Pigmente für den Körper
Natürlich kamen nur helle Farbmittel
infrage, etwa weisse Kreide, bräunliche Tonmineralien, gelber Ocker,
rotes Eisenoxid. Es handelte sich durchwegs um Pigmente, also
unlösliche, feinkörnige Pulver, die mit Fett oder Eiweiss angemacht
wurden. Pigmente spielen heute noch eine enorm wichtige Rolle in
Anstrichfarben, Druckfarben, Lacken, Papier, Kunststoffen, Keramik,
Glas, Beton und Synthesefasern, wenn auch gegenüber früher mit
Akzentverschiebungen. So ist Titandioxid das wichtigste Weisspigment
geworden, Pigmente auf der Basis toxischer Schwermetalle sind aus dem
Verkehr gezogen worden. Zudem haben auch organische und metallorganische
Pigmente erheblich an Bedeutung gewonnen.
Die Migration des «out of Africa»
kommenden modernen Menschen in höhere Breiten war nur möglich, weil er
lernte, sich vor Kälte zu schützen. Naheliegend war dazu der Einsatz der
Häute und Felle erlegter Tiere, auf welche dieselben Pigmentmuster
aufgetragen werden konnten wie auf die nackte Haut. Dazu kam die
mindestens 30 000 Jahre alte Textiltechnik mit dem raffinierten
Verfahren des Verspinnens kurzer (zuerst pflanzlicher) Fasern wie
Brennnessel und Flachs zu langen Fäden. Fasern liessen sich zu Filz,
Fäden zu Gewebe und Strickwaren verarbeiten. Damit entstand der Bedarf
nach Farbstoffen, denn die aus rohen Naturprodukten gefertigten
Textilien waren grösstenteils unattraktiv grau-weiss.
Indigo, Krapprot und Safran
Zum Färben von Textilien wurde
vermutlich schon früh mit den aus Blüten und anderen Pflanzenteilen
extrahierten löslichen Farbstoffen experimentiert. Aufgrund von Funden
in Ägypten und im Zweistromland ist gesichert, dass man im «fruchtbaren
Halbmond» schon vor mindestens 4000 Jahren über den blauen
Küpenfarbstoff Indigo verfügte. Küpenfarbstoffe müssen zuerst in eine
wasserlösliche, farblose Form gebracht werden; so lässt man sie auf die
Fasern aufziehen und hängt das Gewebe an der Luft auf, um die oxidierte,
farbige und unlösliche Form zu erhalten. Als gelben Farbstoff
verwendeten die Ägypter Safran. Um die Zeitenwende gewann man im ganzen
Mittleren Osten aus dem Wurzelstock der Färberröte den Alizarinfarbstoff
Türkischrot oder Krapprot.
Im Römischen Reich wurde das
«Repertoire» an pflanzlichen Naturfarbstoffen mit dem Flechtenfarbstoff
Orseille, dem Wurzelfarbstoff Kurkuma (Safranwurzel, Kurkuma longa) und
dem gelben Färberwau ergänzt. Schwarzfärbungen erzielten die alten Römer
mit Eisengallenextrakt, für Braun verwendeten sie die fleischigen
Walnussschalen, mit dem Saft von Holunderbeeren wurde die Wolle violett
gefärbt.
Das römische Know-how wurde während des
Mittelalters bis in die Neuzeit hinein weiterentwickelt. Färberröte
(Krapp, rot), Färberwau (Luteolin, gelb) und Färberwaid (Indigo, blau)
fungierten weiterhin als wichtigste, in Europa anbaubare Färbepflanzen.
Ein weiterer wichtiger Farbstofflieferant war die Färberdistel Carthamus
tinctorius, die auch Saflor genannt wird. Sie kam mit den Römern über
die Alpen und wurde seit dem 13. Jahrhundert in Europa genutzt; ab dem
17. Jahrhundert wurde sie im Elsass und in Thüringen in grösserem
Massstab angebaut. Dort gedeiht die Färberdistel noch heute, aber nur in
verwilderter Form.
Anilin- und Teerfarbstoffe
Am Anfang des Endes der Naturfarbstoffe
stand der irische Chemiker Peter Woulfe (1727-1803), dem es 1771 gelang,
das (damals noch pflanzliche) Indigo zur leuchtend gelben Pikrinsäure
(Trinitrophenol) zu oxidieren. Dies war der erste halbsynthetische
Farbstoff. Vollsynthetisch war erst das 1856 von William Henry Perkin
(1838 bis 1907) durch Oxidation von unreinem Steinkohlenteer-Anilin
hergestellte Mauvein. Damit waren die Schleusen geöffnet: Eine stetig
breiter werdende Palette synthetischer Anilin- oder Teerfarbstoffe
verdrängte die Naturprodukte zum Färben von Textilien fast vollständig.
Zur Herstellung synthetischer Farbstoffe
entwickelte sich im Lauf des 19. Jahrhunderts zunächst in Deutschland
und in der Schweiz eine riesige Industrie mit einer höchst kreativen
Forschungsinfrastruktur. Sie musste in den letzten Dekaden des 20.
Jahrhunderts in die asiatischen Billiglohnländer verlagert werden, denn
die Farbstoffchemie ist für die Industrieländer viel zu einfach, ihre
Produkte sind allzu preiswert.
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