sarasins aus Gräbern auf Ceylon entwendet hatten – stets in Zusammenarbeit und im besten Einvernehmen mit den britischen Besatzern.
«Es brauchte für europäische Gesellschaften und ihre Institutionen nicht notwendigerweise einen eigenen Kolonialstaat, um am Prozess des Kolonialismus teilzuhaben», folgert Schär. Involviert sei dabei weniger «die Schweiz» als Nation gewesen, sondern in erster Linie eine «lokal verankerte und global vernetzte bürgerliche Elite».
Schweizer Geschichte ist eben auch die Geschichte von Schweizern – und sie ist damit auch Geschichte eines Europas, das nicht an Europas Grenzen endet, sondern das insbesondere im vorletzten Jahrhundert unheilvoll auf andere Kontinente übergriff. Schärs Studie gebührt das Verdienst, dies zum exakt richtigen Zeitpunkt in Erinnerung zu rufen – in einem Jahr, da der helvetischen Geschichtsdebatte eine ebenso klumpige wie nachhaltige ­«Marignanisierung» droht.

(Tages-Anzeiger)

Wie zwei Basler Zoologen Kolonialschätze in die Schweiz brachten

Mittwoch, 26. März 2014, 13:40 Uhr
Maya Brändli

Offiziell besass die Schweiz nie Kolonien. Und doch betrieb sie Kolonialpolitik: Die Eliten des Bürgertums waren eng mit den Kolonien verstrickt. Davon profitierte die scheinbar neutrale Schweiz zünftig, wie der Historiker Bernard Schär am Beispiel der reichen Basler Paul und Fritz Sarasin zeigt.

Schwarz-Weiss-Fotografie: Zwei weisse Männer posieren mit einer Gruppe einheimischer Männer im Busch. 
Bildlegende: Fritz und Paul Sarasin während ihrer Expedition nach Celebes. Tropenmuseum NL
Die Vettern Fritz und Paul Sarasin waren Sprösslinge aus reichstem Basler Hause: Der eine 1856 geboren, der andere 1859. Beide studierten Naturwissenschaft und lernten sich erst während des Studiums an der Uni Würzburg kennen. Der Beginn einer bemerkenswerten Freundschaft, die sie 40 Jahre aufs Engste zusammenschweisste.

Auf den Spuren der Vettern Sarasin


Bildlegende: Paul (rechts) und Fritz Sarasin als Zofingerstudenten, 1879 (Foto: J. Höflinger). MKB

Tag und Nacht verbrachten sie unter einem Dach: Briefe und Gedichte zeugen von einer tiefen gegenseitigen Liebe – im Geiste und vielleicht auch darüber hinaus. Letzteres war im 19. Jahrhundert und erst recht in den grossbürgerlichen Kreisen des Basler Patriziats eine Unmöglichkeit. Deshalb ist bis heute unklar, ob die beiden tatsächlich homosexuell waren oder nicht.
Wie auch immer: Sie machten sich früh auf den Weg in die Tropen, nach Ceylon und Celebes (heute: Sulawesi), und betrieben fernab der heimatlichen Enge intensiv ihre naturwissenschaftlichen Forschungen. Dazu gehörten auch Rassenforschungen, die vor allem der Frage nachgingen, wie und warum der weisse Mensch allen andern überlegen sei: zweckdienliche Überlegungen, um die kolonialen Eroberungen damals zu rechtfertigen.
Historiker Bernhard Schär hat sich in seiner Dissertation «Tropenliebe» auf die Spuren der beiden Basler Zoologen gemacht. Ihn interessierte, wie sie zur Expedition kamen, wie sie genau vorgingen und welche Folgen die Expedition für die lokale Bevölkerung, die dortige Kolonialmacht Niederlande und auch für die Schweiz – und vor allem deren Wissenschaftskultur – hatte.

Ohne staatliche Unterstützung
Dank ihres unermesslichen Reichtums konnten die Sarasins ohne staatliche Unterstützung aus dem Vollen schöpfen: Auf zahlreichen Expeditionen sammelten sie so viel wie möglich, schickten das wertvolle Material in die Schweiz und legten damit den Grundstein für die bedeutende ethnologische und naturwissenschaftliche Sammlung der entsprechenden Museen und machten sich mit ihren Forschungen einen Namen weit über die Schweizer Grenzen hinaus.
In den entlegenen Kolonialgebieten waren die holländischen und britischen Beamten den beiden Schweizern gegenüber höchst kooperativ: Zum einen bedeuteten die beiden keine politische Konkurrenz, zum andern konnten sie deren Expeditionen nutzen, um wichtige Informationen für ihre eigene militärische Eroberung zu gewinnen. Aus europäischer Sicht also eine klassische Win-win-Situation wie sie ganz typisch ist für eine Schweizer Kolonialpolitik, die offiziell staatlich nie stattfand, die es aber trotzdem gab.

Kolonialpolitik trotz Neutralität
Neue Studien zeigen: Die Schweiz war in den kolonialen Gebieten bis zum Ersten Weltkrieg nur schwach vertreten. Vielmehr waren es Gelehrte, Kaufleute, Missionare, die vor Ort waren und die koloniale Herrschaft implementierten: Gesandte oder Vertreter bürgerlicher Eliten, die unabhängig von staatlichen Grenzen agieren konnten, national und international bestens vernetzt wie auch die Sarasins. Deren beide Väter waren steinreiche Textilfabrikanten, der eine zudem Basler Bürgermeister und Tagsatzungsabgeordneter, der andere Basler Regierungsrat, Ratsmitglied und treibende Kraft in der Basler Mission. Angesichts solcher Verstrickungen – so das Fazit des Historikers Bernhard Schär – muss die Schweiz in Sachen Kolonialgeschichte und Neutralitätspolitik im 19. Jahrhundert nochmals gründlich über die Bücher.




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