
Betty Davis wearing a Kaisik Wong design for her 1974 album They Say I'm Different
Betty Davis: Hommage auf eine Pionierin des Funk
Funkpionierin Betty Davis
Miles and More
Für den Mainstream war ihre Musik
stets zu visionär - jetzt wird erstmals eine legendäre Session
veröffentlicht, die Betty Davis 1969 mit ihrem Mann Miles aufnahm.
Getty Images
Erfolg im Musikgeschäft ist auch eine Frage von Timing und Glück.
Wer zu früh kommt, wird gerne mal übersehen - und bleibt, wenn es
schlecht läuft, auf der Strecke. So wie Betty Davis. Seit Jahren wird
die Amerikanerin als visionäre Funk- und Soul-Pionierin gefeiert. Miles Davis, mit dem sie ein Jahr verheiratet war, pries sie als Vorläuferin von Madonna und Prince. Auch Carlos Santana und Jimi Hendrix waren Fans.
Als Betty Mabry wuchs sie auf der Farm ihrer Großmutter in North Carolina auf, wo es viel alten Blues zu hören gab. Eine Musik, die das Mädchen so euphorisierte, dass sie mit zwölf ihre ersten eigenen Songs schrieb. Mit sechzehn machte sie sich auf den Weg nach New York, um Kunst und Musik zu studieren. Weil sie blendend aussah, landete sie bald bei einer Modelagentur und den Hipstern vom Greenwich Village. Sie tauchte ein ins wilde Nachtleben und hing mit Sly Stone, Carlos Santana und Jimi Hendrix ab. Schrieb Songs und veröffentlichte einige Singles.
Betty Mabry war eine auffällig unabhängige junge Frau, die ihre Sexualität auslebte und nicht das geringste Interesse daran hatte, das Anhängsel eines Mannes zu werden. 1968 tauchte dann Miles Davis auf - und war tief beeindruckt von dieser Betty Mabry, die nicht nur hübsch war, sondern auch unkonventionell und selbstbewusst. Miles war 41 und sie 22. Dass sie ihn anfangs auf Abstand hielt, war er nicht gewohnt. Als der Jazz-Titan sie nach dem ersten Date in seinem roten Lamborghini nach Hause kutschierte, ließ er sie wissen, dass er auf "kleine Mädchen" stehe, worauf sie kühl klarstellte, das sie ganz sicher kein kleines Mädchen sei. Mit Miles Davis kam sie dann bekanntlich doch zusammen, auch wenn ihre Ehe nur ein Jahr hielt.
Seine Frau holte Miles Davis zurück in die Gegenwart
Dazu kamen die jungen Wilden des Rock: The Doors, Byrds und Jimi Hendrix. Eine Welt, die Miles Davis, der daheim Klassik hörte und stets Maßanzüge trug, eher fremd war. Es war dann seine junge Frau Betty, die ihn in die Gegenwart zurückholte, mit coolen Platten versorgte, auf Underground-Konzerte schleppte und neu einkleidete.
Wie tief ihn das beeindruckte, dokumentiert sein im Herbst 1968 veröffentlichtes Album "Filles De Kilimanjaro". Abgesehen davon, dass Betty das Cover ziert, sind zwei Nummern der Platte freie Variationen von Hendrix-Songs und markieren den Beginn von Miles Davis sogenannter "elektrischer" Phase, mit der er seinen Ruf als kühner Visionär erneuerte und seine Karriere wieder auf Kurs brachte.
Als Musiker ließ er eine atemberaubende Gang von Assen seiner Band und der von Jimi Hendrix antanzen; darunter Herbie Hancock, John McLaughlin, Mitch Mitchell, Harvey Brooks und Billy Cox. Die Stimmung sei ausgelassen gewesen, erinnert sich Betty Davis an die Aufnahmen. Neben einem Satz eigener Songs brachte sie zwei Nummern von Cream ("Politician Man") und Creedence Clearwater Revival ("Born on the Bayou") mit ins Studio.
Die Bänder der Session verschwanden im Archiv
Was die Musiker um das Ehepaar Davis daraus machten, klingt bis heute extravagant; eine flirrende elektrische Fusion von Jazz, Funk und Soul kombiniert mit Bettys herausfordernden Texten und Gesang. Genug Stoff für ein aufregendes Werk. Was dann schief ging, weiß heute keiner mehr so genau. Eine Version besagt, dass Miles Davis' Plattenfirma die Musik zu kühn und unverkäuflich fand. Laut einer anderen Darstellung wurde Miles Davis eifersüchtig und hatte Angst, von Betty überflügelt zu werden. Jedenfalls war der Spaß schnell vorbei und die Bänder der Session verschwanden im Archiv.
Nun haben die Archäologen des kleinen US-Labels "Light in the Attic" die Aufnahmen entdeckt, entstaubt, aufpoliert und als "Betty Davis - The Columbia Years 1968-1969" mit einen informativen Booklet veröffentlicht.
In der Branche gilt sie schon länger als cooles Phantom. Outcast, Prince und Erykah Badu sangen Loblieder auf sie. Dass ihre Musik damals übersehen wurde, raube ihr nicht den Schlaf, sagte sie mal in einem Interview. Dafür habe sie zu viel Spaß gehabt.

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