
Hier, im Hauptsitz der Handelsfirma Gebrüder Volkart in Winterthur, liefen Verbindungen aus den Kolonien Europas zusammen. Volkart war eines der führenden Kolonialwarenhandelshäuser. (Bild: H. Linck / Winterthurer Bibliotheken)
Gastkommentar zum Wohlstand
Historische Befunde legen nahe, dass der Wohlstand in der Schweiz auch durch eine Art «symbiontischer Imperialismus» erwirtschaftet wurde. Von Harald Fischer-Tiné, Historiker, 23.12.2014, 05:00 Uhr
Schlendert man durch die Zentren der grossen städtischen Metropolen Grossbritanniens – sei es London, Glasgow oder Liverpool –, so künden an jeder Ecke Denkmäler, Erinnerungstafeln, aber auch zahllose Strassen- oder Gebäudenamen von der tiefen Verwobenheit des «Mutterlandes der Moderne» mit seiner kolonialen Vergangenheit. Die rasante Industrialisierung im 19. Jahrhundert, der zeitgleich stattfindende Aufstieg Londons zu einem globalen Finanzzentrum und die enorme – wiewohl in einer gewaltigen Schicht von «gentlemanly capitalists» konzentrierte – private Kapitalakkumulation: All das, da sind sich Historiker mittlerweile einig, kann nicht losgelöst von der Geschichte des britischen Empire verstanden werden.In Städten wie Liverpool, das seinen Reichtum im 18. und frühen 19. Jahrhundert vor allem der Rolle als wichtigster Sklavenumschlagplatz im Vereinigten Königreich verdankte, gab es in der letzten Dekade daher besonders intensive Debatten um das imperiale Erbe, die auch die dunklen Seiten des britischen Weltreiches ins Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit riefen.
Neutral und kolonienlos
Was aber hat das alles mit der Schweiz und ihrem Wohlstand zu tun? Als kleines europäisches Land, das keinen Zugang zu Seehäfen besass und in der Phase des Hochimperialismus zwischen 1880 und 1914 seine Rolle als neutrale und friedliebende Enklave in einem waffenstarrenden, expansionslüsternen Europa mit besonderer Verve kultivierte, statt Übersee-Expeditionen auszurüsten, scheint die Eidgenossenschaft imperialer Verstrickungen vollständig unverdächtig.
Die These, man könne gar einen Kausalzusammenhang zwischen der gewaltsamen Kolonialisierung und der ökonomischen Ausbeutung der aussereuropäischen Welt einerseits und dem Wachstum der helvetischen Volkswirtschaft andererseits herstellen, scheint daher auf den ersten Blick absurd. Dennoch wurde eine solche Deutung des Schweizer Wohlstands bereits vor über achtzig Jahren von dem lange Jahre in Basel und Bern lehrenden deutschen Soziologieprofessor Richard Fritz Behrendt mit dem Anspruch auf wissenschaftliche Seriosität vorgebracht.
Die Schweiz als Trittbrettfahrerin der Kolonialherren
In Behrendts 1932 erschienener (und lange Zeit in Vergessenheit geratener) Studie «Die Schweiz und der Imperialismus» versuchte der Sozialwissenschafter und Nationalökonom auf breiter Datenbasis zu untermauern, dass der «hochkapitalistische Kleinstaat» auch ohne direkte Beteiligung an kolonialer Landnahme sehr wohl auf vielfältige Weise wirtschaftliches Kapital aus der imperialen Weltordnung zu schlagen vermochte. Seither tauchte die Frage, ob die Schweiz tatsächlich gleichsam als Trittbrettfahrer der imperialen Expansion Grossbritanniens, Frankreichs, der Niederlande, Deutschlands und Italiens angesehen werden könne, ab und an wieder in der wissenschaftlichen Debatte auf, ohne bis anhin freilich in das Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit einzusickern.
In akademischen Fachkreisen erfuhr sie zuletzt im Umfeld einer Reihe von Studien einiger jüngerer Historiker und Sozialwissenschafter neue Aufmerksamkeit. Die Gruppe um die Zürcher Kulturwissenschafterin und Philosophin Patricia Purtschert hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Fragestellungen und methodischen Werkzeuge der Postcolonial Studies auf die Analyse der Schweizer Geschichte und Gesellschaft anzuwenden, und dabei auch die Behrendt-These wiederentdeckt.
Die Vorstellung eines sogenannten «sekundären Imperialismus» scheint in einer Zeit, in der die Metapher des Imperiums zunehmend gebraucht wird, besonders aktuell – erst recht, wenn asymmetrische Machtverhältnisse, auf denen Imperien gründen, eher auf einer ökonomischen Dominanz als auf der militärischen Überlegenheit beruhen. Es lohnt sich, einige Ergebnisse der immer noch sehr fragmentarischen wirtschaftshistorischen Forschung zu dieser Problematik in Erinnerung zu rufen.
Die Schweiz exportierte in die Kolonien
Erstens: Der Aufschwung von Handel und Industrie in der Schweiz während des 19. Jahrhunderts basierte in der Tat auf einer disproportional grossen Bedeutung des Überseehandels und insbesondere des Exportes von Schweizer Produkten in Kolonien (oder autonom gewordene ehemalige Bestandteile von Kolonialimperien). Um 1850 beispielsweise gingen etwa 65 Prozent der Schweizer Exporte nach Nord- und Lateinamerika oder nach Asien. Dies ist eine Quote, die selbst die meisten grossen Kolonialmächte nicht erreichten — von vergleichbaren Kleinstaaten in Europa ganz zu schweigen.
Die Kontakte und Netzwerke, die während dieser langen Tradition von Schweizer Handelspräsenz insbesondere in Asien, im Mittleren Osten und Lateinamerika, aber auch in Afrika etabliert wurden, schlossen einheimische Händler und Geldverleiher ebenso ein wie die Vertreter der jeweiligen Kolonialmächte vor Ort.
Grossbanken als Profiteure
Das so akkumulierte soziale Kapital, und dies wäre die zweite wichtige Einsicht, kam seit dem Ende des 19. Jahrhunderts auch den expandierenden Schweizer Grossbanken zugute. Diese finanzierten die kapitalintensive Expansion von Schweizer Unternehmen ebenso wie die Gründung von Tochterfirmen in Übersee mit und konnten dadurch ihre weltweiten Kontaktnetze signifikant ausweiten.
Wie der Zürcher Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann gezeigt hat, profitierten die Banken noch Jahrzehnte später von der internationalen Reputation, die aus den langjährigen Geschäftsbeziehungen in kolonialen Kontexten resultierten: Sie war wesentliche Voraussetzung für den Boom von Schweizer Kreditinstituten im Geschäftszweig der weltweiten Vermögensverwaltung nach dem Zweiten Weltkrieg.
Grenzüberschreitende Netzwerke
Eine Analyse der bisher vorliegenden Studien suggeriert aber drittens auch, dass der gemeinhin angewandte nationale Betrachtungsrahmen in vielen Fällen nicht adäquat ist, um die Beteiligung von Schweizer Akteuren an kolonialen Extraktionsprojekten zu fassen. Die Frage müsste in vielen Fällen nicht lauten, inwieweit hat die Schweiz vom Imperialismus profitiert, sondern inwieweit waren Schweizer Regionen, Händler, Unternehmen oder Banken in Systeme kolonialer Ausbeutung verstrickt? Sehr häufig bildeten sich enge Allianzen von Schweizern mit anderen Akteurgruppen, bei denen die nationale Herkunft zweitrangig war.
Wie die Westschweizer Wirtschaftshistoriker David und Etemad bereits vor Jahren betont haben, gilt dies bereits für das wohl früheste Beispiel einer «kolonialen Komplizenschaft» von Schweizer Händlern und Financiers. Genf bildete in der sogenannten «internationale huguenote» zusammen mit Paris fast das gesamte 18. Jahrhundert hindurch ein wichtiges Zentrum für ein weltweit operierendes Handelskreditnetzwerk, dessen Mitglieder nicht nur Anteile an den lukrativen Ostindienkompanien anderer europäischer Staaten hielten, sondern auch im grossen Massstab am Sklavenhandel mit verdienten.
Dass solche transnationalen Händlernetzwerke auch auf dem Höhepunkt des Nationalismus Anfang des 20. Jahrhunderts noch funktionierten, hat nicht zuletzt die Studie von Andrea Franc zur Beteiligung der Basler Missions-Handlungs-Gesellschaft am Kakaohandel in Westafrika verdeutlicht. Die Basler Händler agierten in der britischen Kolonie Gold Coast (dem heutigen Ghana) als Teil eines multinationalen europäischen Kartells, das Preisabsprachen betrieb und Versuche lokaler afrikanischer Kaufleute, am globalen Kakaoboom mit zu verdienen, erfolgreich unterdrückte.
Eine teilweise «Entflechtung» solcher multinationalen Allianzen setzte erst während des Ersten Weltkrieges ein, als man die Verbindungen zu deutschen und österreichischen Handelspartnern kappte. Fortan war es geschäftsfördernd, das spezifisch Schweizerische der Firmenidentität zu betonen. Christoph Dejung hat in seiner monumentalen Studie über das Winterthurer Handelshaus Volkart demonstriert, dass die Firma gerade während des Grossen Krieges hervorragende Geschäfte machte. An dieser Stelle tritt die nationale Dimension erstmalig prominent in den Vordergrund: Das Statut der Neutralität schaffte den Schweizer Wirtschaftsakteuren – frei nach Pierre Bourdieu – symbolisches Kapital, das sich in ökonomisches Kapital ummünzen liess.
Kolonialismus war ein gesamteuropäisches Projekt - die Aufarbeitung sollte es auch sein
Dieser skizzenhafte Überblick zeigt, dass eine grossflächige und intensive Auseinandersetzung mit den kolonialen Verstrickungen von Schweizer Handelshäusern, Banken und Diplomaten ein wichtiges Desiderat für die hiesige Geschichtswissenschaft bleibt. Auf der Makroebene legen die bisher vorliegenden bruchstückhaften Befunde nahe, dass Wohlstand in der Schweiz in der Tat in einem gewissen Masse durch einen «symbiontischen Imperialismus» in enger Kooperation mit verschiedenen europäischen Kolonialmächten erwirtschaftet wurde. Auf der Mikroebene liesse sich vermutlich leicht nachweisen, dass der enge Zusammenhang zwischen europäischem Wohlstand und kolonialer Ausbeutung nicht nur in Prunkbauten wie dem Colonial Office in London oder den repräsentativen Reedereihäusern im Hafenviertel von Liverpool manifest wird, sondern auch in mancher Villa im Zürcher Seefeld oder gewissen Patrizierhäusern in Basel.
Imperialismus und Kolonialismus waren gesamteuropäische Projekte, die Akteure aus vielen Ländern involvierten und sich daher nicht in nationalen Grenzen einhegen lassen. Historiker und die Öffentlichkeit der Schweiz sollten sich daher in eine Debatte einklinken, die in anderen Ländern Europas bereits seit Jahren im Gange ist: die Debatte um die Formen und Folgen kolonialer Ausbeutung. Es ist notwendig, die eigene Vergangenheit auch in diesem Punkt aufzuarbeiten, weil die Schweiz über Jahrhunderte auf vielfältige Art mit den Aktivitäten ihrer europäischen Nachbarn verflochten war – for better or worse.
Harald Fischer-Tiné ist Professor für die Geschichte der modernen Welt an der ETH Zürich.
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