20.08.2016

Radioscript: Ein Raum und keine Linie

 KULTUR UND GESELLSCHAFT 
  
 Reihe :  LITERATUR    0.05 Uhr  
 Titel der Sendung: Ein Raum und keine Linie  
       
 Wie Literatur Grenzen erkundet
 

Regie: ((das Folgende mit Meeresrauschen unterlegen - 
immer wieder einblenden))

Sprecher: Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde; die Erde aber war 
wüst und wirr. 

Erzählerin: Die allererste Landkarte wurde wahrscheinlich von dem im 
6. Jahrhundert vor Christus lebenden Vorsokratiker 
Anaximander gezeichnet.

Sprecher: Gott sprach: Es werde Licht.

Erzählerin: Die Karte ist nicht erhalten. Erhalten aber ist das Wissen, 
dass Anaximander ein völlig neues Konzept in die 
Metaphysik einbrachte: das Apeiron - eine 
Wortkombination aus dem Affix -a und dem  griechischen 
Wort peiras, 'Begrenzung'.

Sprecher: Dann sprach Gott: Ein Gewölbe entstehe mitten im 
Wasser und scheide Wasser von Land. So geschah es 
und Gott nannte das Gewölbe Himmel.

Erzählerin: Das Apeiron ist demnach das Unbegrenzte - das bei 
Anaximander als Quelle des Begrenzten bezeichnet wird.

Sprecher: Dann sprach Gott: Das Wasser unterhalb des Himmels 
sammle sich an einem Ort. Damit das Trockene sichtbar 
werde. Das Trockene nannte Gott Land, und das 
angesammelte Wasser nannte er Meer. 

Regie: ((Meeres/Wassergeräusche hier allmählich 
ausblenden))

Sprecherin 1:  ((I stand at the edge where earth touches ocean
      Where the two overlap
      A gentle coming together
      At other times and places a violent clash))

    Ich stehe an der Stelle, wo sich Erde und Ozean berühren
      die beiden sich überlappen
      Ein sanftes Zusammentreffen
Zu anderen Zeiten, an anderen Orten ein gewaltsamer 
Clash
((Gloria Anzaldua: Borderlands. La Frontera. The New Mestiza. 
Aunt Lute Books, San Francisco, 2012. S. 23, 4 Zeilen. 
übersetzung: Claudia Kramatschek))


Erzählerin: Noch nie - so schreibt die Historikerin Astrid Nunn im 
Vorwort zu ihrem Band 'Mauern' - wurden so viele 
Grenzen verhandelt, festgelegt und bewacht wie jetzt. 
Rund 250.000 Kilometer Länge umfassen die Grenzen, 
die es derzeit gibt auf der Welt. Eine von ihnen ist die 
zwischen Mexiko und USA.

Sprecherin 1:  ((Across the border in Mexico
      Stark silhouette of houses gutted by waves,
      Cliffs crumbling into the sea,
      Silver waves marbled with spume
      Gashing a hole under the border fence.))

    Jenseits der Grenze in Mexiko
kahle Häusersilhouetten, ausgehöhlt von den Wellen,
Felsen bröckeln ins Meer,
Silberne, von Schaum marmorierte Wellen
höhlen ein Loch unter den Zaun der Grenze.
((Anzaldua: Borderlands. La Frontera. S. 23, 5 Zeilen. 
übersetzung: Claudia Kramatschek))

Erzählerin: Einst bildete der Rio Grande die natürliche Grenze 
zwischen Mexiko und den USA. Mittlerweile gilt sie als die 
bestgesicherte der Welt: Meterhohe Metallzäune, 
Stacheldraht, Nachtsichtgeräte, Infrarotkameras. 

Sprecherin 1:  ((I press my hand to the steel curtain -
Chainlink fence crowned with rolled barbed wire -
Rippling from the sea where Tijuana touches San Diego
Unrolling over mountains
And plains
And deserts,
This Tortilla Curtain turning into el Rio Grande
Flowing down to the flatlands
Of the Magic Valley of South Texas
Its mouth emptying into the Gulf.))

Ich presse meine Hand an den Stahl-Vorhang -
Maschendrahtzaun mit einer Krone aus gerolltem 
Stacheldraht -
Der sich kräuselt, vom Meer, wo Tijuana San Diego 
berührt,
Und sich entrollt 
über Berge
Und Ebenen
Und Wüsten.
Dieser Tortilla-Vorhang mündet in den Rio Grande 
Und fliesst hinab in das Flachland
Das magische Tal von Süd-Texas
Wo sein Maul sich in den Golf ergiesst.
((Anzaldua: Borderlands. La Frontera. S. 24, 10 Zeilen. 
übersetzung: Claudia Kramatschek))

Erz�hlerin: Doch der �Tortilla-Vorhang' - wie er abf�llig genannt wird - 
trennt nicht nur Nord und S�d, Armut und Reichtum. F�r 
die Autorin Gloria Anzaldua - eine Chicana der 6ten 
Generation - bildet er vor allem eine offene Wunde 
zwischen zwei Kulturen, die einst ein Volk waren.

Sprecherin 1:  ((This is my home 
This thin edge of
barbwire.))

    Das ist mein Zuhause.
    Diese schmale Grenze aus Stacheldraht.
((Anzald�a: Borderlands. La Frontera. S. 25, 3 Zeilen. 
�bersetzung: Claudia Kramatschek))

Erz�hlerin: 1942 kommt Gloria Anzaldua in einem Rancher 
Settlement in S�d-Texas zur Welt, nicht einmal 25 Meilen 
von der Grenze entfernt. Es ist eine spr�de Gegend - von 
den meisten mexikanischen Amerikanern El Valle 
genannt. Die US-amerikanische und die mexikanische 
Kultur - Sprachen, Ethnien, die Geschichte - mischen 
sich in dieser Region zwar in einzigartiger Weise. Doch bis 
heute ist dort auch Rassismus an der Tagesordnung. Als 
Anzaldua zur Schule geht, darf sie kein Spanisch 
sprechen: Die mexikanische Kultur gilt als minderwertig. 

Sprecherin 1: ((I am a border woman. I grew up between two cultures, 
the Mexican (with a heavy Indian influence) and the Anglo 
(as a member of a colonized people in our own territory). I 
have been straddling that tejas-Mexican border, and 
others, all my life. It is not a comfortable territory to live in, 
this place of contradictions. Hated, anger and exploitation 
are the prominent features of this landscape.))

 Ich bin eine Frau der Grenze. Ich wuchs auf zwischen 
zwei Kulturen: der mexikanischen (mit starkem Indio-
Einfluss) und der englischen (als Mitglied eines auf 
eigenem Boden kolonisierten Volks). Mein ganzes Leben 
war aufgespannt �ber Grenzen, nicht allein der zwischen 
Texas und Mexiko. Es ist kein angenehmes Territorium 
zum Leben, dieser Ort der Gegens�tze. Hass, Wut und 
Ausbeutung sind seine hervorstechenden Eigenschaften.
((Anzald�a: Borderlands. La Frontera. S. 19, 7 Zeilen. 
�bersetzung: Claudia Kramatschek))


Erz�hlerin: Die Repressionen, die Anzaldua erlebt, lehren sie, fortan 
jeder Begrenzung - kultureller, sprachlicher und sozialer 
Art  - mit Misstrauen zu begegnen. 1987 ver�ffentlicht sie  
- auf den Grundlagen ihrer eigenen Erfahrungen - ein 
Buch, das f�r das Denken und Schreiben der Grenze 
wegweisend ist, bis heute: "Borderlands. La Frontera". Es 
postuliert die Grenze nicht als Grenze - sondern als 
�bergang. Als einen dritten Raum.

Sprecherin 1: ((A border is a dividing line, a narrow strip along a steep 
edge. A borderland is a vague und undetermined place 
created by the emotional residue of an unnatural 
boundary. It is in constant state of transition. ... the 
lifeblood of two worlds merging to form a third country - a 
border culture.))

 Eine Grenze ist eine trennende Linie, ein d�nner Streifen 
entlang einer steilen Kante. Das Grenzland ist ein vager 
und unbestimmter Ort, erschaffen von den emotionalen 
�berbleibseln einer unnat�rlichen Begrenzung. Im 
Zustand st�ndigen �bergangs. ... Der Lebensnerv zweier 
Welten, die sich vermengen, um etwas Drittes zu bilden - 
eine Kultur der Grenze.
((Anzald�a: Borderlands. La Frontera. S. 25f, 7 Zeilen. 
�bersetzung: Claudia Kramatschek))

Erz�hlerin: Das Buch tr�gt selbst Z�ge eines hybriden Mischwesens: 
Essayartige Passagen wechseln sich ab mit Gedichten; 
das Englische ist durchsetzt mit sprachlichen 
Einsprengeln aus dem Borderland: Kastilisches Spanisch, 
Tex-Mex - jener Mischung aus nordmexikanischem und 
s�dtexikanischem Slang sowie dem Nahuatl, der einstigen 
Sprache der Azteken.

Sprecherin 1:  ((To live in the borderlands means to
    Put chile in the borscht
    Eat whole wheat tortillas,
    Speak Tex-Mex with a Brooklyn accent
    Be stopped by la migra at the border checkpoints.))

    Im Grenzland zu leben hei�t
    Chilli in den Borscht zu tun
    tortillas aus Vollkornmehl zu essen
    Tex-Mex zu sprechen mit Brooklyn-Akzent
gestoppt zu werden an den Checkpoints von la migra , der 
Grenzpolizei
((Anzald�a: Borderlands. La Frontera. S. 216, 5 Zeilen. 
�bersetzung: Claudia Kramatschek))

Erz�hlerin: In den Schulen Arizonas gilt "Borderlands" bis heute als 
verbotene Lekt�re. Noch immer hat das Buch die Macht, 
das Denken und die Sicht auf die Welt zu ver�ndern. 

Sprecherin 1:  ((To survive the Borderlands
      You must live sin fronteras
      be a crossroads.))
      
      Das Borderland zu �berleben
      Erfordert zu leben ohne Grenzen
      Eine Kreuzung sein.
((Anzald�a: Borderlands. La Frontera. S. 217, 3 Zeilen. 
�bersetzung: Claudia Kramatschek))
      
Erz�hlerin: Eben deshalb hat das Buch Schule gemacht - weltweit. 
Denn Anzalduas Postulat der Grenze als drittem Raum 
liefert ein Instrumentarium, das es erlaubt, noch die 
j�ngsten Grenzkonflikte und -entwicklungen zu verstehen 
und zu beschreiben. 

((Musik))

 [[Sprecherin 1: Mit den Prozessen der Globalisierung, der gewandelten 
Wahrnehmung des geopolitischen Raums durch Waren- 
und Wissensstr�me und durch die Bewegungen von 
Transmigranten zwischen ihrem Herkunftsort und ihrem 
Arbeits- und Lebensort ver�ndert sich seit dem 1980er 
Jahren der Blick auf Amerika. Die Trennung zwischen 
Nord und S�d verwischt zusehends. Insbesondere die 
Grenze zwischen den USA und Mexiko wird immer 
durchl�ssiger, den perfekten Bewachungsmethoden zum 
Trotz.

Erz�hlerin: - so formuliert es die Literatur- und 
Kulturwissenschaftlerin Anja Bandau in ihrem Aufsatz 
"Von Macondo zu McOndo".]] Dem Konzept des 
�borderlands' folgten die �border studies'. Dem �einen ' 
Amerika steht inzwischen ein �plurales' Amerika 
gegen�ber. Die Schriftsteller-Generation eines Carlos 
Fuentes - 1958 ver�ffentlicht er seinen Roman "Die 
gl�serne Grenze" - betont noch die dramatische 
Ausweglosigkeit jener, die den Grenz�bertritt in die 
Staaten wagen, und deutet die Grenze als einen rein 
konfliktbesetzten Raum.

[[Sprecher 1: M�llkippen. Endlose M�llkippen. Latifundien des M�lls. 
Hunde. Die sollen mir nicht zu nahe kommen. Und die 
Ger�usche von F��en. Sie rennen. �berqueren die 
Grenze. Geben das Land auf. Suchen die Welt. Immer 
Erde und Welt. Wir haben kein anderes Zuhause. Und 
sitzen unbeweglich, allein gelassen, an der Linie des 
Vergessens.]]
 ((Carlos Fuentes: Die gl�serne Grenze. S. Fischer Verlag 
2000))]]

Erz�hlerin: Die j�ngere Erz�hl-Generation setzt sich gegen eine solch 
eindeutige Auslegung der Grenze mit teils hybriden 
Formen zur Wehr. Sprich: Im Zuge der sich 
ausdifferenzierenden Grenz-Konzepte vervielfachen sich 
auch die literarischen Schreibweisen der Grenze.


Sprecherin 1: Finibus terrae, Begrenzung, Kante, Rand, Limit. Linke 
Ecke, Norden. Wo Land und Meer zusammenlaufen. Auf 
engstem Raum. Horizontale Stadt, Bord, Zaun, los! 
Enteignung. Gegensatz. Anfang. Ende. Gestartet. 
Montage. Demontage. Baugruppen. Verschiebung. 
Topographische Genauigkeit. Identit�ten. Rhizom. 
Sprachen, Idiome. Digitaler Fingerabdruck, in Bewegung: 
ein Vogelschwarm. (grenz�berschreitend). Ein Ort, wo 
alles und nichts passiert. Das ist Tijuana.
 ((�bersetzung: Claudia Kramatschek))

Regie: (( den folgenden Sprecher-Absatz unterlegen mit 
Schreibmaschinen-Ger�usch: Buchstaben werden 
getippt))

Sprecher: - Amaranta Caballero Prado
 - Bloggerin, Lyrikerin, selbsternannte Grenzg�ngerin
 - geboren 1973 in Guanajuato
 - Wohnort seit 2001: Tijuana

Regie: ((Schreibmaschinen-Ger�usch ausblenden))

Erz�hlerin: Tijuana - die mexikanische Zwillingsstadt von San Diego 
- galt lange einzig als Krisenschauplatz: Frauenmorde, 
Vergewaltigungen, Drogenbanden. Doch w�hrend das 
nordamerikanische San Diego sich immer st�rker gegen 
die Fl�chtlinge aus dem nicht einmal 20 Kilometer 
entfernten Tijuana verbarrikadiert, hat sich das 
mexikanische Tijuana  gewandelt. In eine Stadt, deren 
k�nstlerische Produktivit�t f�r den ganz eigenen Geist von 
La Frontera steht: jenen schmalen Streifen, der sich vom 
Atlantik bis zum Pazifik ausdehnt und in dem die 
Menschen nicht halb Mexikaner und halb Amerikaner, 
sondern jeweils beides ganz und beides zugleich sind. 

Sprecherin: 
Der Trick, um den Kanal nach San Diego zu �berqueren,
?ist Kleidung und Schuhe zum Wechseln mitzunehmen.?
Damit, wenn du auf der anderen Seite bist?
die Border Patrol nicht den Schlamm und die verr�terische 
Erde entdecken kann.
...
F�r die Border Patrol bist du ein Illegaler.
Ein illegaler Alien. Ich habe nicht gesagt: �Alguien'. 
Jemand.
Ich habe gesagt: Alien, verstehst du?

F�r den Schleuser bist du nicht mehr als ein trauriger 
Trottel.
Dem ist es schei�egal wenn du stirbst. Du oder deine 
Frau.
Oder einer deiner S�hne. Wirklich wahr. Ich sage es dir.
Dem Schleuser. Dem Coyoten.
Du
Bist dem schei�egal.

Ich will ja nichts sagen.
All das hat man mir erz�hlt. Ich wei� von nichts.
Ich kann damit keine Poesie schreiben.
Ich trage in mir die Grenze der Sprache.
Ihr tragt in euch die Eurige.

((Quelle: http://latinale.blogsport.eu/workshop/amaranta-
caballero-prado1)) ((�bersetzung: Barbara Buxmann - zuletzt 
abgerufen am 6. November 2014))

Erz�hlerin: In einem ihrer Blogs verweist Amaranta Caballero Prado 
auf die Notwendigkeit, den Begriff der Grenze neu zu 
definieren: als einen Ort des �bertritts, aber auch als Ort 
des Austauschs, dessen Zeichen sich best�ndig �ndern - 
ausgehend von der Perspektive jener, die ebendiese 
Grenze erfahren.

Regie: ((Meeresger�usche aus dem Off, damit das folgende 
Zitat unterlegen, ausblenden))

Sprecher: Eine frostige Str�mung zerrte an ihren F��en wie etwas 
Lebendiges, St�rrisches. Losrudern, sagte Chucho, was 
Makina bereits tat, aber der Reifen wurde zum Spielball 
der Str�mung. Losrudern, wiederholte Chucho, sieht �bel 
aus. Kaum hat er das gesagt, da sprang ein Schwall sie 
an und kippte den Reifen um. Die Welt wurde eisig und 
gr�nlich, bev�lkerte sich mit unsichtbaren 
Wasserschlangen, die sie aus dem Gummifloss rissen.
 ((Yuri Herrera: Der K�nig, die Sonne, der Tod. �bersetzung: 
Susanne Lange. S. 155. 8 Zeilen))

Erz�hlerin: Makina, eine junge Mexikanerin, macht sich auf den Weg, 
um die Grenze zu �berqueren. Ihr Bruder ist jenseits des 
Grenzflusses verschwunden.  Und eben dort soll Makina 
ihn suchen, denn sie hat ihm eine Botschaft von ihrer 
beider Mutter zu �berbringen.  Makina ist die Hauptfigur in 
der Erz�hlung "Zeichen, die vom Weltende k�nden". Die 
Erz�hlung ist Teil einer Trilogie, die der mexikanische 
Autor Yuri Herrera nun unter dem Titel "Der K�nig, die 
Sonne, der Tod" ver�ffentlicht hat.

Regie: (( den folgenden Sprecher-Absatz unterlegen mit 
Schreibmaschinen-Ger�usch: Buchstaben werden 
getippt))

Sprecher: - Yuri Herrera
 - Schriftsteller
 - Herausgeber der Literaturzeitschrift �El Perro', �Der Hund'
 - geboren 1970 in Actop�n, Mexiko

Regie: ((Schreibmachinengetippe ausblenden))
 
Erz�hlerin: Alle drei Erz�hlungen der Trilogie k�nnten in einer der 
Grenzst�dte spielen: in Tijuana, Ciudad Juarez oder 
Nuevo Laredo. Herrera l�sst das offen. Nicht die 
dokumentarischen Fakten stehen bei ihm Vordergrund. 
Bei ihm steht die Sprache selbst im Vordergrund. Poetisch 
ist sie und doch lakonisch. Sie verleiht den Entrechteten 
ihre eigene W�rde - und verleugnet doch nicht deren 
konkrete Lebenssituation. Und der Autor r�ckt mit ihrer 
Hilfe die dunklen Winkel und vermeintlich sch�bigen 
Existenzen dies- und jenseits der Grenze in ein anderes, 
glei�endes Licht. Da sind beispielsweise Makinas illegale 
Landsm�nner: unsichtbare H�nde im Dienste der 
Reichen.

Sprecher: ... verstreut wie Nieten, die von einem Fenster gefallen 
waren an den Ecken, auf den Ger�sten, den Gehsteigen, 
fl�chtige Blicke des Erkennens, die sofort wieder 
abtauchten, sich tarnten. Die Landsleute, mit Lohnarbeit ((  
)) versehen. Maurer, Blumenverk�ufer, ...  Fahrer. Sie 
perfektionierten ihre Unauff�lligkeit, leugneten jede 
gemeinsame Absicht, waren nichts, rein gar nichts, waren 
blo� hier, um Befehle zu empfangen.
 ((Herrera, S. 173, 9 Zeilen)

Erz�hlerin: Und doch besiedeln seine Figuren einen stets 
mehrdimensionalen Raum, in dem sie weder nur das eine 
noch das andere sind.

Sprecher: Sie reden in einer Zwischensprache, die Makina sofort (( )) 
eing�ngig ist, denn sie ist wie sie selbst: biegsam, 
ver�nderlich, durchl�ssig, ein Scharnier zwischen zwei 
entfernten �hnlichkeiten, die sich best�ndig �ndern, nie 
dieselben bleiben, ein Etwas, das in Verbindung setzt. 
Nicht nur ein Mittelwert zwischen Heimischem und 
Nordlerischem ist ihre Sprache, sondern ein nebelhaftes 
Niemandsland zwischen dem, was hinscheidet, und dem, 
was nie geboren wurde.
 ((Herrera, S. 181, 9 Zeilen))

Erz�hlerin: Zugleich changieren die Geschichten zwischen Traum und 
Realit�t. Makinas Mutter hei�t nicht umsonst Cora und 
erinnert damit an Kore, die griechische G�ttin der 
Unterwelt. 

[[Sprecher: Als Ger�st des Romans diente mir der Mythos der 
Unterwelt Mictlan und der einzelnen Stufen des Abstiegs 
dorthin. Darin beschrieben die Azteken ihre Vorstellung 
von den Etappen der Fahrt, die jeder nach seinem Tod 
anzutreten hatte, bis er in die tiefste Unterwelt gelangte, 
nach Mictlan. ... Dies gibt der Geschichte einen doppelten 
Boden, doch ihr Kern bleibt Makinas Reise und das, was 
sie dabei �ber sich selbst erf�hrt, �ber ihr Land und das 
Land, in das sie gelangt.
 ((Yuri Herrera in: Hundertvierzehn � # 22. Newsletter S. Fischer 
Verlag. �bersetzung: Susanne Lange)

Erz�hlerin - so erkl�rte Yuri Herrera in einem Essay.]] Tats�chlich 
steigt Makina am Ende des Romans wie Alice im 
Wunderland durch einen Tunnel in die Unterwelt hinab. 
Sprich: Ein neues Leben unter falscher Identit�t erfordert 
den Tod des alten Ich.

Sprecher: Makina nahm die Akte und sah hinein. Da war sie, mit 
anderem Namen, anderem Geburtsort. Ihr Foto, neue 
Nummern, neuer Beruf, neues Zuhause. Man hat mich 
geh�utet, murmelte sie.
 ((Herrera, S. 222. 4 Zeilen))

((Musik als Trenner))

Erz�hlerin: Hunderte von Kilometern bei Temperaturen von bis zu 50 
Grad Celsius laufen diejenigen, die sich als illegale 
Immigranten ein besseres Leben im �Gelobten Land' 
Amerika erhoffen. Doch jedes Jahr sterben auf dem Weg 
dorthin auch Hunderte von Menschen. Sie ersticken in 
Waggons oder Containern, verhungern oder verdursten. 
Die USA wiederum investieren - so kann man in dem vom 
Fotografen Stefan Falke herausgegeben Bild-Band �La 
Frontera' lesen - "Unsummen in neue Technologien, um 
die Grenze hermetisch zu schlie�en." Selbst unbemannte 
Drohnen, so Falke, seien zur Grenz�berwachung l�ngst 
im Einsatz. Und das, obwohl Nordamerika sehr wohl auch 
�konomisch von den ins Land str�menden illegalen 
Immigranten profitiert.
 ((Stefan Falke La Frontera. Die mexikanisch-Us-amerikanische 
Grenze und ihre K�nstler. EditionFaust. Frankfurt 2014))

Sprecher: Araceli genoss ihre Einsamkeit, ihren Abstand zur Welt. 
Sie betrachtete ihre Arbeit f�r die Familie Torres-
Thompson als eine Art selbst auferlegtes Exil von ihrem 
vorherigen richtungslosen Leben in Mexiko-City.
((Hector Tobar: In den H�usern der Barbaren. TB-Ausgabe 
Piper Verlag. �bersetzung: Ingo Herzke. S. 10, 9 Zeilen))

Erz�hlerin: Araceli Ramirez - Hauptfigur in Hector Tobars Roman "In 
den H�usern der Barbaren - ist Teil des illegalen 
Bodenpersonals, das auch in den USA gebraucht und 
zugleich diskriminiert wird. Der Roman spielt in Los 
Angeles, kurz nach der Finanzkrise. Araceli ist deshalb die 
letzte verbliebene mexikanische Bedienstete im Haushalt 
der Torres-Thompson, in dem Wert gelegt wird auf 
kulturelle Aufgeschlossenheit.

Sprecher: In Maureens und Scotts Freundeskreis war jedes 
Gespr�ch �ber ethnische Zugeh�rigkeit schon am Rande 
des guten Tons. Es hatten sich inzwischen mehrere 
interkulturelle Partnerschaften gebildet, man f�hlte sich 
fortschrittlich und gebildet und hatte seinen Kindern 
Namen wie Anazazi, Coltrane oder Mir� gegeben, was die 
eigene Offenheit und Neugier auf die Welt widerspiegelte. 
Man sprach nicht �ber Hautfarbe und ethnische Herkunft, 
als w�rde die blo�e Erw�hnung des Themas das fragile 
B�ndnis schon wieder gef�hrden.
 ((Tobar, S. 43, 9 Zeilen))

Erz�hlerin: Hector Tobar - 1963 selbst als Sohn guatemaltekischer 
Eltern in Los Angeles zur Welt gekommen - beleuchtet in 
dem Roman diverse Gr�ben und Grenzen: Nicht nur die 
zwischen Arm und Reich, sondern auch die zwischen den 
Ethnien und Kulturen im melting pot L.A. Nach einem 
Streit verlassen beide Eheleute das Haus. Araceli bleibt 
allein zur�ck, mit den zwei S�hnen. Als sie keine andere 
L�sung mehr sieht, bricht sie mit den beiden Jungen auf 
zu einer abenteuerlichen Reise: auf die andere Seite der 
Stadt, wo Araceli den Gro�vater der beiden Kinder - auch 
er ein Mexikaner - zu finden hofft.

Sprecher: Brandon presste die Nase an die Scheibe und sah nach 
unten, wo er eine Reihe Behausungen zwischen den 
Gleisen und dem Fluss entdeckte, windschiefe Zelth�user 
aus �lfleckigem Sperrholz, sonnengebleichten Zeltplanen, 
zerfaserten Nylonseilen und Metallfolie. Sie sahen aus wie 
an den Boden geschmiegte Baumh�user, improvisierte 
Kinderbauten, die dann von tuberkul�sen Erwachsenen 
bezogen worden waren.
 ((Tobar, S. 193, 7 Zeilen))

Erz�hlerin: Zum ersten Mal verlassen beide Kinder die 
hochgesicherte und letztlich k�nstliche Welt kalifornischer 
Luxussiedlungen, die sie ihr Zuhause nennen - und sind 
begeistert. 

Sprecher: Sie waren in Los Angeles gelandet, in der Stadt, wo das 
Magische und das Reale, wo die Welten von Fantasy und 
Geschichte anscheinend parallel existierten.
 ((Tobar, S. 221, 3 Zeilen))

Erz�hlerin: Araceli aber wird am Ende wie eine Verbrecherin von der 
Polizei gejagt - und dient in der multi-ethnischen Stadt 
zugleich als Projektionsfl�che f�r alle: Der demokratische 
Richter kann es nicht mehr ertragen, dass sich die 
Gerichtss�le mit Eindringlingen wie sie f�llen. Die 
erzkonservative Aktivistin Janet erachtet Menschen wie 
Araceli f�r ebenso artfremd wie die wilden Papageien 
drau�en. Menschen wie die Torres-Thompson wiederum 
stellen sich zum ersten Mal l�ngst �berf�llige Fragen:

Sprecher: In was f�r einer Welt leben wir eigentlich? Wie kann es 
sein, dass Kapuzenpullover und Ballettr�ckchen  von Nord 
nach S�d wandern, von neu nach alt, von jenen, die den 
Ladenpreis zahlen, zu jenen, die ihre Kleidung zum 
Kilopreis einkaufen?
 ((Tobar, S. 319, 4 Zeilen))

Erz�hlerin: Die Barbaren: Das k�nnten also auch die Wei�en sein. 
Immerhin sind die Einwohner Mexikos heute abh�ngig 
vom US-Markt  - obwohl der Gro�teil der verarbeitenden 
Industrie in Mexiko f�r den US-Markt produziert. Schuld an 
der mexikanischen Misere ist nicht zuletzt das 1994 in 
Kraft getretene Freihandelsabkommens zwischen Mexiko, 
Kanada und den USA. Barack Obama wiederum hat sein 
Versprechen, das Aufenthaltsrecht und die Einb�rgerung 
der illegalen Einwanderer zu reformieren, noch immer 
nicht eingel�st.  Doch Hector Tobar - der 1992 f�r eine 
Reportage �ber die Rassenunruhen in seiner Heimatstadt 
Los Angeles ausgezeichnet wurde -  schl�gt sich als 
Autor bewusst auf keine der beiden Seiten. Zu gut kennt 
er aus eigener Erfahrung die Bruchkanten innerhalb eines 
sich wandelnden Nordamerikas.  Einen Wandel, den er 
selbst verk�rpert.

Sprecher: Wir sind so zahlreich nach Kalifornien gekommen, 
Amerikas meistbev�lkerten Staat, ... dass sich sogar die 
Bedeutung dessen, was es hei�t, �amerikanisch' zu sein, 
g�nzlich ge�ndert  hat. 
 ((Tobar: Translation Nation. Defining a new identity in the 
Spanish-Speaking United States. Riverhead Books. NY, 2005. 
S. 6 f. 4 Zeilen. �bersetzung: Claudia Kramatschek))

Erz�hlerin:  - so schreibt der Autor in seinem Reportageband 
"Translation Nation", in dem er Grenzg�nger und 
Grenz�berschreitungen entlang der mexikanisch-US-
amerikanischen Grenze portr�tiert.

Sprecher: Innerhalb nur einer Generation war Los Angeles eine 
lateinamerikanische Stadt geworden, die n�rdlichste 
spanischsprachige Metropole in der Hemisph�re, eine Art 
Mexiko City light; �berf�llt, aber nicht so beengt wie sein 
s�dlicher Zwilling; voller Smog, daf�r weniger 
umweltverschmutzt.
 ((Tobar: Translation Nation. S. 26. 4 Zeilen. �bersetzung: 
Claudia Kramatschek))
 
Erz�hlerin: Eben dieses Los Angeles - wo der Geist Jeffersons auf 
die Jungfrau von Guadeloupe trifft - bildet f�r Hector 
Tobar den Ausgangspunkt einer neuen nationalen Kultur, 
ja eines neuen Landes:

Sprecher: �berall in diesem neuen Land  ... glauben die Menschen 
an eine transnationale Identit�t; daran, dass ihre K�rper 
und Seelen zwischen zwei L�ndern leben k�nnen, dass 
die physische Grenze keine mentale Grenze sein muss.
 ((Tobar: Translation Nation. S. 33. 4 Zeilen. �: Claudia 
Kramatschek))

((Musik)) 

Erz�hlerin: Tats�chlich hegten die Menschen weltweit eine 
euphorische Vision der Globalisierung. Sie erhofften sich 
die �berwindung von Grenzen und eine neue kulturelle 
Kartographie. Inzwischen wei� man: Allein Waren, Wissen 
und Kapital k�nnen unbeschr�nkt zirkulieren. 

Regie: ((Wasserger�usche aus dem Off - wir bewegen uns 
ans Mittelmeer - im Folgenden den Wechsel zwischen 
Sprecherin und Erz�hlerin jeweils ineinander 
blenden))  

Sprecherin: Flut  Lawine Masse  Strom 
 ((Ville Tiet�v�inen: Unsichtbare H�nde. Avant Verlag, Berlin  
2014. S. 1))

Erz�hlerin: Zehn Jahre irrt Odysseus auf der Suche nach seiner 
Heimat auf dem Mittelmeer umher. Elendig und zerlumpt 
landet er immer wieder auf anderen Inseln.

Sprecherin: Sp�len Stranden Str�men St�rmen
((Tiet�v�inen: Unsichtbare H�nde. S. 1))

[[Erz�hlerin: Auf seiner Fahrt steckt er letztlich die Grenzen einer 
menschlichen Welt ab. Diese bema� sich zu seiner Zeit 
nach den Gesetzen der Gastfreundschaft.

Sprecherin: �berfluten �berschwemmen vordr�ngen abwehren]]
((Tiet�v�inen: Unsichtbare H�nde. S. 1))

Erz�hlerin: Inzwischen versuchen j�hrlich Zehntausende Menschen, 
illegal von Nordafrika nach Europa zu gelangen. �Harraga' 
nennen die Nordafrikaner die �berfahrt, die immer 
gef�hrlicher wird. �Harraga' bezeichnet aber auch das 
Verbrennen aller wichtigen Papiere, das dem Verbrennen 
der eigenen Identit�t gleichkommt. Denn seit dem 
Inkrafttreten des Schengener Abkommens 1995 erwartet 
Migranten an den Au�engrenzen der EU eine schier 
un�berwindliche Mauer. Hinter dieser Mauer wiederum 
erwartet sie seitens der lokalen Bev�lkerung die soziale 
�chtung.

Regie: ((Ruf Allah-e-akbar  oder st�rmische See))

Sprecher: Europa .... ((Meeresrauschen//Sturm)) ... sieht vom Meer 
aus auch nicht anders als Afrika aus...
((Tiet�v�inen: Unsichtbare H�nde. S. 6, 2 Zeilen))

Erz�hlerin: Nach Europa wollen um jeden Preis auch die M�nner in 
"Unsichtbare H�nde" - einer ergreifenden Graphic Novel. 
Sie sitzen in einem kleinen �berf�llten Boot und trotzen 
den mannshohen Wellen. Rund um sie: bedrohliche 
Finsternis.

Regie: ((Meeresrauschen/Sturm))

Sprecher: Sie werden nur die Kuriere und die Schuldner retten. Mein 
Leben ist denen nichts wert ... Rashid, bete f�r mich. Ich 
kann nicht mehr.
((Tiet�v�inen: Unsichtbare H�nde. S. 10, 3 Zeilen))

Erz�hlerin: Rashid ist einer der M�nner im Boot - und die Hauptfigur 
in "Unsichtbare H�nde". Ville Tiet�v�inen, 1970 in Helsinki 
geboren, widmet dieses Buch all jenen, die in ihrer 
eigenen Heimat kein Auskommen mehr finden und f�r 
eine bessere Zukunft in Europa alles aufs Spiel setzen, 
auch ihr Leben. Rashid ist zwar eine fiktive Figur. Doch 
seine Geschichte basiert, so Ville Tiet�v�inen, auf realen 
Fakten.

Regie:    O-Ton 1 (Tiet�v�inen): 
I was in Paris in 2001, near the old opera house where there 
are these posh fashion stores with big windows and there was a 
sort of predecessor of my main character Rashid: an around 40 
looking, North African man who had an old worn suit jacket on 
and he was throwing this superhero sticky figures into the 
windows. And he was shot away by the shopkeepers and he 
had no expression. He just moved on to the next windows and 
started throwing again. And the contrast with him and the 
surroundings were quite startling, I remember he kept bothering 
me, the character. I didn't approach him but I kept on thinking 
on how he had ended doing what he did.


OV 1/Sprecher:
2001 war ich in Paris. Und dort, nahe der Alten Oper, in 
einer der teuren Einkaufsstra�en mit den riesigen 
Schaufenstern, sah ich den Vorl�ufer meiner Hauptfigur 
Rashid: Ein Nordafrikaner, etwa 40 Jahre alt, in einem 
abgenutzten Jackett, der �Superheld'-Klebefig�rchen  an 
die Schaufenster-Scheiben warf. Die T�rsteher verjagten 
ihn. Er zeigte jedoch keinerlei Regung, sondern wanderte 
nur weiter von einem Schaufenster zum n�chsten. Der 
Kontrast zwischen ihm und der Umgebung war 
best�rzend, der Mann lie� mich nicht los. Ich sprach ihn 
nicht an. Aber ich musste immer wieder an ihn denken 
und fragte mich: Wie hatte es ihn dorthin verschlagen? 

Erz�hlerin: Mit Hilfe des finnischen Sozialanthropologen Marco 
Juntunen recherchiert Ville Tiet�v�inen 2004 und 2005 
sowohl in Marokko - Rashids Heimat - als auch in 
Spanien, wo Rashids Reise endet. Der erste Teil von 
"Unsichtbare H�nde" spielt in Marokko. Schon l�nger 
reichen Rashids karge Eink�nfte als Schneider und 
Tagel�hner nicht mehr aus, um seine alten kranken Eltern 
sowie Frau und Kind zu versorgen. 

Sprecher: Den Schneidern wird es genauso ergehen wie meinem 
Vater mit seiner Zuckerrohrfarm. Alles, was aus Europa 
kommt, ist billiger. ... Wie kann es sein, dass jemand 
billiger arbeiten kann als wir?
((Tiet�v�inen: Unsichtbare H�nde. S. 16, 4 Zeilen))

Erz�hlerin: - sagt Rashid eines Tages resigniert, bevor auch er 
letztlich einen Schlepper kontaktiert. Ville Tiet�v�inen 
zeigt einerseits die physischen Strapazen der �berfahrt - 
Rashid �berlebt sie nur mit knapper M�he. Im Mittelpunkt 
der in bewusst gedeckten Farben gehaltenen Graphic 
Novel steht allerdings Rashids allumfassende 
Entmenschlichung von dem Moment an, in dem er 
spanischen Boden betritt. Da sind die dem�tigenden 
Rituale der Erniedrigung durch die spanischen 
Grenzbeamten: Diese sehen in Menschen wie Rashid 
nichts als l�stiges Ungeziefer und eine Bedrohung f�r die 
nationale Sicherheit.

Sprecher: - Wann h�rt Ihr auf, Migranten wie Kriegsgefangene zu 
behandeln?
- Wenn sie aufh�ren, eine Gefahr f�r unsere nationale 
Sicherheit darzustellen. Verbrechen und Einwanderung 
gehen Hand in Hand. 
((Tiet�v�inen: Unsichtbare H�nde. S. 73, 5 Zeilen))

Erz�hlerin: Vor allem aber sind da die gigantischen Treibhausanlagen 
in Almer�a: Rashid und seinesgleichen m�ssen dort f�r 
einen Hungerlohn arbeiten, wie Sklaven des 21. 
Jahrhunderts: Tag und Nacht, ohne Schutz gegen die 
giftigen Chemikalien, die alles zerst�ren, was mit ihnen in 
Ber�hrung kommt.

Regie:    O-Ton 2 (Tiet�v�inen): 
     it was simply something I couldn't believe existing inside 
Europe. ... Everything that is wrong in making our food here 
was concentrated in one clear area. One guy who had been 
there for about 3 or 4 years ... said that in Morocco he was said 
that he could be a gardener in Europe - and he came there in 
the night with the traffickers, and in the morning when he saw 
the never ending scenery of this plastic sea of Almeria he just 
fell down and started crying. He thought that he came from the 
third world but ended up in the fourth.

 
OV 2/Sprecher: Ich konnte nicht glauben, dass so etwas in Europa 
existiert. Ein junger Mann, der dort schon etwa 3-4 Jahre 
arbeitet, erz�hlte, dass man ihm in Marokko gesagt habe, 
er w�rde als G�rtner arbeiten. Er kam in der Nacht an. Als 
er am n�chsten Morgen das unendliche Plastikmeer der 
Treibhausplantagen sah, fiel er auf die Knie und fing an zu 
weinen. Er dachte, er komme aus der Dritten Welt - und 
endete nun in der Vierten.

Erz�hlerin: Noch immer stockt Tiet�v�inen die Stimme, wenn er von 
diesem rechtsfreien Ort auf europ�ischem Boden erz�hlt. 
Wo ganzj�hrig Tomaten, Paprika und Auberginen 
gedeihen, die in den Superm�rkten Nord- und 
Mitteleuropas auch im Winter g�nstig zu kaufen sind.

Regie: O-Ton 3 (Tiet�v�inen): 
Approximately at that time there were around 40-50.000 
undocumented immigrants working and they were like hiding from the 
rest of the society there - ... some of them were even imported there 
by the coast patrol, the Guardia Civil. They were said that if they stay 
there, they won't be deported and they have to do whatever is told to 
them. They had no human rights at all. Actually they didn't have any 
right to exist.


OV 3/Sprecher: Damals arbeiteten in Alm�ria rund 40-50.000 illegale 
Immigranten, die sich jedoch vor dem Rest der 
Gesellschaft versteckten. Manche von ihnen hatte die 
K�stenwache, die Guardia Civil, regelrecht dorthin 
deportiert. Man sagte ihnen, entweder ihr bleibt, oder ihr 
werdet zur�ck geschickt. Und sie mussten machen, was 
man ihnen sagte. Sie hatten keinerlei Rechte, nicht einmal 
das Recht, zu existieren.

Regie: ((Meeresrauschen))

Sprecher: Die gr��te Ungewissheit ist dort bemerkbar, wo es um 
Europas Grenzen geht: um seine geographisch-
politischen Grenzen (in der Mitte, im Osten und im 
Westen, im Norden und im S�den), um seine 
sogenannten �geistigen' Grenzen (sie umgeben die Idee 
der Philosophie, der Vernunft, des Monotheismus, des 
j�dischen', griechischen, islamischen, des katholisch-, 
protestantisch-, orthodox-christlichen Ged�chtnisses; sie 
umgeben .. ein entzweites und zerrissenes Jerusalem, sie 
umgeben Athen, Rom, Moskau, Paris)...
    ((Derrida: Das andere Kap. Suhrkamp, 1992. S.47, 10 Zeilen))

Erz�hlerin: So schreibt der selbst in Algerien zur Welt gekommene 
Philosoph Jacques Derrida bereits 1991in seinem Buch 
"Das andere Kap".  Darin befragt Jacques Derrida das 
Gebilde Europa mithilfe der Wendung vom �anderen Kap'. 
Es ist ein mehrdeutiger, flie�ender Begriff: Er verweist auf 
ein anderes geistiges Ufer, von dem aus Europa gedacht 
werden muss. Und er verweist auf den Anderen als ein 
Kap, von dem aus nicht allein Europas Identit�t gedacht 
werden muss. Es w�re ein Denken jenseits einer rigiden 
Identit�tspolitik. Denn den Ankommenden zu empfangen, 
ohne zu fragen: Darin vollzieht sich f�r Jacques Derrida 
zugleich das unhintergehbare Gesetz der 
Gastfreundschaft. 

((Musik als Trenner))

[[Sprecher: Irgendwann kommt der Moment, wo es keiner mehr 
aush�lt, in einer Gesellschaft zu leben, die ihn kleinmacht. 
... Wenn dieser Moment kommt, wirft er ein neues Licht 
auf die Grenze zwischen lebbar und unlebbar; er 
verwandelt die Grenze nicht, sondern fegt selbst den 
Gedanken daran hinweg, denn es gen�gt schon, dass das 
Dasein f�r einige unlebbar wird, um f�r niemanden mehr 
lebbar zu sein.
 ((Yannick Haenel: Die bleichen F�chse. S. 124, 8 Zeilen)

Erz�hlerin: Paris im Jahr 2007: Nicholas Sarkozy ist zum neuen 
Pr�sidenten Frankreichs gew�hlt worden; im Zuge seines 
wirtschaftsliberalen Reformprogramms hat er jenen, die 
keiner geregelten Arbeit nachgehen, den Krieg erkl�rt.  
Auch Jean Deichel, ein 43 Jahre alter Poet, lebt seit 
kurzem auf der Stra�e, besser gesagt in seinem alten 
schrottreifen R18. Rasch lernt er auf diese Weise ein 
anderes Paris kennen: das Paris der Habenichtse - und 
das der illegalen Immigranten, der �sans papiers'. 

Sprecher: Issa und Kour� wollten nicht nur in Frankreich Geld 
verdienen, um es ihren Familien in Kayes zu schicken. Sie 
waren aus Mali geflohen, weil sie sich dem Schmuggel 
widersetzt hatten, zu dem lokale Banditen sie zwingen 
wollten. Deshalb hatten diese ein Kopfgeld auf sie 
ausgesetzt.
 ((Yannick Haenel: Die bleichen F�chse. S. 151, 4 Zeilen)

Erz�hlerin: Beide Malier arbeiten in Paris als M�llm�nner. Jean - der 
Ich-Erz�hler in Yannick Haenels Roman "Die bleichen 
F�chse" - freundet sich mit ihnen an. So ger�t er in den 
Dunstkreis der �Bleichen F�chse', einer Immigranten-
Vereinigung. Voller Stolz tragen ihre Mitglieder den 
Namen eines malischen Gottes. Ein Gott, der gegen die 
Ordnung der Dinge aufbegehrt.

Sprecher: Er lebte im Herzen der Zerst�rung, das verlieh ihm ein 
Wissen �ber jene, die heute unsere Welt verw�sten. Seine 
Grausamkeit ist eine Kunst, sie macht ihn von vorneherein 
zu einem Rebellen.
 ((Yannick Haenel: Die bleichen F�chse. S. 118, 4 Zeilen)

Erz�hlerin: Auch �Die bleichen F�chse' - bei jeder Aktion tragen sie 
malische Dogon-Masken - agieren als Rebellen. Am Ende 
des Romans - der den Kasino-Kapitalismus unserer 
globalisierten Gegenwart und die Ausbeutung der 
papierlosen Habenichtse in einen Zusammenhang stellt  - 
steht Paris nicht nur geistig in Flammen. 

Sprecher: Eure Welt h�lt sich f�r "global", weil sie angeblich 
Grenzen ge�ffnet und das freie Reisen von Personen 
erleichtert hat. Tats�chlich opfert sie alles, was sich nicht 
mit ihren Interessen vereinbaren l�sst. Wir sind der 
lebende Beweis, dass diese Welt eine L�ge ist. Wir sind 
das Geopferte; wir sind der Rest.
 ((Yannick Haenel: Die bleichen F�chse. S. 125, 6 Zeilen)

Erz�hlerin: - so formuliert  es einer der Bleichen F�chse. Immer 
wieder leuchtet der Roman angesichts solcher Passagen 
von einem fast heiligen Zorn. �Heilig', da Yannick Haenel 
uns sagt: Unsere Menschlichkeit erweist sich, wenn wir 
F�rsprache halten f�r Menschen, die in �u�erster 
Entrechtung, an der Grenze des Menschlichen leben.  
Eben deshalb ber�hrt der Roman - trotz seiner teils 
geschraubten Rhethorik, trotz seiner symbolischen 
�berladenheit, wenn etwa Samuel Becketts "Warten auf 
Godot" ebenso als Folie dient wie Karl Marx' Werk "Der 
B�rgerkrieg in Frankreich" �ber die Niederschlagung der 
Pariser Kommune 1871. 


Sprecher: Wenn niemand mehr Papiere hat, wie soll man dann die 
Papierlosen noch erkennen? Schon verschmelzen unsere 
Masken in einer allgemeinen Papierlosigkeit. Schon 
verschmelzen in dieser Nacht an der Place de la 
Concorde diejenigen, denen man keine Papiere gibt, mit 
all denen, die keine mehr haben. Schon gibt es keine 
Papierlosen mehr, weil die Papiere nicht mehr existieren. 
Schon entsteht durch die Flammen die Utopie einer von 
der Identit�t befreiten Welt.]]
 ((Yannick Haenel: Die bleichen F�chse. S. 188, 9 Zeilen)

Regie: ((Trenner: Musik oder Wasser))

Erz�hlerin: Noch Immanuel Kant forderte Ende des 18. Jahrhunderts: 
Die Erde geh�rt allen - und forderte k�hn eine globale 
Gastfreundschaft. Doch die �ra der Nationalstaaten brach 
an - und mit ihnen die Frage nach klaren Grenzen und 
klarer Zugeh�rigkeit. Zuwanderungsbedingungen wurden 
geschaffen. Der Fl�chtling und der Asylant waren 
geboren. Dabei aber wird gerne vergessen, dass jedes 
Land eine eigene Migrationsgeschichte besitzt.

Sprecherin: Im Schlaf, sagte die �bersetzerin, sah ich einmal das 
ganze europ�ische Gebirge zusammenbrechen, wie 
von Sinnen lag ich da, aber still, h�rte auch 
Ger�usche in diesem Zusammenhang, die Gipfel 
zerbrachen vor meinen Augen, alles st�rzte langsam 
ein und kam mir als Ger�ll entgegen.
 ((Dorothee Elmiger: Schlafg�nger. Roman Dumont 
Verlag. K�ln 2014. S. 7))

Erz�hlerin: Am 9. Februar 2014 hat die Schweiz mit knapper Mehrheit 
beschlossen, die Einwanderung in die Schweiz massiv zu 
begrenzen. Dorothee Elmiger - 1985 im schweizerischen  
Wetzikon geboren -  liefert in ihrem Roman 
"Schlafg�nger" eine luzide Reflexion �ber die vergessene 
Geschichte der Grenzg�ngerei in ihrer Heimat. Denn ihre 
�Schlafg�nger' sind die Vorl�ufer der heutigen Migranten. 
Schon die Schlafg�nger - so Dorothee Elmiger - galten 
als Menschen, die nicht �dazugeh�ren'.

Regie: O-Ton 4 (Elmiger): 
Ich bin irgendwann �ber diesen Begriff gestolpert, 
der urspr�nglich Menschen bezeichnet hat, die im 
19. Jahrhundert in die St�dte gekommen sind, um zu 
arbeiten, und es gab nicht gen�gend Wohnraum f�r 
alle. Und die Schlafg�nger waren dann diejenigen, 
die kein eigenes Zimmer, keine eigene Wohnung 
hatten, sondern sich dann eingemietet haben auf ein 
Bett, das eigentlich jemand anderes benutzt hat, 
dann aber f�r ein paar Stunden frei war. Und dieser 
Begriff hat mich dann  sehr interessiert auf die 
Fragen, die sich mir gestellt haben. 

Erz�hlerin: Schon 2010 ver�ffentlichte die Autorin - die das formale 
Experiment liebt und sprachliche K�hnheit mit politischem 
Widersinn verbindet - unter dem Titel "Die Abwesenden" 
einen Text �ber Menschen, die in der Schweiz leben, aber 
aufgrund der Illegalit�t in die Unsichtbarkeit gedr�ngt sind.  
Wie Gespenster besiedeln diese Menschen nun auch den 
neuen Roman - und das darf man wortw�rtlich verstehen. 
Die Grenzg�nger selbst bilden in diesem Roman n�mlich 
eine bewusste Leerstelle.

Regie: O-Ton 5 (Elmiger): 
Eigentlich h�tte das Buch nat�rlich ausschlie�lich 
diese Stimme sein sollen, die jetzt fehlt. Aber  ich 
kann diese Stimme nicht sein ...wie ich finde, weil ich 
das anma�end gefunden h�tte, die zu schreiben - 
aber das nat�rlich eine unglaubliche Schw�che des 
Buches ist, weil es genau eigentlich wiederholt, was 
sowieso schon passiert: das Sprechen �ber die 
anderen - was ich ja sogar  kritisieren will.

Erz�hlerin: Wer zu lesen beginnt, wird daher erst einmal irritiert 
sein: keine stringente Handlung, keine bewegende 
Fl�chtlingsgeschichte. Stattdessen ger�t man von 
Satz eins an in eine Art Sprech-Theater, in dem sich 
eine Handvoll Figuren �ber ihre Gedanken und 
Erfahrungen in punkto Grenzg�ngerei austauscht. Zu 
diesen Figuren geh�ren u.a. eine �bersetzerin, ein 
Logistiker, ein Journalist, eine Schriftstellerin. Sie alle 
verk�rpern somit zugleich die Frage, wie man das 
brisante Thema der Grenze ad�quat in Sprache 
�bersetzen kann.

Sprecherin: In einem Brief schrieb die Schriftstellerin, sie habe 
nach dem Gang durch den Wald ihre Arbeit an dem 
Text, der die Grenze behandle, verworfen, sie sei 
Schriftstellerin, schrieb die Schriftstellerin, und der 
Umstand, dass die missliche Lage an ebendieser 
Grenze ihr schriftstellerisches Kapital darstelle, sei 
unertr�glich, es sei schon �u�erst dreist von ihr 
gewesen, �berhaupt eine Reise in diese Gebiete zu 
unternehmen, sie habe, sagte die Schriftstellerin, 
ihren Schreibstift beiseite gelegt. 
((Elmiger: Schlafg�nger. S. 58, 8 Zeilen))

Erz�hlerin: Elmiger verzahnt in "Schlafg�nger" zwei sowohl 
geographisch wie zeitlich gegens�tzliche Bewegungen: 
Der Schweizer Grenze stellt sie die Grenze zwischen den 
USA und Mexiko gegen�ber. Den aktuellen 
Einwanderungen in die Schweiz stellt sie anhand 
historischer Figuren - so etwa dem Insektenforscher  und 
Botaniker Jakob Boll - die Auswanderung jener Schweizer 
entgegen, die im 19ten Jahrhundert nach Texas gingen. 
Inspiriert von den kapitalismuskritischen Thesen eines 
Charles Fourier und getrieben von der eigenen 
�konomischen Not, gr�ndeten sie dort gemeinsam mit 
belgischen und franz�sischen Kolonisten die sozialistische 
Kommune La R�union.

Regie: O-Ton 6 (Elmiger):
Der eine Grund war, dass ich selbst drei Monate in 
Kalifornien verbracht habe und ... selbst konfrontiert 
wurde mit den Fragen, die sich dort stellen. ... Und 
dann hat mich ja auch in einem anderen Strang des 
Textes die Auswanderung aus der Schweiz nach 
Amerika besch�ftigt, in der Vergangenheit. ... Gerade 
auch weil ja in der  Schweiz dann immer auch 
behauptet wird, 'wir' geh�ren  hierher, die anderen 
nicht - und vergessen wird, dass die Schweizer 
selbst ausgewandert sind, oftmals  aus 
�konomischen Gr�nden,.

Erz�hlerin: Nach und nach weitet sich die Reflexion �ber die 
Frage, wie man und in welcher Sprache man �ber 
die Grenze und die Grenzg�nger sprechen kann, 
zum eigentlichen Gegenstand des Romans. Der 
Autorin gelingt dabei etwas so Kluges wie 
Wunderbares: Den moralischen Hiatus umgeht sie, 
indem sie die Bilder, die sie �bersetzen will, nicht 
zeigt, sondern assoziativ aufruft mithilfe anderer 
Bildgebungsverfahren. Dazu geh�ren die 
Videoarbeiten eines Jan Bas Ader ebenso wie 
Th�odore Gericaults �Flo� der Medusa' oder Walt 
Whitmans Langgedicht "The Sleepers" �ber den 
Untergang der "Mexico".

Sprecherin: Obwohl das Schiff nicht einmal dreihundert Meter vor 
der K�ste liegt, kann es kaum erreicht werden. Ich 
suche mit der Menge, aber niemand, schreibt 
Whitman sp�ter, wird uns lebendig zugesp�lt, In the 
morning I help pick up the dead and lay them in rows 
in a barn.
((Elmiger: Schlafg�nger. S. 103, 5 Zeilen))

Erz�hlerin: All diesen k�nstlerischen Umsetzungen ist dabei eins 
gemeinsam: Sie verdeutlichen, dass der Betrachter 
der Katastrophe immer schon mit im Bild ist.  Es gibt 
keinen unschuldigen Standort mehr angesichts all 
jener, die Schiffbruch erleiden.

Regie:   ((Wasser-Ger�usche))

Sprecherin: Wie kann man wissen, wo der Ort des fremden 
Wassers beginnt, wenn die Grenze selbst aus 
Wasser besteht?
 ((Yoko Tawada: Wo Europa anf�ngt & Ein Gast. 
Konkursbuch Verlag 2014. S. 11. 2 Zeilen))

Erz�hlerin: so hei�t es in Yoko Tawadas Erz�hlung "Wo Europa 
anf�ngt".  Anders gesagt: Die Stofflichkeit der 
Grenze - die selbst immer zeichenhaft ist - stellt ein 
gewisses R�tsel dar, auch f�r die Literatur selbst. 

Regie: O-Ton 7 (Kraft): ((2.00??))
Was macht die Raum-Grenze in Texten? Wie 
materialisiert sie sich?  Oder bleibt sie nun tats�chlich 
weitgehend unsichtbar?

Erz�hlerin: Der Literaturwissenschaftler Stephan Kraft besch�ftigt sich 
schon seit l�ngerem mit der Darstellung von Grenzen in 
der Literatur. 2010 gab er zusammen mit Eva Geulen, 
Professorin f�r neuere deutsche Literaturwissenschaft, in 
der Zeitschrift f�r Deutsche Philologie den Sonder-Band 
"Grenzen im Raum - Grenzen in der Literatur' heraus. 
Darin unternehmen beide den Versuch, den von den 
Kulturwissenschaften entgrenzten Begriff der Grenze 
wieder an seinen r�umlichen Ursprung zur�ck zu binden. 
Und das ist, so Stephan Kraft, nicht immer einfach. 

Regie: O-Ton 8 (Kraft): ((8.15))
[[Grenzen sind weniger sichtbar ... und in unserem Leben 
auch von geringerer Bedeutung als das, was wir als uns 
begrenzende Differenzen von Dingen verstehen. Also: ]] 
bestimmte Regeln determinieren uns - diese ... sind 
jeweils gut beschreibbar. In gr��ere Schwierigkeiten 
kommt man, wenn man den �bergang von dem einen zu 
dem anderen Platz dann beschreiben will. Gerade wenn 
es um staatliche Grenzen geht. ... ... Der eigentliche 
�bertritt, die eigentliche Transformation ist dann immer 
viel mehr als dieser Moment der �berschreitung im Raum.

Zitat/Sprecher: Ein Nimbus umgab seine Gestalt, etwas aus 
�berstandenen Gefahren, Ferne und nur von ihm zu 
benennenden Schrecken. ... Er war ein Bote aus dem fast 
unbetretbar gewordenen Land um die Stadt, von dort, wo 
nur die Bauern, die keine Wahl hatten, lebten. Sie aber 
vegetierten am Rande des verminten Gebietes, w�hrend 
der Schmuggler hindurchging.
((Sherko Fatah: Im Grenzland. Btb Taschenbuch. M�nchen 
2003. S. 10, 7 Zeilen))

Erz�hlerin: Lehmfarbene H�gel, dar�ber ein leerer Raubvogelhimmel. 
Das ist das Land, durch das sich der Schmuggler in 
Sherko Fatahs Roman "Im Grenzland" bewegt.

Sprecher: Er setzte die Sohlen sicher und fest auf.
((Fatah: Im Grenzland. S. 10, 1 Zeile))

Erz�hlerin: Der Roman erschien bereits 2001. Angesiedelt ist er im 
kurdischen Dreil�ndereck: dem Gebiet zwischen dem Irak, 
dem Iran und der T�rkei. Sherko Fatah selbst kam 1964 in 
Ostberlin als Sohn einer deutschen Mutter und eines 
kurdischen Vaters zur Welt. Der Roman "Im Grenzland" 
gab schon damals die bis heute charakteristischen 
Themen seines Werks vor: Grenzerfahrungen und 
Grenz�berschreitungen, geographische wie mentale.

Regie:   O-Ton 9 (Fatah):  ((1.52))
Das Wesen der Grenze selbst, das ist f�r mich 
faszinierend, weil es ja eine innere und eine �u�ere Seite 
hat. Eine Grenze als Staatsgrenze ist nat�rlich auch etwas 
in der wirklichen Welt, zugleich aber immer etwas Inneres. 
Etwas, was wir verinnerlichen, woran wir uns halten. Ja, 
ein ausgezeichneter Raum sozusagen. Und diese  
Zeichenhaftigkeit der Grenze, die hat mich schon fr�her 
abstrakter besch�ftigt. 

[[Zitat/Sprecher: Je l�nger man ihm folgte, desto klarer wurde allerdings 
auch, dass sich die unbestimmte Furcht der Leute nicht 
eigentlich auf den Boten bezog, sondern auf das, was sie 
f�r seine Botschaft hielten. ... Er war die Verbindung 
dieser Stadt mit dem Land dort drau�en.]]
((Fatah: Im Grenzland. S. 10, 5 Zeile))

Regie:   O-Ton 10 (Kraft):  ((12.31))
Das ist in der Tat das m�glicherweise produktivste 
Konzept - die Grenze nicht als Linie und eben als 
Differenz zwischen zwei definierten Entit�ten zu 
betrachten, sondern ... einen Verhandlungsraum in der 
Mitte sich vorzustellen, der einen �bergang von a nach b 
erm�glicht; der m�glicherweise auch ein Hin und Her 
erm�glicht. 

Erz�hlerin:  - findet auch der Literaturwissenschaftler Stephan Kraft.

Regie:   O-Ton 11 (Kraft):  ((12.31))
In diesem Fall geht es auch gar nicht mehr so sehr ... um 
das Sein oder Nichtsein einer Grenze, das hier zur Frage 
steht, sondern um die Frage, was passiert eigentlich auf 
einer solchen Grenze?   

Erz�hlerin:    Das best�tigt auch Sherko Fatah.

Regie: O-Ton 13 (Fatah): ((2.00??) 
Das hei�t, die menschliche  Aufmerksamkeit scheint sich 
auf den Grenzstreifen selbst zu richten. Das Drumherum 
entzieht sich dann der Kontrolle. Und in Kurdistan, in dem 
Teil des jetzt zerfallenden Irak, der Gegenstand meines  
ersten Romans und auch der weiteren Romane war, 
zeigte sich das ganz besonders. 

Erz�hlerin: "Im Grenzland" spielt zur Zeit des internationalen 
Embargos gegen den Irak. Alle, auch der Schmuggler - 
ein Mann ohne Eigenschaften  - k�mpfen ums nackte 
�berleben. Whiskey, Zigaretten, nach und nach auch 
Computer sind die begehrten Waren, die der Schmuggler 
�ber die Grenze bringt, vorbei an Minenfeldern, umher 
ziehenden Freisch�rlern und patrouillierenden Soldaten. 

Sprecher: Er kannte den Weg, und kaum jemand ahnte, wie genau 
er den Weg kannte, dass es auf langen Strecken keinen 
einzigen Stein gab, den er nicht betrachtet, kein 
Grasb�schel, das er nicht untersucht h�tte. 
((Fatah: Im Grenzland. S. 11, 4 Zeilen))

Erz�hlerin: Alles in dieser Landschaft ger�t dem Schmuggler zum 
Zeichen, das es zu �bersetzen gilt. Zugleich bezieht nicht 
nur der Schmuggler, sondern auch der Roman seine fast 
hypnotische Kraft aus der symbiotischen Verschmelzung, 
die der Schmuggler mit der Grenze selbst eingeht.


Regie:   O-Ton 14 (Fatah):  ((6.21))
Meine Idee war, dass dieser machtlose Mann, der 
eigentlich nichts bedeutet in seiner Gesellschaft, der ja im 
Grunde ein Kleinkrimineller ist, dass der eine Art von 
R�ckeroberung betreibt dieses Landes, indem er es fast  
genau mikroskopisch genau durchkriecht. Diese 
Sichtweise, seine Sichtweise auf den Boden ... habe ich 
dann in die literarische Darstellung �bernommen und habe 
versucht, das so plastisch wie  m�glich umzusetzen, bis 
an den Rand der Abstraktion.

[[Erz�hlerin: Und doch veranschaulicht Sherko Fatah auf sehr konkrete 
Weise auch die Lebensumst�nde in einer Welt, deren 
Grenzen in jeder Hinsicht zerfallen. Von Krieg und Diktatur 
heimgesucht, treten dort an die alte Ordnung der Dinge 
mafi�se B�ndnisse der Macht.

Sprecher: Der Schmuggler hatte nun Zutritt zu den H�usern von 
einigen der reichsten Kaufleute. Hier erfuhr er, dass auch 
sie ihre Pfade hatten: besondere, verwickelte 
Beziehungen zu Regierungsbeamten, Milit�rs oder auch 
zu Leuten, die ihrerseits solche Beziehungen unterhielten. 
... Alles um ihn herum schien aus solchen Pfaden zu 
bestehen.]]
 ((Fatah, Im Grenzland, S. 77, 8 Zeilen))

Erz�hlerin:  Tats�chlich hat Sherko Fatah seine Romane fast immer 
seismographisch genau entlang der politischen und 
religi�sen Verwerfungen im Irak geschrieben - einzig sein 
j�ngster Roman "Ein wei�es Land" lotet eher die Grenzen 
der kulturellen Verst�ndigung aus. Der Irak aber war von 
Anfang an ein von au�en geschaffenes Gebilde mit 
k�nstlich gezogenen Grenzen.  Den Autor wundert es 
insofern nicht, dass dieses Land nun in Gestalt der 
Terrorgruppe "Islamischer Staat" von seiner eigenen 
Vergangenheit heimgesucht wird. 

Regie:   O-Ton 15 (Fatah):   ((4.10?))
Der eigentliche Aspekt dieser Grenze lag ja im Kulturellen, 
im Zwischenmenschlichen, was sie bedeutete f�r Familien 
und ihre Zusammengeh�rigkeit. Und ... im Nahen Osten - 
und das ist das Interessante f�r mich an dieser ganzen 
Geschichte - sind diese Grenzen zudem ja auch noch 
historisch vollkommen willk�rlich gezogen worden. Das 
hei�t, es haben sich da nat�rlicherweise, muss man 
beinahe sagen, Bruchkanten  ergeben, die nur mit Gewalt 
daran gehindert wurden, auseinander zu driften. Jetzt 
erleben wir ja, ... dass dieses  Auseinanderdriften 
stattfindet.

Regie:   ((Trenner/Musik oder Wasser))

Erz�hlerin: Das Schreckensregime, das die Terrorgruppe "Islamischer 
Staat" nicht allein im Irak zu errichten versucht, scheint 
wie aus einer anderen Welt. Die einst von europ�ischen 
M�chten gezogenen Grenzen hat ihr selbst ernannter Kalif 
f�r abgeschafft erkl�rt. Und doch best�tigt sich an dieser 
Entwicklung ein h�chst aktuelles Ph�nomen, das die in 
Cambridge lehrende Architektin und St�dteforscherin Dr. 
Wendy Pullan als �migrating frontiers', als �wandernde 
Grenzziehungen' bezeichnet: 

Regie: O-Ton 16 (Pullan): ((0.25?))
 There seems to be a lot intended activity in many different 
cities - not just in cities, but certainly in cities - to establish 
borders differently than they have been before.

Erz�hlerin: Einst, so Wendy Pullan, garantierten Mauern und Grenzen 
die Einheit von Nationen. Heute dagegen wandern die 
Grenzen von der staatlichen Peripherie in die Zentren der 
St�dte, die zu Schlachtfeldern ethnischer oder religi�ser 
Konflikte werden.  Wendy Pullan - die f�r ein Langzeit-
Forschungsprojekt �ber "Konflikte in der Stadt"  13 Jahre 
in Jerusalem gelebt und gearbeitet hat - nennt das 
�Frontier Urbanism': eine durch Grenzziehungen definierte 
Urbanit�t.

Regie:   O-Ton 17 (Pullan):  ((3.29))
Frontier urbanism has two major characteristics. One is 
that civilian populations are put into positions where they 
confront each other. ... These are not armies or even 
paramilitary fighting. ... And the other major characteristic 
is that urban spaces and structures are being planned and 
designed and built to support that sort of civilian 
confrontation.

Sprecherin/OV: Zwei Dinge charakterisieren diesen �Frontier Urbanism': 
Dort stehen sich keine Armeen oder paramilit�rischen 
K�mpfer gegen�ber, sondern einzelne 
Bev�lkerungsgruppen. Und die Bebauung des st�dtischen 
Raums soll diese zivilen Konflikte aktiv unterst�tzen.

Sprecher: Ich wohne in Amarias, seit ich neun bin, und in diesen vier 
Jahren bin ich niemals auf der anderen Seite gewesen. 
Die Mauer ist h�her als das h�chste Haus in der Stadt. 
((William Sutcliffe: Auf der richtigen Seite. Rowohlt 2014. 
�bersetzung: Christiane Steen. S. 23. 3 Zeilen))

Erz�hlerin: Bereits 2004 hat der Gerichtshof der Vereinten Nationen 
die Mauer zwischen Israel und Pal�stina als illegal 
bezeichnet. Doch die Fakten der vergangenen Dekade 
sprechen eine andere Sprache. In einer fiktiven Stadt in 
Israel - Amarias ist ihr Name - wohnt auch Joshua. Er ist 
13 Jahre alt - und der Ich-Erz�hler in Wiliam Sutcliffes 
Roman "Auf der richtigen Seite".

Sprecher: Seit ich hier wohne, hat man mir Geschichten �ber �den 
Feind' erz�hlt und was der mit uns machen will und dass 
nur unsere Armee ihn aufhalten kann. Alles, einfach alles 
an Amarias - seine Entstehung und seine Lage, die 
Mauer, die Soldaten, die Checkpoints - beruht auf diesen 
Geschichten. Wenn du sie anzweifelst, verschwindet 
deine gesamte Welt. Wenn du in Amarias nicht wei�t, wer 
dein Feind ist, dann wei�t du gar nichts.
((Sutcliffe, S. 123, 8 Zeilen)

Erz�hlerin: Vor allem Joshuas Stiefvater Liev predigt beharrlich ein 
rigides Freund-Feind-Denken.

Sprecher: Das hier ist Kriegsgebiet. Wir sind von Leuten umgeben, 
die uns t�ten wollen, und jeder Baum und jeder Stein, die 
unseren Feinden geh�ren, ist eine potenzielle 
Abschussrampe f�r eine Rakete, die dich oder mich oder 
deine Mutter t�ten kann.  
((Sutcliffe. S. 230. 5 Zeilen))

Erz�hlerin: Solch ein Freund-Feind-Denken geht laut Wendy Pulllan 
zwangsl�ufig einher mit den neuen, wandernden Grenzen. 
Denn diese stiften nicht mehr wie einst Identit�t, sondern  
k�nnen nur noch trennen. Deswegen bezeichnet Wendy 
Pullan diese neuen Grenzen auch als asymmetrische 
Grenzen.

Regie: O-Ton 18 (Pullan): ((2.00?))
 There is always the sense that there is fear or there is 
mistrust or even hate for the other on the other side. There 
is a sense of �the other'. The other in inverted commas is 
very very strong there. It is me and my people on one 
side, looking over to the other side and then not really 
understanding them very well. ... Perception plays a big 
role in this.

Sprecherin/OV: Immer liegen dort Angst, Misstrauen, ja sogar Hass in 
Bezug auf die andere Seite in der Luft. Immer gibt es da 
diese Idee des �Anderen' - in Anf�hrungszeichen gesetzt: 
Da bin ich, da ist mein Volk - und wer die anderen sind, 
verstehen wir nicht wirklich. Wahrnehmung spielt also eine 
gro�e Rolle. 

Erz�hlerin: Je h�her die Mauer zwischen Israel und den 
pal�stinensischen Gebieten wuchs, umso st�rker setzte 
sich William Sutcliffe mit seiner eigenen j�dischen 
Herkunft auseinander. Dem Opfer-Bild Israels wollte er 
eine andere Sichtweise entgegensetzen. Joshua, das von 
Kind an indoktrinierte Siedler-Kind, blickt deshalb eines 
Tages hinter einen Bauzaun - und entdeckt die andere, 
verbotene Seite seiner Welt.

Sprecher: Ich ziehe mich auf die splitterige Spitze des Zauns, lasse 
ein Bein r�berbaumeln und sehe zum ersten Mal auf die 
Baustelle runter. Da ist ein Haus. Ein Haus mit Garten. 
Aber in meinem ganzen Leben habe ich so was noch nicht 
gesehen. Der ganze Ort hier ist platt gewalzt. Zerquetscht. 
Planiert. Eine Wand steht noch in einem Winkel von 45 
Grad, der Rest wurde darunter zerquetscht und zermalmt, 
bis nichts mehr als ein Haufen Schutt �brig war.
      ((Sutcliffe, S. 16. 8 Zeilen))

Erz�hlerin: Joshua ahnt, dass er etwas sieht, das er nicht sehen soll. 
Dass er eine Grenze �berschritten hat, die er eigentlich 
nicht �berschreiten darf. Und doch wird er versuchen 
herausfinden, was an diesem Ort geschehen ist. 

[[Sprecher: Dies war das Haus von Menschen von der anderen Seite. 
Die Frage ist nicht, was mit ihnen passiert ist, sondern wie 
es dazu kommen konnte, dass sie �berhaupt auf der 
falschen Seite der Mauer gewohnt haben.]]
 ((Sutcliffe, S. 18. 4 Zeilen))

Erz�hlerin: Tats�chlich gelangt er auf die andere Seite - durch einen 
Tunnel, der Joshua ein Portal in eine ihm g�nzlich 
unbekannte Welt er�ffnet. Dort sind nicht nur die Gassen 
eng und voller Leben. Auch die Mauer sieht anders aus.

Sprecher: Nat�rlich hat sie dieselbe H�he und ist aus demselben 
Beton, aber im Gegensatz zu der nackten grauen 
Oberfl�che, die ich kenne, ist diese Seite zwei Meter hoch 
mit Graffiti bedeckt.  
      (( Sutcliffe, S. 28. 3 Zeilen))

Erz�hlerin: Sutcliffe recherchierte f�r diesen Roman l�ngere Zeit im 
Westjordanland und war schockiert dar�ber, wie sich die 
Lebensrealit�ten dies- und jenseits der Mauer 
unterscheiden. Das betrifft auch die Wahrnehmung der 
Mauer selbst. Wendy Pullan kann das aus eigener 
Anschauung best�tigen kann.

Regie:   O-Ton 19 (Pullan):  ((13.35 ??))
At the Israeli side there is either an army patrol road and 
the wall is not very much there. But in some cases there 
has been murals painted, a couple of notoriuos ones. One 
showed a viaduct and a view off into the distant, into a sort 
of green meadow and blue sky. And nothing else. And of 
course what was really behind the wall was the Palestinian 
village. So it is almost as if the Israeli try to dematerialize 
the wall, as if it wasn't there. Now on the Palestinian side 
of the wall in populated areas there tends to be a 
tremendous amount of graffiti. And in a lot of cases the 
Palestinians have used the wall as a repository for  the 
recent history, ...  almost as a message board - certainly 
before the wide use of mobil phones. ... So Palestinians 
who have been killed by Isrealis soldiers are often 
memorialized on the wall. ... And in certain areas ... 
adverts have been posted and there is even somebody 
who sat up a caf� against the wall. ... The Palestinians 
confront it whereas the Isrealis try to pretend it is not 
there. ... Generally that is how it is. 

Sprecherin/OV: Auf israelischer Seite ist da entweder eine Stra�e f�r die 
Milit�rpatrouillen oder die nackte Mauer. Nur manchmal ist 
die Mauer bemalt. Eines der Bilder zeigte ein Viadukt, das 
den Blick in die Ferne auf eine gr�ne Wiese und den 
blauen Himmel lenkte. Sonst war nichts anderes auf dem 
Bild zu sehen. In Wirklichkeit aber konnte man hinter der 
Mauer ein pal�stinensisches Dorf sehen. Es schien, als 
versuchten die Israelis die Mauer zu entmaterialisieren - 
so, als w�re sie nicht da. Auf pal�stinensischer Seite 
dagegen sah man, zumindest in den bev�lkerten 
Gebieten, sehr viele Graffitis. Oftmals nutzte man die 
Mauer dort als eine Art Archiv oder Nachrichtenbrett f�r 
die j�ngere Geschichte - so etwa, um jener Pal�stinenser 
zu gedenken, die von israelischen Soldaten get�tet 
wurden. Man findet aber auch Werbeplakate - und sogar 
ein Caf�, das zur Mauer hin gebaut wurde.

Erz�hlerin: Die Pal�stinenser - so sieht es zumindest Wendy Pullan - 
stellen sich der Mauer; die Israelis versuchen sie zu 
ignorieren. Joshua aber kann die Mauer nicht mehr l�nger 
ignorieren. Was er auf der anderen Seite sieht - wo er 
sich mit einem Pal�stinenserm�dchen anfreundet - �ffnet 
ihm die Augen f�r die Scheinwelt, in der er und die Siedler 
sich eingerichtet haben. 

Sprecher: Ich denke daran, wie irreal die Reihen identischer H�user 
pl�tzlich gewirkt haben, nach dem, was ich am Checkpoint 
gesehen habe, und dass sogar unser Esszimmer eine Art 
Glanzfolie bekommen hat, wie eine B�hnenkulisse. 
((Sutcliffe, S. 114. 4 Zeilen))

Erz�hlerin:  Es stellt alles auf den Kopf, was er bis dato f�r richtig 
empfunden hat - auch das Gef�hl, auf der vermeintlichen 
richtigen Seite zu leben.

Sprecher: Mich trifft der offensichtliche, aber f�r mich neue Gedanke 
wie ein Schlag, dass alles, was je gebaut wurde, 
irgendwann einmal nicht da gewesen ist. ... Die 
Nichtexistenz von Amarias ist ((  )) noch so frisch, seine 
Existenz so pl�tzlich, dass mir die Stadt mit dieser Karte in 
meiner Hand beinahe unwirklich scheint.
((Sutcliffe, S. 174. 4  Zeilen))

Erz�hlerin: Die Siedler, so sagte William Sutcliffe Anfang 2014, 
ziehen ihre Kinder in einer Fantasiewelt auf. Doch nicht 
zuletzt die Angriffe Israels auf den Gaza-Streifen im 
Sommer 2014 manifestieren die Hartn�ckigkeit der 
Grenzen - seien es Mauern aus Stahl und Beton, seien es 
psychologische Barrieren. Diese aber errichten wir dort, 
wo immer wir sind. Es liegt, so der Philosoph Jacques 
Derrida, in unserer Hand, sie niederzurei�en.

Sprecher: Vielleicht ist das Kap des anderen die wichtigste 
Bedingung f�r eine Identit�t oder f�r eine Identifikation, die 
nicht auf einen zerst�rerischen Egozentrismus angelegt 
ist, auf einen Egozentrismus, der das Selbst und den 
anderen zerst�rt. ... Eine andere Struktur des Randes, ein 
anderes Ufer.
 ((Derrida, Das andere Kap. S. 16 ff, 7 Zeilen))



     Autor :   : Claudia Kramatschek

 Redaktion: : Sigried Wesener
 Sendetermin  : 07.12.2014
 Besetzung                  : Sprecher   
    : Erzählerin   
    : Sprecherin 1 
1   
 Regie   : 
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