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18. Februar 2014 · in Allgemein
Post|ko|lo|ni|a|lis|mus, der; -, [post– Präfix + Kolonialismus; zu postkolonial Adj.] Die Epoche nach Auflösung der Kolonien; der kulturelle Zustand einer postkolonialen Gesellschaft; / kritische Auseinandersetzung mit und intellektuelle Loslösung von den gesellschaftlichen, ökonomischen, politischen Auswirkungen des Kolonialismus.

Der Begriff Postkolonialismus bezeichnet eine breit gefasste, nach dem Zusammenbruch des europäischen Imperialismus in den Jahrzehnten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs einsetzende intellektuelle Strömung, in der emanzipatorisch und ideologiekritisch orientierte und von Theorieentwürfen der Diskurstheorie und der Dekonstruktion beeinflusste Wissenschaffende (oft selbst mit (post-)kolonialen Biographien wie Talal Asad, Homi K. Bhabha, Frantz Fanon, Edward Said, Gayatri Spivak) begannen, die komplexen Zusammenhänge zwischen ökonomischer, militärischer und politischer Kolonisierung außereuropäischer Gesellschaften und ihrer akademischen Erforschung aufzuarbeiten. Mit Postkolonialismus wird innerhalb dieser Strömung dabei zum einen eine historische Zäsur gesetzt: Die Benennung der Gegenwart als post-, also nach–kolonial, betont Kolonialismus und die Befreiung von Kolonialismus und die damit zusammenhängende Gründung von Nationalstaaten aus der Konkursmasse der ehemaligen Kolonialimperien als für viele Gesellschaften im 20. Jahrhundert zentrales politisches Ereignis. Zum anderen drückt Postkolonialismus ein Oppositionsverhältnis aus: gegen Kolonialismus – und somit die kritische Auseinandersetzung mit Rollenbildern und Machtstrukturen (verstanden als eine komplexe Matrix von Macht und Machtlosigkeit, Zentrum und Peripherie, Herrschenden und Beherrschten; sowie ökonomische, kulturelle und politische Beziehungen zwischen Nationen, Ethnien, Kulturen), die ihren Ursprung im Kolonialismus haben und bis heute fortwirken.
Postkoloniale Ansätze richten ihren Blick einerseits auf die Dekonstruktion kolonialer Denkmuster als Rechtfertigungsstrategien für die europäische Kolonialherrschaft, andererseits auf die durch den Kolonialismus ausgelösten gesellschaftlichen Transformationsprozesse sowohl in den Kolonien als auch in den Kolonialstaaten. Der Postkolonialismus zieht seine emanzipatorischen Potentiale aus der Einsicht, dass die Wahrheitsregime der kolonialen Moderne nicht geschlossen sind, sondern instabil, heterogen, in sich widersprüchlich und mehrdeutig, was sie öffnet für Subversion[1] und ungeplante Umdeutungen, wie dies Homi K. Bhabha in seinen Arbeiten zu Hybridität beschreibt. Aus diesen Überlegungen und in enger Verknüpfung mit herrschaftskritischen Programmen wie denen des Poststrukturalismus und Feminismus speisen postkoloniale Ansätze ihre Versuche einer elementaren Destabilisierung von Gesellschaftsordnungen, der Stärkung alternativer, marginalisierter Positionen und der Entwicklung von Perspektiven, die westliche Dominanz in Frage stellen; d.h. an Wahrheiten, die lange als unanfechtbar galten, soll durch postkoloniale Kritik gerüttelt werden.
Als paradigmatisch für diese Formen der Kritik gilt Edward SAIDs Studie Orientalismus (1978, dt. Übers. von Liliane Weissberg 1981). Von Ansätzen des linguistic turn über die wirklichkeitskonstituierenden Potentiale von Kommunikation und Foucaults macht– und wahrheitskritischem Begriff des Diskurses ausgehend, erarbeitete Said einen genealogischen Ansatz, der das Denken, Sprechen und Handeln europäischer Akteure im Kolonialismus transparent machen sollte. Nach Said kann der „Orient“ gewissermaßen als «europäische Erfindung» gelten, die hier ein zentrales Bild des „Anderen“ für Europa entwirft (SAID 1979: 1). Getragen worden sei das europäische Orientkonzept von einer Ideologie, die Orient und Okzident als Gegensatzpaar aufbaute und zur Grundlage jeder Auseinandersetzung mit außereuropäischen Gesellschaften machte. Während europäische bürgerliche Eliten sich selbst als Träger einer modernen, also, liberalen, rationalen, gerechten, humanistischen, fortschrittlichen, dynamischen und oft auch säkularen, überlegenen Zivilisation neu erfanden und dadurch diese Kräfte innerhalb der europäischen Staaten affirmierten, seien die Bewohner des „Orients“ mehrheitlich über Irrationalität, Zeitlosigkeit, Grausamkeit, Dekadenz und Unveränderbarkeit definiert worden, also über Eigenschaften, deren Überwindung sich das Großbürgertum in Europa als Leistung zuschrieb. Die westliche wissenschaftliche Produktion über die außereuropäische Welt sei immer als Teil eines Wissen-Macht-Regimes zu sehen, das auf einer essentialisierenden Polarisierung zwischen einem rationalen Ich und einem irrationalen Anderen beruhe. Der irrationale Andere werde in einem hegemonialen Diskurs auf eine Art repräsentiert, die ihn seiner Selbsterklärungs– und Deutungskompetenz beraubt, diese in den Händen des Orientalisten monopolisiert und so die bestehenden politischen, ökonomischen und intellektuellen Asymmetrien naturalisiert.[2] Diese essentialistische, kulturalistische und im Wesentlichen rassistische Alterisierung des „Orients“, welche die soziale Realität dieser Gesellschaften überschrieb, habe es dem Westen möglich gemacht, Autorität über den „Orient“ zu legitimieren, Ressourcen dafür zu mobilisieren und die Hegemonie über ihn durchzusetzen.
Postkoloniale Ansätze ermöglichen auch eine Kritik an heutigen Machtasymmetrien, indem sie explizit darauf hinweisen, wie diese sich aus kolonialen Strukturen und Netzwerken erst verfestigen und bis heute in politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen überdauern konnten. Ein Beispiel hierfür ist die Ideologie, Bildsprache und Praxis der sogenannten „Entwicklungszusammenarbeit“; hier knüpfen oft nicht nur das Werbematerial humanitärer Organisationen und die Medienberichterstattung an eine koloniale Bildmetaphorik der Hilfsbedürftigkeit, Kindlichkeit und Bedrohung an, sondern auch humanitäre Projekte, die durch klare Dominanz-Abhängigkeitsverhältnisse charakterisiert sind. In einer postkolonialen Lesart erscheinen westliche Hilfsprojekte also nicht mehr als Altruismus, sondern vielmehr als eine Fortführung des Kolonialismus mit anderen Mitteln. Der lange koloniale Schatten zeigt sich auch im „Krieg gegen den Terror“ und den damit verbundenen Welt– und Feindbildern, wie Derek Gregory in The Colonial Present: Afghanistan, Palestine, Iraq (2004) herausarbeitet. All diesen Beispielen liegen konstruierte Wahrheiten kolonialer Stereotype zu Grunde, die ihre Wirkmacht erst durch ständige (Re-)Produktion erlangen konnten. Genau hier können postkoloniale Ansätze anknüpfen, in dem sie die Konstruiertheit und Normativität, aber auch die Brüchigkeit solch vermeintlich unanfechtbarer Wahrheiten sichtbar machen, die heterogene Vielfalt kultureller Deutungen anerkennen und marginalisierte, alternative Wissensformen abseits hegemonialer Wahrheiten begrüßen.
[1] Subversion bedeutet die Bestrebung, hegemonialen Ordnungssystemen und Darstellungspraktiken des Kolonialismus einen kritischen Gegendiskurs entgegenzustellen, in dem die Deutungshoheit über das Eigene zurückgeholt und in einem positiven Umdeutungsprozess angeeignet wird. Beispielhaft dafür ist in der postkolonialen Literatur das „Writing-back“-Paradigma (vgl. B. Ashcroft/G. Griffiths/H. Tiffin, The Empire Writes Back) oder Praktiken des „Rewriting“, die durch eine Erweiterung der Perspektiven, neue Interpretationen der Geschichte und kreative Gegenversionen die zentralistische Dominanz kolonialer Diskurse aufbrechen.
[2] Ronald Inden fasst diesen Sachverhalt pointiert zusammen: „The knowledge of the Orientalist […] has appropriated the power to represent the Oriental, to translate and explain his (and her) thoughts and acts not only to the Europeans and Americans but also to the Orientals themselves“ (Inden 1986: 408).
Corinna Assmann, Danjiel Cubelic, Diana Griesinger
Februar 2014
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