Susto, Espanto
Unter Susto versteht man sehr unterschiedliche und meist chronisch werdende Beschwerden, in der Regel nach einem heftigen und oft "übernatürlichen" Schrecken, der zum "Verlust der Seele" führt.
In einigen Fällen werden solch traumatische (seelisch verwundende) Ereignisse gar nicht selber erlebt. Manche erkranken auch, wenn andere, meist nahe Verwandte ein entsprechendes Erschrecken überfällt. Das äußert sich in innerer Unruhe, Anspannung, nervöser Hektik (Fachbegriff: Agitiertheit), in Anorexie (Magersucht), Schlafstörungen, Fieber, Diarrhoe (Durchfall), Verwirrtheit, Apathie (Gefühllosigkeit, Teilnahmslosigkeit), in depressiven Verstimmungen, Rückzug und Isolationsneigung. In manchen Studien vermutet man eine organische Ursache, nämlich eine Hypoglykämie (Unterzuckerung), andere sprechen von unspezifischen organischen Erkrankungen, von Stress und generalisierten Angststörungen auf Grund von psychosozialen Konflikten und vermindertem Selbstwertgefühl. Dieses Leiden findet sich vor allem in Mexiko, Zentral- und Südamerika. Doch auch auf den Philippinen (Lanti), in Indonesien und Malaysia (Latah), bei den Ureinwohnern Australiens (Malgri), in Neu-Guinea (Mogo laya), im Iran (Narahati) und im Amazonasgebiet (Saladera) finden sich ähnliche Phänomene beschrieben. Westliche Klassifikationen würden dies als neurotische Störungen oder undifferenzierte Somatisierungsstörungen bezeichnen.
http://www.psychosoziale-gesundheit.net/psychiatrie/fremdekulturen.html
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Susto („Schrecken“ oder „Seelenverlust“)
Eine bei einigen Latinos in den USA, Mexiko, Mittel- und Südamerika vorkommende Volkskrankheit. Susto wird auch espanto, pasmo, tripa ida, perdida del alma oder chibih genannt.
Susto ist eine einem erschreckenden Erlebnis zurückgeschriebene Erkrankung, aufgrund derer die Seele den Körper verläßt und die zu Unglücklich sein und Krankheit führt. An Susto erkrankte Personen erleben oft bedeutsame Spannungen in zentralen sozialen Rollen. Es wird geglaubt, daß Susto in extremen Fällen zum Tode führen kann. Typische Symptome sindAppetitstörungen, unzureichender oder übermäßiger Schlaf, unruhiger Schlaf oder beunruhigende Träume, Gefühle der Trauer, Mangel an Motivation, irgend etwas zu tun, sowie Gefühle geringen Selbstwerts und der Schmutzigkeit. Die somatischen Begleitsymptome von Susto sind Muskelschmerzen, Kopf- und Magenschmerzen sowie Durchfall. Bei der rituellen Heilung wird das Schwergewicht darauf gelegt, die Seele in den Körper zurückzurufen und den Betroffenen zu reinigen, um das geistige und körperliche Gleichgewicht wiederherzustellen. Verschiedene Erlebnisse von Susto können mit einer Major Depression, einer Posttraumatischen Belastungsstörung und Somatoformen Störungen verwandt sein. Ähnliche ätiologische Überzeugungen und Symptomkonstellationen treten in vielen Teilen der Welt auf. Als kulturgebundenes Syndrom (englisch culture-bound syndrome, kurz CBS) werden in der Medizin, Klinischen Psychologie, Medizinethnologie und Ethnomedizin psychische oder somatische Symptome bezeichnet, die auf eine bestimmte (ethnische) Gesellschaft oder Kultur beschränkt sind und bei denen biochemische Ursachen oder Organveränderungen nicht nachweisbar sind. In anderen Kulturen ist das Krankheitsbild unbekannt. Der Begriff wurde 1994 aufgenommen in das amerikanische Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-IV); im Anhang 1 dieses Werkes ist auch eine Übersicht der häufigsten kulturgebundenen Syndrome verzeichnet.
http://sbpm.web-com-service.de/downloads/Kulturtypische%20Krankheitsbilder.pdf
Merkmale
Kulturgebundene Syndrome weisen folgende Merkmale auf:
kulturinterne Einstufung als echte Krankheit
großer Bekanntheitsgrad innerhalb der Kultur
fehlende Kenntnis dieser Krankheit in anderen Kulturen
keine nachweisbaren biochemischen oder organischen Ursachen
Diagnose und Therapie erfolgen meist innerhalb der lokalen Volksmedizin
Einige kulturgebundene Syndrome können körperliche Symptome aufweisen (beispielsweise Schmerzen, funktionelle Körperstörungen), während andere sich ausschließlich in Verhaltensstörungen äußern.
Westliche Betrachtungsweise
Ob kulturgebundene Syndrome tatsächlich existieren, ist innerhalb der evidenzbasierten Medizin umstritten. Vor allem zwischen Anthropologen und Psychiatern wird die Frage kontrovers diskutiert. Die Anthropologie neigt dabei dazu, die kulturspezifischen Aspekte besonders zu betonen, während die Psychiatrie eher universelle und neuropsychologische Erklärungsansätze verfolgt.
Auswahl kulturgebundener Syndrome
Afrika - Ufufuyane: eine Verhaltensstörung in Südafrika und Kenia bei den Bantu und Zulu
Europa und Nordamerika - Anorexia nervosa: seelisch bedingte Essstörung - Bulimie: seelisch bedingte Essstörung
Lateinamerika - Susto: Angstzustände und körperliche Beschwerden durch emotionale Traumata oder Mitleiden mit anderen[1][2]
Arktische Regionen - Pibloktoq: arktische Hysterie
China - Qigong psychotische Reaktion: psychotische Episode infolge von intensivem Praktizieren von Qigong mit Dauer von mehreren Tagen oder Wochen; Suo yang: ähnlich wie Koro, Frigophobie, Mandarin pa-len oder wei-han: Angst vor Kälte
Taiwan - Hsieh-ping: „Geisterkrankheit“ mit Trancezuständen[3][4]
Japan - Hikikomori: Menschen, die sich freiwillig in ihrer Wohnung oder ihrem Zimmer einschließen und den Kontakt zur Gesellschaft auf ein Minimum reduzieren, Taijin Kyōfushō: soziale Angst, andere Personen durch bestimmtes Verhalten oder Auftreten zu beleidigen
Malaysia, Indonesien, Philippinen - Amok: Gewalthandlungen mit Todesfolgen, Koro: Furcht davor, dass sich der Penis in das Körperinnere zurückzieht und der Tod eintritt; seltener bei Frauen, bei diesen bezogen auf Brüste oder Schamlippen, Latah: psychische Störung
Siehe auch : Ajase-Komplex (an Japan ausgerichtetes psychoanalytisches Konzept)
Amae (Japaner-Diskurs: Abhängigkeitsbedürfnis zwischen Mutter und Kind)
Literatur
American Psychiatric Association: Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders. 4. Auflage. American Psychiatric Association, Washington 1994 (englisch).
Peter J. Guarnaccia, Lloyd H. Rogler: Research on Culture-bound Syndromes: New Directions. In: American Journal of Psychiatry. Band 156, September 1999, S. 1322–1327 (englisch).
W. G. Jilek: Psychiatric Disorders: Culture-specific. In: International Encyclopedia of the Social & Behavioral Sciences. Elsevier Science, 2001, S. ?? (englisch).
Raymond H. Prince: In Review. Transcultural Psychiatry: Personal Experiences and Canadian Perspectives. In: Canadian Journal of Psychiatry. Band 45, 2000, S. 431–437 (englisch).
Weng-Shing Tseng: Handbook of Cultural Psychiatry. Academic Press, San Diego 2001 (englisch; siehe besonders Kapitel 13: Culture-related Specific Syndromes).
Weblinks
Volker Faust: Seelische Störungen in fremden Kulturen. In: psychosoziale-gesundheit.net. Abgerufen am 17. Februar 2016 (PDF, deutsch).
Ronald C. Simons: Introduction to Culture-bound Syndromes. In: Psychiatric Times. UBM Medica, November 2001, abgerufen am 15. Juli 2014 (englisch).
Einzelnachweise
S. C. Weller, R. D. Baer u. a.: Regional Variation in Latino Descriptions of Susto. In: Cult Med Psychiatry. Band 26, Nr. 4, Dezember 2002, S. 449–472 (englisch; PMID 12572769).
B. P. Bayles, D. A. Katerndahl: Culture-bound Syndromes in Hispanic Primary Care Patients. In: Int J Psychiatry Med. Band 39, Nr. 1, 2009, S. 15–31 (englisch; PMID 19650527).
J. K. Wen: Folk Belief, Illness Behavior and Mental Health in Taiwan. In: Changgeng Yi Xue Za Zhi. Band 21, Nr. 1, März 1998, S. 1–12 (englisch; Besprechung: PMID 9607258).
Wiki-Eintrag: Hsieh-Ping Syndrome (a.k.a. „Ghost Sickness“). In: Trooper. 21. März 2010, abgerufen am 15. Juli 2014 (englisch).
Unter Susto versteht man sehr unterschiedliche und meist chronisch werdende Beschwerden, in der Regel nach einem heftigen und oft "übernatürlichen" Schrecken, der zum "Verlust der Seele" führt.
In einigen Fällen werden solch traumatische (seelisch verwundende) Ereignisse gar nicht selber erlebt. Manche erkranken auch, wenn andere, meist nahe Verwandte ein entsprechendes Erschrecken überfällt. Das äußert sich in innerer Unruhe, Anspannung, nervöser Hektik (Fachbegriff: Agitiertheit), in Anorexie (Magersucht), Schlafstörungen, Fieber, Diarrhoe (Durchfall), Verwirrtheit, Apathie (Gefühllosigkeit, Teilnahmslosigkeit), in depressiven Verstimmungen, Rückzug und Isolationsneigung. In manchen Studien vermutet man eine organische Ursache, nämlich eine Hypoglykämie (Unterzuckerung), andere sprechen von unspezifischen organischen Erkrankungen, von Stress und generalisierten Angststörungen auf Grund von psychosozialen Konflikten und vermindertem Selbstwertgefühl. Dieses Leiden findet sich vor allem in Mexiko, Zentral- und Südamerika. Doch auch auf den Philippinen (Lanti), in Indonesien und Malaysia (Latah), bei den Ureinwohnern Australiens (Malgri), in Neu-Guinea (Mogo laya), im Iran (Narahati) und im Amazonasgebiet (Saladera) finden sich ähnliche Phänomene beschrieben. Westliche Klassifikationen würden dies als neurotische Störungen oder undifferenzierte Somatisierungsstörungen bezeichnen.
http://www.psychosoziale-gesundheit.net/psychiatrie/fremdekulturen.html
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Susto („Schrecken“ oder „Seelenverlust“)
Eine bei einigen Latinos in den USA, Mexiko, Mittel- und Südamerika vorkommende Volkskrankheit. Susto wird auch espanto, pasmo, tripa ida, perdida del alma oder chibih genannt.
Susto ist eine einem erschreckenden Erlebnis zurückgeschriebene Erkrankung, aufgrund derer die Seele den Körper verläßt und die zu Unglücklich sein und Krankheit führt. An Susto erkrankte Personen erleben oft bedeutsame Spannungen in zentralen sozialen Rollen. Es wird geglaubt, daß Susto in extremen Fällen zum Tode führen kann. Typische Symptome sindAppetitstörungen, unzureichender oder übermäßiger Schlaf, unruhiger Schlaf oder beunruhigende Träume, Gefühle der Trauer, Mangel an Motivation, irgend etwas zu tun, sowie Gefühle geringen Selbstwerts und der Schmutzigkeit. Die somatischen Begleitsymptome von Susto sind Muskelschmerzen, Kopf- und Magenschmerzen sowie Durchfall. Bei der rituellen Heilung wird das Schwergewicht darauf gelegt, die Seele in den Körper zurückzurufen und den Betroffenen zu reinigen, um das geistige und körperliche Gleichgewicht wiederherzustellen. Verschiedene Erlebnisse von Susto können mit einer Major Depression, einer Posttraumatischen Belastungsstörung und Somatoformen Störungen verwandt sein. Ähnliche ätiologische Überzeugungen und Symptomkonstellationen treten in vielen Teilen der Welt auf. Als kulturgebundenes Syndrom (englisch culture-bound syndrome, kurz CBS) werden in der Medizin, Klinischen Psychologie, Medizinethnologie und Ethnomedizin psychische oder somatische Symptome bezeichnet, die auf eine bestimmte (ethnische) Gesellschaft oder Kultur beschränkt sind und bei denen biochemische Ursachen oder Organveränderungen nicht nachweisbar sind. In anderen Kulturen ist das Krankheitsbild unbekannt. Der Begriff wurde 1994 aufgenommen in das amerikanische Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-IV); im Anhang 1 dieses Werkes ist auch eine Übersicht der häufigsten kulturgebundenen Syndrome verzeichnet.
http://sbpm.web-com-service.de/downloads/Kulturtypische%20Krankheitsbilder.pdf
Merkmale
Kulturgebundene Syndrome weisen folgende Merkmale auf:
kulturinterne Einstufung als echte Krankheit
großer Bekanntheitsgrad innerhalb der Kultur
fehlende Kenntnis dieser Krankheit in anderen Kulturen
keine nachweisbaren biochemischen oder organischen Ursachen
Diagnose und Therapie erfolgen meist innerhalb der lokalen Volksmedizin
Einige kulturgebundene Syndrome können körperliche Symptome aufweisen (beispielsweise Schmerzen, funktionelle Körperstörungen), während andere sich ausschließlich in Verhaltensstörungen äußern.
Westliche Betrachtungsweise
Ob kulturgebundene Syndrome tatsächlich existieren, ist innerhalb der evidenzbasierten Medizin umstritten. Vor allem zwischen Anthropologen und Psychiatern wird die Frage kontrovers diskutiert. Die Anthropologie neigt dabei dazu, die kulturspezifischen Aspekte besonders zu betonen, während die Psychiatrie eher universelle und neuropsychologische Erklärungsansätze verfolgt.
Auswahl kulturgebundener Syndrome
Afrika - Ufufuyane: eine Verhaltensstörung in Südafrika und Kenia bei den Bantu und Zulu
Europa und Nordamerika - Anorexia nervosa: seelisch bedingte Essstörung - Bulimie: seelisch bedingte Essstörung
Lateinamerika - Susto: Angstzustände und körperliche Beschwerden durch emotionale Traumata oder Mitleiden mit anderen[1][2]
Arktische Regionen - Pibloktoq: arktische Hysterie
China - Qigong psychotische Reaktion: psychotische Episode infolge von intensivem Praktizieren von Qigong mit Dauer von mehreren Tagen oder Wochen; Suo yang: ähnlich wie Koro, Frigophobie, Mandarin pa-len oder wei-han: Angst vor Kälte
Taiwan - Hsieh-ping: „Geisterkrankheit“ mit Trancezuständen[3][4]
Japan - Hikikomori: Menschen, die sich freiwillig in ihrer Wohnung oder ihrem Zimmer einschließen und den Kontakt zur Gesellschaft auf ein Minimum reduzieren, Taijin Kyōfushō: soziale Angst, andere Personen durch bestimmtes Verhalten oder Auftreten zu beleidigen
Malaysia, Indonesien, Philippinen - Amok: Gewalthandlungen mit Todesfolgen, Koro: Furcht davor, dass sich der Penis in das Körperinnere zurückzieht und der Tod eintritt; seltener bei Frauen, bei diesen bezogen auf Brüste oder Schamlippen, Latah: psychische Störung
Siehe auch : Ajase-Komplex (an Japan ausgerichtetes psychoanalytisches Konzept)
Amae (Japaner-Diskurs: Abhängigkeitsbedürfnis zwischen Mutter und Kind)
Literatur
American Psychiatric Association: Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders. 4. Auflage. American Psychiatric Association, Washington 1994 (englisch).
Peter J. Guarnaccia, Lloyd H. Rogler: Research on Culture-bound Syndromes: New Directions. In: American Journal of Psychiatry. Band 156, September 1999, S. 1322–1327 (englisch).
W. G. Jilek: Psychiatric Disorders: Culture-specific. In: International Encyclopedia of the Social & Behavioral Sciences. Elsevier Science, 2001, S. ?? (englisch).
Raymond H. Prince: In Review. Transcultural Psychiatry: Personal Experiences and Canadian Perspectives. In: Canadian Journal of Psychiatry. Band 45, 2000, S. 431–437 (englisch).
Weng-Shing Tseng: Handbook of Cultural Psychiatry. Academic Press, San Diego 2001 (englisch; siehe besonders Kapitel 13: Culture-related Specific Syndromes).
Weblinks
Volker Faust: Seelische Störungen in fremden Kulturen. In: psychosoziale-gesundheit.net. Abgerufen am 17. Februar 2016 (PDF, deutsch).
Ronald C. Simons: Introduction to Culture-bound Syndromes. In: Psychiatric Times. UBM Medica, November 2001, abgerufen am 15. Juli 2014 (englisch).
Einzelnachweise
S. C. Weller, R. D. Baer u. a.: Regional Variation in Latino Descriptions of Susto. In: Cult Med Psychiatry. Band 26, Nr. 4, Dezember 2002, S. 449–472 (englisch; PMID 12572769).
B. P. Bayles, D. A. Katerndahl: Culture-bound Syndromes in Hispanic Primary Care Patients. In: Int J Psychiatry Med. Band 39, Nr. 1, 2009, S. 15–31 (englisch; PMID 19650527).
J. K. Wen: Folk Belief, Illness Behavior and Mental Health in Taiwan. In: Changgeng Yi Xue Za Zhi. Band 21, Nr. 1, März 1998, S. 1–12 (englisch; Besprechung: PMID 9607258).
Wiki-Eintrag: Hsieh-Ping Syndrome (a.k.a. „Ghost Sickness“). In: Trooper. 21. März 2010, abgerufen am 15. Juli 2014 (englisch).
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