1829 erschien Gottfried Dudens »Bericht über eine Reise nach den westlichen Staaten Nordamerikas«. Dieses Buch bildete eine der großen Ursachen für die Massenauswanderung der Deutschen nach Amerika in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts. Zwar war das Buch teilweise unrealistisch, aber es fiel auf fruchtbaren Boden. In Deutschland herrschte Aufbruchstimmung, weil das einfache Volk immer mehr verarmte. Am schlimmsten war es wohl um die Arbeiter bestellt, die, ausgebeutet, unterernährt und unterbezahlt, um ihr Existenzminimum rangen. Die hungernden Massen zogen zu tausenden in die Städte, um ihr trostloses Dasein auf dem Lande gegen ein noch erbarmungswürdigeres in den Fabrikhallen zu vertauschen. Der Haß gegen die Fabrikherren, Großgrundbesitzer, Emporkömmlinge und Beamten wuchs im Latenten, aber da sich die darbenden Massen in ihrem Unmut nicht Luft machen konnten, flohen sie aus der Welt ins Sektierertum, in Utopien und in Wunschträume. Märchen und Kolportage-Romane blühten um diese Zeit, aber es gab noch ein realeres Fluchtziel: Amerika.
Begierig griffen die Deutschen nach Büchern, wie sie ein Duden geschrieben hatte, berauschten sich an Abenteuern und Bildern aus der Neuen Welt, versetzten sich auf die Prärien, ins Land der Indianer, ließen sich auf deutschen Bühnen oder in deutschen Romanen den Dollar-Millionär, den »reichen Onkel aus Amerika«, vorgaukeln, verschlangen Berichte über Deutsche, die drüben ihr Glück gemacht hatten. Die wirtschaftlichen Vorteile der Staaten mit ihrem guten Boden und den billigen Farmen, die Propaganda von Schiffahrts- und Eisenbahngesellschaften, Landspekulanten und westlichen Staaten, die die Besiedlung vorantreiben wollten und deutsche Bauern und Handwerker zur Auswanderung veranlaßten - all das trug zur Auswanderung bei. Der Zusammenbruch der deutschen Textilindustrie veranlaßte Fabrikarbeiter zur Emigration; in den vierziger Jahren trieben Dürren und Hungersnöte tausende von Pfälzern zur Emigration. Politische Unruhen ließen Liberale nach Amerika gehen, viele wollten sich der Wehrpflicht entziehen, die harten Mischehengesetze in Bayern trieben manche Paare ins freiere Amerika, der Goldrausch veranlaßte massenhafte Auswanderungen, zweit- und drittgeborene Bauernsöhne, für die in der Alten Welt kein Platz mehr war, Taugenichtse, die im Westen Amerikas ihr Glück suchten, der Polizei lästige und abgeschobene Personen - alle strömten nach Amerika, das für die Deutschen ein ähnliches Ziel wurde wie für ihre mittelalterlichen Vorfahren der Osten.
Vor 1820 stellten die Engländer die größte Zahl der Auswanderer, nach 1830 waren es die Deutschen, über fünf Millionen sind im 19. Jahrhundert dorthin ausgewandert. Viele blieben im Osten, aber die meisten zogen in den Mittelwesten und später in den Westen. Sie folgten der irischen und ungarischen Einwanderungswelle; kulturell und sozial standen sie auf einer höheren Stufe als die Iren.
Die Schwierigkeiten, mit denen sie in der Neuen Welt fertig werden mußten, waren nicht unerheblich. Im Osten war der Arbeitsmarkt bald gespannt. Einwanderfeindliche Strömungen vergällten ihnen das Leben. Manchen gelang es nicht, Fuß zu fassen; aber nur wenige kehrten nach Deutschland zurück. Für die meisten begann doch ein glücklicheres, freieres, weniger tränenreiches Dasein als in ihrer alten Heimat. Was ihnen an Leid erspart wurde, lastete dann umso stärker auf den Ureinwohnern. Die ersten, die dem Druck und dem Ansturm der ansässigen Siedler und der Neuankömmlinge ausgesetzt waren, waren die ursprünglichen Bewohner der östlichen Staaten. Rücksichtslos wurden sie nach Westen getrieben.
»Beklagenswert
bleiben die Schicksale dieses unglücklichen Volkes und groß die Leiden, welche
die stärksten Seelen unter denselben fühlen müssen bei der Trennung von dem
Land, in dem sie und ihre Väter geboren wurden. Ich habe neuerlich eine
Abteilung dieser Überzügler (d. i. Vertriebenen) gesehen, wie sie soeben über
den Mississippi gesetzt wurden. Die Ärmeren waren durchgängig in ihren
gewöhnlichen Stumpfsinn versunken, äußerten weder Freude noch Schmerz, die
Häuptlinge und die besseren Familien aber schienen unter der Last ihres Jammers
zu unterliegen. Es war ein schmerzvoller Anblick, sie hinüberstarren zu sehen
auf das östliche Ufer des Mississippi.«
Der
Verfasser dieser Zeilen war der deutsche Schriftsteller Charles Sealsfield alias
Karl Anton Postl, seine Schilderung bezieht sich auf die Vertreibung der Creek-Indianer.
Die Creek
und die mit ihnen kulturell verwandten Stämme der Cherokee, Chickasaw, Chocktaw
und Seminolen waren früh mit den Weißen in Berührung gekommen. Sie lebten in
Georgia, Alabama, den Karolinas und Tennessee, die Seminolen in Florida.
Spanier, Engländer und Franzosen buhlten um ihre Gunst, und jede Partei
bemühte sich, die Indianer zu betrügen, wo immer es möglich war.
Der
Einfluß weißer Kultur auf diese Stämme wurde schon vergleichsweise früh
wirksam. Daß wir aber über die Kultur der Creek in ihrer ursprünglichen Form
informiert sind, ist dem deutschen Reisenden Baron Philipp Georg Friedrich von
Reck zu verdanken, der 1733 und 1734 die amerikanischen Kolonien von
Massachusetts bis Georgia durchstreifte. In Georgia besuchte er die östlichen
Creek-Indianer, die er genau studierte. Seine Aufzeichnungen, die lange
verschollen waren, sind inzwischen in Bernatziks Völkerkunde gedruckt worden
und zählen zu den besten Quellen über diese Indianer.
Ein
anderer Deutscher ließ die wandernde Grenze hinter sich und ging in den
Indianerwesten. Er gehörte zu den farbenprächtigsten der frühen deutschen
Abenteurer in Amerika. Christian Gottlieb Priber aus Zittau war Doktor der
Rechtswissenschaften, Anwalt und dazu ein radikaler Utopist und Umstürzler.
Seine Lehren zwangen ihn zur Flucht nach Frankreich und England, wo er im Juni
1735 erschien, und schließlich nach Amerika. Nachdem er einige Zeit in
Charleston zugebracht hatte, wurde er der englischen Kolonialverwaltung
verdächtig, weil er gar zu laut die »natürlichen Rechte« forderte. Daraufhin
ging Priber 1736 allein und waffenlos zu den Indianern, von denen er anscheinend
etwas naive Vorstellungen hatte, und wurde einer der ihren. Übereinstimmung in
allen zeitgenössischen Berichten über Priber besteht darin, daß er
außerordentlich gebildet war, bewandert in Kunst und Wissenschaft, ein
wirklicher »Gentleman« - er sprach neben seiner Muttersprache fließend
englisch, französisch, holländisch, lateinisch und Eingeborenendialekte - aber
eben ein Utopist. Er nahm die Sitten der Indianer an, trug ihre Haartrachten,
ihre Bemalungen und ging wie sie beinahe nackt. Im heutigen östlichen
Tennessee, in der Cherokee-Stadt Groß Tellico, ließ er sich nieder, etwa 500
Meilen von Charleston entfernt. Er verfaßte eine Grammatik sowie ein
Wörterbuch der Cherokee-Sprache und ein Gesetzbuch, das er den Indianern
vorlegte und nach dem sie sich richteten. Da damit eine Art sozialistischer
Republik unter den Indianern entstand, erregte er erst recht das Mißtrauen der
Behörden. Priber war seiner Zeit weit voraus. Seine Gedanken erinnern an die
der französischen Sozialisten hundert Jahre später. In seinem Buch legte er
Gesetze für die Verwaltung des »Königreichs des Paradieses« fest, wie er
seine Staatsgründung nannte.
Er zählte »natürliche Rechte« auf und forderte
allerlei, was heute nicht mehr, aber damals als Unzucht galt, wie z.B.
Ehescheidung. Gemäß seinen kommunistischen Idealen sicherte er die Gleichheit
aller Einwohner, erstellte die Frauen den Männern gleich, er erklärte, daß in
seinem Staat jeder nach seinen Fähigkeiten geben solle und jedem nach seinen
Bedürfnissen gegeben werde, ja, er forderte auch gemeinschaftlichen Besitz
allen Landes, aller Frauen und aller Kinder. Die Indianer richteten sich nach
seinen Anweisungen, und sein Einfluß auf sie war so groß, daß schon 1739 die
Regierung von Süd Karolina über 400 Pfund für eine Strafexpedition gegen ihn
zur Verfügung stellte. Bald war er in die Auseinandersetzungen der Engländer
und der Franzosen um den Handel mit den Indianern verwickelt und verwandte allen
Einfluß darauf, zur Wahrung der indianischen Rechte und Interessen gegenüber
Händlern beider Nationen gleichermaßen beizutragen. Er überzeugte die
Cherokee, daß sie von den Engländern um ihr Land betrogen worden waren, und
lehrte sie den rechten Gebrauch von Gewichten und Maßen, damit sie beim Handel
nicht mehr übers Ohr gehauen werden konnten. In seiner Gemeinschaft waren
Angehörige aller unterdrückten Völker willkommen.
Je
größer Pribers Einfluß wurde, desto verdächtiger wurde er den Engländern,
die in ihm einen französischen Agenten sahen. Aber die Indianer lehnten es ab,
ihn auszuliefern. Erst 1743 glückte es Militär, Priber während einer Reise in
Alabama zu fangen. Nach anderen Quellen fiel er Indianern in die Hände, die in
britischen Diensten standen. Angeklagt, er wolle eine indianische Konföderation
gegen alle Weißen schaffen, wurde er eingesperrt und starb um 1745 im
Gefängnis von Charleston oder in Fort Frederica auf der Insel St. Simons, erst
48 Jahre alt. Dieser Philosoph
und Gelehrte, Reformer und Friedensapostel war einer der besten Anwälte, die
die Indianer jemals fanden.
Immer
wieder in ihrer Geschichte sind die Creek und ihre Verwandten mit Deutschen in
Berührung gekommen, die ihre Geschichte beeinflußt haben. Als die Mährischen
Brüder nach Georgia auswanderten, begannen sie bei ihnen zu missionieren
(1735). Viele Cherokee und Creek wurden bekehrt. Einer der bekanntesten
Häuptlinge der Cherokee, John Ridge, wurde zu Anfang des 19. Jahrhunderts von
Mährischen Brüdern erzogen. Hier haben die deutschen Missionare großen und
segensreichen Einfluß ausgeübt.
Die
Cherokee und die vier anderen Stämme zählen zu den fortschrittlichsten und
intelligentesten Indianern Nordamerikas. Die Kriege mit den Engländern und
Franzosen dauerten bis in die neunziger Jahre des 18. Jahrhunderts. Am 27.
Februar 1819 garantierten die Vereinigten Staaten den Cherokee alles Land, das
sie noch nicht verkauft hatten, und erkannten sie als gleichberechtigte Nation
an. Die weitere Entwicklung dieses Volkes war einzigartig, und die übrigen
Stämme zogen nach, so daß sie bald als die »Fünf zivilisierten Stämme«
bezeichnet wurden. »Unter Führung der Tscherokesen verwirklichten sie etwas,
was in der ganzen Weltgeschichte nur selten vorgekommen ist. Sie lieferten den
Beweis, daß es ein verhältnismäßig unkultiviertes Volk schon nach kurzer
Zeit aus eigener Kraft mit den Europäern aufnehmen kann. Fortschritt solcher
Art kann nicht von außen aufgezwungen werden, sondern muß von innen heraus
wachsen« (Oliver LaFarge).
Zum Teil
lagen die Ursachen für die rasche Entwicklung sicherlich in der Saat, die
Priber und die Mährischen Brüder gelegt hatten, und auch in der Vermischung
der Cherokee und Creek mit Europäern. Viele Königstreue, darunter aus besten
schottischen Familien, suchten nach dem Unabhängigkeitskrieg bei ihnen
Zuflucht, heirateten Indianermädchen und wurden oft bedeutende Häuptlinge, die
sich stets als Indianer fühlten. 1810 schafften die Cherokee
Clan-System und Blutrache ab. 1819 gründeten sie einen Nationalrat mit
bezahlten Mitgliedern und ein Jahr später die »Cherokee Nation« mit einer
Legislative von 32 Mitgliedern. 1827 folgten Verfassung und Gesetze. Der junge
hervorragende Kooweskoowe alias John Ross wurde 1819 Präsident des Nationalrats
und 1828 oberster Häuptling der Cherokee-Nation: der Vertreter der Exekutive.
Nicht
unwesentlich war an der Zivilisierung der Cherokee ein Indianer beteiligt, einer
der begabtesten der roten Rasse, der wie Ross Halbblut, aber nicht schottischer,
sondern deutscher Herkunft war. Um 1760 oder 1770 lebte in Tennessee der
deutsche Händler Nathaniel Gist, der sich in ein Cherokee-Mädchen verliebte,
das nach manchen Quellen eine Häuptlingstochter war. Als sie ihm ein Kind
gebar, ließ er sie im Stich. Der Junge wurde Sequoiah genannt; als er älter
wurde, nahm er den Namen seines Vaters an, den er als Guess verstand. Ein
schwerer Jagdunfall machte ihn zum Krüppel, seinen Lebensunterhalt bestritt er
mit der Herstellung von Silberornamenten. Dadurch kam er auch mit Weißen in
Kontakt und lernte ihre »Sprechenden Blätter« kennen. Da er wußte, daß die
Missionare bei der Unterrichtung der Kinder wenig Erfolg hatten - sie lehrten
nach veralteten Methoden und englisch -, reifte in ihm der Plan, seinem Volk zu
einer Schrift zu verhelfen. Obwohl er von seinen Stammesgenossen verspottet oder
als Zaubermann verdächtigt wurde, ließ sich Sequoiah nicht entmutigen. Ohne
jede Kenntnis europäischer Sprachen studierte er die Cherokee-Sprache auf ihre
Laute und Silben hin. Nach zwölf Jahren (1821) hatte er eine Silbenschrift mit
85 Zeichen entwickelt, die sich, nachdem sich die Cherokee erst einmal daran
gewöhnt hatten, in Windeseile durchsetzte und den Cherokee zu großen Erfolgen
verhalf. Auch die Creek erlernten die Schrift. Die Bibel wurde übersetzt und
gedruckt. 1827 richtete Sequoiah die erste indianische Druckerei nördlich von
Mexiko ein, am 21. Februar 1828 erschien die erste Nummer der »Cherokee Phoenix«,
der ersten indianischen Tageszeitung, die zur Hälfte im Cherokee-Alphabet
gedruckt war. Die Gesetze wurden aufgeschrieben. Es entwickelte sich ein
Indianerstaat mit hoher Zivilisation und Kultur. Sequoiah starb im August 1843
wahrscheinlich in Mexiko. Eine Statue wurde ihm in Oklahoma
errichtet, und die ältesten Lebewesen der Erde, die Mammutbäume in
Kalifornien, tragen seinen Namen.
Hatten
sich auch die Cherokee und ihre Freunde selbst zivilisiert, ihre Vertreibung war
nur eine Frage der Zeit. Der Indianerstaat war den Weißen ein Dorn im Auge.
Auch wenn in der
friedlichen Entwicklung der Creek der Aufstand unter Tecumsehs Freund William
Weatherford im
Jahre 1813/14 nur ein kurzes Intermezzo war, das noch dazu auf einen kleinen
Teil des Stammes beschränkt blieb, forderten die Weißen die Deportation der
Creek. Präsident
Adams bemühte sich während seiner Amtszeit von 1825 bis 1829 um eine gerechte
Indianerpolitik und lehnte die betrügerischen Verträge der Einzelstaaten mit
den »Fünf zivilisierten
Stämmen« ab. 1825 z.B. hatte der Creek-Häuptling William McIntosh, der
wahrscheinlich bestochen
war, alles Land in Georgia und große Teile Alabamas gegen Gebiete in Oklahoma
verkauft; da es bei den Creek wie bei den Cherokee ein Gesetz gab, das für
solche Fälle die Todesstrafe vorsah, wurde er getötet.
Aber der
rechtswidrige Vertrag war gemacht, und Georgia drängte auf die Ausweisung der
Creek und hielt den Vertrag
gegen das Veto Adams' und einen Spruch des Bundesgerichts aufrecht. Zwischen
1827 und 1832 bzw. 1836
wurden fast 25.000 Creek gewaltsam über den Mississippi nach Oklahoma
geschafft; Adams' Politik wurde sabotiert, und sein Nachfolger, der rauhe »Old
Hickory« Andrew
Jackson, betrieb eine rücksichtslose Deportationspolitik - er bestätigte die
betrügerischen Verträge sogar,
und die zivilisierten Indianerstaaten wurden mit Gewalt gesprengt.
Der
deutsche Dichter Chamisso, der die zweite russische Weltumseglung 1815 bis 1818
unter dem deutschen Kapitän Otto von Kotzebue mitgemacht und in Kalifornien
gesehen hatte, wie die Franziskaner-Missionare die Indianer
ausbeuteten und wie Sklaven hielten, und der versichert, daß die Ureinwohner
Kaliforniens zu tausenden ausstarben, wurde auch durch das Schicksal der Creek
angerührt und schrieb eine sarkastische Ballade darüber. Sie handelt davon,
daß ein Bote Präsident Jacksons den Creek befiehlt, über den Mississippi zu
weichen. Daraufhin erhebt sich ein alter Häuptling und klagt die Weißen wegen
ihrer Wort- und Vertragsbrüche an und weist ironisch daraufhin, daß der weiße
Mann stets davon sprach, seine roten Kinder zu lieben und sie im selben Atemzug
mit Gewalt verdrängte. Jenseits des Mississippi sollen sie angeblich nun für
immer unbelästigt bleiben.
Aber:
»Wird unser Großer Vater nicht auch dort
Zu uns hinüberreichen? - Nein, er sagt,
Er werde nicht, und Wahrheit ist sein Wort.
Wo sind die roten Kinder, die er liebt?
So zahlreich wie im Walde sonst das Laub,
Wie kommt's daß ihre Zahl wie Laub zerstiebt?«
Charles
Sealsfield, jener berühmte Schriftsteller aus Mähren, der »Dichter beider
Hemisphären«, der die Deportation der Creek miterlebte und erschüttert sehen
mußte, wie die Vertriebenen »auf dem Zug aus ihren heimatlichen Wäldern ...
sich jede tausend Schritt« umwandten und »jede Stunde düstrer und trostloser«
wurden, hat dem Schicksal der Creek sein Buch »Tokeah« gewidmet. Viele
geschichtliche Personen wie Jackson oder Tecumseh kommen darin vor, und es weist
völker- und kulturkundliche Belehrungen auf, selbst Einschübe über damals
aktuelle Probleme.
Sealsfield
lebte als Schriftsteller und Journalist in den USA und kehrte in Abständen
immer wieder nach Europa zurück. Er gilt als der Begründer des exotischen
Amerika-Romans in Deutschland. Sein politisches Vorbild waren die Vereinigten
Staaten, er stand unter dem Einfluß Coopers, des Gestalters der indianischen
Tragödie, einerseits und der Aufbruchsstimmung unter den Deutschen
andererseits.
Tokeah
trägt die Züge eines Chingachgooks, und vor die
deutsche Fassung des Buches setzte Sealsfield Jeffersons Ausspruch: »Ich
zittere für mein Volk, wenn ich der Ungerechtigkeiten gedenke, deren es sich
gegen Ureinwohner schuldig gemacht hat!«
Als auf
dem Gebiet der Cherokee Gold gefunden wurde, stand auch ihre Deportation
entgegen allen Verträgen fest. Schon 1799 hatte der zwölfjährige Sohn eines
hessischen Deserteurs das erste Gold entdeckt. John Reed gehörte zu den
unglücklichen Hessen, die Soldatenfängern in die Hände gefallen und nach
Amerika "verkauft" worden waren. Bei der erstbesten Gelegenheit machte
er sich aus dem Staub und suchte in den deutschen Niederlassungen in Nord
Karolina Zuflucht, wo er nach Kriegsende Land erstand und zu farmen begann. Der
von seinem Sohn entdeckte Klumpen gelben Metalls wurde bis 1802 als Türgiff
verwendet. Erst dann zeigte ihn Reeds Frau einem Silberschmied,
der ihn als Gold erkannte. Reed machte sich auf die Suche und fand im nächsten
Jahr einen Nugget, der 28 Pfund wog und 8000 Dollar einbrachte. Weitere Nuggets
machten ihn zu einem reichen Mann. Um nicht den Neid der Nachbarn zu schüren,
suchte er sich Partner und gründete mit ihnen verschiedene Goldminen. Um 1830
arbeiteten 30.000 Goldsucher in Nord Karolina und weitere in Virginia, Süd
Karolina und Georgia - auch auf dem Gebiet der Cherokee. Die bekannteste Mine
war die Reed-Mine, die ihr Besitzer ausbaute und mit Maschinen versah. Sie warf
zu Reeds Lebzeiten 10 Millionen Dollar ab. Reed war ein einfacher Mann, konnte
weder lesen noch schreiben; dennoch gewann er den Respekt seiner Partner und war
fähig, nicht nur die Mine, sondern auch eine Sklavenplantage erfolgreich zu
leiten. Als er 1845 im Alter von 88 Jahren starb, hatte sich das Schicksal der »Fünf
zivilisierten Stämme« erfüllt.
Die von
Reed ausgelöste Goldsuche war der letzte Anlaß, die Cherokee zu vertreiben.
Als noch dazu ein kleiner Teil der Häuptlinge, unter ihnen John Ridge, 1835
überredet wurde, das Land zu verkaufen, war das Schicksal der Cherokee
besiegelt. Zwar wurden die Häuptlinge mit dem Tode bestraft (1839) und ihre
Verträge waren ungültig, aber was die Weißen an Recht nicht besaßen, hatten
sie an Soldaten. Die Cherokee wurden in Lager verschleppt, ihre Heimstätten
wurden verbrannt, und mitten im Winter 1838/39 wurden sie nach Arkansas
geschafft. Von 14.000 Vertriebenen kamen auf diesem »Zug der Tränen«
4000 ums Leben. Ebenso wurden die Chickasaw und Chocktaw vertrieben. Die
Seminolen dagegen leisteten unter Osceola einen heldenhaften Widerstand in den
Everglades von Florida. Osceola führte einen der erbittertsten und
langwierigsten Indianerkriege der Geschichte. Der Feldzug kostete die
Vereinigten Staaten 45 Millionen Dollar, sieben Generale - pro Jahr einer -
verbrauchten sich, und für jeden Indianer fielen hundert weiße Soldaten. Zu
den Toten von 1836 gehörte Major Julius Heilman, der der Sohn eines Stabsarztes
in Riedesels hessischer Brigade und einer der ersten Offiziere war, die in West
Point ausgebildet wurden. Erst als Osceola 1838 durch Verrat der Weißen ums
Leben kam, war der Widerstand des größten Teils der Seminolen gebrochen. Ein
kleiner Rest blieb in den Everglades und schloß mit den USA erst im 20.
Jahrhundert Frieden.
Für die
Cherokee war das Grauen nicht beendet. Da sie im Bürgerkrieg teilweise zu den
Südstaaten hielten, wurde nicht nur ihr Land in Oklahoma verwüstet, sondern
auch die Verträge wurden zerrissen. Schließlich gab man 1889 den Rest ihres
Landes für die weiße Besiedlung frei, und 1914 wurde die Regierung der
Cherokee aufgelöst. Nach hundert Jahren hatten es die Weißen endlich
fertiggebracht, die letzten Spuren eines Versuchs auszulöschen, »mit dem
amerikanische Indianer nicht zivilisiert werden, sondern sich selbst
zivilisieren wollten« (LaFarge). Zwar haben sich Teile der Cherokee heute
angepaßt und sind relativ wohlhabend, aber der Schmelztiegel bleibt für sie
Legende. -
Ein
ähnliches Schicksal wie die Cherokee traf auch die Creek während des
Bürgerkrieges. In der Zeit nach dem Krieg fanden die Creek noch einmal einen
deutschen Philosophen, der versuchte, sie über ihr Leid hinwegzutrösten. Wie
Priber war auch Henry C. Brokmeyer ein Sonderling. Er stammte aus Preußen und
war mütterlicherseits mit Bismarck verwandt. Um dem Militärdienst zu entgehen,
floh er 1844 im Alter von 16 Jahren nach New York. Karriere machte er im Staat
Missouri; hier gewann er mit Landspekulationen ein Vermögen und brachte es 1876
zum Gouverneur. Aber die Zivilisation behagte ihm nicht. Immer wieder zog er
sich aus dem Trubel in die Wildnis zurück, bestritt seinen Lebensunterhalt mit
Jagen und Fischen und hing philosophischen Gedanken nach. In der Einsamkeit
entdeckte er Hegel, der ihm auf viele Lebensfragen Antwort gab. In St. Louis
wurde er Mittelpunkt einer transzendentalen, an Hegel anknüpfenden Schule, er
übersetzte Hegels »Logik« und wurde einer seiner Wegbereiter in Amerika. An
den Indianern zeigte er sich sehr interessiert. Einige Jahre brachte er bei den
Creek in Oklahoma zu. Unter ihnen richtete er einen Kindergarten ein und
versuchte, einen kleinen philosophischen Kreis bei ihnen anzuregen. Die Creek
verehrten ihn als »Großen Weißen Vater«, sie boten ihm sogar das schönste
Mädchen des Stammes an, doch lehnte er ab. Die letzten Lebensjahre - er starb
1906 - pendelte er zwischen Wildnis und Zivilisation hin und her. Die Creek
betrauerten ihn als einen der ihren.
Ihr
verlorenes Land füllte sich unterdessen mit Siedlern, die aus der Alten Welt
auf der Suche nach mehr Glück nach Amerika strömten. Viele Deutsche waren
darunter. Zu Anfang des 19. Jahrhunderts hieß es, daß Charleston den Deutschen
gehöre, von Iren regiert und von den Negern genossen werde. In Süd Karolina
war das deutsche Element beträchtlich. Der angesehenste Deutsche und Führer
seiner Landsleute in diesem Staat war Johann Wagener, ein späterer
Bürgermeister von Charleston, der 1833 mit 17 Jahren nach Charleston kam und
viele wirtschaftliche und soziale Verbesserungen unter den Deutschen anstrebte.
1855 rief er die Deutsche Ansiedlungs-Gesellschaft ins Leben. Schon sieben Jahre
vorher war durch seine Initiative die Deutsche Kolonie-Gesellschaft entstanden,
die 1849 die Stadt Walhalla in herrlicher Lage in Süd Karolina gründete. Hier
fanden viele Flüchtlinge
eine neue Heimat, hier, wo einst die Heimat von zivilisierten Indianern gewesen
war, die nun als Flüchtlinge im Westen hausten.
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