Vorliegendes Buch kann also nur ein Anfang sein; es ist durchaus nicht
sicher, ob wir, wenn wir all diese Sprachen (ihren kulturellen Sinn im
Deutschen) anwenden, überhaupt noch zusammenhängend Erzählen können. Oder ob
sich dann die Metahistorie der Kultur der Sklaverei in Lebensgeschichten und
Erinnerungen der Versklavten auflösen muss und die alten Strukturgeber nur noch
wie abgestreifte Häute am Wegesrand liegen. Der Versuch von Stephan Palmié,
deutlicher in den kulturellen Konzepten der Versklavten zu sprechen und sie als
Teil der Moderne zu begreifen, ist gelungen. Aber die Chronologie einer
durchgehenden Narratio ist auf der Strecke geblieben. Ähnliches gilt für das
bahnbrechende Buch »Alabis Welt« von Richard Price, das versucht hat,
karibisch-surinamische Geschichte aus drei Perspektiven zu erzählen.[i] Die alte Kulturtechnik Geschichte sollte aber
auch immer wieder neue Erzählungen mit durchgehenden Chronologien hervorbringen
können. Ich denke also, wir sollten vorsichtig sein mit der Proklamation irgend
eines »Endes« – und sei es das »Ende der universalen Erzählung«.
Afrikanerinnen und Afrikaner waren bis 1820 die größten Gruppen von
zwangsglobalisierten Menschen.[ii] Die zahlreichste Gruppe von ihnen
stammte aus dem zentralafrikanischen Kongo-Angola-Gebiet. In ihren Ankunftsgebieten,
in unserem Falle auf Kuba und in anderen Gebieten der schwarzen Karibik, wurden
sie von dominanten Gruppen der jeweiligen Globalisierung (Kaufleuten,
Sklavenhändlern, Funktionären) sozusagen aus den schnellen Instrumenten dieser
Globalisierung (Schiffen) abgesetzt. Nun waren sie plötzlich im Lokalen
gefesselt, auf den jeweiligen Plantagen unter Kontrolle ihrer Herren und
Administratoren, in den Palenques der Cimarrones oder in den Häusern ihrer
Herrschaft. Sie blieben aber Akteure. Auch in der Zwangskultur. Von unten her
schufen sie, um die kulturellen Kondensationskerne ihrer Religionen und der
biologischen Mestizaje, lebenspralle lokale Kulturen. Auf Dauer mussten sich
die lokalen Eliten Kubas, wollten sie ihre Träume vom der Schaffung oder Erhaltung
des Nationalstaates verwirklichen, um die Loyalität der Träger dieser neuen,
und zum Teil sehr punktuellen, afrokubanischen Kulturen bemühen. Zumal diese im
Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts immer stärker die Identitäten der Karibik
und des atlantischen Raumes prägten und prägen.
Auf Kuba war das die Cubanía,
das Kubanertum mit seinen beiden Seelen Independencia (Unabhängigkeit)
und Igualdad (Gleichheit). Alle Eliten Kubas und der schwarzen Karibik
haben somit verborgene Diskurse, Rhetoriken und Gesten entwickeln müssen,
welche die afrokubanische Bevölkerungsmehrheit zur Partizipation ermuntern
sollten. Zugleich setzten die Eliten rassistische Grenzen und versuchten somit
die Kontrolle über Anhänger, Klienteln oder Wähler zu wahren.
Die fundamentale
Bedeutung der Partizipation der afrokubanischen Bevölkerungsgruppe zeigt sich
an vielen konkreten Ereignissen der kubanischen Geschichte. Das gilt selbst für
das revolutionäre Castro-Kuba, das auch als eine neue lokale Gegenwehr gegen
die frühe Expansion der USA als neuer Herr der Globalisierung interpretiert
werden kann.[iii] Nach 1959 mussten die
revolutionären Eliten sehr zeitig die konstruierte Geschichte schwarzen
Widerstandes in der Art einer verborgenen Meistererzählung in den
Nationalmythos der Castro-Revolution übernehmen (1966). Die
Ex-Post-Interpretation der Lebensgeschichte Esteban Montejos durch einen weißen
Schriftsteller – deshalb »Erinnerungen aus der Zukunft« – diente in den
60er-Jahren des 20. Jahrhunderts der Integration der Afrokubaner in die neue,
die revolutionäre, Erzählung der Nationalgeschichte.[iv]
Sprache ist sehr präzise; man muss sie nur entziffern können. Montejo bezeichnet
sich selbst nur an sehr weniger Stellen als »Kubaner« (die wichtigste ist die
über die Schlacht von Mal Tiempo 1895). Das verweist auf die Bedeutung des
Militärischen für die Identität der Afrokubaner und ehemaligen Sklaven als
Mitglieder der kubanischen Nation. Hätten die elitären
Meistererzählungen Arangos oder José Antonio Sacos (nur »Weiße« sind »Kubaner«)
weiterhin Gültigkeit gehabt oder Martí und die nationalen Ideologen die
ehemaligen Sklaven nicht in die nationale Meistererzählung »hineingeschrieben«
und die Afrokubaner nicht ihren realen Beitrag zum Unabhängigkeitskampf
geliefert, hätte Montejo eventuell sein ganzes Leben wirklich als Cimarrón
verbringen müssen, oder er hätte sich anpassen müssen, oder er hätte eine
»schwarze Revolution« wie in Haiti organisieren müssen, oder, oder –aber das
sind schon wieder neue Geschichten.
Köln/Leipzig/Liblar/Havanna
2003-2004
https://www.academia.edu/3639983/Schwarze_Karibik_Sklaven_Sklavereikultur
_und_Emanzipation_Black_Caribbean._Slaves_Culture_of_Slavery_and_Emancipation_
[i] Price, Richard, Alabi's world, Baltimore: Johns Hopkins
University Press, 1990 (Johns Hopkins studies in Atlantic history and culture).
[ii] Siehe die Zusammenfassung der globalen
Zahlen, in: Emmer, Pieter, »In Search of a System: The Atlantic Economy,
1500–1800«, in: Atlantic history: history
of the Atlantic system 1580–1830; papers presented at an international
conference, held 28 August – 1 September, 1999, in Hamburg / organized by the
Department of History, University of Hamburg, in cooperation with
Joachim-Jungius-Gesellschaft der Wissenschaften Hamburg, Pietschmann (ed.), Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht,
2002 (Veröffentlichungen der Joachim Jungius-Gesellschaft für Wissenschaften,
Hamburg; 94), S. 169–178, hier S. 173.
[iii] Zeuske, »Rethinking Latin America’s
Cycle of 20th-Century Revolutions: Cuba 1959«, Vortrag auf der Konferenz:
Rethinking Latin America's Century of Revolutionary Violence, Yale University,
New Haven, May 15–17, 2003, Luce Hall (demnächst in: Jahrbuch für Geschichte Lateinamerikas).
[iv] Barnet, Miguel, Biografia de un cimarrón, La Habana: Instituto de Etnología y
Folklore, 1966.
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