01.05.2014

Unterwegs mit der Frauenzunft

Von Nina Fargahi
Zum ersten Mal seit 489 Jahren ist eine Frauengesellschaft offiziell am Umzug des Zürcher Sechseläutens dabei gewesen. Davor musste die Gesellschaft zu Fraumünster (GzF) immer eine kostenpflichtige Demonstrationsbewilligung bei der Polizei einholen, weil der Frauenzug als eine eigenständige politische Demonstration gilt.
Aber dieses Jahr war einiges anders. Die Gesellschaft zur Constaffel hatte die GzF eingeladen, als Gast mitzumarschieren. Mehr noch: Als es zur Verbrennung des Bööggs kam, bot ein Constaffler ganz spontan einer Fraumünster-Frau an, mit ihnen um den Böögg zu reiten. Eine symbolische Geste der Inklusion.
Aber zurück zum Anfang: Am Montagmorgen um 9 Uhr 30 versammelten sich die Frauen der GzF vor dem Fraumünster und eröffneten mit Musik und einer Begrüssungsrede von Regula Zweifel, der Präsidentin der GzF, das Zürcher Frühlingsfest. Zweifel ist Kulturhistorikerin und war zwölf Jahre lang stellvertretende Direktorin des Zürcher Landesmuseums. Sie amtet seit sechs Jahren als Oberhaupt der GzF. Auch der Constaffelherr Thomas K. Escher fand den Weg vor das Fraumünster, um die Frauen zu begrüssen.
Danach wurde in der Kirche Emilie Lieberherrs gedacht. Die GzF ehrt jedes Jahr historische und zeitgenössische Frauen, «die Zürich geprägt haben». Einerseits geht es darum, die Frauen sichtbar zu machen. Andererseits soll an ihre Leistungen erinnert werden.
Catherine Ziegler, ein Gründungsmitglied der GzF und ehemalige Hohe Fraumünster-Frau, hielt die Laudatio auf Emilie Lieberherr. Volksnah und bodenständig sei Lieberherr gewesen, eine unermüdliche Kämpferin für Gerechtigkeit und Wegbereiterin für das Frauenstimmrecht. «Eine Grundliberale, auch wenn sie der Linken angehörte», so Ziegler.
Nach der Ehrung legten die Fraumünster-Frauen Rosen auf das Denkmal von Katharina von Zimmern. Der Ehrengast Esther Gasser Pfulg, Regierungsrätin von Obwalden, traf ein.
Nach der Ehrung von Emilie Lieberherr legten die Fraumünster-Frauen Rosen auf das Denkmal von Katharina von Zimmern.
Nach der Ehrung von Emilie Lieberherr legten die Fraumünster-Frauen Rosen auf das Denkmal von Katharina von Zimmern.
Die Frauenzunft beim Mittagessen im Baur au Lac.
Die Frauenzunft beim Mittagessen im Baur au Lac.
Der Ehrengast Esther Gasser Pfulg, Regierungsrätin von Obwalden (roter Umhang) und neben ihr die Präsidentin der GzF, Regula Zweifel.
Die Gesellschaft zu Fraumünster stellt sich in der Talstrasse auf.
Die Gesellschaft zu Fraumünster stellt sich in der Talstrasse auf.
Danach ging es zum Mittagessen ins «Baur au Lac». Jedes Jahr sorge die Fahne der GzF über dem «Baur au Lac» für rote Köpfe, wie eine Fraumünster-Frau sagt. Jedes Jahr rufe ein verärgerter Zünfter bei der Hoteldirektion an und verlange, die wehende GzF-Flagge mit dem Hirschkopf schleunigst herunterzuholen.
Viele Zünfter sind gegen eine offizielle Eingliederung der GzF am Sechseläuten. Oftmals hätten sie zwar eine aufgeschlossene Einstellung in «Frauenfragen», aber am Sechseläuten wollten sie sich mit dieser Haltung nicht exponieren, wie ein Mitglied der Zunft zur Schmiden sagt. Weshalb? «Weil es nie Frauen in den Zünften und am Sechseläuten gab», lautet die Antwort. Das stimme nicht, so Zweifel. Jede Zunftverfassung schreibe explizit, dass alle Männer und alle Frauen mit einem Handwerk aufgenommen würden. Mit der Geschichte könne man nicht gegen die Integration der Frauenzunft argumentieren, sagt sie.
Zweifel ist in die GzF eingetreten, weil ihr Vater Zünfter war und sie die Tradition weiterführen wollte. Als Feministin versteht sie sich jedoch keineswegs. Sie glaubt daran, dass mit der Zeit auch die Mentalität reife. Deshalb mag sie auch gar nicht aktiv in die Auseinandersetzung rund um die Eingliederung der Frauenzunft eingreifen. Zweifel ist eine Pragmatikerin.
Auch Verena Doelker, seit 1996 Mitglied in der GzF und früher Fernsehfrau, glaubt an den Widerstand im Stillen, an Wirkung statt Lärm. Sie erwähnt ein Beispiel: Hätte die Frauenzunft im Jahr 2004 Emilie Kempin-Spyri, die erste Dozentin an der Universität Zürich und die erste habilitierte Juristin der Schweiz, nicht geehrt, hätte die Universität Zürich ihren 150. Geburtstag glatt versäumt.
Die Frauenzunft zählt 64 Mitglieder. Unter ihnen befinden sich Pfarrerinnen, Anwältinnen, Schneiderinnen und Pflegerinnen. «Wir sind nicht elitär», sagt Zweifel.
Die GzF bezieht sich auf die Zürcher Fraumünster-Abtei, die von König Ludwig dem Deutschen im Jahr 853 gestiftet wurde. 1524 ist die Abtei mit der Reformation an die Stadt Zürich übergegangen. Laut Zweifel gehen die Wurzeln von GzF und Constaffel ins Mittelalter zurück. Die beiden Gesellschaften hätten Zürich wesentlich mitgestaltet und hätten viele Gemeinsamkeiten. Zusammen waren sie rege in der Politik Zürichs involviert: Die Constaffler als Bürgermeister und Ratsherren, die Fraumünster-Frauen als regierende Stadtpräsidentinnen und Investorinnen. Die Fraumünster-Äbtissin war denn immer auch eine Constafflerin gewesen. Sie wurde auch von den Constafflern beerdigt. Und noch eine zeitgenössische Gemeinsamkeit: Die Constaffelmänner und die Fraumünster-Frauen tragen  am Sechseläuten keine Perücken (Zeichen des 18. Jahrhunderts).
Wollten die Constaffler mit der Einladung die Gemeinsamkeiten der beiden Gesellschaften betonen? Oder besteht die Befürchtung, dass die Stadt irgendwann eingreift? Schliesslich widerspricht der Ausschluss von Frauen aus einer öffentlichen Veranstaltung dem Gleichstellungsgrundsatz. «Die Strasse gehört allen», sagt auch Zweifel. Allerdings geht sie davon aus, dass die Gesellschaft zur Constaffel aus hehren Gründen die GzF eingeladen habe. Auffallend ist jedoch, dass die Frauenzunft weder im Programmheft aufgelistet, noch ihr Wappen beim Böögg zu finden ist. Trotz offizieller Einladung.
Am Umzug wurden die Fraumünster-Frauen mit Blumen und Geschenken überhäuft. An der Bahnhofstrasse applaudierten die Zuschauer sogar, als die Frauenzunft vorbeizog. Nur wenige senkten den Kopf oder schauten in eine andere Richtung als Zeichen ihrer Missgunst.
Nachdem der Böögg ziemlich früh nach siebeneinhalb Minuten niedergebrannt war und zuletzt seinen Kopf verloren hatte, machten sich die Fraumünster-Frauen auf den Weg ins «Baur au Lac». Ein schöner Sommer dürfte bevorstehen.
Die Frauenzunft, bevor sie sich hinter der Gesellschaft zur Constaffel einreiht.
Die Frauenzunft, bevor sie sich hinter der Gesellschaft zur Constaffel einreiht.

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