28.03.2011

Ein Jahr her....

Einreichung für Sitemapping, Kategorie: Von der Idee zum Konzept, knowbotic research, März 2010


kotomisi 
(die einen Rock trägt)

Let anybody talk

Kurzbeschreibung:
Geplant ist ein künstlerisches Projekt, das sich mit einer historischen Frauenfigur und ihren Bezug zum heutigen aktuellen postkolonialen Diskurs auseinandersetzt. Ausgehend davon Sichtbar ist im Ausstellungsraum eine Art  Landschaft, ein Muster das sich über die ganze Projektionsfläche zieht.  Erst wenn eine Stimme hörbar wird, bemerkt man sich, dass sich eine Figur aus dem  Untergrund herausschält. Es ist eine stehende Frauenfigur in einer auffallenden voluminöser Tracht. Sie entpuppt sich als Moderatorin, als Sprecherin, als Talking Head für einen fiktiven Sender;  Zumeist schweigt sie jedoch. Auch lacht sie. Ähnlich wie die heutigen Moderatorinnen in den massenmedialen Bildmedien, nimmt sie unmittelbar Blickkontakt mit dem Publikum auf. Sie blinzelt, wenn sie schweigt, beugt sich scheinbar auch vor, um besser zu sehen.
Sprecherin, Collage aus einer Aufnahme um 1900 und einem aktuellen surinamesischen Stoffmuster

Die Sprecherin ist eine 3D-Modellierung einer surinamesischen ehemaligen Sklavin aus dem 19. Jahrhundert, ist aus vielen einzelnen Patterns zusammengesetzt und kann in  Echtzeit manipuliert werden kann. Sie reagiert auf die Anwesenheit eines Publikums. Sie spricht  teils verständliche teils unverständliche Texte. Das Textmaterial, das sich teilweise selbst generiert, entstammt aus Interviews mit kreolischen Frauen Surinames unterschiedlicher Herkunft, die sich über ihre heutigen Erfahrungen der Ausgrenzung, Unterdrückung, Diskriminierung sowie  aktuellen Formen von Sklaverei äussern.

Die Interviewmaterialien werden durch generative Algorithmen varriert, , re-kombiniert, werden in bestimmten Augenblicken von den „zu Grunde“ liegenden source-codes überschrieben, verdeckt, überlagert, oder verflilzen sich ineinander.
Die Frau vor dem Tableau.

Kontext
Man ist versucht diese Frauenfigur als historische Formation zu decodieren. Ist sie eine Afrikanerin? eine Javanesin? eine Karibin? Es wird sich nicht aufklären. Die Person bleibt ambivalent zwischen Historizität und Aktualität, durch das was sie augenscheinlich vorgibt zu sein und dem was sie spricht, generiert, oder durch die ihr zur Verfügung stehenden Algorithmen hervorbringt. Sie wird zur Protagonistin eines zeitbasierten Formats, der medialen Berichterstattung und nimmt sich hierbei den Meldungen über lokale Ereignisse und individuellen persönliche Sichtweisen an, die keine weltgeschichtliche Präsenz entwickeln können, wie zum Beispiel die tagtäglichen Medienberichte zwischen israelisch-palästinensischen Konflikten in der Westbank (siehe „huwara-anybody, looking“, kr 2010). 

Der  Titel des Projektes, Kotomisi (die einen Rock trägt [ = Sranan Tongo, die indigene Sprache Surinames] ) verweist auf die surinamesische Kulturalität, die bis heute den meisten unbekannt ist. Suriname hat eine ausgeprägte, durch Gewalt und brutale Unterdrückung dominierte Kolonialvergangenheit und besticht durch eine auffallend vielfältige und bis zum heutigen Tage nicht abgeschlossenen Kreolisierung. Suriname gilt als „Meltingpot“ unterschiedlichster ethnischer Gruppen (Maroons, Indianer, Kreolen, Niederländer, Javanesen, Chinesen, Hindustaner, Portugiesen, Juden u.a.) mit weitgehender Glaubensfreiheit.


Kotomisi
Die Kleidung, die die Sprecherin trägt, entwickelt ein sehr starkes Eigenleben, da sie einen grossen Teil der Aufmerksamkeit auf sich zieht.  Die  Eigentümlichkeit der Kleidung, die der weiblichen Person eine stattliche Repräsentanz erlaubt evoziert einen pittoresken Exotismus. Die Kleidungsstücke  vielfach gefaltet und eigentümlich steif bieten unterschiedliche  Anhaltspunkte und lassen keine eindeutige kulturelle Zuweisung zu. Sie wirken afrikanisch, sind dann doch irgendwie europäisch, nicht vielleicht auch javanesisch?  Das liegt unter anderem auch daran, dass der Kotomisi über ca 130 Jahre ein Land im Umbruch begleitet hat: er erlebte die „Hochzeit“ der Sklaverei, die ersten erfolgreichen Revolten, die Abschaffung, die Übergangszeit und das Aufkommen eines kreolischen und schwarzen Bürgertums mit an Europa orientierten sozialen und gesellschaftlichen Strukturen, wie z.B. die Männer und Frauenrollen.
Aufnahme des Tropenmuseums TM-nummer: 60012320; ca 1880 -1920

Die Gewänder, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts bekannt sind, sich in ihrer aktuellsten Version um 1930 manifestiert haben und heute noch zu festlichen Anlässen getragen werden, besitzen  viele, teilweise sich widersprechende, Entstehungsmythen. Einerseits wird überliefert, dass Ehefrauen der weissen Sklavenhalter die Kleidung durchgesetzt haben, um zu verhindern, dass bis dahin zumeist barbusige Sklavinnen  bewusst und unbewusst  die Sklavenherren verführen. Andererseits gilt die Tracht, die bis heute an festlichen Anlässen getragen wird, als selbstbewusste Manifestierung der schwarzen freien Bevölkerung nach der Abschaffung der Sklaverei. Die Voluminosität ermöglicht der Frau eine stattliche Erscheinung, die, laut Überlieferungen, aber auch dazu diente in Stoffhülsen, die unter dem Oberrock zu Wülsten gefaltet wurden, Habseligkeiten zu verbergen, die man benötigte, falls sich einem unerwarteter Weise eine  Gelegenheit zur Flucht in den Dschungel bieten sollte. Andererseits verwies die opulente Stoffmenge auf  die gleichzeitig herrschende europäische Frauenmode des Reifrocktragen im  19. Jahrhunderts. 

unterschiedliche Frauen als Kotomisi gekleidet, um 1900

Letzterer Hinweis bezog sich auf die Praktik der Sklavenhalter in der Hauptstadt ihre Sklavinnen opulent auszustaffieren um sich so ihrer Treue gewiss zu sein. Sicherlich war die Zahl und Ausstattung der Sklavinnen  auch als Statussymbol gedacht. Dazu muss aber auch gesagt werden, dass die Gewinne aus dem Dreieckshandel, deren Motor die Plantagen waren, die sowohl in  holländischen, schweizerischen, englischen wie auch deutschen Besitz waren, zum grossen Teil aber zurück in die europäischen Heimatgebiete flossen.*

Auffallend sind jedoch neben der Form auch die Dominanz der Stoffmuster, die industriell hergestellt (bis heute) aus den Niederlande, England, der Schweiz und Indien in die (ehemaligen) Kolonialgebiete geliefert wurden. Die grosszügigen Muster, die unterschiedlichst übereinandergelegt werden bringen die Figur fast zum Verschwinden.  Mimikryähnlich lassen sie fast keine konturenorientierte Figur-Grund Identifizierung zu. Eine ähnliche Faszination für solch ausgeprägte Muster findet man bis heute in Ghana und Nigeria, von wo die meisten surinamesischen Sklaven, ursprünglich dem Volk der Ashanti zugehörig, entführt wurden.

Bei dieser interpretativen Breite wird deutlich, dass die Kleidung eine Hybridisierung unterschiedlicher kultureller  Kontexte darstellt, und damit ein vielfältiges Ergebnis eines komplizierten Kreolisierungsprozesses darstellt, das bis heute nicht eindeutig aufgeklärt ist. Auch wenn sie für einen  eurozentrischen Blick einen Exotismus kommuniziert, steht  der Kotomisi eher für eine „ Ästhetik des Diversen“.
Pierre Jacques Benoit: Sklavenmarkt (links), Kirchgang (rechts), 1839
Die Tracht widersetzt sich offensichtlicher Entschlüsselungs- und Entzifferungspraktiken. Sie besitzt bis heute unzählige sich überlagernder und damit einer Vollständigkeit entziehender Hinweise hinsichtlich ihres Kommunikationspotentials. Die Ausstattung des Kotomisi kann auf einen Feier- oder Traueranlass erweisen. Ebenso vermittelte die Kleidung Informationen über ihren gesellschaftlichen Stand: Sklavin, Konkubine, freie Sklavin  oder gab auch Hinweise auf die  Glaubensrichtung der Trägerin. So konnte durch die verschiedene Faltungen des Rückenbandes vermittelt werden, ob die Besitzerin des Kotomisi noch  Jungfrau oder bereits verheiratet ist. Ein drapiertes Tuch über der linken oder rechten Schulter gibt den Hinweis darüber,  ob schon ein männliches Wesen ein Auge auf sie geworfen hat oder nicht.

Die  Muster können, bis heute Auskunft über den jeweiligen Festakt eines Feiertagskleides geben. Nicht nur die Tücher, hatten bestimmte Namen, die schon auf ihren möglichen Einsatz verweisen (Festtage. Zusätzlich kann die jeweilige Faltung der Kopfbedeckung  (Angisa)Unterschiedliches kommunizieren. Man spricht in der einschlägigen Literatur über die „Geheimsprache der Kopftücher“: Nach oben stehende Tuchenden vermitteln z.B. den Gemütszustand der Trägerin, zum Beispiel Wut oder der Mut zum Widerstand oder konnte auch als Beschimpfung gegen eine Widersacherin gelesen werden. Dementsprechend wurden auch die Wünsche nach Versöhnung über die Kopfbedeckung ausgedrückt.  Auch Hinweise auf Rederecht: „Let them Talk“ oder „Warte auf mich an der nächsten Ecke“ konnten durch Faltungen kommuniziert werden.

Was in der sehr schmalen Literatur zu Kotmisi-Kultur nicht nachvollziehbar ist, inwieweit die Mitteilungen auch der Kommunikation zwischen den Geschlechtern gedient hat, oder hauptsächlich dazu bestimmt war Informationen zwischen den Frauen auszutauschen. Unklar ist ebenfalls, woher die langanhaltende Motivation zu dieser Gesprächsform bestand, denn nur zu den Anfangszeiten der Sklaverei bestand Sprechverbot.

Links oben: „Warte auf mich an der nächsten Ecke“, gebunden als strek’ede, links unten: Oto-baka, die Bindeart entstand als die ersten Autos in Suriname auftauchten und immitierten die Frontkarosserie, rechts Frans-ede.

Muster und Falten
Der Raum, den die Faltungen der Kleidung  be- beziehungsweise um-schreibt, lässt sich schwer  nach den Kategorien außen und innen und vorne und hinten klassifizieren. Vielmehr verschmelzen diese Gegensätze zu Übergängen in einem kontinuierlichen Ganzen. Dieses Ganze wird potenziert durch die Schichtungen und den unendlichen Aufbau der Muster, wie sie z.B. für afrikanische-karibische Kleiderpatterns, aber auch für arabische Wandmuster typisch sind. Muster, die unsere westlichen Blick in eine Endlosigkeit verführen, die nicht die Unendlichkeit eines perspektivischen orientierten Weltbildes ist. Rhythmus und Wiederholung bestimmen hier eine stete Unruhe des Blicks, die eine Trennung zwischen Figur und Grund verunmöglichen.


Links: Kotomisiträgerin um 1900, heutige Muster
Suriname
Suriname ist eines der am wenigsten bekannten Länder in Lateinamerika. Bis heute hört man kaum etwas von diesem  ehemals Niederländisch-Guyana, das zwar seit 1975 von den Niederlanden unabängig ist,  und  bis heute unter dem massiven braindrain in die ehemaligen kolonialisierenden Gebiete leidet. Suriname ermöglicht überzeugend eine Thematisierung einer transnationalen schwarzen Kultur, die zum  Ausdruck von Gegenmodernität wird, indem Moment, wo sich eine unscheinbare Nation sich zu ihrem hybriden Erbe bekennt und eine Identität konstruieren will, die sich ein Stück abseits der überkommenen Ziele der Moderne (Fortschrittsprinzip, Wissenschafts- und Technikglaube etc) bewegt. So beginnt man die ethnische Vielfalt im Lande als soziale Chance zu begreifen und versucht Strategien kontrollierten Ökotourismus zu verfolgen.


Theoretische Kontext
Das Denken und Handeln mit einem vielfältig Diversen ist nach Paul Gilroy, eines der grundlegenden Substanzen des Konzeptes des  „Black Atlantic“ als  Antwort auf eine sesshafte eurozentrische Kulturgeschichte. Das Projekt Kotomisi will  untersuchen, wieweit das Repräsentationsmonopol künstlerischer, kultureller und wissenschaftlicher Eliten, das noch immer hauptsächlich  in den westlichen Metropolen gelagert ist, durch offene Rezeptionsansätze aufgeweicht werden kann. Und zwar dann, wenn man begreift, dass so etwas scheinbar eindeutiges wie eine afrikanische Diasporaerfahrung nicht nur die Geschichte der Kolonialisierten, sondern auch die der Kolonialisierenden (Deutschland, Schweiz, Niederlanden…) schreibt.  Aktuelle postkoloniale Ansätze bieten eine kritische Perspektive auf das „Weissein“ an, das im akademischen Diskurs der USA der 1990er Jahre mit dem Stichwort der „Critical Whiteness“ benannt wird.

Der distanzierende Exotismus, als geistige oftmals auch idealisierenden  Haltung gegenüber dem Anderen, der Fremdheit (Alterität), der sich trotzdem allzu schnell einstellt, ist bei einer lebhaften und neugierigen Wahrnehmung ein Zusammenstoss mit einer postmodernen globalen Erfahrung der Diversität in der eigenen Geschichte und Identität. So skizziert Edouard Glissant die antillianische „Identität“ in Anlehnung an Gilles Deleuze als rhizomatisch und dezentriert  und spricht von einer permanenten Kreolisierung: der „creolisation“ als unabgeschlossener, jederzeit dynamisierbarer Prozess und nicht als Status oder Ergebnis.
Schlussbemerkung:
Bei aller Faszination für die postkoloniale Vielschichtigkeit, die ein so scheinbar einfaches Objekt, wie ein Frauenkleid mit sich bringt, steht die Medialität dieser Frauenfigur im Vordergrund. Kann sie als Repräsentationsmodell fungieren in einer massenmedial dominierten Gesellschaft, deren Frauenbild zunehmend sexistisch, unpolitisch und konsumfetischierend gezeichnet wird? Trotz ihres historischen Bezuges sieht knowbotic research die Figur der kotomisitragenden Sprecherin für eine sprachbegabte Fiktion, die ihre eigene informationsästhetische Materialität, zeitbasierte Medialität und ambivalente Geschichtlichkeit thematisiert und weiterspinnt.

* ht http://www.cooperaxion.org/sklavenhandel.html




Zur Bewerbung:
Wir bewerben uns für die Antragskategorie „von der Idee zum Konzept“. Auch wenn wir momentan schon scheinbar recht klare Vorstellungen über das Projekt besitzen, können wir nur auf eine schmale Literatur und wenige persönliche Erfahrungen und Gespräche zurückgreifen.  Recherchereisen nach den Niederlanden und nach Suriname sollen sowohl dazu dienen den  unzählichen ausstehenden Unklarheiten bezüglich der Vergeschichtlichung des Kotomisi nachzugehen, aber gleichzeitig sowohl das visuelle, wie auch das auditive Material für das Projekt zu erstellen. Erfahrungsgemäss kann sich die jetzt sehr skizzenhaft artikulierte Projektform noch massgeblich ändern.

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