27.06.2016

Postkolonialismus : "Ich bin kein Neger" (Mbembe)


Der Philosoph und Historiker Achille Mbembe ist ein weltweit gefragter Vordenker des Postkolonialismus. Sein neues Buch "Kritik der schwarzen Vernunft" legt die Entstehung des rassistischen Denkens im Kapitalismus frei und öffnet den Blick für das heutige Afrika. Eine Begegnung in Paris.
Von Elisabeth von Thadden
11. Dezember 2014, 3:36 Uhr Editiert am 17. Dezember 2014, 21:09 Uhr DIE ZEIT

Ganz früh morgens, wenn die ersten Flüge am Aéroport Charles de Gaulle starten und landen, sitzen in den Pariser Vorstadtzügen des RER fast nur Menschen mit schwarzer Haut, bleiern müde, dösend, sie fahren nach der Nachtschicht nach Hause, Bürger der Stadt. Manche sind vielleicht illegal da, Europa ist wachsam, eine Polizeistreife in Zivil greift gerade in diesem Wagen drei Männer heraus, die beim nächsten Halt mit aussteigen müssen, Sevran-Beaudottes, raus, raus, weiter geht es, kaum einer sieht auf. Die Hautfarbe spielt eine Rolle: In den Waggons sitzen auch einige wenige Menschen mit heller Haut, anders müde, sie sind am Flughafen gerade gelandet, sie brechen mit dem RER in einen hypermobilen Pariser Arbeitstag auf und halten jetzt ihre Taschen gut fest, in denen Flugticket, Papiere und Geld stecken.
Gut eine Stunde Fahrzeit zur Place Vendôme, dem königlichen Platz unweit der Tuileriengärten, von Ludwig XIV. um 1700 geschaffen, im 1. Arrondissement. Heute residieren hier die teuersten Bijoutiers und Uhrmacher und Chocolatiers der Welt, fast unmöglich, in diesen Straßen ein normales Sandwich zum Frühstück zu finden. Hier, in der Rue de Castiglione, in seinem Hotel an der Place Vendôme, ist der verabredete Treffpunkt mit Achille Mbembe, dem in Kamerun gebürtigen Philosophen und Historiker. Er gilt als Vordenker des Postkolonialismus und Stimme des heutigen schwarzen Afrika, 57 Jahre alt, eine viel gefragte Kultfigur der kosmopolitischen Intellektuellenwelt. Erst recht aufgrund seines neuen Buchs Critique de la raison nègre, das nun auf Deutsch unter dem Titel Kritik der schwarzen Vernunft erscheint. Darin will er zeigen, wie der globale Kapitalismus aus dem modernen Sklavenhandel entstand, der den Menschen als Ware und Ressource auffasste: den schwarzen Menschen. In Deutschland ist Mbembe noch kaum bekannt.

Mbembe ist wie die anderen Hypermobilen des frühen Morgens auch gerade gelandet. Er kommt von einer Afrika-Konferenz der Deutschen Forschungsgemeinschaft frisch aus dem senegalesischen Dakar, morgen fliegt er in die Vereinigten Staaten, dann zurück nach Johannesburg, wo er als Professor lehrt und wo er mit Frau und Kindern lebt, und jetzt will er hier in Paris einen Zwischenstopp einlegen, weil er am Nachmittag als ein Stargast des diesjährigen Forum Nouveau Monde bei der OECD zu den Entscheidungsträgern der Welt über das heutige Afrika sprechen wird. Man erwischt ihn fast nie, eine beantwortete Mail gilt als kostbar, Verabredungen lösen sich immer wieder in Luft auf, Mbembe ist auch dafür berühmt.
An diesem Morgen hat er ein paar Stunden Zeit. Hat er gesagt. Aber er lässt auf sich warten. Die Fotografin erzählt unterdessen, ihre beste Freundin in Paris sei ganz neidisch, dass sie heute Mbembe fotografieren dürfe, den großen Mbembe. Die Freundin ist dunkelhäutig. Schließlich kommt er, zügigen Schritts, im hellen Anzug, das Hemd pastellfarben, eine lebhafte Erscheinung, ein warmes Lächeln zur Begrüßung. Mit einer erstaunlich hellen und jungen Stimme entschuldigt er sich, in einem Französisch, das inzwischen leicht amerikanisch eingefärbt ist, für die Verspätung: Er habe sich noch einmal hinlegen müssen, einfach zu müde, das ewige Fliegen, der ewige Jetlag. Aber jetzt! Zwei Espressos, das reicht ihm.

Was heißt das heute: Afrika? Mbembe ist ein Analytiker kolonialer Macht und ein Kritiker des neoliberalen Kapitalismus, der die ganze Welt geopolitisch zersplittere, durchaus auch militärisch, wie er sagt. Mbembe ist zugleich ein Fürsprecher des Universellen, ein Intellektueller, der sich frei machen will von Interessenpolitiken. Er äußert sich Satz für Satz druckreif. "Afrika", sagt er nach Sekunden des Zögerns, "ist der Name des Kontinents, von dem man immer meinte, nichts Universelles könne dort entstehen. Afrikaner waren törichte Kinder. Aber Afrika ist nicht die Vergangenheit der Welt, sondern es ist wie ein Fenster: Von dort aus sieht man die Zukunft."
Dann nimmt seine Stimme immer mehr Klang an, wird Satz für Satz wärmer, und sie greift Raum. Achille Mbembe ist nicht zuletzt Visionär und auch deshalb auf allen Podien gefragt. Als Nelson Mandela 2013 starb, hat er, dieser fliegende postmoderne Kosmopolit, den großen Mann, der so viel Lebenszeit im Gefängnis zubringen musste, in einem Nachruf gewürdigt; und jetzt, beim zweiten Espresso, sagt er: "Nelson Mandela hat die Universalität der Menschenrechte repräsentiert. Nun wissen wir: Es gibt nur eine einzige Welt, und wir sind alle gemeinsam ihre Erben." Wozu verpflichtet das Erbe Achille Mbembe, der so viele Privilegien genießt, und wofür kämpft er? "Ich kämpfe darum, ein künftiges Afrika vorzubereiten." Ein Afrikaner ist ein Mensch mitten in dieser Welt, nicht am Rande: Das ist Mbembes Botschaft. Das wird er oft wiederholen.
Die Vergangenheit: Sie umfasst in den Augen dieses Politikwissenschaftlers die Jahrhunderte, in denen schwarze Haut verdinglicht und in einem globalen Dreiecks-Sklavenhandel zwischen den Kontinenten verkauft wurde, in denen Afrika kolonial unterworfen wurde und ausgebeutet, bis es in Bürgerkriegen versank. Dass auf diesem Kontinent auch Afrikaner andere Afrikaner als Sklaven gefangen haben, weiß Mbembe natürlich, aber es tritt in den Hintergrund. Dass freigelassene Sklaven selbst zu Sklavenhaltern werden konnten: klar. Es ist keine schwarz-weiße Täter-Opfer-Geschichte, die er erzählen will. Er will vielmehr durch seine Philosophie Raum für handelnde Subjekte schaffen: Die Zukunft nährt sich aus Afrikas Gewissheit, dass immer anderes möglich war als das Faktische. Der Sklavenhandel wurde abgeschafft, in Haiti gelang eine Sklavenrevolte, in der Bürgerrechtsbewegung haben sich die Schwarzen in den USA ihre Rechte erkämpft, und Südafrika hat aus eigener Kraft die Apartheid überwunden. Aus eigener Kraft: An der Frage der Selbstregierung der afrikanischen Staaten entscheidet sich alles.
Mbembes Angst: dass die ganze Welt "schwarz" werden könnte, in dem Sinne, dass die Menschen durch die Knappheit der Mittel, durch extreme Armut jeder Selbstbestimmung beraubt sein könnten und nur noch Zwängen folgten. Mbembes Vision: eine Menschheit jenseits der Rassen. Wir erleben gegenwärtig, sagt er, wie Europa, das die Welt geprägt und bestimmt hat, an Bedeutung verliert und, mit den Worten des indischen Historikers Dipesh Chakrabarty, zur Provinz wird. Ausgerechnet Südafrika versteht er als Labor eines Afropolitanismus, in dem der Anfang für etwas Neues gemacht wird: Dort entstehe eine vielgestaltige Welt des Zusammenlebens mit vielen Göttern, geprägt durch eine Ethik der Toleranz, in einem globalen Warenfluss, ein dynamisches Labor, von dem die Menschheit lernen kann. Mbembe verschweigt Gewalt, Korruption und Elend nicht. Doch er will darüber hinaussehen.
Eine Dame steht plötzlich am Tisch, er habe eine Verabredung zugesagt, und die Fotografin wird nervös, weil sie auch noch einen Fototermin im Freien braucht. Mbembe will jetzt konzentriert bleiben: "Wir sehen nicht auf die Uhr. Lassen Sie uns weiterarbeiten." Europa also: Achille Mbembe schätzt Europa, seine Erzählung wird bevölkert von Menschen wie Alexis de Toqueville oder Hegel, Emmanuel Lévinas oder Jacques Derrida, ein Zuhause. Aber dieses Europa habe seine modernen Werte, seine Kultur, die liberale Demokratie und seine Gleichheitsidee auf der Basis von Ausnahmen geltend gemacht und darauf seinen Aufstieg zur Weltmacht begründet. Europas Gleichheit galt, während sie sich universalisierte, nicht für jeden. Und das liberale Europa hat, um seine Dynamik zu entfalten, immer die Angst als Triebkraft gebraucht: vor den anderen. Doch Afrikaner und Juden, sagt Mbembe und wiederholt auch dies mehrmals, als solle sich die Überraschung einprägen, dass Afrikaner und Juden in einem Argument Gleiche sein können, waren an Europas Erfindungen und Erfolgen beteiligt. Die Afrikaner als menschlicher Rohstoff des Sklavenhandels, als Ressource, aus der Europas Reichtum entstand, in einer imperialen Logik, in der die Europäer, wie der Philosoph Jacques Derrida es nannte, sich als Kapitän verstanden.



Was das ist, raison nègre? Das französische Wort nègre bezeichnet keine Farbe, sondern die alte Demütigung: Neger. Der schwarze Lyriker Aimé Césaire, ein Kronzeuge für die Bewegung der négritude in Mbembes neuem Buch, hat zum Ende seines Lebens, er starb 2008, festgestellt: "Ein Neger bin ich, und ein Neger werde ich bleiben." Das Wort Neger, das im 18. Jahrhundert üblich war, geht im Gespräch mit einem schwarzen Intellektuellen schwer über die Lippen, die Unbefangenheit ist dahin, in Deutschland ist es aus Büchern gestrichen worden, wegen der Diskriminierungsgeschichte. Auch der deutsche Buchtitel meidet es. Mbembe aber benutzt das Wort nègre ganz geläufig, weil es analytisch einen Sachverhalt bezeichnet, den er der Vergangenheit zurechnet: Neger, das hieß seit den ersten demütigenden Zuschreibungen im 16. Jahrhundert, dass es eine menschlich primitive Natur gebe, die gegen jeden Geist widerständig sei, zugleich ein Handelsobjekt, eine Kapitalquelle. Und eine Art explosiver Möglichkeit, eine Kraft. Etwas Politisches also, das untrennbar von der Geschichte des Kapitalismus sei, der nur eine Sorte Menschen aufgrund der Rasse als Ware, als Gegenstand ansah: Neger. Die Plantagenkolonie, sagt Mbembe, ist das Taufbecken der Moderne.




Neger, das heiße also Kapitalismuskritik. Schwarz hingegen, sagt Mbembe, sei nur eine Farbe. Mehr nicht. Farben gehören für ihn der Ästhetik an, sie sind eine Frage der Wahrnehmungsfeinheit. Ihm geht es indes um Bedeutungsgeschichte von Worten, um Begriffsarbeit: "Schwarze Vernunft" bezeichnet für Mbembe ein Konstrukt zwischen menschlicher Vernunft und dem tierischen Instinkt, er verwendet den Begriff polemisch, oft fast poetisch und mehrdeutig. Schwarze Vernunft, das ist im Netz der tausendfachen Spiegelungen und Zuschreibungen auch eine postmoderne Metapher, die auf Ausbeutung und Unterwerfung verweist und zugleich auf die Überwindung der Qual durch eine Art, zu träumen, zu fabulieren. In der Figur des Negers sind Mensch und Tier keine scharfen Gegensätze. Und "Rasse" hat mit den oft unbewussten Sackgassen des Begehrens zu tun, der Leidenschaften, der Ängste, der Macht des Verbotenen.

Plötzlich ist es leicht, die Tragik historisch zu finden und aus der Geschichte herauszutreten: "Sie sind also kein Neger?" Er lacht plötzlich laut, bis sein Lachen in einem Kichern verebbt. "Nein, ich bin kein Neger. Ich bin ein Mensch wie alle anderen in dieser Welt, in einer begrenzten Welt, die wir teilen müssen." Können Europäer denn auch Menschen wie alle anderen sein? "Natürlich. Wir können Europa in unsere Mitte nehmen, die Europäer gehören dazu. Wir sind alle in gewissem Sinne Europäer. Europa lebt in uns allen, in unseren Archiven, in unseren Lektüren, in unserem Verhalten. Aber Europa ist nicht mehr der Kapitän." Ohne Europas Idee der Gleichheit lässt sich die Zukunft im Sinne Mbembes nicht denken, auch wenn die Idee auf dem Rücken von Sklaven entwickelt wurde – sie hat dazu beigetragen, die Sklaverei zu überwinden. Die Geschichte der Afrikaner zeigt, dass es die berechtigte Hoffnung auf eine Gegen-Geschichte gibt. Dass man sich nie mit dem Stand der Dinge zufriedengeben muss. "Unter Gleichen sind wir im Angesicht des anderen verantwortlich füreinander, noch bevor wir den Namen des anderen kennen", so habe Emmanuel Lévinas es entworfen – er zögert, und dann lässt Achille Mbembe die Gedanken fließen, lässt sich weit forttragen vom Denken des jüdischen Philosophen. Bis, Stunden später, die Dame wieder am Tisch steht. Jetzt müsse er wirklich ...

Am Nachmittag, im 16. Arrondissement, dem zeitlos-unbefragten Quartier des Pariser Establishments im Westen der Stadt, durchquert Achille Mbembe ungerührt die Sicherheitsschranken der OECD-Gebäude, bei jedem Schritt von einer Menschentraube umgeben. Zahlreiche Führungskräfte, der Ökonom und Investmentbanker Lionel Zinsou, der Gouverneur von Kwara State in Nigeria, die Unternehmerin Magatte Wade aus Senegal, auch viele unbekannte Gesichter, er scheint mit allen vage verabredet zu sein. Mbembe dreht sich noch einmal zu der Journalistin aus Hamburg um, verzieht das Gesicht zu einem Lachen, hebt die Hände, lässt sie sinken, ruft: "Danke, auf bald, gute Reise!", und ist in der Menge verschwunden. Er wird dann plötzlich auf dem Podium im Saale wieder auftauchen und, freundlich und gewinnend, seinen Vortrag halten, all seine Stichworte: über die Rückkehr der Zukunft nach Afrika, den endlich entstehenden Wohlstand, die Notwendigkeit, das politische Leben zu entmilitarisieren, über die große Gefahr, dass jetzt, im Moment des Aufbruchs, Ebola zur Abschottung des Kontinents führt. Er bekommt viel Applaus.

Auf dem Rückweg zum Flughafen, es ist Abend geworden und dunkel, fährt der Bus durch Saint-Germain-des-Prés, an den Existenzialisten-Cafés der fünfziger Jahre vorbei und der Krönungskathedrale der französischen Könige des Mittelalters, und als der Bus an der Ampel hält, ist auf einer Zeitung am Kiosk zu lesen: "Wann trifft Ebola in Paris ein?" Umsteigen, wieder rein in den Tunnel, zurück Richtung Flughafen, dieser Zug fährt ohne Halt bis Charles de Gaulle, durch alle schwarzen Wohnviertel rast er hindurch, keiner kann zu- oder aussteigen, und es sind fast nur Weiße in diesem Zug, mit kleinem Gepäck. Im Flughafen sind schon die Putzkräfte unterwegs, sie sind fast ausnahmslos schwarz. Die Nachtschicht beginnt.
http://www.zeit.de/2014/49/postkolonialismus-achille-mbembe/

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