KULTUR UND GESELLSCHAFT
Reihe : LITERATUR 0.05 Uhr
Titel der Sendung: Ein Raum und keine Linie
Wie Literatur Grenzen erkundet
Regie: ((das Folgende mit Meeresrauschen unterlegen -
immer wieder einblenden))
Sprecher: Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde; die Erde aber war
wüst und wirr.
Erzählerin: Die allererste Landkarte wurde wahrscheinlich von dem im
6. Jahrhundert vor Christus lebenden Vorsokratiker
Anaximander gezeichnet.
Sprecher: Gott sprach: Es werde Licht.
Erzählerin: Die Karte ist nicht erhalten. Erhalten aber ist das Wissen,
dass Anaximander ein völlig neues Konzept in die
Metaphysik einbrachte: das Apeiron - eine
Wortkombination aus dem Affix -a und dem griechischen
Wort peiras, 'Begrenzung'.
Sprecher: Dann sprach Gott: Ein Gewölbe entstehe mitten im
Wasser und scheide Wasser von Land. So geschah es
und Gott nannte das Gewölbe Himmel.
Erzählerin: Das Apeiron ist demnach das Unbegrenzte - das bei
Anaximander als Quelle des Begrenzten bezeichnet wird.
Sprecher: Dann sprach Gott: Das Wasser unterhalb des Himmels
sammle sich an einem Ort. Damit das Trockene sichtbar
werde. Das Trockene nannte Gott Land, und das
angesammelte Wasser nannte er Meer.
Regie: ((Meeres/Wassergeräusche hier allmählich
ausblenden))
Sprecherin 1: ((I stand at the edge where earth touches ocean
Where the two overlap
A gentle coming together
At other times and places a violent clash))
Ich stehe an der Stelle, wo sich Erde und Ozean berühren
die beiden sich überlappen
Ein sanftes Zusammentreffen
Zu anderen Zeiten, an anderen Orten ein gewaltsamer
Clash
((Gloria Anzaldua: Borderlands. La Frontera. The New Mestiza.
Aunt Lute Books, San Francisco, 2012. S. 23, 4 Zeilen.
übersetzung: Claudia Kramatschek))
Erzählerin: Noch nie - so schreibt die Historikerin Astrid Nunn im
Vorwort zu ihrem Band 'Mauern' - wurden so viele
Grenzen verhandelt, festgelegt und bewacht wie jetzt.
Rund 250.000 Kilometer Länge umfassen die Grenzen,
die es derzeit gibt auf der Welt. Eine von ihnen ist die
zwischen Mexiko und USA.
Sprecherin 1: ((Across the border in Mexico
Stark silhouette of houses gutted by waves,
Cliffs crumbling into the sea,
Silver waves marbled with spume
Gashing a hole under the border fence.))
Jenseits der Grenze in Mexiko
kahle Häusersilhouetten, ausgehöhlt von den Wellen,
Felsen bröckeln ins Meer,
Silberne, von Schaum marmorierte Wellen
höhlen ein Loch unter den Zaun der Grenze.
((Anzaldua: Borderlands. La Frontera. S. 23, 5 Zeilen.
übersetzung: Claudia Kramatschek))
Erzählerin: Einst bildete der Rio Grande die natürliche Grenze
zwischen Mexiko und den USA. Mittlerweile gilt sie als die
bestgesicherte der Welt: Meterhohe Metallzäune,
Stacheldraht, Nachtsichtgeräte, Infrarotkameras.
Sprecherin 1: ((I press my hand to the steel curtain -
Chainlink fence crowned with rolled barbed wire -
Rippling from the sea where Tijuana touches San Diego
Unrolling over mountains
And plains
And deserts,
This Tortilla Curtain turning into el Rio Grande
Flowing down to the flatlands
Of the Magic Valley of South Texas
Its mouth emptying into the Gulf.))
Ich presse meine Hand an den Stahl-Vorhang -
Maschendrahtzaun mit einer Krone aus gerolltem
Stacheldraht -
Der sich kräuselt, vom Meer, wo Tijuana San Diego
berührt,
Und sich entrollt
über Berge
Und Ebenen
Und Wüsten.
Dieser Tortilla-Vorhang mündet in den Rio Grande
Und fliesst hinab in das Flachland
Das magische Tal von Süd-Texas
Wo sein Maul sich in den Golf ergiesst.
((Anzaldua: Borderlands. La Frontera. S. 24, 10 Zeilen.
übersetzung: Claudia Kramatschek))
Erz�hlerin: Doch der �Tortilla-Vorhang' - wie er abf�llig genannt wird -
trennt nicht nur Nord und S�d, Armut und Reichtum. F�r
die Autorin Gloria Anzaldua - eine Chicana der 6ten
Generation - bildet er vor allem eine offene Wunde
zwischen zwei Kulturen, die einst ein Volk waren.
Sprecherin 1: ((This is my home
This thin edge of
barbwire.))
Das ist mein Zuhause.
Diese schmale Grenze aus Stacheldraht.
((Anzald�a: Borderlands. La Frontera. S. 25, 3 Zeilen.
�bersetzung: Claudia Kramatschek))
Erz�hlerin: 1942 kommt Gloria Anzaldua in einem Rancher
Settlement in S�d-Texas zur Welt, nicht einmal 25 Meilen
von der Grenze entfernt. Es ist eine spr�de Gegend - von
den meisten mexikanischen Amerikanern El Valle
genannt. Die US-amerikanische und die mexikanische
Kultur - Sprachen, Ethnien, die Geschichte - mischen
sich in dieser Region zwar in einzigartiger Weise. Doch bis
heute ist dort auch Rassismus an der Tagesordnung. Als
Anzaldua zur Schule geht, darf sie kein Spanisch
sprechen: Die mexikanische Kultur gilt als minderwertig.
Sprecherin 1: ((I am a border woman. I grew up between two cultures,
the Mexican (with a heavy Indian influence) and the Anglo
(as a member of a colonized people in our own territory). I
have been straddling that tejas-Mexican border, and
others, all my life. It is not a comfortable territory to live in,
this place of contradictions. Hated, anger and exploitation
are the prominent features of this landscape.))
Ich bin eine Frau der Grenze. Ich wuchs auf zwischen
zwei Kulturen: der mexikanischen (mit starkem Indio-
Einfluss) und der englischen (als Mitglied eines auf
eigenem Boden kolonisierten Volks). Mein ganzes Leben
war aufgespannt �ber Grenzen, nicht allein der zwischen
Texas und Mexiko. Es ist kein angenehmes Territorium
zum Leben, dieser Ort der Gegens�tze. Hass, Wut und
Ausbeutung sind seine hervorstechenden Eigenschaften.
((Anzald�a: Borderlands. La Frontera. S. 19, 7 Zeilen.
�bersetzung: Claudia Kramatschek))
Erz�hlerin: Die Repressionen, die Anzaldua erlebt, lehren sie, fortan
jeder Begrenzung - kultureller, sprachlicher und sozialer
Art - mit Misstrauen zu begegnen. 1987 ver�ffentlicht sie
- auf den Grundlagen ihrer eigenen Erfahrungen - ein
Buch, das f�r das Denken und Schreiben der Grenze
wegweisend ist, bis heute: "Borderlands. La Frontera". Es
postuliert die Grenze nicht als Grenze - sondern als
�bergang. Als einen dritten Raum.
Sprecherin 1: ((A border is a dividing line, a narrow strip along a steep
edge. A borderland is a vague und undetermined place
created by the emotional residue of an unnatural
boundary. It is in constant state of transition. ... the
lifeblood of two worlds merging to form a third country - a
border culture.))
Eine Grenze ist eine trennende Linie, ein d�nner Streifen
entlang einer steilen Kante. Das Grenzland ist ein vager
und unbestimmter Ort, erschaffen von den emotionalen
�berbleibseln einer unnat�rlichen Begrenzung. Im
Zustand st�ndigen �bergangs. ... Der Lebensnerv zweier
Welten, die sich vermengen, um etwas Drittes zu bilden -
eine Kultur der Grenze.
((Anzald�a: Borderlands. La Frontera. S. 25f, 7 Zeilen.
�bersetzung: Claudia Kramatschek))
Erz�hlerin: Das Buch tr�gt selbst Z�ge eines hybriden Mischwesens:
Essayartige Passagen wechseln sich ab mit Gedichten;
das Englische ist durchsetzt mit sprachlichen
Einsprengeln aus dem Borderland: Kastilisches Spanisch,
Tex-Mex - jener Mischung aus nordmexikanischem und
s�dtexikanischem Slang sowie dem Nahuatl, der einstigen
Sprache der Azteken.
Sprecherin 1: ((To live in the borderlands means to
Put chile in the borscht
Eat whole wheat tortillas,
Speak Tex-Mex with a Brooklyn accent
Be stopped by la migra at the border checkpoints.))
Im Grenzland zu leben hei�t
Chilli in den Borscht zu tun
tortillas aus Vollkornmehl zu essen
Tex-Mex zu sprechen mit Brooklyn-Akzent
gestoppt zu werden an den Checkpoints von la migra , der
Grenzpolizei
((Anzald�a: Borderlands. La Frontera. S. 216, 5 Zeilen.
�bersetzung: Claudia Kramatschek))
Erz�hlerin: In den Schulen Arizonas gilt "Borderlands" bis heute als
verbotene Lekt�re. Noch immer hat das Buch die Macht,
das Denken und die Sicht auf die Welt zu ver�ndern.
Sprecherin 1: ((To survive the Borderlands
You must live sin fronteras
be a crossroads.))
Das Borderland zu �berleben
Erfordert zu leben ohne Grenzen
Eine Kreuzung sein.
((Anzald�a: Borderlands. La Frontera. S. 217, 3 Zeilen.
�bersetzung: Claudia Kramatschek))
Erz�hlerin: Eben deshalb hat das Buch Schule gemacht - weltweit.
Denn Anzalduas Postulat der Grenze als drittem Raum
liefert ein Instrumentarium, das es erlaubt, noch die
j�ngsten Grenzkonflikte und -entwicklungen zu verstehen
und zu beschreiben.
((Musik))
[[Sprecherin 1: Mit den Prozessen der Globalisierung, der gewandelten
Wahrnehmung des geopolitischen Raums durch Waren-
und Wissensstr�me und durch die Bewegungen von
Transmigranten zwischen ihrem Herkunftsort und ihrem
Arbeits- und Lebensort ver�ndert sich seit dem 1980er
Jahren der Blick auf Amerika. Die Trennung zwischen
Nord und S�d verwischt zusehends. Insbesondere die
Grenze zwischen den USA und Mexiko wird immer
durchl�ssiger, den perfekten Bewachungsmethoden zum
Trotz.
Erz�hlerin: - so formuliert es die Literatur- und
Kulturwissenschaftlerin Anja Bandau in ihrem Aufsatz
"Von Macondo zu McOndo".]] Dem Konzept des
�borderlands' folgten die �border studies'. Dem �einen '
Amerika steht inzwischen ein �plurales' Amerika
gegen�ber. Die Schriftsteller-Generation eines Carlos
Fuentes - 1958 ver�ffentlicht er seinen Roman "Die
gl�serne Grenze" - betont noch die dramatische
Ausweglosigkeit jener, die den Grenz�bertritt in die
Staaten wagen, und deutet die Grenze als einen rein
konfliktbesetzten Raum.
[[Sprecher 1: M�llkippen. Endlose M�llkippen. Latifundien des M�lls.
Hunde. Die sollen mir nicht zu nahe kommen. Und die
Ger�usche von F��en. Sie rennen. �berqueren die
Grenze. Geben das Land auf. Suchen die Welt. Immer
Erde und Welt. Wir haben kein anderes Zuhause. Und
sitzen unbeweglich, allein gelassen, an der Linie des
Vergessens.]]
((Carlos Fuentes: Die gl�serne Grenze. S. Fischer Verlag
2000))]]
Erz�hlerin: Die j�ngere Erz�hl-Generation setzt sich gegen eine solch
eindeutige Auslegung der Grenze mit teils hybriden
Formen zur Wehr. Sprich: Im Zuge der sich
ausdifferenzierenden Grenz-Konzepte vervielfachen sich
auch die literarischen Schreibweisen der Grenze.
Sprecherin 1: Finibus terrae, Begrenzung, Kante, Rand, Limit. Linke
Ecke, Norden. Wo Land und Meer zusammenlaufen. Auf
engstem Raum. Horizontale Stadt, Bord, Zaun, los!
Enteignung. Gegensatz. Anfang. Ende. Gestartet.
Montage. Demontage. Baugruppen. Verschiebung.
Topographische Genauigkeit. Identit�ten. Rhizom.
Sprachen, Idiome. Digitaler Fingerabdruck, in Bewegung:
ein Vogelschwarm. (grenz�berschreitend). Ein Ort, wo
alles und nichts passiert. Das ist Tijuana.
((�bersetzung: Claudia Kramatschek))
Regie: (( den folgenden Sprecher-Absatz unterlegen mit
Schreibmaschinen-Ger�usch: Buchstaben werden
getippt))
Sprecher: - Amaranta Caballero Prado
- Bloggerin, Lyrikerin, selbsternannte Grenzg�ngerin
- geboren 1973 in Guanajuato
- Wohnort seit 2001: Tijuana
Regie: ((Schreibmaschinen-Ger�usch ausblenden))
Erz�hlerin: Tijuana - die mexikanische Zwillingsstadt von San Diego
- galt lange einzig als Krisenschauplatz: Frauenmorde,
Vergewaltigungen, Drogenbanden. Doch w�hrend das
nordamerikanische San Diego sich immer st�rker gegen
die Fl�chtlinge aus dem nicht einmal 20 Kilometer
entfernten Tijuana verbarrikadiert, hat sich das
mexikanische Tijuana gewandelt. In eine Stadt, deren
k�nstlerische Produktivit�t f�r den ganz eigenen Geist von
La Frontera steht: jenen schmalen Streifen, der sich vom
Atlantik bis zum Pazifik ausdehnt und in dem die
Menschen nicht halb Mexikaner und halb Amerikaner,
sondern jeweils beides ganz und beides zugleich sind.
Sprecherin:
Der Trick, um den Kanal nach San Diego zu �berqueren,
?ist Kleidung und Schuhe zum Wechseln mitzunehmen.?
Damit, wenn du auf der anderen Seite bist?
die Border Patrol nicht den Schlamm und die verr�terische
Erde entdecken kann.
...
F�r die Border Patrol bist du ein Illegaler.
Ein illegaler Alien. Ich habe nicht gesagt: �Alguien'.
Jemand.
Ich habe gesagt: Alien, verstehst du?
F�r den Schleuser bist du nicht mehr als ein trauriger
Trottel.
Dem ist es schei�egal wenn du stirbst. Du oder deine
Frau.
Oder einer deiner S�hne. Wirklich wahr. Ich sage es dir.
Dem Schleuser. Dem Coyoten.
Du
Bist dem schei�egal.
Ich will ja nichts sagen.
All das hat man mir erz�hlt. Ich wei� von nichts.
Ich kann damit keine Poesie schreiben.
Ich trage in mir die Grenze der Sprache.
Ihr tragt in euch die Eurige.
((Quelle: http://latinale.blogsport.eu/workshop/amaranta-
caballero-prado1)) ((�bersetzung: Barbara Buxmann - zuletzt
abgerufen am 6. November 2014))
Erz�hlerin: In einem ihrer Blogs verweist Amaranta Caballero Prado
auf die Notwendigkeit, den Begriff der Grenze neu zu
definieren: als einen Ort des �bertritts, aber auch als Ort
des Austauschs, dessen Zeichen sich best�ndig �ndern -
ausgehend von der Perspektive jener, die ebendiese
Grenze erfahren.
Regie: ((Meeresger�usche aus dem Off, damit das folgende
Zitat unterlegen, ausblenden))
Sprecher: Eine frostige Str�mung zerrte an ihren F��en wie etwas
Lebendiges, St�rrisches. Losrudern, sagte Chucho, was
Makina bereits tat, aber der Reifen wurde zum Spielball
der Str�mung. Losrudern, wiederholte Chucho, sieht �bel
aus. Kaum hat er das gesagt, da sprang ein Schwall sie
an und kippte den Reifen um. Die Welt wurde eisig und
gr�nlich, bev�lkerte sich mit unsichtbaren
Wasserschlangen, die sie aus dem Gummifloss rissen.
((Yuri Herrera: Der K�nig, die Sonne, der Tod. �bersetzung:
Susanne Lange. S. 155. 8 Zeilen))
Erz�hlerin: Makina, eine junge Mexikanerin, macht sich auf den Weg,
um die Grenze zu �berqueren. Ihr Bruder ist jenseits des
Grenzflusses verschwunden. Und eben dort soll Makina
ihn suchen, denn sie hat ihm eine Botschaft von ihrer
beider Mutter zu �berbringen. Makina ist die Hauptfigur in
der Erz�hlung "Zeichen, die vom Weltende k�nden". Die
Erz�hlung ist Teil einer Trilogie, die der mexikanische
Autor Yuri Herrera nun unter dem Titel "Der K�nig, die
Sonne, der Tod" ver�ffentlicht hat.
Regie: (( den folgenden Sprecher-Absatz unterlegen mit
Schreibmaschinen-Ger�usch: Buchstaben werden
getippt))
Sprecher: - Yuri Herrera
- Schriftsteller
- Herausgeber der Literaturzeitschrift �El Perro', �Der Hund'
- geboren 1970 in Actop�n, Mexiko
Regie: ((Schreibmachinengetippe ausblenden))
Erz�hlerin: Alle drei Erz�hlungen der Trilogie k�nnten in einer der
Grenzst�dte spielen: in Tijuana, Ciudad Juarez oder
Nuevo Laredo. Herrera l�sst das offen. Nicht die
dokumentarischen Fakten stehen bei ihm Vordergrund.
Bei ihm steht die Sprache selbst im Vordergrund. Poetisch
ist sie und doch lakonisch. Sie verleiht den Entrechteten
ihre eigene W�rde - und verleugnet doch nicht deren
konkrete Lebenssituation. Und der Autor r�ckt mit ihrer
Hilfe die dunklen Winkel und vermeintlich sch�bigen
Existenzen dies- und jenseits der Grenze in ein anderes,
glei�endes Licht. Da sind beispielsweise Makinas illegale
Landsm�nner: unsichtbare H�nde im Dienste der
Reichen.
Sprecher: ... verstreut wie Nieten, die von einem Fenster gefallen
waren an den Ecken, auf den Ger�sten, den Gehsteigen,
fl�chtige Blicke des Erkennens, die sofort wieder
abtauchten, sich tarnten. Die Landsleute, mit Lohnarbeit ((
)) versehen. Maurer, Blumenverk�ufer, ... Fahrer. Sie
perfektionierten ihre Unauff�lligkeit, leugneten jede
gemeinsame Absicht, waren nichts, rein gar nichts, waren
blo� hier, um Befehle zu empfangen.
((Herrera, S. 173, 9 Zeilen)
Erz�hlerin: Und doch besiedeln seine Figuren einen stets
mehrdimensionalen Raum, in dem sie weder nur das eine
noch das andere sind.
Sprecher: Sie reden in einer Zwischensprache, die Makina sofort (( ))
eing�ngig ist, denn sie ist wie sie selbst: biegsam,
ver�nderlich, durchl�ssig, ein Scharnier zwischen zwei
entfernten �hnlichkeiten, die sich best�ndig �ndern, nie
dieselben bleiben, ein Etwas, das in Verbindung setzt.
Nicht nur ein Mittelwert zwischen Heimischem und
Nordlerischem ist ihre Sprache, sondern ein nebelhaftes
Niemandsland zwischen dem, was hinscheidet, und dem,
was nie geboren wurde.
((Herrera, S. 181, 9 Zeilen))
Erz�hlerin: Zugleich changieren die Geschichten zwischen Traum und
Realit�t. Makinas Mutter hei�t nicht umsonst Cora und
erinnert damit an Kore, die griechische G�ttin der
Unterwelt.
[[Sprecher: Als Ger�st des Romans diente mir der Mythos der
Unterwelt Mictlan und der einzelnen Stufen des Abstiegs
dorthin. Darin beschrieben die Azteken ihre Vorstellung
von den Etappen der Fahrt, die jeder nach seinem Tod
anzutreten hatte, bis er in die tiefste Unterwelt gelangte,
nach Mictlan. ... Dies gibt der Geschichte einen doppelten
Boden, doch ihr Kern bleibt Makinas Reise und das, was
sie dabei �ber sich selbst erf�hrt, �ber ihr Land und das
Land, in das sie gelangt.
((Yuri Herrera in: Hundertvierzehn � # 22. Newsletter S. Fischer
Verlag. �bersetzung: Susanne Lange)
Erz�hlerin - so erkl�rte Yuri Herrera in einem Essay.]] Tats�chlich
steigt Makina am Ende des Romans wie Alice im
Wunderland durch einen Tunnel in die Unterwelt hinab.
Sprich: Ein neues Leben unter falscher Identit�t erfordert
den Tod des alten Ich.
Sprecher: Makina nahm die Akte und sah hinein. Da war sie, mit
anderem Namen, anderem Geburtsort. Ihr Foto, neue
Nummern, neuer Beruf, neues Zuhause. Man hat mich
geh�utet, murmelte sie.
((Herrera, S. 222. 4 Zeilen))
((Musik als Trenner))
Erz�hlerin: Hunderte von Kilometern bei Temperaturen von bis zu 50
Grad Celsius laufen diejenigen, die sich als illegale
Immigranten ein besseres Leben im �Gelobten Land'
Amerika erhoffen. Doch jedes Jahr sterben auf dem Weg
dorthin auch Hunderte von Menschen. Sie ersticken in
Waggons oder Containern, verhungern oder verdursten.
Die USA wiederum investieren - so kann man in dem vom
Fotografen Stefan Falke herausgegeben Bild-Band �La
Frontera' lesen - "Unsummen in neue Technologien, um
die Grenze hermetisch zu schlie�en." Selbst unbemannte
Drohnen, so Falke, seien zur Grenz�berwachung l�ngst
im Einsatz. Und das, obwohl Nordamerika sehr wohl auch
�konomisch von den ins Land str�menden illegalen
Immigranten profitiert.
((Stefan Falke La Frontera. Die mexikanisch-Us-amerikanische
Grenze und ihre K�nstler. EditionFaust. Frankfurt 2014))
Sprecher: Araceli genoss ihre Einsamkeit, ihren Abstand zur Welt.
Sie betrachtete ihre Arbeit f�r die Familie Torres-
Thompson als eine Art selbst auferlegtes Exil von ihrem
vorherigen richtungslosen Leben in Mexiko-City.
((Hector Tobar: In den H�usern der Barbaren. TB-Ausgabe
Piper Verlag. �bersetzung: Ingo Herzke. S. 10, 9 Zeilen))
Erz�hlerin: Araceli Ramirez - Hauptfigur in Hector Tobars Roman "In
den H�usern der Barbaren - ist Teil des illegalen
Bodenpersonals, das auch in den USA gebraucht und
zugleich diskriminiert wird. Der Roman spielt in Los
Angeles, kurz nach der Finanzkrise. Araceli ist deshalb die
letzte verbliebene mexikanische Bedienstete im Haushalt
der Torres-Thompson, in dem Wert gelegt wird auf
kulturelle Aufgeschlossenheit.
Sprecher: In Maureens und Scotts Freundeskreis war jedes
Gespr�ch �ber ethnische Zugeh�rigkeit schon am Rande
des guten Tons. Es hatten sich inzwischen mehrere
interkulturelle Partnerschaften gebildet, man f�hlte sich
fortschrittlich und gebildet und hatte seinen Kindern
Namen wie Anazazi, Coltrane oder Mir� gegeben, was die
eigene Offenheit und Neugier auf die Welt widerspiegelte.
Man sprach nicht �ber Hautfarbe und ethnische Herkunft,
als w�rde die blo�e Erw�hnung des Themas das fragile
B�ndnis schon wieder gef�hrden.
((Tobar, S. 43, 9 Zeilen))
Erz�hlerin: Hector Tobar - 1963 selbst als Sohn guatemaltekischer
Eltern in Los Angeles zur Welt gekommen - beleuchtet in
dem Roman diverse Gr�ben und Grenzen: Nicht nur die
zwischen Arm und Reich, sondern auch die zwischen den
Ethnien und Kulturen im melting pot L.A. Nach einem
Streit verlassen beide Eheleute das Haus. Araceli bleibt
allein zur�ck, mit den zwei S�hnen. Als sie keine andere
L�sung mehr sieht, bricht sie mit den beiden Jungen auf
zu einer abenteuerlichen Reise: auf die andere Seite der
Stadt, wo Araceli den Gro�vater der beiden Kinder - auch
er ein Mexikaner - zu finden hofft.
Sprecher: Brandon presste die Nase an die Scheibe und sah nach
unten, wo er eine Reihe Behausungen zwischen den
Gleisen und dem Fluss entdeckte, windschiefe Zelth�user
aus �lfleckigem Sperrholz, sonnengebleichten Zeltplanen,
zerfaserten Nylonseilen und Metallfolie. Sie sahen aus wie
an den Boden geschmiegte Baumh�user, improvisierte
Kinderbauten, die dann von tuberkul�sen Erwachsenen
bezogen worden waren.
((Tobar, S. 193, 7 Zeilen))
Erz�hlerin: Zum ersten Mal verlassen beide Kinder die
hochgesicherte und letztlich k�nstliche Welt kalifornischer
Luxussiedlungen, die sie ihr Zuhause nennen - und sind
begeistert.
Sprecher: Sie waren in Los Angeles gelandet, in der Stadt, wo das
Magische und das Reale, wo die Welten von Fantasy und
Geschichte anscheinend parallel existierten.
((Tobar, S. 221, 3 Zeilen))
Erz�hlerin: Araceli aber wird am Ende wie eine Verbrecherin von der
Polizei gejagt - und dient in der multi-ethnischen Stadt
zugleich als Projektionsfl�che f�r alle: Der demokratische
Richter kann es nicht mehr ertragen, dass sich die
Gerichtss�le mit Eindringlingen wie sie f�llen. Die
erzkonservative Aktivistin Janet erachtet Menschen wie
Araceli f�r ebenso artfremd wie die wilden Papageien
drau�en. Menschen wie die Torres-Thompson wiederum
stellen sich zum ersten Mal l�ngst �berf�llige Fragen:
Sprecher: In was f�r einer Welt leben wir eigentlich? Wie kann es
sein, dass Kapuzenpullover und Ballettr�ckchen von Nord
nach S�d wandern, von neu nach alt, von jenen, die den
Ladenpreis zahlen, zu jenen, die ihre Kleidung zum
Kilopreis einkaufen?
((Tobar, S. 319, 4 Zeilen))
Erz�hlerin: Die Barbaren: Das k�nnten also auch die Wei�en sein.
Immerhin sind die Einwohner Mexikos heute abh�ngig
vom US-Markt - obwohl der Gro�teil der verarbeitenden
Industrie in Mexiko f�r den US-Markt produziert. Schuld an
der mexikanischen Misere ist nicht zuletzt das 1994 in
Kraft getretene Freihandelsabkommens zwischen Mexiko,
Kanada und den USA. Barack Obama wiederum hat sein
Versprechen, das Aufenthaltsrecht und die Einb�rgerung
der illegalen Einwanderer zu reformieren, noch immer
nicht eingel�st. Doch Hector Tobar - der 1992 f�r eine
Reportage �ber die Rassenunruhen in seiner Heimatstadt
Los Angeles ausgezeichnet wurde - schl�gt sich als
Autor bewusst auf keine der beiden Seiten. Zu gut kennt
er aus eigener Erfahrung die Bruchkanten innerhalb eines
sich wandelnden Nordamerikas. Einen Wandel, den er
selbst verk�rpert.
Sprecher: Wir sind so zahlreich nach Kalifornien gekommen,
Amerikas meistbev�lkerten Staat, ... dass sich sogar die
Bedeutung dessen, was es hei�t, �amerikanisch' zu sein,
g�nzlich ge�ndert hat.
((Tobar: Translation Nation. Defining a new identity in the
Spanish-Speaking United States. Riverhead Books. NY, 2005.
S. 6 f. 4 Zeilen. �bersetzung: Claudia Kramatschek))
Erz�hlerin: - so schreibt der Autor in seinem Reportageband
"Translation Nation", in dem er Grenzg�nger und
Grenz�berschreitungen entlang der mexikanisch-US-
amerikanischen Grenze portr�tiert.
Sprecher: Innerhalb nur einer Generation war Los Angeles eine
lateinamerikanische Stadt geworden, die n�rdlichste
spanischsprachige Metropole in der Hemisph�re, eine Art
Mexiko City light; �berf�llt, aber nicht so beengt wie sein
s�dlicher Zwilling; voller Smog, daf�r weniger
umweltverschmutzt.
((Tobar: Translation Nation. S. 26. 4 Zeilen. �bersetzung:
Claudia Kramatschek))
Erz�hlerin: Eben dieses Los Angeles - wo der Geist Jeffersons auf
die Jungfrau von Guadeloupe trifft - bildet f�r Hector
Tobar den Ausgangspunkt einer neuen nationalen Kultur,
ja eines neuen Landes:
Sprecher: �berall in diesem neuen Land ... glauben die Menschen
an eine transnationale Identit�t; daran, dass ihre K�rper
und Seelen zwischen zwei L�ndern leben k�nnen, dass
die physische Grenze keine mentale Grenze sein muss.
((Tobar: Translation Nation. S. 33. 4 Zeilen. �: Claudia
Kramatschek))
((Musik))
Erz�hlerin: Tats�chlich hegten die Menschen weltweit eine
euphorische Vision der Globalisierung. Sie erhofften sich
die �berwindung von Grenzen und eine neue kulturelle
Kartographie. Inzwischen wei� man: Allein Waren, Wissen
und Kapital k�nnen unbeschr�nkt zirkulieren.
Regie: ((Wasserger�usche aus dem Off - wir bewegen uns
ans Mittelmeer - im Folgenden den Wechsel zwischen
Sprecherin und Erz�hlerin jeweils ineinander
blenden))
Sprecherin: Flut Lawine Masse Strom
((Ville Tiet�v�inen: Unsichtbare H�nde. Avant Verlag, Berlin
2014. S. 1))
Erz�hlerin: Zehn Jahre irrt Odysseus auf der Suche nach seiner
Heimat auf dem Mittelmeer umher. Elendig und zerlumpt
landet er immer wieder auf anderen Inseln.
Sprecherin: Sp�len Stranden Str�men St�rmen
((Tiet�v�inen: Unsichtbare H�nde. S. 1))
[[Erz�hlerin: Auf seiner Fahrt steckt er letztlich die Grenzen einer
menschlichen Welt ab. Diese bema� sich zu seiner Zeit
nach den Gesetzen der Gastfreundschaft.
Sprecherin: �berfluten �berschwemmen vordr�ngen abwehren]]
((Tiet�v�inen: Unsichtbare H�nde. S. 1))
Erz�hlerin: Inzwischen versuchen j�hrlich Zehntausende Menschen,
illegal von Nordafrika nach Europa zu gelangen. �Harraga'
nennen die Nordafrikaner die �berfahrt, die immer
gef�hrlicher wird. �Harraga' bezeichnet aber auch das
Verbrennen aller wichtigen Papiere, das dem Verbrennen
der eigenen Identit�t gleichkommt. Denn seit dem
Inkrafttreten des Schengener Abkommens 1995 erwartet
Migranten an den Au�engrenzen der EU eine schier
un�berwindliche Mauer. Hinter dieser Mauer wiederum
erwartet sie seitens der lokalen Bev�lkerung die soziale
�chtung.
Regie: ((Ruf Allah-e-akbar oder st�rmische See))
Sprecher: Europa .... ((Meeresrauschen//Sturm)) ... sieht vom Meer
aus auch nicht anders als Afrika aus...
((Tiet�v�inen: Unsichtbare H�nde. S. 6, 2 Zeilen))
Erz�hlerin: Nach Europa wollen um jeden Preis auch die M�nner in
"Unsichtbare H�nde" - einer ergreifenden Graphic Novel.
Sie sitzen in einem kleinen �berf�llten Boot und trotzen
den mannshohen Wellen. Rund um sie: bedrohliche
Finsternis.
Regie: ((Meeresrauschen/Sturm))
Sprecher: Sie werden nur die Kuriere und die Schuldner retten. Mein
Leben ist denen nichts wert ... Rashid, bete f�r mich. Ich
kann nicht mehr.
((Tiet�v�inen: Unsichtbare H�nde. S. 10, 3 Zeilen))
Erz�hlerin: Rashid ist einer der M�nner im Boot - und die Hauptfigur
in "Unsichtbare H�nde". Ville Tiet�v�inen, 1970 in Helsinki
geboren, widmet dieses Buch all jenen, die in ihrer
eigenen Heimat kein Auskommen mehr finden und f�r
eine bessere Zukunft in Europa alles aufs Spiel setzen,
auch ihr Leben. Rashid ist zwar eine fiktive Figur. Doch
seine Geschichte basiert, so Ville Tiet�v�inen, auf realen
Fakten.
Regie: O-Ton 1 (Tiet�v�inen):
I was in Paris in 2001, near the old opera house where there
are these posh fashion stores with big windows and there was a
sort of predecessor of my main character Rashid: an around 40
looking, North African man who had an old worn suit jacket on
and he was throwing this superhero sticky figures into the
windows. And he was shot away by the shopkeepers and he
had no expression. He just moved on to the next windows and
started throwing again. And the contrast with him and the
surroundings were quite startling, I remember he kept bothering
me, the character. I didn't approach him but I kept on thinking
on how he had ended doing what he did.
OV 1/Sprecher:
2001 war ich in Paris. Und dort, nahe der Alten Oper, in
einer der teuren Einkaufsstra�en mit den riesigen
Schaufenstern, sah ich den Vorl�ufer meiner Hauptfigur
Rashid: Ein Nordafrikaner, etwa 40 Jahre alt, in einem
abgenutzten Jackett, der �Superheld'-Klebefig�rchen an
die Schaufenster-Scheiben warf. Die T�rsteher verjagten
ihn. Er zeigte jedoch keinerlei Regung, sondern wanderte
nur weiter von einem Schaufenster zum n�chsten. Der
Kontrast zwischen ihm und der Umgebung war
best�rzend, der Mann lie� mich nicht los. Ich sprach ihn
nicht an. Aber ich musste immer wieder an ihn denken
und fragte mich: Wie hatte es ihn dorthin verschlagen?
Erz�hlerin: Mit Hilfe des finnischen Sozialanthropologen Marco
Juntunen recherchiert Ville Tiet�v�inen 2004 und 2005
sowohl in Marokko - Rashids Heimat - als auch in
Spanien, wo Rashids Reise endet. Der erste Teil von
"Unsichtbare H�nde" spielt in Marokko. Schon l�nger
reichen Rashids karge Eink�nfte als Schneider und
Tagel�hner nicht mehr aus, um seine alten kranken Eltern
sowie Frau und Kind zu versorgen.
Sprecher: Den Schneidern wird es genauso ergehen wie meinem
Vater mit seiner Zuckerrohrfarm. Alles, was aus Europa
kommt, ist billiger. ... Wie kann es sein, dass jemand
billiger arbeiten kann als wir?
((Tiet�v�inen: Unsichtbare H�nde. S. 16, 4 Zeilen))
Erz�hlerin: - sagt Rashid eines Tages resigniert, bevor auch er
letztlich einen Schlepper kontaktiert. Ville Tiet�v�inen
zeigt einerseits die physischen Strapazen der �berfahrt -
Rashid �berlebt sie nur mit knapper M�he. Im Mittelpunkt
der in bewusst gedeckten Farben gehaltenen Graphic
Novel steht allerdings Rashids allumfassende
Entmenschlichung von dem Moment an, in dem er
spanischen Boden betritt. Da sind die dem�tigenden
Rituale der Erniedrigung durch die spanischen
Grenzbeamten: Diese sehen in Menschen wie Rashid
nichts als l�stiges Ungeziefer und eine Bedrohung f�r die
nationale Sicherheit.
Sprecher: - Wann h�rt Ihr auf, Migranten wie Kriegsgefangene zu
behandeln?
- Wenn sie aufh�ren, eine Gefahr f�r unsere nationale
Sicherheit darzustellen. Verbrechen und Einwanderung
gehen Hand in Hand.
((Tiet�v�inen: Unsichtbare H�nde. S. 73, 5 Zeilen))
Erz�hlerin: Vor allem aber sind da die gigantischen Treibhausanlagen
in Almer�a: Rashid und seinesgleichen m�ssen dort f�r
einen Hungerlohn arbeiten, wie Sklaven des 21.
Jahrhunderts: Tag und Nacht, ohne Schutz gegen die
giftigen Chemikalien, die alles zerst�ren, was mit ihnen in
Ber�hrung kommt.
Regie: O-Ton 2 (Tiet�v�inen):
it was simply something I couldn't believe existing inside
Europe. ... Everything that is wrong in making our food here
was concentrated in one clear area. One guy who had been
there for about 3 or 4 years ... said that in Morocco he was said
that he could be a gardener in Europe - and he came there in
the night with the traffickers, and in the morning when he saw
the never ending scenery of this plastic sea of Almeria he just
fell down and started crying. He thought that he came from the
third world but ended up in the fourth.
OV 2/Sprecher: Ich konnte nicht glauben, dass so etwas in Europa
existiert. Ein junger Mann, der dort schon etwa 3-4 Jahre
arbeitet, erz�hlte, dass man ihm in Marokko gesagt habe,
er w�rde als G�rtner arbeiten. Er kam in der Nacht an. Als
er am n�chsten Morgen das unendliche Plastikmeer der
Treibhausplantagen sah, fiel er auf die Knie und fing an zu
weinen. Er dachte, er komme aus der Dritten Welt - und
endete nun in der Vierten.
Erz�hlerin: Noch immer stockt Tiet�v�inen die Stimme, wenn er von
diesem rechtsfreien Ort auf europ�ischem Boden erz�hlt.
Wo ganzj�hrig Tomaten, Paprika und Auberginen
gedeihen, die in den Superm�rkten Nord- und
Mitteleuropas auch im Winter g�nstig zu kaufen sind.
Regie: O-Ton 3 (Tiet�v�inen):
Approximately at that time there were around 40-50.000
undocumented immigrants working and they were like hiding from the
rest of the society there - ... some of them were even imported there
by the coast patrol, the Guardia Civil. They were said that if they stay
there, they won't be deported and they have to do whatever is told to
them. They had no human rights at all. Actually they didn't have any
right to exist.
OV 3/Sprecher: Damals arbeiteten in Alm�ria rund 40-50.000 illegale
Immigranten, die sich jedoch vor dem Rest der
Gesellschaft versteckten. Manche von ihnen hatte die
K�stenwache, die Guardia Civil, regelrecht dorthin
deportiert. Man sagte ihnen, entweder ihr bleibt, oder ihr
werdet zur�ck geschickt. Und sie mussten machen, was
man ihnen sagte. Sie hatten keinerlei Rechte, nicht einmal
das Recht, zu existieren.
Regie: ((Meeresrauschen))
Sprecher: Die gr��te Ungewissheit ist dort bemerkbar, wo es um
Europas Grenzen geht: um seine geographisch-
politischen Grenzen (in der Mitte, im Osten und im
Westen, im Norden und im S�den), um seine
sogenannten �geistigen' Grenzen (sie umgeben die Idee
der Philosophie, der Vernunft, des Monotheismus, des
j�dischen', griechischen, islamischen, des katholisch-,
protestantisch-, orthodox-christlichen Ged�chtnisses; sie
umgeben .. ein entzweites und zerrissenes Jerusalem, sie
umgeben Athen, Rom, Moskau, Paris)...
((Derrida: Das andere Kap. Suhrkamp, 1992. S.47, 10 Zeilen))
Erz�hlerin: So schreibt der selbst in Algerien zur Welt gekommene
Philosoph Jacques Derrida bereits 1991in seinem Buch
"Das andere Kap". Darin befragt Jacques Derrida das
Gebilde Europa mithilfe der Wendung vom �anderen Kap'.
Es ist ein mehrdeutiger, flie�ender Begriff: Er verweist auf
ein anderes geistiges Ufer, von dem aus Europa gedacht
werden muss. Und er verweist auf den Anderen als ein
Kap, von dem aus nicht allein Europas Identit�t gedacht
werden muss. Es w�re ein Denken jenseits einer rigiden
Identit�tspolitik. Denn den Ankommenden zu empfangen,
ohne zu fragen: Darin vollzieht sich f�r Jacques Derrida
zugleich das unhintergehbare Gesetz der
Gastfreundschaft.
((Musik als Trenner))
[[Sprecher: Irgendwann kommt der Moment, wo es keiner mehr
aush�lt, in einer Gesellschaft zu leben, die ihn kleinmacht.
... Wenn dieser Moment kommt, wirft er ein neues Licht
auf die Grenze zwischen lebbar und unlebbar; er
verwandelt die Grenze nicht, sondern fegt selbst den
Gedanken daran hinweg, denn es gen�gt schon, dass das
Dasein f�r einige unlebbar wird, um f�r niemanden mehr
lebbar zu sein.
((Yannick Haenel: Die bleichen F�chse. S. 124, 8 Zeilen)
Erz�hlerin: Paris im Jahr 2007: Nicholas Sarkozy ist zum neuen
Pr�sidenten Frankreichs gew�hlt worden; im Zuge seines
wirtschaftsliberalen Reformprogramms hat er jenen, die
keiner geregelten Arbeit nachgehen, den Krieg erkl�rt.
Auch Jean Deichel, ein 43 Jahre alter Poet, lebt seit
kurzem auf der Stra�e, besser gesagt in seinem alten
schrottreifen R18. Rasch lernt er auf diese Weise ein
anderes Paris kennen: das Paris der Habenichtse - und
das der illegalen Immigranten, der �sans papiers'.
Sprecher: Issa und Kour� wollten nicht nur in Frankreich Geld
verdienen, um es ihren Familien in Kayes zu schicken. Sie
waren aus Mali geflohen, weil sie sich dem Schmuggel
widersetzt hatten, zu dem lokale Banditen sie zwingen
wollten. Deshalb hatten diese ein Kopfgeld auf sie
ausgesetzt.
((Yannick Haenel: Die bleichen F�chse. S. 151, 4 Zeilen)
Erz�hlerin: Beide Malier arbeiten in Paris als M�llm�nner. Jean - der
Ich-Erz�hler in Yannick Haenels Roman "Die bleichen
F�chse" - freundet sich mit ihnen an. So ger�t er in den
Dunstkreis der �Bleichen F�chse', einer Immigranten-
Vereinigung. Voller Stolz tragen ihre Mitglieder den
Namen eines malischen Gottes. Ein Gott, der gegen die
Ordnung der Dinge aufbegehrt.
Sprecher: Er lebte im Herzen der Zerst�rung, das verlieh ihm ein
Wissen �ber jene, die heute unsere Welt verw�sten. Seine
Grausamkeit ist eine Kunst, sie macht ihn von vorneherein
zu einem Rebellen.
((Yannick Haenel: Die bleichen F�chse. S. 118, 4 Zeilen)
Erz�hlerin: Auch �Die bleichen F�chse' - bei jeder Aktion tragen sie
malische Dogon-Masken - agieren als Rebellen. Am Ende
des Romans - der den Kasino-Kapitalismus unserer
globalisierten Gegenwart und die Ausbeutung der
papierlosen Habenichtse in einen Zusammenhang stellt -
steht Paris nicht nur geistig in Flammen.
Sprecher: Eure Welt h�lt sich f�r "global", weil sie angeblich
Grenzen ge�ffnet und das freie Reisen von Personen
erleichtert hat. Tats�chlich opfert sie alles, was sich nicht
mit ihren Interessen vereinbaren l�sst. Wir sind der
lebende Beweis, dass diese Welt eine L�ge ist. Wir sind
das Geopferte; wir sind der Rest.
((Yannick Haenel: Die bleichen F�chse. S. 125, 6 Zeilen)
Erz�hlerin: - so formuliert es einer der Bleichen F�chse. Immer
wieder leuchtet der Roman angesichts solcher Passagen
von einem fast heiligen Zorn. �Heilig', da Yannick Haenel
uns sagt: Unsere Menschlichkeit erweist sich, wenn wir
F�rsprache halten f�r Menschen, die in �u�erster
Entrechtung, an der Grenze des Menschlichen leben.
Eben deshalb ber�hrt der Roman - trotz seiner teils
geschraubten Rhethorik, trotz seiner symbolischen
�berladenheit, wenn etwa Samuel Becketts "Warten auf
Godot" ebenso als Folie dient wie Karl Marx' Werk "Der
B�rgerkrieg in Frankreich" �ber die Niederschlagung der
Pariser Kommune 1871.
Sprecher: Wenn niemand mehr Papiere hat, wie soll man dann die
Papierlosen noch erkennen? Schon verschmelzen unsere
Masken in einer allgemeinen Papierlosigkeit. Schon
verschmelzen in dieser Nacht an der Place de la
Concorde diejenigen, denen man keine Papiere gibt, mit
all denen, die keine mehr haben. Schon gibt es keine
Papierlosen mehr, weil die Papiere nicht mehr existieren.
Schon entsteht durch die Flammen die Utopie einer von
der Identit�t befreiten Welt.]]
((Yannick Haenel: Die bleichen F�chse. S. 188, 9 Zeilen)
Regie: ((Trenner: Musik oder Wasser))
Erz�hlerin: Noch Immanuel Kant forderte Ende des 18. Jahrhunderts:
Die Erde geh�rt allen - und forderte k�hn eine globale
Gastfreundschaft. Doch die �ra der Nationalstaaten brach
an - und mit ihnen die Frage nach klaren Grenzen und
klarer Zugeh�rigkeit. Zuwanderungsbedingungen wurden
geschaffen. Der Fl�chtling und der Asylant waren
geboren. Dabei aber wird gerne vergessen, dass jedes
Land eine eigene Migrationsgeschichte besitzt.
Sprecherin: Im Schlaf, sagte die �bersetzerin, sah ich einmal das
ganze europ�ische Gebirge zusammenbrechen, wie
von Sinnen lag ich da, aber still, h�rte auch
Ger�usche in diesem Zusammenhang, die Gipfel
zerbrachen vor meinen Augen, alles st�rzte langsam
ein und kam mir als Ger�ll entgegen.
((Dorothee Elmiger: Schlafg�nger. Roman Dumont
Verlag. K�ln 2014. S. 7))
Erz�hlerin: Am 9. Februar 2014 hat die Schweiz mit knapper Mehrheit
beschlossen, die Einwanderung in die Schweiz massiv zu
begrenzen. Dorothee Elmiger - 1985 im schweizerischen
Wetzikon geboren - liefert in ihrem Roman
"Schlafg�nger" eine luzide Reflexion �ber die vergessene
Geschichte der Grenzg�ngerei in ihrer Heimat. Denn ihre
�Schlafg�nger' sind die Vorl�ufer der heutigen Migranten.
Schon die Schlafg�nger - so Dorothee Elmiger - galten
als Menschen, die nicht �dazugeh�ren'.
Regie: O-Ton 4 (Elmiger):
Ich bin irgendwann �ber diesen Begriff gestolpert,
der urspr�nglich Menschen bezeichnet hat, die im
19. Jahrhundert in die St�dte gekommen sind, um zu
arbeiten, und es gab nicht gen�gend Wohnraum f�r
alle. Und die Schlafg�nger waren dann diejenigen,
die kein eigenes Zimmer, keine eigene Wohnung
hatten, sondern sich dann eingemietet haben auf ein
Bett, das eigentlich jemand anderes benutzt hat,
dann aber f�r ein paar Stunden frei war. Und dieser
Begriff hat mich dann sehr interessiert auf die
Fragen, die sich mir gestellt haben.
Erz�hlerin: Schon 2010 ver�ffentlichte die Autorin - die das formale
Experiment liebt und sprachliche K�hnheit mit politischem
Widersinn verbindet - unter dem Titel "Die Abwesenden"
einen Text �ber Menschen, die in der Schweiz leben, aber
aufgrund der Illegalit�t in die Unsichtbarkeit gedr�ngt sind.
Wie Gespenster besiedeln diese Menschen nun auch den
neuen Roman - und das darf man wortw�rtlich verstehen.
Die Grenzg�nger selbst bilden in diesem Roman n�mlich
eine bewusste Leerstelle.
Regie: O-Ton 5 (Elmiger):
Eigentlich h�tte das Buch nat�rlich ausschlie�lich
diese Stimme sein sollen, die jetzt fehlt. Aber ich
kann diese Stimme nicht sein ...wie ich finde, weil ich
das anma�end gefunden h�tte, die zu schreiben -
aber das nat�rlich eine unglaubliche Schw�che des
Buches ist, weil es genau eigentlich wiederholt, was
sowieso schon passiert: das Sprechen �ber die
anderen - was ich ja sogar kritisieren will.
Erz�hlerin: Wer zu lesen beginnt, wird daher erst einmal irritiert
sein: keine stringente Handlung, keine bewegende
Fl�chtlingsgeschichte. Stattdessen ger�t man von
Satz eins an in eine Art Sprech-Theater, in dem sich
eine Handvoll Figuren �ber ihre Gedanken und
Erfahrungen in punkto Grenzg�ngerei austauscht. Zu
diesen Figuren geh�ren u.a. eine �bersetzerin, ein
Logistiker, ein Journalist, eine Schriftstellerin. Sie alle
verk�rpern somit zugleich die Frage, wie man das
brisante Thema der Grenze ad�quat in Sprache
�bersetzen kann.
Sprecherin: In einem Brief schrieb die Schriftstellerin, sie habe
nach dem Gang durch den Wald ihre Arbeit an dem
Text, der die Grenze behandle, verworfen, sie sei
Schriftstellerin, schrieb die Schriftstellerin, und der
Umstand, dass die missliche Lage an ebendieser
Grenze ihr schriftstellerisches Kapital darstelle, sei
unertr�glich, es sei schon �u�erst dreist von ihr
gewesen, �berhaupt eine Reise in diese Gebiete zu
unternehmen, sie habe, sagte die Schriftstellerin,
ihren Schreibstift beiseite gelegt.
((Elmiger: Schlafg�nger. S. 58, 8 Zeilen))
Erz�hlerin: Elmiger verzahnt in "Schlafg�nger" zwei sowohl
geographisch wie zeitlich gegens�tzliche Bewegungen:
Der Schweizer Grenze stellt sie die Grenze zwischen den
USA und Mexiko gegen�ber. Den aktuellen
Einwanderungen in die Schweiz stellt sie anhand
historischer Figuren - so etwa dem Insektenforscher und
Botaniker Jakob Boll - die Auswanderung jener Schweizer
entgegen, die im 19ten Jahrhundert nach Texas gingen.
Inspiriert von den kapitalismuskritischen Thesen eines
Charles Fourier und getrieben von der eigenen
�konomischen Not, gr�ndeten sie dort gemeinsam mit
belgischen und franz�sischen Kolonisten die sozialistische
Kommune La R�union.
Regie: O-Ton 6 (Elmiger):
Der eine Grund war, dass ich selbst drei Monate in
Kalifornien verbracht habe und ... selbst konfrontiert
wurde mit den Fragen, die sich dort stellen. ... Und
dann hat mich ja auch in einem anderen Strang des
Textes die Auswanderung aus der Schweiz nach
Amerika besch�ftigt, in der Vergangenheit. ... Gerade
auch weil ja in der Schweiz dann immer auch
behauptet wird, 'wir' geh�ren hierher, die anderen
nicht - und vergessen wird, dass die Schweizer
selbst ausgewandert sind, oftmals aus
�konomischen Gr�nden,.
Erz�hlerin: Nach und nach weitet sich die Reflexion �ber die
Frage, wie man und in welcher Sprache man �ber
die Grenze und die Grenzg�nger sprechen kann,
zum eigentlichen Gegenstand des Romans. Der
Autorin gelingt dabei etwas so Kluges wie
Wunderbares: Den moralischen Hiatus umgeht sie,
indem sie die Bilder, die sie �bersetzen will, nicht
zeigt, sondern assoziativ aufruft mithilfe anderer
Bildgebungsverfahren. Dazu geh�ren die
Videoarbeiten eines Jan Bas Ader ebenso wie
Th�odore Gericaults �Flo� der Medusa' oder Walt
Whitmans Langgedicht "The Sleepers" �ber den
Untergang der "Mexico".
Sprecherin: Obwohl das Schiff nicht einmal dreihundert Meter vor
der K�ste liegt, kann es kaum erreicht werden. Ich
suche mit der Menge, aber niemand, schreibt
Whitman sp�ter, wird uns lebendig zugesp�lt, In the
morning I help pick up the dead and lay them in rows
in a barn.
((Elmiger: Schlafg�nger. S. 103, 5 Zeilen))
Erz�hlerin: All diesen k�nstlerischen Umsetzungen ist dabei eins
gemeinsam: Sie verdeutlichen, dass der Betrachter
der Katastrophe immer schon mit im Bild ist. Es gibt
keinen unschuldigen Standort mehr angesichts all
jener, die Schiffbruch erleiden.
Regie: ((Wasser-Ger�usche))
Sprecherin: Wie kann man wissen, wo der Ort des fremden
Wassers beginnt, wenn die Grenze selbst aus
Wasser besteht?
((Yoko Tawada: Wo Europa anf�ngt & Ein Gast.
Konkursbuch Verlag 2014. S. 11. 2 Zeilen))
Erz�hlerin: so hei�t es in Yoko Tawadas Erz�hlung "Wo Europa
anf�ngt". Anders gesagt: Die Stofflichkeit der
Grenze - die selbst immer zeichenhaft ist - stellt ein
gewisses R�tsel dar, auch f�r die Literatur selbst.
Regie: O-Ton 7 (Kraft): ((2.00??))
Was macht die Raum-Grenze in Texten? Wie
materialisiert sie sich? Oder bleibt sie nun tats�chlich
weitgehend unsichtbar?
Erz�hlerin: Der Literaturwissenschaftler Stephan Kraft besch�ftigt sich
schon seit l�ngerem mit der Darstellung von Grenzen in
der Literatur. 2010 gab er zusammen mit Eva Geulen,
Professorin f�r neuere deutsche Literaturwissenschaft, in
der Zeitschrift f�r Deutsche Philologie den Sonder-Band
"Grenzen im Raum - Grenzen in der Literatur' heraus.
Darin unternehmen beide den Versuch, den von den
Kulturwissenschaften entgrenzten Begriff der Grenze
wieder an seinen r�umlichen Ursprung zur�ck zu binden.
Und das ist, so Stephan Kraft, nicht immer einfach.
Regie: O-Ton 8 (Kraft): ((8.15))
[[Grenzen sind weniger sichtbar ... und in unserem Leben
auch von geringerer Bedeutung als das, was wir als uns
begrenzende Differenzen von Dingen verstehen. Also: ]]
bestimmte Regeln determinieren uns - diese ... sind
jeweils gut beschreibbar. In gr��ere Schwierigkeiten
kommt man, wenn man den �bergang von dem einen zu
dem anderen Platz dann beschreiben will. Gerade wenn
es um staatliche Grenzen geht. ... ... Der eigentliche
�bertritt, die eigentliche Transformation ist dann immer
viel mehr als dieser Moment der �berschreitung im Raum.
Zitat/Sprecher: Ein Nimbus umgab seine Gestalt, etwas aus
�berstandenen Gefahren, Ferne und nur von ihm zu
benennenden Schrecken. ... Er war ein Bote aus dem fast
unbetretbar gewordenen Land um die Stadt, von dort, wo
nur die Bauern, die keine Wahl hatten, lebten. Sie aber
vegetierten am Rande des verminten Gebietes, w�hrend
der Schmuggler hindurchging.
((Sherko Fatah: Im Grenzland. Btb Taschenbuch. M�nchen
2003. S. 10, 7 Zeilen))
Erz�hlerin: Lehmfarbene H�gel, dar�ber ein leerer Raubvogelhimmel.
Das ist das Land, durch das sich der Schmuggler in
Sherko Fatahs Roman "Im Grenzland" bewegt.
Sprecher: Er setzte die Sohlen sicher und fest auf.
((Fatah: Im Grenzland. S. 10, 1 Zeile))
Erz�hlerin: Der Roman erschien bereits 2001. Angesiedelt ist er im
kurdischen Dreil�ndereck: dem Gebiet zwischen dem Irak,
dem Iran und der T�rkei. Sherko Fatah selbst kam 1964 in
Ostberlin als Sohn einer deutschen Mutter und eines
kurdischen Vaters zur Welt. Der Roman "Im Grenzland"
gab schon damals die bis heute charakteristischen
Themen seines Werks vor: Grenzerfahrungen und
Grenz�berschreitungen, geographische wie mentale.
Regie: O-Ton 9 (Fatah): ((1.52))
Das Wesen der Grenze selbst, das ist f�r mich
faszinierend, weil es ja eine innere und eine �u�ere Seite
hat. Eine Grenze als Staatsgrenze ist nat�rlich auch etwas
in der wirklichen Welt, zugleich aber immer etwas Inneres.
Etwas, was wir verinnerlichen, woran wir uns halten. Ja,
ein ausgezeichneter Raum sozusagen. Und diese
Zeichenhaftigkeit der Grenze, die hat mich schon fr�her
abstrakter besch�ftigt.
[[Zitat/Sprecher: Je l�nger man ihm folgte, desto klarer wurde allerdings
auch, dass sich die unbestimmte Furcht der Leute nicht
eigentlich auf den Boten bezog, sondern auf das, was sie
f�r seine Botschaft hielten. ... Er war die Verbindung
dieser Stadt mit dem Land dort drau�en.]]
((Fatah: Im Grenzland. S. 10, 5 Zeile))
Regie: O-Ton 10 (Kraft): ((12.31))
Das ist in der Tat das m�glicherweise produktivste
Konzept - die Grenze nicht als Linie und eben als
Differenz zwischen zwei definierten Entit�ten zu
betrachten, sondern ... einen Verhandlungsraum in der
Mitte sich vorzustellen, der einen �bergang von a nach b
erm�glicht; der m�glicherweise auch ein Hin und Her
erm�glicht.
Erz�hlerin: - findet auch der Literaturwissenschaftler Stephan Kraft.
Regie: O-Ton 11 (Kraft): ((12.31))
In diesem Fall geht es auch gar nicht mehr so sehr ... um
das Sein oder Nichtsein einer Grenze, das hier zur Frage
steht, sondern um die Frage, was passiert eigentlich auf
einer solchen Grenze?
Erz�hlerin: Das best�tigt auch Sherko Fatah.
Regie: O-Ton 13 (Fatah): ((2.00??)
Das hei�t, die menschliche Aufmerksamkeit scheint sich
auf den Grenzstreifen selbst zu richten. Das Drumherum
entzieht sich dann der Kontrolle. Und in Kurdistan, in dem
Teil des jetzt zerfallenden Irak, der Gegenstand meines
ersten Romans und auch der weiteren Romane war,
zeigte sich das ganz besonders.
Erz�hlerin: "Im Grenzland" spielt zur Zeit des internationalen
Embargos gegen den Irak. Alle, auch der Schmuggler -
ein Mann ohne Eigenschaften - k�mpfen ums nackte
�berleben. Whiskey, Zigaretten, nach und nach auch
Computer sind die begehrten Waren, die der Schmuggler
�ber die Grenze bringt, vorbei an Minenfeldern, umher
ziehenden Freisch�rlern und patrouillierenden Soldaten.
Sprecher: Er kannte den Weg, und kaum jemand ahnte, wie genau
er den Weg kannte, dass es auf langen Strecken keinen
einzigen Stein gab, den er nicht betrachtet, kein
Grasb�schel, das er nicht untersucht h�tte.
((Fatah: Im Grenzland. S. 11, 4 Zeilen))
Erz�hlerin: Alles in dieser Landschaft ger�t dem Schmuggler zum
Zeichen, das es zu �bersetzen gilt. Zugleich bezieht nicht
nur der Schmuggler, sondern auch der Roman seine fast
hypnotische Kraft aus der symbiotischen Verschmelzung,
die der Schmuggler mit der Grenze selbst eingeht.
Regie: O-Ton 14 (Fatah): ((6.21))
Meine Idee war, dass dieser machtlose Mann, der
eigentlich nichts bedeutet in seiner Gesellschaft, der ja im
Grunde ein Kleinkrimineller ist, dass der eine Art von
R�ckeroberung betreibt dieses Landes, indem er es fast
genau mikroskopisch genau durchkriecht. Diese
Sichtweise, seine Sichtweise auf den Boden ... habe ich
dann in die literarische Darstellung �bernommen und habe
versucht, das so plastisch wie m�glich umzusetzen, bis
an den Rand der Abstraktion.
[[Erz�hlerin: Und doch veranschaulicht Sherko Fatah auf sehr konkrete
Weise auch die Lebensumst�nde in einer Welt, deren
Grenzen in jeder Hinsicht zerfallen. Von Krieg und Diktatur
heimgesucht, treten dort an die alte Ordnung der Dinge
mafi�se B�ndnisse der Macht.
Sprecher: Der Schmuggler hatte nun Zutritt zu den H�usern von
einigen der reichsten Kaufleute. Hier erfuhr er, dass auch
sie ihre Pfade hatten: besondere, verwickelte
Beziehungen zu Regierungsbeamten, Milit�rs oder auch
zu Leuten, die ihrerseits solche Beziehungen unterhielten.
... Alles um ihn herum schien aus solchen Pfaden zu
bestehen.]]
((Fatah, Im Grenzland, S. 77, 8 Zeilen))
Erz�hlerin: Tats�chlich hat Sherko Fatah seine Romane fast immer
seismographisch genau entlang der politischen und
religi�sen Verwerfungen im Irak geschrieben - einzig sein
j�ngster Roman "Ein wei�es Land" lotet eher die Grenzen
der kulturellen Verst�ndigung aus. Der Irak aber war von
Anfang an ein von au�en geschaffenes Gebilde mit
k�nstlich gezogenen Grenzen. Den Autor wundert es
insofern nicht, dass dieses Land nun in Gestalt der
Terrorgruppe "Islamischer Staat" von seiner eigenen
Vergangenheit heimgesucht wird.
Regie: O-Ton 15 (Fatah): ((4.10?))
Der eigentliche Aspekt dieser Grenze lag ja im Kulturellen,
im Zwischenmenschlichen, was sie bedeutete f�r Familien
und ihre Zusammengeh�rigkeit. Und ... im Nahen Osten -
und das ist das Interessante f�r mich an dieser ganzen
Geschichte - sind diese Grenzen zudem ja auch noch
historisch vollkommen willk�rlich gezogen worden. Das
hei�t, es haben sich da nat�rlicherweise, muss man
beinahe sagen, Bruchkanten ergeben, die nur mit Gewalt
daran gehindert wurden, auseinander zu driften. Jetzt
erleben wir ja, ... dass dieses Auseinanderdriften
stattfindet.
Regie: ((Trenner/Musik oder Wasser))
Erz�hlerin: Das Schreckensregime, das die Terrorgruppe "Islamischer
Staat" nicht allein im Irak zu errichten versucht, scheint
wie aus einer anderen Welt. Die einst von europ�ischen
M�chten gezogenen Grenzen hat ihr selbst ernannter Kalif
f�r abgeschafft erkl�rt. Und doch best�tigt sich an dieser
Entwicklung ein h�chst aktuelles Ph�nomen, das die in
Cambridge lehrende Architektin und St�dteforscherin Dr.
Wendy Pullan als �migrating frontiers', als �wandernde
Grenzziehungen' bezeichnet:
Regie: O-Ton 16 (Pullan): ((0.25?))
There seems to be a lot intended activity in many different
cities - not just in cities, but certainly in cities - to establish
borders differently than they have been before.
Erz�hlerin: Einst, so Wendy Pullan, garantierten Mauern und Grenzen
die Einheit von Nationen. Heute dagegen wandern die
Grenzen von der staatlichen Peripherie in die Zentren der
St�dte, die zu Schlachtfeldern ethnischer oder religi�ser
Konflikte werden. Wendy Pullan - die f�r ein Langzeit-
Forschungsprojekt �ber "Konflikte in der Stadt" 13 Jahre
in Jerusalem gelebt und gearbeitet hat - nennt das
�Frontier Urbanism': eine durch Grenzziehungen definierte
Urbanit�t.
Regie: O-Ton 17 (Pullan): ((3.29))
Frontier urbanism has two major characteristics. One is
that civilian populations are put into positions where they
confront each other. ... These are not armies or even
paramilitary fighting. ... And the other major characteristic
is that urban spaces and structures are being planned and
designed and built to support that sort of civilian
confrontation.
Sprecherin/OV: Zwei Dinge charakterisieren diesen �Frontier Urbanism':
Dort stehen sich keine Armeen oder paramilit�rischen
K�mpfer gegen�ber, sondern einzelne
Bev�lkerungsgruppen. Und die Bebauung des st�dtischen
Raums soll diese zivilen Konflikte aktiv unterst�tzen.
Sprecher: Ich wohne in Amarias, seit ich neun bin, und in diesen vier
Jahren bin ich niemals auf der anderen Seite gewesen.
Die Mauer ist h�her als das h�chste Haus in der Stadt.
((William Sutcliffe: Auf der richtigen Seite. Rowohlt 2014.
�bersetzung: Christiane Steen. S. 23. 3 Zeilen))
Erz�hlerin: Bereits 2004 hat der Gerichtshof der Vereinten Nationen
die Mauer zwischen Israel und Pal�stina als illegal
bezeichnet. Doch die Fakten der vergangenen Dekade
sprechen eine andere Sprache. In einer fiktiven Stadt in
Israel - Amarias ist ihr Name - wohnt auch Joshua. Er ist
13 Jahre alt - und der Ich-Erz�hler in Wiliam Sutcliffes
Roman "Auf der richtigen Seite".
Sprecher: Seit ich hier wohne, hat man mir Geschichten �ber �den
Feind' erz�hlt und was der mit uns machen will und dass
nur unsere Armee ihn aufhalten kann. Alles, einfach alles
an Amarias - seine Entstehung und seine Lage, die
Mauer, die Soldaten, die Checkpoints - beruht auf diesen
Geschichten. Wenn du sie anzweifelst, verschwindet
deine gesamte Welt. Wenn du in Amarias nicht wei�t, wer
dein Feind ist, dann wei�t du gar nichts.
((Sutcliffe, S. 123, 8 Zeilen)
Erz�hlerin: Vor allem Joshuas Stiefvater Liev predigt beharrlich ein
rigides Freund-Feind-Denken.
Sprecher: Das hier ist Kriegsgebiet. Wir sind von Leuten umgeben,
die uns t�ten wollen, und jeder Baum und jeder Stein, die
unseren Feinden geh�ren, ist eine potenzielle
Abschussrampe f�r eine Rakete, die dich oder mich oder
deine Mutter t�ten kann.
((Sutcliffe. S. 230. 5 Zeilen))
Erz�hlerin: Solch ein Freund-Feind-Denken geht laut Wendy Pulllan
zwangsl�ufig einher mit den neuen, wandernden Grenzen.
Denn diese stiften nicht mehr wie einst Identit�t, sondern
k�nnen nur noch trennen. Deswegen bezeichnet Wendy
Pullan diese neuen Grenzen auch als asymmetrische
Grenzen.
Regie: O-Ton 18 (Pullan): ((2.00?))
There is always the sense that there is fear or there is
mistrust or even hate for the other on the other side. There
is a sense of �the other'. The other in inverted commas is
very very strong there. It is me and my people on one
side, looking over to the other side and then not really
understanding them very well. ... Perception plays a big
role in this.
Sprecherin/OV: Immer liegen dort Angst, Misstrauen, ja sogar Hass in
Bezug auf die andere Seite in der Luft. Immer gibt es da
diese Idee des �Anderen' - in Anf�hrungszeichen gesetzt:
Da bin ich, da ist mein Volk - und wer die anderen sind,
verstehen wir nicht wirklich. Wahrnehmung spielt also eine
gro�e Rolle.
Erz�hlerin: Je h�her die Mauer zwischen Israel und den
pal�stinensischen Gebieten wuchs, umso st�rker setzte
sich William Sutcliffe mit seiner eigenen j�dischen
Herkunft auseinander. Dem Opfer-Bild Israels wollte er
eine andere Sichtweise entgegensetzen. Joshua, das von
Kind an indoktrinierte Siedler-Kind, blickt deshalb eines
Tages hinter einen Bauzaun - und entdeckt die andere,
verbotene Seite seiner Welt.
Sprecher: Ich ziehe mich auf die splitterige Spitze des Zauns, lasse
ein Bein r�berbaumeln und sehe zum ersten Mal auf die
Baustelle runter. Da ist ein Haus. Ein Haus mit Garten.
Aber in meinem ganzen Leben habe ich so was noch nicht
gesehen. Der ganze Ort hier ist platt gewalzt. Zerquetscht.
Planiert. Eine Wand steht noch in einem Winkel von 45
Grad, der Rest wurde darunter zerquetscht und zermalmt,
bis nichts mehr als ein Haufen Schutt �brig war.
((Sutcliffe, S. 16. 8 Zeilen))
Erz�hlerin: Joshua ahnt, dass er etwas sieht, das er nicht sehen soll.
Dass er eine Grenze �berschritten hat, die er eigentlich
nicht �berschreiten darf. Und doch wird er versuchen
herausfinden, was an diesem Ort geschehen ist.
[[Sprecher: Dies war das Haus von Menschen von der anderen Seite.
Die Frage ist nicht, was mit ihnen passiert ist, sondern wie
es dazu kommen konnte, dass sie �berhaupt auf der
falschen Seite der Mauer gewohnt haben.]]
((Sutcliffe, S. 18. 4 Zeilen))
Erz�hlerin: Tats�chlich gelangt er auf die andere Seite - durch einen
Tunnel, der Joshua ein Portal in eine ihm g�nzlich
unbekannte Welt er�ffnet. Dort sind nicht nur die Gassen
eng und voller Leben. Auch die Mauer sieht anders aus.
Sprecher: Nat�rlich hat sie dieselbe H�he und ist aus demselben
Beton, aber im Gegensatz zu der nackten grauen
Oberfl�che, die ich kenne, ist diese Seite zwei Meter hoch
mit Graffiti bedeckt.
(( Sutcliffe, S. 28. 3 Zeilen))
Erz�hlerin: Sutcliffe recherchierte f�r diesen Roman l�ngere Zeit im
Westjordanland und war schockiert dar�ber, wie sich die
Lebensrealit�ten dies- und jenseits der Mauer
unterscheiden. Das betrifft auch die Wahrnehmung der
Mauer selbst. Wendy Pullan kann das aus eigener
Anschauung best�tigen kann.
Regie: O-Ton 19 (Pullan): ((13.35 ??))
At the Israeli side there is either an army patrol road and
the wall is not very much there. But in some cases there
has been murals painted, a couple of notoriuos ones. One
showed a viaduct and a view off into the distant, into a sort
of green meadow and blue sky. And nothing else. And of
course what was really behind the wall was the Palestinian
village. So it is almost as if the Israeli try to dematerialize
the wall, as if it wasn't there. Now on the Palestinian side
of the wall in populated areas there tends to be a
tremendous amount of graffiti. And in a lot of cases the
Palestinians have used the wall as a repository for the
recent history, ... almost as a message board - certainly
before the wide use of mobil phones. ... So Palestinians
who have been killed by Isrealis soldiers are often
memorialized on the wall. ... And in certain areas ...
adverts have been posted and there is even somebody
who sat up a caf� against the wall. ... The Palestinians
confront it whereas the Isrealis try to pretend it is not
there. ... Generally that is how it is.
Sprecherin/OV: Auf israelischer Seite ist da entweder eine Stra�e f�r die
Milit�rpatrouillen oder die nackte Mauer. Nur manchmal ist
die Mauer bemalt. Eines der Bilder zeigte ein Viadukt, das
den Blick in die Ferne auf eine gr�ne Wiese und den
blauen Himmel lenkte. Sonst war nichts anderes auf dem
Bild zu sehen. In Wirklichkeit aber konnte man hinter der
Mauer ein pal�stinensisches Dorf sehen. Es schien, als
versuchten die Israelis die Mauer zu entmaterialisieren -
so, als w�re sie nicht da. Auf pal�stinensischer Seite
dagegen sah man, zumindest in den bev�lkerten
Gebieten, sehr viele Graffitis. Oftmals nutzte man die
Mauer dort als eine Art Archiv oder Nachrichtenbrett f�r
die j�ngere Geschichte - so etwa, um jener Pal�stinenser
zu gedenken, die von israelischen Soldaten get�tet
wurden. Man findet aber auch Werbeplakate - und sogar
ein Caf�, das zur Mauer hin gebaut wurde.
Erz�hlerin: Die Pal�stinenser - so sieht es zumindest Wendy Pullan -
stellen sich der Mauer; die Israelis versuchen sie zu
ignorieren. Joshua aber kann die Mauer nicht mehr l�nger
ignorieren. Was er auf der anderen Seite sieht - wo er
sich mit einem Pal�stinenserm�dchen anfreundet - �ffnet
ihm die Augen f�r die Scheinwelt, in der er und die Siedler
sich eingerichtet haben.
Sprecher: Ich denke daran, wie irreal die Reihen identischer H�user
pl�tzlich gewirkt haben, nach dem, was ich am Checkpoint
gesehen habe, und dass sogar unser Esszimmer eine Art
Glanzfolie bekommen hat, wie eine B�hnenkulisse.
((Sutcliffe, S. 114. 4 Zeilen))
Erz�hlerin: Es stellt alles auf den Kopf, was er bis dato f�r richtig
empfunden hat - auch das Gef�hl, auf der vermeintlichen
richtigen Seite zu leben.
Sprecher: Mich trifft der offensichtliche, aber f�r mich neue Gedanke
wie ein Schlag, dass alles, was je gebaut wurde,
irgendwann einmal nicht da gewesen ist. ... Die
Nichtexistenz von Amarias ist (( )) noch so frisch, seine
Existenz so pl�tzlich, dass mir die Stadt mit dieser Karte in
meiner Hand beinahe unwirklich scheint.
((Sutcliffe, S. 174. 4 Zeilen))
Erz�hlerin: Die Siedler, so sagte William Sutcliffe Anfang 2014,
ziehen ihre Kinder in einer Fantasiewelt auf. Doch nicht
zuletzt die Angriffe Israels auf den Gaza-Streifen im
Sommer 2014 manifestieren die Hartn�ckigkeit der
Grenzen - seien es Mauern aus Stahl und Beton, seien es
psychologische Barrieren. Diese aber errichten wir dort,
wo immer wir sind. Es liegt, so der Philosoph Jacques
Derrida, in unserer Hand, sie niederzurei�en.
Sprecher: Vielleicht ist das Kap des anderen die wichtigste
Bedingung f�r eine Identit�t oder f�r eine Identifikation, die
nicht auf einen zerst�rerischen Egozentrismus angelegt
ist, auf einen Egozentrismus, der das Selbst und den
anderen zerst�rt. ... Eine andere Struktur des Randes, ein
anderes Ufer.
((Derrida, Das andere Kap. S. 16 ff, 7 Zeilen))
Autor : : Claudia Kramatschek
Redaktion: : Sigried Wesener
Sendetermin : 07.12.2014
Besetzung : Sprecher
: Erzählerin
: Sprecherin 1
1
Regie :
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20.08.2016
Radioscript: Ein Raum und keine Linie
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