06.11.2016

Sumatra-Träume am Zürichsee

Ein aus Indonesien zurückgekehrter Kautschukpflanzer und eine Künstlerin liessen vor über 100 Jahren die Villa Sunneschy in Stäfa für sich erbauen. Die Erinnerung an das Paar will eine Arbeitsgruppe direkt in der Villa lebendig erhalten.
Urs Köhle 24.10.2016

Rudolf Baumann war ein Rebell. Oder ein Lausbub. Jedenfalls mochte sich der Spross einer reichen Horgner Seidenindustriellenfamilie den Anweisungen des Familienrates nicht fügen. Mit 20 Jahren reiste er darum ab in den Fernen Osten.
Das hatte später bauliche Auswirkungen auf den Kehlhof in Stäfa. Baumann, der Horgen mit Fahrkarte und etwas Bargeld verlassen hatte, kehrte nämlich gut 15 Jahre später wohlhabend aus den Tropen zurück. Er verheiratete sich mit Anna Kienast, die ebenfalls aus den Horgner Seidendynastien stammte. Die beiden bauten für sich im Kehlhof die heutige Villa Sunneschy.
1908 wurde der Bau fertiggestellt. Er klingt mit vielem an Südostasien an, wohin die Eheleute mehrmals längere Reisen unternahmen.

Beschläge aus China
Auf den Reisen füllte das Ehepaar «die Reisekiste mit Ausstattungselementen wie Batik aus Indonesien und Kastenbeschlägen aus China», schreibt Annegret Diethelm in ihrer Geschichte des«Sunneschy», welche die Gemeinde Stäfa 2001 herausgab. Chinesische Beschläge sind heute noch in der Villa Sunneschy zu sehen, ebenso Tropenholz und Tapeten, die Rudolf und Anna Baumann-Kienast damals nach Hause senden liessen.
Von seiner Tätigkeit als Pflanzer kannte Rudolf Baumann Nordostneuguinea sehr gut. Ins damalige von der deutschen Neu-Guinea Compagnie verwaltete Kaiser-Wilhelms-Land war er 1891 gegangen. Vertraglich hatte er sich als Tabakpflanzer verpflichtet. Damit blieb er aber erfolglos. Ab 1895 war er Kaffeepflanzer auf einer eigenen Plantage in Ostsumatra. Kurz nach der Jahrhundertwende begann er dort, Kautschuk anzubauen. Es gelang ihm, seine Plantage vor der Rückkehr in die Schweiz gewinnbringend zu verkaufen. Nicht alle dort tätigen Auslandschweizer waren so erfolgreich, sagt der Ethnologe Christian Kaufmann, der in Südostasien jahrelang Feldforschung betrieb.

Umfangreiches Landgut
In Stäfa herrschte der ehemalige Pflanzer sozusagen in einem privaten Kolonialreich über 3500 Rebstöcke, über Obst- und Gemüsekulturen, Schafe und Fische. Sein Landgut war um ein Mehrfaches grösser als die heute immer noch ansehnliche Liegenschaft Sunneschy. Es umfasste nicht nur die Halbinsel beim Kehlhof, sondern auch Gebäude, Kultur- und Torfland bergseits der Seestrasse und sogar oberhalb der Bahnlinie. Für die Fische besass er zwei Weiher, den einen davon beim Schwyler.
Als Privatier widmete sich Rudolf Baumann seinen Hobbys, sammelte fernöstliche Gegenstände, schrieb und fotografierte. Als eine der ersten Privatpersonen verarbeitete er seine Aufnahmen in der Dunkelkammer; seine Werke sind die eines Bildungsreisenden mit wissenschaftlich-völkerkundlichem Interesse. Das Museum der Weltkulturen in Frankfurt hat rund 1000 von Baumanns Fotografien archiviert.
Baumann verarbeitete seine Eindrücke aus dem Fernen Osten vor allem schreibenderweise. Seine Ehefrau Anna, in bildenden Künsten talentiert und ausgebildet, arbeitete im Sunneschy bis 1914 ausschliesslich als Malerin und Grafikerin. Bei der Eröffnung des Kunsthauses in Zürich 1910 waren von ihr Arbeiten in Öl und Tempera ausgestellt. Später wandte sie sich der Plastik und Bildhauerei zu. Sie war in der Zürcher Kunstszene bestens vernetzt, und der Kehlhof wurde zu einem Treffpunkt von Künstlern.

Ein Enkel engagiert sich
Die Ehe des Künstlerpaars blieb kinderlos. 1917 holte Anna Baumann die damals 17-jährige Friedl Wiederkehr zu sich, die sie vier Jahre zuvor als Modell engagiert hatte. Bis zu ihrer Heirat lebte die junge Frau als Pflegetochter im Sunneschy.
Friedl Wiederkehrs EnkelThomas Matta, Raumplaner und Architekt unter anderem des Stäfner Gemeindehauses, gehört zu einer Gruppe, die nun das künstlerische Erbe des längst verstorbenen Ehepaars Bau­mann-Kienast dokumentieren will. Ein weiteres Ziel ist, Wissen über die Geschichte der Villa Sunneschy zu vermitteln.

Im einstigen Atelier
Diese Geschichte war wechselhaft, seit sich Anna und Rudolf Baumann-Kienast im Dezember 1920 bei der Gemeinde Stäfa abmeldeten. Das Paar lebte nachher in Castagnola im Tessin. Rudolf Baumann starb 1952, seine Ehefrau 1961. Die Villa Sunneschy hatte verschiedene Besitzer, bis die Gemeinde 1978 die Liegenschaft kaufte. Die Liste der vor­geschlagenen Verwendungen ist fast endlos. Im Dezember 2000 wurde die Villa nach einer Renovation neu eingeweiht. Heute ist sie vor allem ein Restaurant. Die Gruppe mit Thomas Matta will im Gegensatz zu anderen früheren Interessenten nicht die Villa in Beschlag nehmen. Vorderhand hat sie überhaupt erst Ideen. Eine davon ist, dass Besucher in Anna Baumanns ehemaligem Atelier Informationen finden und Wechselausstellungen ansehen könnten – beispielsweise mit Werken der einstigen Besitzerin.
Zu dieser Arbeitsgruppe Sunneschy gehören neben Matta der 1925 geborene Jeroen Bool aus Rotterdam, der vor einigen Jahren die Initialzündung zur erneuten Beschäftigung mit der Villa Sunneschy gegeben hat, sein Cousin Christian Kaufmann aus Basel, die beide über ihre Mütter mit dem Bauherrenpaar verbunden sind, und die Kunsthistorikerin Annegret Diethelm.
Diese vier sind seit Jahren daran, Grundlagen und Materialien zu Leben und Wirken des Ehepaars Baumann-Kienast zusammenzutragen. Sie möchten ihr Wissen und ihr Material an einen Verein weitergeben und haben Kontakt aufgenommen mit dem Gemeinderat Stäfa, dem Sunneschy-Pächter Béda Zingg und der Lesegesellschaft Stäfa.
«Wir möchten mit neuen Leuten ein Konzept erarbeiten», sagt Matta, «und hoffen, ein paar motivierte Personen aus Stäfa dafür gewinnen zu können.» An einem Informationsanlass (siehe Kasten) will die Gruppe sondieren, wie gross das Interesse ist, die Erinnerung wachzuhalten an die Geschichte der Villa Sunneschy und das Wirken des viel gereisten Künstlerehepaars, das sie einst baute. (Zürichsee-Zeitung)(Erstellt: 24.10.2016, 10:29 Uhr)

---

In Stäfa steht die skurrilste und schönste Villa am See
Im Kolonialreich des Herrn Baumann
29.8.2001
Als Rudolf Baumann, Sprössling einer reichen Horgner Seidenfabrikantenfamilie, und seine Frau Anna die Villa Sunneschy im Jahr 1906 erbauen liessen, träumte der Bauherr von einem privaten Kolonialreich, während die sensible Gattin eine Einheit von Mensch und Natur anstrebte. Entstanden ist eine skurrile, bezaubernde Villa, die heute dank der Gemeinde Stäfa der Bevölkerung offen steht. Selten haben Menschen einem Haus ihren Stempel mehr aufgedrückt als der weitgereiste Privatier und Schriftsteller Rudolf Baumann und dessen ebenso schöne wie begabte Frau Anna der Villa Sunneschy in Stäfa. Als das ungleiche Paar das Seegrundstück auf der Kehlhof-Halbinsel im Jahr 1906 kaufte, wollte der aus den Tropen zurückgekehrte Bauherr möglichst vielen seiner Südsee-Erinnerungen Raum geben, während seine malende Ehefrau Einfluss auf die Farbgebung nahm und darauf achtete, dass die Innen- und die Aussenwelt ein harmonisches Ganzes bildeten.


Ein Brocken, ein gefallener Stein
Entstanden ist, wie Architekt Wolfgang Müller anlässlich der kürzlich abgeschlossenen Renovationsarbeiten schrieb, ein Haus voller Widersprüchlichkeiten und divergierender Einfälle, das allein von seinem grossen, geschlossenen Baukörper zusammengehalten werde: «Ein Brocken, ein gefallener Stein - da bin ich!»
Während sich die von Pfleghard und Häfeli, den Zürcher «Star-Architekten» des frühen 20. Jahrhunderts, gebaute Villa bald als französisches Schlösschen, bald als italienischer Landsitz präsentiert, überrascht sie in ihrem Innern mit einer Vielfalt von Farben, Formen und Stilen. Von einem aristokratischen, im Licht schwimmenden Speisesaal mit einem gewaltigen Mahagonibuffet führt eine mit exotischen Batiktüchern verkleidete Raucher-Galerie in ein lindengrünes Winter-Wohnzimmer, durch dessen Fenster die Bäume und der See zu treten scheinen.
Dass die verwunschene Welt der Anna Baumann-Kienast und des Rudolf Baumann nicht in Nachkriegs-Tristesse oder postmoderner Kälte versunken ist, verdankt die Villa Sunneschy der Gemeinde Stäfa, die das Gebäude für über vier Millionen Franken restaurieren liess. Alimentiert mit ein paar Hunderttausend Franken des Kantons und unterstützt von der Denkmalpflege, wurden die Zimmer von der in späteren Jahren hinzugefügten beige-gelben Tünche befreit und in ihrer ursprünglichen Pracht wiederhergestellt.
Auf der bereits zur Tradition gewordenen Medienfahrt der kantonalen Denkmalpflege hatte gestern ein Dutzend Journalisten unter der Führung von Baudirektorin Dorothée Fierz und Denkmalpfleger Christian Renfer die Gelegenheit, das Haus in seiner skurril-bezaubernden Schönheit zu bewundern. Gemeindepräsident Thomas Daum und Gemeindeschreiber Daniel Scheidegger liessen es sich als «Hausherren» nicht nehmen, die Gäste persönlich durch die sorgfältig restaurierten Räume zu führen und auf diese und jene Besonderheit hinzuweisen.
Campingplatz und Altersheim
Obwohl die Rückkehr der Farben ohne den Beitrag des Kantons nicht möglich gewesen wäre, ist es hauptsächlich der Gemeinde Stäfa zu verdanken, dass dieser Zeuge grossbürgerlicher Spleenigkeit des frühen 20. Jahrhunderts überleben durfte. Nachdem die Villa nach dem Wegzug des Bauherren-Paares im Jahr 1920 mehrmals den Besitzer gewechselt hatte, gründeten ein paar Private in den frühen fünfziger Jahren eine Genossenschaft, die das Haus vor dem Zugriff des angeblich kaufinteressierten Klosters Einsiedeln retten sollte. Bald entstand aus einem Teil des wunderschönen Baumgartens ein Campingplatz, während im Haus ein privates Altersheim errichtet wurde. Der Weitsicht dieser Genossenschaft ist es zu verdanken, dass die Villa im Jahr 1978 für zwei Millionen Franken an die Gemeinde verkauft wurde, obwohl Private sechs Millionen geboten hatten.
Begegnungsort, Liegewiese, Restaurant
Heute beschränkt sich der ehemalige Besitz des Rudolf Baumann, der in seinem privaten Kolonialreich am Zürichsee als Patron über 3500 Rebstöcke, eine Schafherde, stattliche Obst- und Gemüsekulturen sowie einen Fischteich herrschte, auf das Gelände südlich der Seestrasse: Der 10 000 Quadratmeter grosse Park der Villa bildet im modernen Stäfa aber immer noch eine Oase, die an schönen Tagen Hunderte zum Baden, Grillieren und Faulenzen an den See zieht.
Während die Bevölkerung den Park seit Jahren erobert hat, tut sich die Gemeinde mit der Nutzung der Villa noch etwas schwer. Seit im Parterre ein gepflegter Restaurantbetrieb eingerichtet wurde und die oberen Räume für private Anlässe vermietet werden, wird das schöne Haus zwar gewinnbringend genutzt, Ziel des Gemeinderates ist es aber, die Villa Sunneschy vermehrt für kulturelle Anlässe zu öffnen. Der Geist des schreibenden und malenden Bauherrenpaares ist nach beinahe 100-jährigem Dornröschenschlaf zurückgekehrt.
Viel Interessantes über das Bauherrenpaar Anna und Rudolf Baumann-Kienast und die wechselvolle Geschichte der Villa Sunneschy erfährt man im Buch «Von innen nach aussen und von aussen nach innen» von Annegret Diethelm. Das von der Gemeinde Stäfa herausgegebene Buch ist im Buchhandel erhältlich (ISBN 3-9522219-0-2).

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen